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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.05.2017

Ulrike Edschmid über ihr Buch "Ein Mann, der fällt""Ich war so beeindruckt von der Kraft"

Ulrike Edschmid im Gespräch mit Carsten Hueck

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Ein Mann steht in Berlin an einem Fenster in einer Wohnung auf einer Leiter. (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
Ein Mann steht in Berlin an einem Fenster in einer Wohnung auf einer Leiter. (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)

Ulrike Edschmid erzählt in ihrem autobiografischen Roman "Ein Mann, der fällt" von einem folgenschweren Unfall: Ihr Mann stürzt von der Leiter, Diagnose: Querschnittslähmung. Wie er sich zurück ins Leben kämpft und wie sich als Angehörige darüber schreiben lässt, das erzählt Edschmid im Gespräch.

Carsten Hueck: Jeder, der mal eine Wohnung mit hohen Decken gestrichen hat, der kennt die Situation auf der Leiter. Ganz schön wackelig, mit dem Pinsel oder Spatel – ein bisschen klamm fühlt man sich so weit oben – Altbauwohnung, 3,50, vier Meter hohe Decken. Hauptsache, die Leiter steht sicher. So ähnlich mag der Mann gedacht haben, mit dem die Schriftstellerin Ulrike Edschmid anno 1986 eine gemeinsame Wohnung beziehen und erstmal renovieren wollte. Dann kippte die Leiter – ein schrecklicher Sturz. "Sie werden nie wieder laufen können", das war die dürre ärztliche Diagnose. 30 Jahre später erzählt Ulrike Edschmid nun von diesem "Mann, der fällt", so der Titel ihres Romans. Guten Tag, Frau Edschmid!

Ulrike Edschmid: Guten Tag!

Hueck: Wie geht es Ihrem Mann, Frau Edschmid?

Edschmid: Den Umständen entsprechend gut.

Hueck: Das heißt, er läuft?

Edschmid: Er läuft an zwei Stöcken und natürlich nicht sehr weit. Aber er geht seinem Beruf immer noch nach, und er schafft es einfach.

Hueck: Wir sind echt nicht die sentimentalsten Brüder und Schwestern hier in der "Lesart" und fragen in der Regel nicht nach privaten Gefühlen, Frau Edschmid. Bei diesem Buch aber sagt jeder, dem man nur davon erzählt, wie muss das sein, wie muss sich das anfühlen, über etwas zu schreiben, das einen seit 30 Jahren auch Tag für Tag begleitet.

Edschmid: Wie fühlt sich das an? Man muss einen großen Abstand nehmen, wenn man über einen Menschen schreibt, der neben einem lebt, mit dem man zusammenlebt. Es ist nicht so, dass das mich alles noch mal überrollt hat. Ich war, als ich anfing zu schreiben, einfach sehr neugierig auf meine eigene Arbeit, also wie mache ich das, wie schaffe ich das, meine Betroffenheit rauszuhalten und hinzuschauen. Und ich muss sagen, ich war teilweise auch wieder ergriffen von dem, was ich gesehen habe, wie ein Mensch Schritte macht, wie er vorangeht. Nicht mehr so wie früher. Aber ich war so beeindruckt von der Kraft.

Beschreibung eines ungeheuren Kraftakts

Hueck: Ihr Buch ist nämlich auch wirklich eine Beschreibung eines Kampfes, eines ungeheuren Kraftakts. Der Mann will nicht gelähmt sein, er will nicht im Rollstuhl sitzen. Er schleppt sich an Krücken voran, und er schafft das. Aber es tut wirklich schon beim Lesen weh. Wie haben Sie das damals eigentlich erlebt, also diesen Willen, zu sagen, nein, ich bin nicht gelähmt, oder ich bin gelähmt, aber ich hocke mich nicht in den verdammten Rollstuhl?

Edschmid: Ich stand damals ja unter einem wahnsinnigen Druck, diese Wohnung fertig zu bekommen. Und ich glaube, das hat mich ein bisschen geschützt, weil da lag so viel Hoffnung drin, in dieser Wohnung. Es zu schaffen, das hinzukriegen, dass das alles klappt. Dadurch habe ich – ich war wie in einem Kokon. Ich bin durch die Tage gerast. Ich war in einem ungeheuren Tempo. Ich frage mich heute, wie ich das damals geschafft habe.

Hueck: Sie waren ja beide nicht mehr jung.

Edschmid: Wir waren beide Mitte 40. Aber das war auch in gewisser Weise ein Schutz. Und ich muss sagen, ich habe so eine Freude dann erlebt, die ersten Schritte zu sehen. So ein Erstaunen, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass das vielleicht gar nicht passiert wäre, also dass er keine Schritte mehr hätte machen können. Und man ist in einem Kokon drin, man ist irgendwie angetrieben von etwas – man will es schaffen. Und das hat mich genauso vorangetrieben. Natürlich war das eine wahnsinnige Erschütterung.

Hueck: Im Roman hat der Mann der Erzählerin keinen Namen. Die Erzählerin spricht immer nur von "ihm". War das ein Mittel auch, um diese Distanz zu schaffen, von der Sie vorhin sprachen, also diesen Abstand, den man zum Erzählen braucht?

Edschmid: Ich habe generell Probleme mit Namen in Büchern. Und man müsste dann immer einen anderen Namen erfinden, und dann überlegt man, welcher Name würde denn passen, und das kommt mir so komisch vor. Und ich fand das "er" eigentlich viel besser, weil es auch für etwas steht. Es ist der Mann, der fällt, und der Mann, der geht. Es ist mehr als eine individuelle Person.

Hueck: Es gibt im Buch einen Reflex auf einen anderen Schicksalsschlag der Erzählerin. Sie hat nämlich einst einen Partner auf andere Weise verloren, der als RAF-Terrorist erschossen wurde. Auch diese Tragik ist authentisch. Sie haben das wiederum selbst erlebt, Frau Edschmid, und vor einigen Jahren auch darüber einen Roman geschrieben. Ich meine, jeder Autor, jede Autorin springt einem ins Gesicht, wenn man nur das Wort "autobiografisch" in den Mund nimmt. "Nein, nein", die Erzählerin, "das bin ich nicht, war ganz anders." Bei Ihnen scheint das irgendwie sonnenklar zu sein. Sie erzählen von Ihrem Leben.

"Das sind ja eigentlich Nahaufnahmen"

Edschmid: Ich springe auch niemandem ins Gesicht. Ich erzähle von meinem Leben und versuche aber, das so zu reduzieren und so distanziert zu schreiben, dass es auch darüber hinaus geht.

Hueck: Das ist die interessante Wirkung, die man beim Lesen hat, es wirkt nämlich überhaupt nicht autobiografisch. Ich habe mich wirklich gefragt, wie machen Sie das, diesen Stoff so zu objektivieren. Sie sagten schon, Reduktion.

Edschmid: Wahrscheinlich ist auch die Form, in der ich schreibe, also in diesen kleinen Kapiteln, wo man nicht gezwungen ist jetzt, also immer weiter in der Kontinuität zu bleiben. Man kann Sprünge machen. Und das ist schon mal der erste Verfremdungsschritt, also das rein Formale im Schreiben. Und das sind ja eigentlich Nahaufnahmen. Das ist eine Folge von Nahaufnahmen bestimmter Situationen. Und da kriegen Sie den Abstand sehr viel besser hin.

Hueck: Ihr Roman spielt über viele Jahre, von 1986 an bis in die 2000er-Jahre, immer in der gleichen, eben in jener Wohnung, wo sich das Unglück zugetragen hat. Und so entsteht auch eine Art Kiez-Roman. Also Berlin-Charlottenburg, Kant-Straße, wie sich das in 25 Jahren ändert. Ging es Ihnen auch darum, das mit rein zu nehmen, diese Entwicklung zu porträtieren?

Edschmid: Es war sogar umgekehrt. Zu allererst wollte ich eigentlich einen Roman über das Haus schreiben. Aber das war schon vor 20 Jahren – ich hatte Georges Perec gelesen, "Das Leben. Eine Gebrauchsanweisung". Und das fand ich sehr faszinierend, wie er die verschiedenen Wohnungen beschreibt und das Ganze irgendwie zusammenfügt mit dem Puzzle, das dann am Ende sich in nichts auflöst. Aber auf einmal dachte ich, das wird anekdotisch, wenn ich nicht ein Bindeglied habe, etwas Verbindendes.

Und dann hat mich, mein Mann und ich, wir haben vor ungefähr zwölf Jahren Tonbandgespräche gemacht. Und da sind wir noch mal in diese Zeit zurückgegangen. Das war so eine Situation, wo wir dachten, irgendwas muss sich ändern. Er hat beruflich was verändert, und wir haben auch gedacht, als diese Schmerztherapien – wir müssen einen neuen Weg finden, also noch mal neu das Ganze durchdenken, wie wir weitermachen. Und dann haben wir ziemlich lange miteinander geredet, zweimal in Ferien jeweils 14 Tage lang. Und da war eine Menge Stoff zusammengekommen. Und eigentlich habe ich damals gedacht, das ist für ihn. Aber er hat es abgeschrieben, und dann hat er gesagt, das ist für dich. Und dann wusste ich auch, das muss zusammenkommen. Das grundiert die Ereignisse im und um das Haus herum.

Ulrike Edschmid zu Besuch bei Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)Ulrike Edschmid zu Besuch bei Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio / Manuel Czauderna)

Hueck: Und so ist es auch ein Berlin-Roman geworden, wenn man so will. Gibt es eigentlich immer noch das spanische Restaurant im Erdgeschoss. Da habe ich ja aufgeheult. Ich habe fünf Jahre mal in einer Wohnung gewohnt, wo ein türkisches Restaurant war. Aber Sie sind beinhart dabei geblieben.

Edschmid: Wir sind tapfer. Wir empfinden das natürlich auch. Das Leben kommt zu uns. Wir können nicht mehr so – wir sind nicht mehr so flexibel wie früher. Wir sind eingeschränkt ein bisschen in unseren Bewegungen. Man muss sich überlegen, wo man hinfährt, kriegt man einen Parkplatz und so weiter. Und das Leben hat sich entschieden, an unser Haus zu kommen und rundherum. Wir erleben sehr viel Weltgeschichte vor der Haustür.

Hueck: Vielen Dank, Ulrike Edschmid, für Ihren Besuch!

Edschmid: Danke schön!

Hueck: Alles Gute für Sie, Ihren Mann natürlich, und Ihr Buch: "Ein Mann, der fällt", jetzt erschienen im Suhrkamp-Verlag, mit 190 Seiten zum Preis von 20 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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