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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 09.10.2019

Ulrike Herrmann über die Leipziger Demonstrationen"Die Demonstranten wollten die DDR reformieren"

Ulrike Herrmann im Gespräch mit Anke Schaefer

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Zum Gedenkens an die Ereignisse in Leipzig am 9. Oktober 1989 haben zahlreiche Menschen auf dem Augustusplatz mit tausenden Kerzen eine grosse 89 erstellt. (imago )
In Leipzig gedenken die Menschen den Demonstrationen bereits jedes Jahr mit Kerzen. (imago )

Die gewaltfreien Demonstrationen am 9. Oktober in Leipzig gingen in die Geschichte ein. Als Gedenktag sollte er den 3. Oktober jedoch nicht ersetzen, sagt die Journalistin Ulrike Herrmann.

Am 9. Oktober 1989 gingen in Leipzig 70.000 Menschen gewaltfrei für Reformen in der DDR auf die Straße. Der Tag ging in die Geschichte ein, zum nationalen Gedenktag im wiedervereinigten Deutschland wurde er indes nicht.

Dabei hätte er durchaus das Potential dazu: Am Montag zuvor hatte es Verletzte gegeben und niemand wusste, was danach passieren würde. Würde die Polizei einschreiten? Vielleicht sogar die Armee? Im selben Jahr hatte das chinesische Militär die Protestbewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens brutal niedergeschlagen. Trotz dieser Ungewissheit brachten die Menschen den Mut auf, bei der Demonstration dabei zu sein – und so der friedlichen Revolution zum Erfolg zu verhelfen.

Beide Seiten haben sich verändert

Die Journalisten Ulrike Herrmann hält den 3. Oktober trotzdem für den besseren Feiertag zur Deutschen Einheit. "Die Wiedervereinigung war ein historisches Geschenk, ein unglaublicher Glücksfall. Aber nicht nur Ostdeutschland hat sich verändert, sondern auch Westdeutschland. Deswegen ist es gut, dass es einen gesamtdeutschen Feiertag gibt."

Der 9. Oktober hingegen sei einerseits ein rein ostdeutsches Ereignis gewesen. Doch selbst das müsse man differenziert betrachten, so Herrmann: "Man kann nicht sagen, dass ganz Ostdeutschland da auf der Straße war und die Ziele derer verteidigt hätte, die da protestiert haben. Ganz im Gegenteil: Das wurde später eine marginalisierte Gruppe."

Zwei Feiertage als Kompromiss

Deutlich werde dies in der Veränderung der Slogans, die auf der Straße gerufen wurden. Schrie man am 9. Oktober noch "Wir sind das Volk!", habe es etwas später bereits "Wir sind ein Volk!" geheißen. "Diejenigen, die 1989 auf der Straße waren, wollten die DDR reformieren, sie verändern – während die Mehrheit des Volkes die Wiedervereinigung wollte", sagt Herrmann.

Insofern müsse man sich fragen, wen man eigentlich wann ehre. Aber an welchem Tag sollten wir demnach der friedlichen Revolution gedenken? Laut Hermann wäre vielleicht ein Kompromiss die Lösung: "Mit zwei Feiertagen könnte ich mich anfreunden", so die Journalistin.

(rod)

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