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Lesart | Beitrag vom 28.09.2019

Ulrike Herrmann: "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen"Runter vom Sockel, Herr Erhard!

Von Ursula Weidenfeld

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Das Buchcover des Sachbuchs "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen" vor einem grafischen Hintergrund (Westend Verlag)
Hier schreibe "eine Missionarin", kritisiert Ursula Weidenfeld das neue Buch von Ulrike Herrmann. (Westend Verlag)

Von wegen deutsches Wirtschaftswunder: Ludwig Erhard war kein guter Wirtschaftsminister und die soziale Marktwirtschaft nie sozial. Die Journalistin Ulrike Herrmann mistet die westdeutsche Erfolgsgeschichte gründlich aus. Zu gründlich?

Wer sich traut, eine altbekannte Geschichte gründlich gegen den Strich zu bürsten, hat schon mal einen Punkt: Alles, was bisher sicher erschien, wird infrage gestellt, Mythen werden zerschmettert, Denkmäler vom Sockel gestürzt. Das ist aufregend, und es ist anregend. In dieser Hinsicht liefert Ulrike Herrmann ein interessantes Buch. Sie dekonstruiert die Wirtschaftsgeschichte Westdeutschlands seit dem zweiten Weltkrieg und räumt die vermeintlichen Erfolgs-Mythen entschlossen aus dem Weg.

Hinweis der Redaktion: Ursula Weidenfeld ist Mitglied der Ludwig Erhard-Stiftung. 2007 wurde sie mit dem Ludwig Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet. Sie hat Ludwig Erhard nie für einen brillanten Wirtschaftswissenschaftler, aber immer für einen sehr guten und mutigen Wirtschaftspolitiker gehalten.

Ludwig Erhard, ein glänzender Wirtschaftsminister? Mitnichten. Für Herrmann war der Mann ein schlunziger Dummkopf. Ein Lügner zudem, einer, der sich eine Nähe zu den Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 angemaßt hat, die es nicht gegeben habe. Die soziale Marktwirtschaft eine großartige Erfindung? Ach was. Andere Länder hatten auch schöne Wachstumsraten, ohne sich anheischig zu machen, eine neue Art der Wirtschaftspolitik erfunden zu haben. Die Bundesbank als Hort von Sachverstand? Auch da kann Herrmann nur den Kopf schütteln. Für sie sind die Bundesbanker ein Haufen verbohrter Angsthasen gewesen.

Abschied von wirtschaftspolitischen Illusionen

Das ist kein Grund zu trauern, ruft Herrmann ihren Lesern zu, werft den alten Kram endlich über Bord, verabschiedet euch von euren Illusionen und macht vernünftige Wirtschafts- und Währungspolitik.

So weit, so aufregend. Doch gegen wen positioniert sich die Autorin eigentlich? Gegen den Wirtschaftsminister und späteren unglücklichen Bundeskanzler Ludwig Erhard, der im Jahr 1966 aus der Politik ausgeschieden ist? Nein. Indem sie gegen Erhard zu Felde zieht, meint sie die Art und Weise, in der seit 70 Jahren in Westdeutschland Wirtschaftspolitik gemacht wird. Sie meint Wachstum.

Erst ganz am Ende des Buchs enthüllt sie ihr Motiv, warum alles, was bisher war, verworfen werden muss: Ökologie und Wirtschaftswachstum seien nicht vereinbar, meint Herrmann. Um den Klimawandel zu bremsen und die Zukunft der Welt zu sichern, müsse die Wachstumsdoktrin fallen. Hier schreibt eine Missionarin.

Verbale Kämpfe, die längst geschlagen sind

Dafür stürzt sie sich in Kämpfe, die längst geschlagen sind. Niemand, selbst die glühendsten Verehrer des früheren bundesdeutschen Wirtschaftsministers nicht, würde behaupten, dass Ludwig Erhard ein glänzender Wirtschaftswissenschaftler war. Daraus aber zu konstruieren, dass er ein schlechter Wirtschaftsminister gewesen sei, ist, mit Verlaub, falsch.

Denn die soziale Marktwirtschaft war und ist die Wirtschaftsordnung, die in Westdeutschland für eine konsensfähige und erfolgreiche Form des Kapitalismus gesorgt hat. CDU und SPD waren in ihren Anfangsjahren weiß Gott keine marktwirtschaftlichen Parteien – sie wurden es mit der sozialen Marktwirtschaft. Dass sich Millionen von Vertriebenen, von Kriegsversehrten – und, ja, auch von ehemals überzeugten Nationalsozialisten – im neuen Staat integrieren konnten, geht wesentlich auf den wirtschaftlichen Erfolg der jungen Republik zurück.

Schluss mit Wachstum und Wohlstand?

Es stimmt, der Wohlstand nahm auch woanders zu. Aber in Westdeutschland geschah dies schneller. Zwischen 1949 und 1966 wuchs die Wirtschaft mit durchschnittlich fast sieben Prozent jährlich. Obwohl die Deutschen im 20. Jahrhundert nach den verlorenen Weltkriegen zweimal um große Teile ihres Vermögens enteignet wurden – nichts anderes waren die Währungsreformen von 1923/24 und 1948 – holten sie auf. Dass auch woanders erfolgreich gewirtschaftet wurde, schmälert den Erfolg der deutschen Nachkriegswirtschaftsgeschichte und ihres ersten Wirtschaftsministers nicht.

Es sei denn, man findet wie Ulrike Herrmann, mit der Geschichte von Wachstum und Wohlstand müsse es ein Ende haben. Dann waren die vergangenen 70 Jahre wahrlich keine Erfolgsgeschichte.

Ulrike Herrmann: "Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen: Warum es kein Wunder ist, dass wir reich geworden sind"
Westend Verlag, Frankfurt 2019
320 Seiten, 24 Euro

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