Hörspielmagazin, vom 01.10.2019, 20:30 Uhr

Ulrike Haages Hörspieladaption von Sophie Calles „True Stories"The Making of True Stories

Im Hörspiel „True Stories“ der französischen Künstlerin Sophie Calle geht es um Geschichten, deren Wahrheitsgehalt nicht immer genau zu bestimmen ist. Die Komponistin Ulrike Haage hat Jochen Meißner erzählt, wie sie aus Sophie Calles wahren Geschichten ein Hörspiel gemacht hat und was diese Geschichten mit ihr zu tun haben.

Die Foto-Künstlerin Sophie Calle steht am 28.6.2002 in ihrer Fotoaustellung im Sprengel Museum in Hannover.  (picture-alliance / dpa / Rainer Jensen)
Die Künstlerin Sophie Calle in einer ihrer Austellungen (picture-alliance / dpa / Rainer Jensen)

 
Die Komponistin, Musikerin und Hörspielautorin Ulrike Haage hat sich schon oft mit den Werken bildender Künstlerinnen auseinandergesetzt. Der deutsch-amerikanischen Künstlerin Eva Hesse hat sie im Stück "alles, aber anders" 12 akustische Miniaturen gewidmet und nach Aufzeichnungen der französischen Bildhauerin Louise Bourgeois hat sie das Hörspiel "ding fest machen" komponiert. Ebenso wie Werke der bildenden Kunst erfordern auch Werke der französischen Konzeptkünstlerin Sophie Calle, 1953 in Paris geboren, eine besondere Bearbeitung für das akustische Medium. Sophie Calle schreibt nicht nur Texte, fotografiert und macht Installationen und Performances, sie setzt sich in ihrer Konzeptkunst immer wieder Situationen aus, die direkt in ihr Leben eingreifen. So hat sie sich von einem Detektiv beschatten lassen und sich selbst wie die Kunstfigur verhalten, die der amerikanische Schriftsteller Paul  Auster nach ihrem Vorbild gestaltet hat. Kunst und Kunstfigur gehen in Sophie Calles oft autorfiktionalen Werken ineinander über. Das 46-minütige Hörspiel "True Stories" ist nach dem gleichnamigen Fotobuch von Sophie Calle entstanden, das erstmals 2004 erschienen ist und 36 literarische Miniaturen enthält.

Ausschnitt Calle/Haage: True Stories
B: "Das Ereignis ist unserem Denken und unseren Ansichten so weit voraus, dass wir es niemals einholen und seine wahre Erscheinung erkennen können. Zum Wohl."

Ulrike Haage: "Ich hab mich mit großem Spaß auf die "True Stories" gestürzt, weil ich diese Geschichten schon einmal in einer Ausstellung hier gesehen habe. Es gab 2004 hier im Gropiusbau die Ausstellung "M’as tu vu?", also "Hast Du mich gesehen" und da hingen dreißig true stories an der Wand und waren mit Bildern versehen. Und das hat mich ein bisschen an Chris Marker erinnert, der ja auch gerne Sprache mit Bilder verschnitten hat, die nicht zusammengehören und bei den Bildern kam mir das auch manchmal so vor, als wenn das ganz andere Objekte waren und das löste bei mir einen dritten Gedankengang immer aus. Und ich fragte mich damals schon, also 2004, ob diese Geschichten sich vielleicht auch für eine Hörspielbearbeitung eignen. Und hab auch gleichzeitig angefangen, an einem Manuskript zu arbeiten, hab’ mir dafür die Neuauflagen der "True Stories" geholt, im Actes Sud jetzt 2016 erschienen, allerdings nur auf Französisch und Englisch. Auf Deutsch sind die "True Stories", also die "Wahren Geschichten", leider 2002 hängen geblieben, das wurde nie weiter übersetzt im Deutschen, deswegen habe ich mich aus sofort entschieden, dieses Hörspiel in drei Sprachen zu verfassen. Und was mich wirklich sehr interessiert hat, ist, wie diese Geschichten, wenn sie gesprochen also in Schauspielkunst umgewandelt werden, wie diese Geschichten dann wirken und sich verändern."

Ausschnitt Calle/Haage: True Stories
F: « Au fil des réeditions, cette dédicace, qui n'avait plus de réalité, est restée en place. Je dédie, neuf années plus tard, ce livre à Bob Calle, définitivement l'homme providentiel de ma vie. « 
D: "Through new editions, this dedication, which is no longer the reality, stayed in place. I dedicate this book, nine years later, to Bob Calle, definitively the providential man of my life."

Ulrike Haage: "Aufgrund meiner Beschäftigung mit Sophie Calle bin ich eigentlich ziemlich schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass ich auf keinen Fall ihre Originalstimme in diesem Hörspiel haben will. Ich hab mir ganz viele Interviews angehört. Ich will gar nicht diese Klischee-Antworten kriegen, ich will auch selber nicht in irgendeine Position kommen, vielleicht sie etwas zu fragen, wo ich dem auf den Leim gehe, dem schon viele andere Leute auf den Leim gegangen sind, nämlich zu denken, dass man etwas herausbekommen könnte oder etwas wissen könnte, danach. Das hat mich eigentlich gar nicht interessiert.
Deswegen habe ich drei Schauspieler genommen, einen männlichen, eine junge deutsche weibliche und eine Französin und die auch ungefähr im Alter, bisschen jünger als Sophie Calle, damit Verwirrungen entstehen – auch im akustischen Bereich.
Es hat mich interessiert, wie diese Geschichten sich verwandeln, wenn man sie sprechen lässt, entsprechend besetzt, und vielleicht sogar etwas aussagen, was eigentlich dann gar nichts mehr mit Sophie Calle an sich zu tun hat, sondern was mit meinen Schauspielern vielmehr zu tun hat. Weil ich hab sie auch improvisieren lassen über die Texte."

Ausschnitt Calle/Haage: True Stories
"Ich war vierzehn Jahre alt, und meine Großeltern wünschten, gewisse Unvollkommenheiten an mir zu korrigieren."

Ulrike Haage: "Es gibt zum Beispiel diesen Text über die Korrektur der Nase. Da fiel Birte Schnöink beim Einsprechen plötzlich ein, dass sie früher von einem Orthopäden und ihren Eltern gebeten worden war, ob sie sich nicht die Beine richten lassen will. Diese Geschichte ist gar nicht von Sophie Calle, die ist von Birte Schnöink, aber ich hab sie so gelassen, als wär sie auch aus den "True Stories" von Sophie Calle, aber es kam ganz spontan bei den Aufnahmen."

Ausschnitt Calle/Haage: True Stories
"Ich war sechzehn als mir ein Orthopäde vorschlug, meine beiden Beine unterhalb der Knie aufzuschneiden und eventuell meine Beine zu brechen, um meine O-Beine zu korrigieren. Ich zögerte und sagte nein, danke. Heute nicht. Und morgen auch nicht."

Ulrike Haage: "Mit Damian Rebgetz, den ich ja als männlichen Counterpoint zu Calle besetzt habe und der die englischen Texte liest, manchmal auch in Deutsch, aber meistens in Englisch, gab es ganz viele Assoziationen, die ihm einfielen, weil er bei den Passagen über den Tod von Sophie Calles Vater an seinen eigenen Vater denken musste und wir hatte ganz lange Passagen wo er ganz viel darüber improvisiert hat, was ich dann manchmal als sehr leise Stimme im Hintergrund mitlaufen lassen habe. So ein bisschen wie eine ‚subtle message‘, die da im Hintergrund mitläuft und das war auch die Voraussetzung für mich beim Arbeiten im Studio, dass alle drei Künstler, Schauspieler, Performer, die haben ja alle drei diese Qualitäten, sich zu den Texten auch eigene Texte überlegen. Es gab eine Geschichte von Françoise Cactus, die haben wir leider nicht mit rein nehmen können aus simplen Zeitgründen, die hatte sie geschrieben als Assoziation zu einer Geschichte von Sophie Calle und die ging in eine völlig andere, neue Richtung. Daraus müsste man eigentlich ein kleines Kurzhörspiel machen."

Ausschnitt Calle/Haage: True Stories
Kinder-Klavier-Trenner

Ulrike Haage: "Parallel wollte ich eigentlich auch viele Leerstellen, die offen sind für Improvisationen, schaffen. Ich wollte auf jeden Fall nicht so aufnehmen, dass man mit einer perfekten Technik in einem Studio sitzt. Ich habe die Aufnahmen in meine Wohnung verlegt, ich hab ja unten ein Studio auch zum Aufnehmen. Dann habe ich entdeckt, dass unsere Kleiderkammer hier ein phantastischer schalltoter Raum ist. Natürlich nicht unbedingt für jeden geeignet. Also Françoise Cactus meinte gleich, sie hätte ein klein bisschen Platzangst da drinnen, hat sich dann aber ausgebreitet in unserer Kleiderkammer und dann am Ende doch sehr wohl gefühlt. Und hier auf der Dachterrasse, weil hier viele kleine Steinchen liegen, also ein bisschen wie in einem japanischen Zen-Garten, da haben wir auch den Strand von Deauville erfunden. Also da habe ich die Françoise über die Steine laufen lassen und das hört sich dann an, als würde man über Steine an einem Strand lang laufen. Nicht authentisch natürlich, aber das war auch gar nicht meine Absicht. Die Küche habe ich umgewandelt in einen Improvisationsraum."

Ausschnitt Calle/Haage: True Stories
F: "Hi, ist Sophie noch hier? Sophie ist noch nicht da?"
D: "Ähm, nein."
B: "Nein."
F: "Ich habe eine Verabredung mit ihr."
D: "Ja, we do, too."
B: "Ja."
F: "Ach so. Ah ok. I didn’t know that she invited other people, ok. Enchanté."
D: "Nice to meet you!"
F: "Nice to meet you!"
B: "Willkommen an unserem Tisch!"
F: "Ok, sooo …"

Ulrike Haage: "In dieser Küche mit dem stummen Ober hab ich eigentlich fast keine Regieanweisung gegeben, ich hab nur gesagt: Jeder von euch guckt sich diesen, jenen und den dritten Text an; ihr wisst das voneinander nicht, aber ihr trefft euch jetzt in dieser Küche und das kann alles Mögliche sein. Das kann ein wildfremdes Restaurant sein, das kann, wow, eine Einladung von Sophie Calle zu sich nach Hause sein, das kann auch etwas mit Voyeurismus zu tun haben. Ich hab einfach ein paar Stichworte gegeben, die immer wieder auch mit Sophie Calle in der Kunstszene fallen, sozusagen."

Ausschnitt Calle/Haage: True Stories
"Qu’est qu’on fait?"

Ulrike Haage: "Die Arbeit an dem Hörspiel "True Stories" hat auch für mich persönlich eine ganz interessante und doch sehr tiefgreifende Wendung genommen, weil genau in der Zeit, in der wir das zu Ende produziert haben, haben meine Schwester und ich unseren Vater in den Tod begleitet, also bis zum letzten Moment und der war genauso wie Sophie Calles Vater sehr aufmerksam, sehr klar da, und es fing uns auch an zu interessieren, ganz natürlich, was sind die letzten Worte?  Und ich kann auch total nachvollziehen, dass Sophie Calle gesagt hat: Ist das jetzt das letzte Wort oder lieber doch nicht, ich möchte, dass er morgen noch lebt."

Ausschnitt Calle/Haage: True Stories
D: "Each night after leaving the hospital room, I would write down what might be my father's last word. There was:"
F: "elsewhere, homosexual, money."
B: "Er flüstert:"
D: "I can't go on."

 Ulrike Haage: "Und insofern wurde die letzte Arbeitsphase an dem Hörspiel doch für mich eine sehr, sehr, sehr persönliche und intensive und ziemlich ergreifende und auch durch die Arbeit mit den Schauspielern, weil Damien quasi dasselbe mit seinem Vater ja auch erlebt hat. Das wurde dann zu unserer Realität irgendwo auch. Und dann habe ich auch gesagt: Mensch die "True Stories" sind einfach auch true stories, sie sind auch wahr."

Ulrike Haage über ihr Hörspiel "True Stories" nach den Texten von Sophie Calle. Das Stück läuft am Dienstag, dem 15. Oktober, um 20.10 Uhr hier im Deutschlandfunk.

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