Donnerstag, 24.06.2021
 

Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 03.06.2021

Ulf Poschardt zur Coronapolitik"Jeder Bürger sollte Angst vor dem starken Staat haben"

Ulf Poschardt im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt-Gruppe" beim Interview in den neuen Redaktionsräumen der Zeitung "Die Welt" im Springer-Neubau, Berlin. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Er könne nicht fassen, wie sich das Land verändert habe, sagt "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

"Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt beklagt eine deutsche Staatsfixiertheit. Nach anderthalb Jahren Coronapandemie erkenne er als überzeugter Liberaler das Land nicht wieder, kritisiert aber auch die Kontinuität der verbreiteten Staatsgläubigkeit.

Vor einem Jahr beschloss die Bundesregierung das größte Konjunkturpaket in der Geschichte des Landes. So viel Staat, so viel Steuerung und Regulierung wie in der Coronakrise gab es vermutlich noch nie.

Größenwahn und regressive Sprache 

"Jeder Bürger sollte Angst vor dem starken Staat haben", sagt der "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt. Mit Blick auf die deutsche Geschichte wisse man, dass das Wesen der Demokratie der mündige, selbstbewusste, wehrhafte Bürger sein müsse und nicht etwa der Staat, der sich selbst größer mache, als er sein sollte:

"Diese Mischung aus Größenwahn und regressiver Sprache, was ja das 'Wumms' auf jeden Fall war, ergibt so eine schauerliche, sehr deutsche Kombination."

Es werde vor allem von der SPD so getan, als werde das alles von der Bundesregierung bezahlt, dabei sei es das Geld der Steuerzahler. "So zu tun, als ob der Staat hier einen ausgibt, das ist grotesk." Er zahle schon jetzt zu viele Steuern, findet Poschardt.

Die Grünen und die SPD wollten die besonders Vermögenden zur Kasse bitten. Da kämen dann im nächsten Schritt "Umverteilung und Enteignung", so Poschardt. "Das eine ist ohne das andere nicht zu haben."

Warnung vor Spätfolgen 

Nach einer ersten guten Phase der Coronapolitik sei das "Impfdesaster" gefolgt und der Staat habe sich als dysfunktional gezeigt. "Spätschäden, Kollateralschäden dieser sehr deutschen Staatsfixiertheit, das sehr große Misstrauen dem Einzelnen gegenüber, das Kollektivistische, das da auch vorscheint, das war nicht gut für dieses Land", so Poschardt. 

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Im Vergleich zu anderen Ländern sei die Bundesrepublik ein "total überreguliertes System", kritisiert der Journalist. Die deutsche Sehnsucht, dass es der Staat erledige, gebe es schon seit den Zeiten von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831), so Poschardt. "Diese Staatsfixiertheit verbindet Links und Rechts." 

Das veränderte Land 

"Wir haben in Deutschland auf jeden Fall eine Dreiviertel- bis eine Zweidrittelmehrheit für so eine krasse Form des Interventionismus", so der "Welt"-Journalist. In der Coronazeit habe Deutschland die Balance verloren.

Das gelte auch für die überzogenen Eingriffe in die Grundrechte. "Ich gucke auf diese letzten anderthalb Jahre als Liberaler und kann nicht fassen, wie sich dieses Land verändert hat."

Der Journalist Ulf Poschardt, Jahrgang 1967, ist seit 2016 Chefredakteur von WELT-N24. Stationen waren zuvor die "Welt am Sonntag", "Vanity Fair" und das Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Die ganze Sendung mit Poschardt hören Sie hier [AUDIO].

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