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Buchkritik | Beitrag vom 18.05.2021

Ulla Hahn: "stille trommeln"Warme Tage, herzzerreißend

Von André Hatting

Cover des neuen Gedichtbands von Ulla Hahn mit dem Titel "stille trommeln". (Deutschlandradio / Penguin)
Neue Gedichte von Ulla Hahn: Auch dieser Band von ihr wird sich vermutlich gut verkaufen. (Deutschlandradio / Penguin)

Der neue Band "stille trommeln" versammelt Gedichte aus der Zeit, in der Ulla Hahn an ihren autobiografischen Romanen gearbeitet hat. Ausgangspunkt der Poeme sind ihre Tagebücher. Ihrer klaren Sprache verleiht sie hier und da ein wenig Patina.

Ulla Hahn ist ein Phänomen. Ihr erster Gedichtband "Herz über Kopf", erschienen 1981, wurde 18.000 mal verkauft. Das schaffen die meisten Lyriker*innen, darunter durchaus auch Büchnerpreisträger*innen, ihr ganzes Leben lang nicht. Hahn schreibt, wie sich viele Lyrik vorstellen. Ihre Verse strömen ohne große intellektuelle Umwege vom Herzen in die Hand beziehungsweise den Computer:

Wanderlust
Überall blühen jetzt weiße Fingerhüte
und Akeleien in unserem Garten
Schlüpften vom Winde verweht durch
ein paar luftige Türchen"  […]
Das sind zutrauliche Zeilen, ideal für Kalenderblätter, Poesiealben oder Schulbücher:
Das Herzzerreißende der letzten warmen Tage
Ein Ahornblatt dazugelernt vielleicht
Die Sonnenhüte wieder im Regal […]

Man erschrickt geradezu, wenn in all dieser lyrischen Lieblichkeit plötzlich Worte wie "verrecken" und "Schlauchboote" auftauchen.

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Ulla Hahns neuer Band "stille trommeln" versammelt Gedichte der letzten zwanzig Jahre, also der Zeit, in der sie an ihren autobiografischen Romanen gearbeitet hat, die ebenfalls ein Publikumserfolg wurden. Grundlage und Ausgangspunkt der neuen Poeme seien ihre Tagebücher, verrät die Autorin in ihrem von großen Namen - Hölderlin, Goethe, Heidegger, Einstein, Novalis, Kant -  durchsetzten Nachwort.

Eine Art naturwissenschaftlicher "Schock"

Allerdings, so Hahn, habe sie in den letzten Jahren eine Art naturwissenschaftlichen "Schock" erlitten. "Ich wollte, ich musste begreifen: Was bedeuten diese wissenschaftlichen Umbrüche – für mich, für die Sprache, die Literatur, die Poesie?" Hahn beantwortet diese drängenden Fragen thematisch:

Unser blauer Planet
                        Ein Nichts im fliegenden All?
Kein Anfang                  nur ein Ende?
Keine Antwort im Wissen?
                        Wo ist der Weg geblieben?

Hier kippt das Poetische ins Psalmige. Richtig verstörend wird es, wenn Hahn ihre Gedichte mit überkommenen literarischen Verfahren andickt wie zum Beispiel elliptischen Inversionen - "Ein Stumpf nur noch unser Mitgefühl" - oder Archaismen ("dereinst", "schnöde"). Die sonst so klare, direkte Sprache bekommt dadurch eine Patina.

Im Gedicht "Zum Beispiel" setzt sich Ulla Hahn mit einem Gottfried-Benn-Leser auseinander:

Lesen Sie lieber vom alten
Benni nochn Gedicht
Der sagt Ihnen was zu allen
Zeiten immer besticht

Lyrik darf nicht mittelmäßig sein

Das ist eine ironische, fast schon spöttische Distanzierung. Daher muss weder Ulla Hahn noch ihre große Fangemeinde unterschreiben, was "Benni" vor mehr als einem halben Jahrhundert über die "Probleme der Lyrik" gesagt hat: "Mittelmäßige Romane sind nicht so unerträglich, sie können unterhalten, belehren, spannend sein, aber Lyrik muß entweder exorbitant sein oder gar nicht."

Dieses Problem scheint Ulla Hahn nicht zu kennen:

Hab so manches
                          in petto: dieses
sonetto zum Beispiel

Ulla Hahn: "stille trommeln. Neue Gedichte aus zwanzig Jahren"
Penguin Verlag, München 2021
208 Seiten, 20 Euro

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