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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.01.2015

Ulrich Becks "Risikogesellschaft"Kassandra und die Katastrophe

Von Matthias Eckoldt

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Das Denkmal für die Helden und Feuerwehrleute von Tschernobyl in der Ukraine. (picture alliance / dpa)
Sie sind Helden, konnten das große Unglück aber kaum begrenzen: Die Feuerwehrleute von Tschernobyl. (picture alliance / dpa)

Als habe er die Katastrophe vorhergesehen: Zum Reaktorunglück in Tschernobyl veröffentlichte der Soziologe Ulrich Beck sein Buch "Risikogesellschaft", das zum Bestseller wurde. Anlässlich seines Todes wiederholen wir eine Sendung, die 2011 zum 25-jährigen Jubiläum seiner Studie entstand.

Am 26. April 1986 explodierte in Tschernobyl der Reaktor Nr. 4 - kurz darauf veröffentlichte Ulrich Beck seine Studie "Risikogesellschaft". Sofort avancierte das Buch zum Kommentar zur Katastrophe und wurde einer der wenigen Bestseller der Soziologie.

Beck sah die Moderne im Zeichen technologisch produzierter Risiken in eine neue Phase eintreten, in der es nun weniger um die Verteilung der produzierten Reichtümer, sondern mehr um die Verteilung der produzierten Risiken ging. Die völlig neue gesellschaftliche Konstellation zeichnete er in dem Apercu nach: "Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch." 

Mit dem Übergang von der Industrie- zur Risikogesellschaft prognostizierte Beck auch einen umfassenden sozialen Wandel. Zeitverträge, Leiharbeit, Kampf der Geschlechter und Singelisierung waren Stichworte in Becks Diagnose, die mittlerweile Lebenswirklichkeit geworden sind.

Der Soziologe Ulrich Beck auf einer Veranstaltung im Juni 2013. (imago/Metodi Popow)Der Soziologe Ulrich Beck (imago/Metodi Popow)

Auszug aus der Sendung:

Ulrich Beck saß in den Tagen des Reaktorunfalls in Tschernobyl über den Druckfahnen seines Buches, das im Suhrkamp Verlag erscheinen sollte. Der Titel stand bereits fest: "Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne".

(...)

Der Unfall von Tschernobyl prägte Becks soziologischem Unternehmen, die Gegenwart als Risikogesellschaft zu beschreiben, den Gültigkeitsstempel der Wirklichkeit auf. Und die Auflage seines Buches schoss in die Höhe. Unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe schrieb Ulrich Beck im Geleitwort:

"Aus gegebenem Anlass:
Die Kehrseite der vergesellschafteten Natur ist die Vergesellschaftung der Naturzerstörungen, ihre Verwandlung in soziale, ökonomische und politische Systembedrohungen. Alltägliche Lebensregeln werden auf den Kopf gestellt. Märkte brechen zusammen. Es herrscht Mangel im Überfluss. Das ist das Ende der klassischen Industriegesellschaft mit ihren Vorstellungen von nationalstaatlicher Souveränität, Fortschrittsautomatiken, Klassen, Leistungsprinzip, wissenschaftlicher Erkenntnis. Vieles, das im Schreiben noch argumentativ erkämpft wurde, liest sich nach Tschernobyl wie eine platte Beschreibung der Gegenwart. Ach, wäre es die Beschwörung einer Zukunft geworden, die es zu verhindern gilt."

Intellektueller Star

Dirk Baecker, Professor für Kulturtheorie und -analyse an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, sagt:

"Der Erfolg hat vor allen Dingen damit etwas zu tun, dass es keine Alternative zu diesem Buch gab. Das heißt, es gab kein Buch, das man einer allgemeineren, intellektuell interessierten Leserschaft empfehlen konnte, um sich schnell und mit hinreichender Solidität und mit hinreichendem intellektuellen Reiz über die zentralen Fragen der Gesellschaft dieser Zeit zu orientieren. Es gab in Deutschland ein klares Vakuum, das daraus entstand, dass den Texten von Adorno und Horkheimer und anderen eigentlich in den achtziger Jahren nichts mehr gefolgt war und man nicht wusste, wer denn jetzt so etwas wie ein intellektueller Star sein könnte. Und diese Lücke - ich weiß nicht, ob Ulrich Beck sie erkannt hat - aber er hat sie auf jeden Fall gefüllt."

Epochenbruch

Ulrich Beck markiert mit dem Begriff "Risikogesellschaft" einen Epochenbruch. Demnach haben zwar die rasant wachsenden Produktivkräfte die materielle Not weitgehend abgeschafft, zumindest in der sogenannten Ersten Welt. Doch zugleich setzt derselbe Prozess Risiken und Selbstbedrohungspotenziale in nie dagewesenem Ausmaß frei.

Der entfesselte technisch-ökonomische Fortschritt hat eine Stufe erreicht, auf der er sich selbst aufzuheben droht. Die Logik der Reichtumsproduktion wird zunehmend überlagert von der Logik der Risikoproduktion.

Zitat aus dem Buch: "Risiken, wie sie in der fortgeschrittensten Stufe der Produktivkraftentwicklung erzeugt werden - damit meine ich in erster Linie die sich dem unmittelbaren menschlichen Wahrnehmungsvermögen vollständig entziehende Radioaktivität, aber auch Schad- und Giftstoffe in Luft, Wasser, Nahrungsmitteln und damit einhergehende Kurz- und Langzeitfolgen bei Pflanze, Tier und Mensch - unterscheiden sich wesentlich von Reichtümern. Sie setzen systemisch bedingt, oft irreversible Schädigungen frei, basieren auf kausalen Interpretationen, stellen sich also erst und nur im Wissen um sie her, können im Wissen verändert, verkleinert, vergrößert, dramatisiert oder verharmlost werden und sind insofern im besonderen Maße offen für soziale Definitionsprozesse."

Raus aus dem Elfenbeinturm

Ulrich Beck: "Der Versuch war, die Soziologie - selbst an der Spitze ihrer Reflexion - nicht im Elfenbeinturm zu belassen, sondern die Risikogesellschaft stellt auch ein Experiment einer Soziologie dar, die den Spagat zwischen der akademischen und der öffentlichen Debatte versucht."

Ulrich Beck versteht es, mit essayistischer Schärfe zu formulieren und findet eingängige Slogans, um seine Gedankengänge nachvollziehbar zu machen. So bringt er den gesellschaftlichen Wandel, um den es ihm in seinem Buch geht, auf eine einfache Formel. In der Industriegesellschaft hieß der Hilferuf:

"Ich habe Hunger!"

In der Risikogesellschaft rufen die Betroffenen:

"Ich habe Angst!"

 

Manuskript zur Sendung als PDF-Dokument oder im barrierefreien Textformat 

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 03.01.2015)

Zum Tod des Soziologen Ulrich Beck - "In Debatten die richtigen Stichworte gegeben"
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