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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.05.2014

Ukraine-KriseAngst vor einem "riesenhaften Nachbarn"

Schriftstellerin über Putins Machtstreben und die Vertreibung der Sudetendeutschen

Radka Denemarková im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Russlands Präsident Wladimir Putin  (AFP / Alexei Nikolsky)
Russlands Präsident Wladimir Putin (AFP / Alexei Nikolsky)

Zum ersten Mal seit 1989 gebe es in Tschechien wieder ein Gefühl, dass die Sicherheit des Landes bedroht sei, sagt die Schriftstellerin Radka Denemarková. Die Angst gehe um, wieder im Schatten eines riesenhaften Nachbarn zu leben, der bereit sei, Europas Grenzen mit Gewalt zu verändern.

Marietta Schwarz: Bundespräsident Joachim Gauck ist gestern zu seinem ersten offiziellen Staatsbesuch nach Tschechien geflogen. Bei den Gesprächen mit der tschechischen Führung dürfte neben aktuellen Fragen wie der Lage in der Ukraine auch das umstrittene Thema der Vertreibung eine Rolle spielen. Die Vergangenheit beider Länder und ihr Umgang mit der Geschichte stehen dann auch im Zentrum der Rede Gaucks in der Karlsuniversität am Dienstag. Radka Denemarková hat sich als tschechische Schriftstellerin mit der Weltkriegsthematik auseinandergesetzt, und sie nimmt auch an einem gemeinsamen Abendessen mit Joachim Gauck in Prag teil. Guten Morgen, Frau Denemarková!

Radka Denemarková: Ja, guten Morgen!

Schwarz: Die Vertreibung der Sudetendeutschen war in Tschechien lange Zeit ein Tabuthema. Was hat sich daran verändert, vielleicht auch durch Bücher wie Ihres oder durch Filme zum Beispiel wie "Alois Nebel"?

Denemarková: Für lange Jahrzehnte wurde jeglicher deutsche oder jüdische Beitrag zur tschechischen Kulturgeschichte praktisch verschwiegen. Und was mich daran dann interessiert hat, war auch diese Atmosphäre, die Atmosphäre der hiesigen Geschichtsverdrängung, die wird bis heute von populistischen tschechischen Politikern als Schreckgespenst benutzt. Das war zum Beispiel bei dem Präsidenten Václav Klaus, der vor heutigem Präsidenten war. Und er zum Beispiel begründete seine Weigerung, den Vertrag von Lissabon zu unterschreiben, mit dem Verweis auf diesen sogenannten Revanchismus.

Geschichte endet nicht

Eines war für mich ganz, ganz wichtig: Ich habe damals, als ich dieses Thema verarbeitet habe, da habe ich mir gesagt, dass eigentlich durch diese Vertreibung der Deutschen eine Atmosphäre entstanden ist, in der es möglich war, den politischen Gegner ohne großen Alarm zu beseitigen. Und das war die Atmosphäre, die ein Leben ohne Recht und außerhalb des Gesetzes möglich machte. Und das waren auch dann die moralischen Folgen der Massenvertreibung, die bei uns dann weiter zu ahnen waren, weil … Wenn es möglich war, einen Menschen dafür zu bestrafen, dass er zu einer bestimmten Nation gehört, dann war auch möglich, ihn dafür zu bestrafen, dass er einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse oder politischen Partei angehört hat. Also muss ich sagen, dass nach der kommunistischen Machtübernahme von 1948 und dann nach der sowjetischen Okkupation von 1968, dann wurde bei uns der geltende Rechtsstatus für weitere Hunderttausend aufgehoben. Also, es ist nicht so, dass die Geschichte endet irgendwo, irgendwann, das ist immer da in der Luft.

Schwarz: Das heißt aber, um noch mal auf die Gegenwart zurückzukommen: Joachim Gauck begibt sich mit einer Rede über die deutsch-tschechische Vergangenheit auf jeden Fall auf vermintes Gelände?

Denemarková: Ich muss sagen, ich bin von Joachim Gauck sehr, sehr begeistert. Und wenn ich so was sage, das ist ganz, ganz wichtig, weil ich bin zu Politikern immer sehr, sehr kritisch. Und ich sehe, das ist schon die Zeit, dass wir sehen, dass Europa heute ganz anders aussieht. Und das muss man auch so sehen. Weil, wenn wir immer wieder da diese Schubladen nehmen, die Polen sind so, und die Deutschen sind so, und die Italiener sind so, das ist schlimm! Man muss immer nur sehen, wie sich die konkreten Menschen verhalten.

Schwarz: Und damit sind wir vielleicht auch schon vom alten Feind Deutschland weggekommen zum Intimfeind Russland. Denn auch über die Ukraine-Krise wird Gauck mit der tschechischen Regierung reden. Mit welchen Gefühlen wird diese Krise von Ihnen und von Ihren Landsleuten beobachtet?

Russen wollen ein starkes Russland

Denemarková: Im Grunde genommen gibt es eigentlich zum ersten Mal seit 1989 in Tschechien ein Gefühl, dass diese Sicherheit bedroht ist. Und das geht jetzt nicht um die militärische Bedrohung, das meine ich nicht. Aber es geht wieder um diese Angst, wieder im Schatten eines riesenhaften Nachbarn zu leben, der bereit sei, die Grenzen in Europa mit Gewalt zu verändern oder ein Land wie die Ukraine in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Und selbstverständlich, Litauer, Letten und Esten und Tschechen und Slowaken und so weiter, die haben die Sowjetunion schon als Besatzungsmacht erlebt.

Schwarz: Ihr Staatspräsident Miloš Zeman hat ja vor Wochen den Vergleich zum Prager Frühling gezogen. Ist die Situation der Tschechoslowakei damals 1968 denn wirklich vergleichbar mit der der gespaltenen Ukraine heute?

Denemarková: Nein, gar nicht. Da bin ich mit Miloš Zeman und so weiter gar nicht einverstanden. Miloš Zeman zum Beispiel, er meint, dass die Politiker vom Westen die Absichten und Motive der Russen nicht verstehen. Selbstverständlich, Miloš Zeman, unser Präsident, hat früher seine Politik Richtung Russland orientiert. Und er hat da auch bestimmte Verständnisse für Putins Annexion zum Beispiel der Krim gehabt. Aber man muss immer wieder sehen, dass die Russen Putin bewundern, weil sie ein starkes, geordnetes Russland möchten. Die Russen möchten immer den starken Präsidenten wie zum Beispiel … Deshalb sprechen sie auch noch sehr oft über Stalin zum Beispiel. Das wäre nicht möglich, in Deutschland über Hitler so zu erzählen. Und die Mehrheit in Russland freut sich über die Annexion der Krim. Also, da sieht man die Realität. Und die Realität ist einfach ganz klar, da sieht man doch, dass die Russen sich da so verhalten, dass da entweder Bürgerkrieg entstehen sollte oder dass man immer wieder die Gebiete, wo früher die Russen waren, sie möchten diese Gebiete irgendwie zurück!

Es geht Russland um Geld und Eigentum

Schwarz: Frau Denemarková, Sie haben aber vorhin gesagt, Sie fürchten kein militärisches Eingreifen der Russen, sondern eher diese Übermacht. Eine ideologische Übermacht?

Denemarková: Ich meine, ideologische. Und es geht immer wieder um Geld und Eigentum, es geht um wirtschaftliche Gründe. Und ich meine, da ist der Krieg, wenn diese Sanktionen da kommen, dann meine ich, da wird dieser Krieg, auf diesem Gebiet geht es weiter. Und es geht um die Stärke. Also, Putin zum Beispiel reagiert nur auf Stärke. Wenn da nur mit Worten die Bedrohungen kommen, das hat keinen Sinn.

Schwarz: Radka Denemarková, tschechische Schriftstellerin im Gespräch zum Staatsbesuch Joachim Gaucks. Vielen Dank für das Gespräch!

Denemarková: Schönen Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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