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Buchkritik | Beitrag vom 22.02.2020

Ulla Lenze: "Der Empfänger"Signale, die nicht geortet werden

Von Carsten Hueck

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Der Empfänger" von Ulla Lenze. (Klett-Cotta / Deutschlandradio)
Erst wird aus Josef, Joe und später auch José: Ulla Lenze behandelt in "Der Empfänger" ein wenig erforschten Geschichtsabschnitt. (Klett-Cotta / Deutschlandradio)

Ulla Lenze erzählt in "Der Empfänger" von einem Deutschen in New York, der in den 1930er-Jahren für den Geheimdienst tätig wird - ohne es zu bemerken. Angereichert mit viel Zeitkolorit wird ein unbekanntes Kapitel der Zeitgeschichte aufgeblättert.

Selbst nach Ende des Ersten Weltkriegs, in dem amerikanische Soldaten gegen das deutsche Kaiserreich gekämpft hatten, durften jährlich mehr als 50.000 Deutsche in die USA einwandern. Die Deutschen waren traditionell gut angesehen – und die Vereinigten Staaten boten eine Perspektive für diejenigen, die im zerrissenen Nachkriegseuropa keine Zukunft für sich sahen.

Josef, die Hauptfigur in Ulla Lenzes neuem Roman, ist einer von ihnen. In den 1920er-Jahren verlässt der gebürtige Düsseldorfer seine Heimat und sucht das Glück in der Fremde. Eine fest umrissene Vorstellung von dem, was ihn erwartet, hat er nicht, er will vor allem fort aus beengenden Verhältnissen, weg vom prügelnden Vater. In New York kommt er unter, arbeitet in einer Druckerei, ist anspruchslos, aber zufrieden.

Aktivitäten des deutschen Geheimdienstes

In seiner kleinen Wohnung baut er sich ein Funkgerät und nimmt Kontakt auf mit Funkamateuren in der ganzen Welt. Er geht in Bars, lernt Frauen kennen, genießt in den Clubs die Jazzkonzerte und die Anonymität der Großstadt. Er fühlt sich frei und gleichzeitig zuhause in New York.

In den 1930ern kommt er in Kontakt mit Deutschamerikanern, die ihm einen weiteren Job vermitteln: Er soll für eine Firma Zahlencodes nach Deutschland funken. Dass die Firma der deutsche Auslandsgeheimdienst ist, merkt er zu spät.

Lenze erzählt in ihrem Roman ein Kapitel Zeitgeschichte, das weitgehend unerforscht ist. Ausgehend von Briefen und der Biografie ihres Großonkels zeichnet die Autorin in der dritten Person die Aktivitäten des deutschen Geheimdienstes in New York kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach.

Stimmungsvolle Ausschmückungen zahlreicher historischer Details bebildern die gesellschaftliche und politische Situation jener Zeit. Und nicht allein in New York 1939. Auch das Nachkriegsdeutschland von 1949 und Südamerika in den frühen 1950er-Jahren sind Schauplätze der Handlung.

Aufwendige Recherche

Lenze hat ihren Text aufgebrochen, erzählt nicht chronologisch, sondern in Schlaglichtern. Die einzelnen Kapitel sind eingangs datiert und geographisch verortet, man kennt das aus Filmen, es ersetzt den Übergang in eine neue Situation, ermöglicht schnelles Erzählen und suggeriert dokumentarischen Gehalt.

Es ist die fiktionale Aneignung eines realen Lebens, ein historischer Roman, den die Autorin hier vorlegt. Ein Drehbuch, das großen Wert auf Ausstattung und Zeitkolorit legt.

Josef, der erst zu Joe, später dann zu José wird, kann als Charakter aber nicht überzeugen. Er bleibt flüchtig. Auch sich selbst nicht greifbar. Der Hintergrund, vor dem er agiert, ist mithilfe aufwendiger Recherche topographisch genau und atmosphärisch bunt ausgemalt, die Hauptfigur selbst bleibt blass.

Man versteht nicht, was ihn bewegt, was er will. Widerwillig arbeitet er den Nazis zu, profitiert von ihnen, distanziert sich dann wieder. Tatsächlich ist er ein "Empfänger" – von Zeitströmungen, atmosphärischen Schwankungen, Signalen, die er nicht ordnet. 

Ulla Lenze: "Der Empfänger". Roman
Klett-Cotta, Stuttgart 2020
302 Seiten, 22 Euro

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