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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.07.2014

UkraineKrieg im Osten, Gräber im Westen

Die Folgen des Konflikts betreffen das ganze Land

Von Sabine Adler

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Ein gepanzertes Fahrzeug der ukrainischen Streitkräfte bei Slawjansk.  (AFP / GENYA SAVILOV)
Ukrainisches Militär belagert Donezk und Lugansk (AFP / GENYA SAVILOV)

Der Ukraine-Konflikt findet vor allem im Osten statt, doch die Folgen sind auch in den westlichen Regionen spürbar, aus denen viele Soldaten stammen. Außerdem werden dort Tausende Flüchtlinge aufgenommen.

Männer in Uniformen laufen durch ein Getreidefeld. Die Ähren sind reif, die Halme wiegen sich im Wind, verdecken kleinere Trümmer einer Boeing 777. Östlich der Stadt Donezk, rund 50 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt. Kriegsgebiet. Rebellenland. Die Männer sind nachlässig gekleidet, manche tragen einen Mundschutz gegen den Leichengeruch. Ein Zelt steht auf dem Feld, Feuerwehrwagen am Weg. Die Kämpfer sammeln die Wrackteile der am vergangenen Donnerstag abgeschossenen Zivilmaschine mit der Flugnummer MH17 zusammen. Am 17. Juli um 16.20 Uhr wurde das Passagierflugzeug der Malaysian Airlines in 10.000 Metern Höhe, vermutlich von einer Rakete getroffen, 298 unschuldige Menschen verloren ihr Leben. Der Krieg in der Ostukraine erlebt eine neue Phase, ist nun vollends im Bewusstsein der Weltbevölkerung angekommen.

Lemberg, ganz im Westen der Ukraine. Auch hier ist der Krieg täglich präsent. Die Region schickt Soldaten in den Osten – als Gefallene kommen sie zurück. Drei Tage herrschte in der vergangenen Woche Trauer, Petro Stepanowitsch und Wasili Jaroslawowitsch sind in Selenopil bei der Anti-Terror-Operation ums Leben gekommen. Der bisher ranghöchste Lemberger, der im Osten fiel, ist ein General. Sergej Kultschitzki war gerade 50 Jahre alt. Ende Mai kam er ums Leben, wie seine Witwe, Nadeschda Bogdanowa, schildert:

"Die nächste Schicht war dran. Dort war kein Hinkommen, nur mit dem Hubschrauber. Als der Helikopter abhob, aufsteigen wollte, wurde er beschossen. Zwölf Mann waren tot. 13, darunter auch der Pilot konnten sich retten. Das geschah bei Slawiansk."

1000 Kilometer vom Krieg entfernt

Russische Separatisten im Norden von Donezk (AFP/BULENT KILIC)Russische Separatisten im Norden von Donezk (AFP/BULENT KILIC)

Die Witwe sitzt in ihrer Lemberger Wohnung auf dem Sofa inmitten von Fotoalben, erzählt von ihrer beider Armee-Karriere, die in der Sowjetunion begann. Sie habe wegen seiner ständigen Dienstreisen viel auf ihn gewartet und nicht immer gewusst, mit welchem Auftrag er unterwegs war. Wie auch zum Schluss. Erst mit der Nachricht von seinem Tod erfuhr sie, dass er überhaupt im Donbass gekämpft hat.

"Er sagte nicht, dass er dort ist, sondern dass er in Dneprpetrowsk auf seinen Einsatz wartet. Ich glaubte ihm, denn der Mensch glaubt, was er glauben will. Aber er war von Anfang an dort, beschwor alle, mir nichts zu erzählen, damit ich mir nicht die ganze Zeit Sorgen mache. Er war ein Patriot, der um die Einheit der Ukraine kämpfte, dafür, dass sie als Ganzes erhalten bleibt."

Sommeridylle in der Westukraine. Das Dorf Buchowitschi glüht in der Hitze, es liegt inmitten fruchtbarer ukrainischer Erde, Blumenwiesen und sonnenwarmes Getreide duften. Kinder hüpfen in das Schwimmbecken. Der Gummirand sinkt immer wieder bedrohlich ein. Lemberg ist von Donezk, Slawiansk, Kramatorsk über 1000 Kilometer entfernt, der Krieg weit weg. Elena Scherebtschenko hat es genau so gewollt. Die Psychologin und ihr Mann Maxim sind aus dem Osten geflohen. Sie brachten vier leibliche Söhne und Töchter, fünf Pflegekinder sowie den Sohn eines Freundes aus Donezk heraus, als dort Kämpfe um den Flughafen tobten.

"Ich wollte nicht warten, bis die Kinder mit eigenen Augen Schreckliches gesehen haben. Wir wollten sie vor traumatisierenden Erlebnissen bewahren. Ich bin Psychologin und weiß, dass solche Traumata im schlimmsten Fall einen Menschen das ganze Leben lang verfolgen. Es muss noch nicht einmal einer von uns getötet werden, es genügt, wenn sie Zeuge solcher Szenen werden. Gut, dass sie nicht einmal die Schule abbrechen mussten, denn gerade haben die Ferien begonnen."

Die 40-Jährige mit dem rotblonden Haar und klaren blauen Augen war sich mit ihrem Mann Maxim einig. Sie wollten fliehen. Als Diabetiker befürchtete er keine Medikamente mehr zu bekommen, wenn sich die Kämpfe in Donezk ausweiten. Seine Gedanken wandern dennoch unablässig in den Osten.

"Ich habe meine Eltern dort, den Bruder mit seiner Frau. Ich rufe jeden Tag an und sie sagen mir, dass geschossen wird. Aber auch, dass sie bislang noch zur Arbeit gehen."

Waserversorgung ist zusammengebrochen

Seine Frau Elena ergänzt, dass die prorussischen Milizen, die die Stadt seit April besetzt haben, jetzt Brücken sprengen, zum Beispiel eine, über die die Bahnstrecke nach Slawiansk führt. Außerdem ist die Wasserversorgung zusammengebrochen.

"Wie soll das gehen: eine Millionenstadt ohne Wasser, Wohnblöcke ohne Wasser? Unsere Freunde erzählten uns noch, dass sie anderthalb Stunden Schlange stehen, um Geld zu ziehen. Wenn geschossen wird, fliehen alle, dann stehen sie wieder neu an. Unser Haus war mal 100.000 Euro Wert, jetzt bekämen wir maximal 5000 dafür."

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko begleitet mit einer Militäruniform bekleidet ukrainische Soldaten während eines Besuches im Armee-Hauptquartier nahe der Stadt Izyum am 08.07.2014. (afp / Genya Savilov)Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko beim Besuch eines Armee-Hauptquartiers (afp / Genya Savilov)

Das Ehepaar hat vor Jahren fünf Pflegekinder aufgenommen. Elena Scherebtschenko betrieb auf ihrem Grundstück in der Stadt zudem eine Praxis, in der sie Kindern Physiotherapie mit Pferden anbot. Das Haus, die Praxis mussten sie zurücklassen und auch die Tiere - ihren zehn Kindern zuliebe. Mit dem Auto brachten sie die fünf jüngsten von Donezk nach Lemberg. John, der älteste Sohn, kam mit den vier anderen im Zug hinterher. John ist 19, er hat es besonders schwer mit seinem Flüchtlingsschicksal zurecht zu kommen. Der Priester Wieswaw Dorosch von der Caritas – er hat die große Familie in einem Kinderferiendorf in Buchowitschi bei Lemberg untergebracht – erklärt warum:

"Wenn junge Männer, 20, 25 oder 30 Jahre alt, flüchten, macht man ihnen Vorwürfe: Unsere jungen Männer von hier, aus der Westukraine, kämpfen im Osten und sterben dort womöglich, aber die aus dem Osten kommen hierher und lassen es sich gut gehen."

Der Flüchtlingsfrau und Mutter leuchtet das voll und ganz ein.

"Es wäre auch schwer zu verstehen, wenn unser John am Leben bleibt, aber der Sohn unserer westukrainischen Nachbarin getötet wird. Wenn so etwas geschieht, wird man uns nicht mehr freundlich behandeln. Es gibt ein Sprichwort. Das lautet: Der Krieg ist im Osten, das Grab im Westen. Aus Buchowitschi hier und den anderen umliegenden Orten werden die jungen Männer an die Front geschickt und es ist natürlich ein ethisches Problem, wenn wir hier sind und sie dort."

Trotz der Opfer hält die große Hilfsbereitschaft der Westukrainer an, Elena und Maxim Scherebtschenko dürfen davon profitieren. Besonders beeindruckt hat sie eine Initiative der Lemberger, die massenhaft Schutzwesten und Helme in Polen und der ganzen EU einkauft und dann über die Grenze in die Ukraine bringen, um sie weiter in den Osten zu schicken. Sergej Dsadyk vom sogenannten "Selbstschutz Lemberg" gehört zu den Organisatoren.

"Unsere Männer sterben dort, weil unsere Armee keine Schutzwesten und Helme hat. Kalaschnikows sind vorhanden, aber nichts, was unsere Jungs schützt und deshalb kümmern wir uns darum. Wir haben mehr als 2000 Helme und 1500 Westen gekauft, von dem Geld, das die Leute gespendet haben, einfache und reiche Leute."

Hunderte Helfer treffen sich in unregelmäßigen Abständen in Lemberg am Pulverturm, abends um sieben, damit die Berufstätigen mitkommen können, erklärt Viktoria Balitzka.

"Die Leute von der Selbstverteidigung geben den Termin für die nächste Fahrt bekannt. Und dann melden sich die Freiwilligen. Sie steigen in die Busse am Pulverturm. Allerdings müssen sie einen Pass und ein Schengen-Visum haben."

Westukrainer gelten als Patrioten

Dann fahren sie 80 Kilometer zur ukrainisch-polnischen Grenze.

"Die Hälfte der Freiwillen ist älter und sogar schon alt. Beim letzten Mal war eine 73-Jährige dabei. Ich kann die Schutzweste schon kaum heben, sie wiegt 14 Kilogramm, aber diese Rentnerin hat sie ganz allein geschleppt! Sie hat einen Neffen, der im Osten kämpft, sie wollte einfach helfen."

Die Freiwilligen überqueren die Grenze, gehen zu dem polnischen Bus, in dem die Schutzwesten und Helme liegen. Jeder nimmt sich eine und schleppt sie zum Bus auf die ukrainische Seite. Wenn die Grenzer sie zügig abfertigen, sind sie nach fünf Stunden, nachts um zwei, wieder in Lemberg. Rund 20 hauptamtliche Helfer organisieren die Fahrten, sammeln Spenden. Zehn weitere suchen in ganz Europa Vorratslager für Helme und Westen und kaufen sie so günstig wie möglich auf, erklärt Sergej Dsadyk, der Kopf der Hilfsorganisation.

"Das Hauptproblem für uns ist, dass die EU nur die Ausfuhr von einer Schutzweste und einem Helm pro Person erlaubt. Deswegen brauchen wir ganze Busse voller Leute. 300 Mann, die nach Polen fahren, dürfen 300 Schutzwesten in die Ukraine mitbringen. Aber nötig sind Tausende. Wenn die EU dieses Gesetz ändern würde, wäre es bedeutend leichter."

Die Lemberger haben sich mit ihrer Hilfsbereitschaft einen Namen im Land gemacht. Keine andere Region, außer der Hauptstadt Kiew, hat so viele Flüchtlinge aufgenommen wie die Westukraine. Julia Isakowa kümmert sich als Sozialarbeiterin in der Stadt um die Ankommenden. Als Russland im Februar die Krim annektierte, kam die erste Welle nach Lwiw, wie Lemberg auf ukrainisch heißt, es waren weit mehr als jetzt aus der Ostukraine.

"Im März haben die Lemberger die Flüchtlinge sogar bei sich zu Hause beherbergt. Hotels stellten ihnen kostenlos Zimmer zur Verfügung, auch in Wohnheimen von Lehranstalten kamen sie unter. Wer es sich leisten konnte, mietete eine Wohnung."

Etliche sind geblieben, wollen sesshaft werden. Die Scherebtschenkos aus Donezk auch. Die Westukrainer gelten als Patrioten. Was der Politologe Taras Wosnjak von den Ostukrainern nicht behaupten würde. Viele müssten ihr Verhältnis zu ihrem Land erst noch klären, meint er.

"Genaugenommen geht es um die Positionierung der Ostukrainer. Sie müssen eine Haltung zur Ukraine, ihrem Heimatland, ihrem Staat finden. Sie müssen Bürger der Ukraine werden."

Ostukrainer sind unentschieden über ihre Loyalität

Elena Scherebtschenko und ihr Mann Maxim geben ihm Recht. Wie tief die Verunsicherung ist, wie wenig die Menschen im Donbass wissen, wohin sie gehören, haben sie zu Hause erlebt. Der Riss geht durch die eigene Familie.

"Mein geliebter Großvater und meine Mutter, sie sind beide für Putin, für Russland. Mein Großvater ist keineswegs senil, sondern ein wacher Geist. Aber meine Schwestern und ich, wir engagierten uns in der Maidanbewegung, also für die Ukraine. Wir waren bei einer Kundgebung, bei der ein Teilnehmer getötet wurde. Danach trafen wir uns alle und mein Großvater sagte: Der Rechte Sektor hat jemanden auf der Demonstration erschossen. Wir sagten ihm, dass es sich genau umgekehrt verhalten hat. Jemand vom rechten Sektor wurde getötet. Wir waren schließlich da, Augenzeugen, zeigten ihm Fotos auf unseren Handys. Doch er uns nicht geglaubt."

Ihre Schwiegereltern haben, anders als sie, beim Referendum am 11. Mai für die Unabhängige Donezker Volksrepublik gestimmt, also für die prorussischen Milizen.

"Zwei Tagen später waren sie dann dagegen. Wir sagten ihnen: Ihr habt aber dafür gestimmt. Nein, sagten sie, wir waren nur gegen den Rechten Sektor, gegen Faschismus."

Elena Scherebtschenko hält das Sprachproblem für weit aus größer, als es in Kiew wahrgenommen wird. Ukrainisch spricht in der Ostukraine fast niemand so gut wie Russisch.

"Im Donbass sprechen die Leute Russisch, aber die Ukraine hat die russischsprachigen Sendungen eingestellt. Somit kann man die ukrainischen Programme nur auf ukrainisch sehen oder aber man schaltet zu den russischen. Und Putin ist ein Propaganda-Genie, wie man an meinem Großvater sieht. Er glaubt eher ihm als seinen drei Enkeln."

Der Lemberger Politologe Taras Wosnjak hat bemerkt, dass die Ostukrainer noch unentschieden sind, wem gegenüber sie loyal sein wollen, was sogar bei den Kämpfen sichtbar geworden sei.

"Anfangs gab es eine psychologische Barriere: Die Russen konnten auf Ukrainer schießen, die Ukrainer aber nicht. Vor allem für die Ostukrainer war das sehr schwer, denn sie unterscheiden sich kaum von den Russen. Für die Westukrainer gab es diese Sperre nicht. Die Freiwilligen-Verbände bestanden anfangs auch kaum aus Ostukrainern, sondern kamen meistens aus dem Westen des Landes. Jetzt ist das anders, jetzt kämpfen sie besser als wir aus dem Westen."

Der anfänglichen Euphorie, mit der die prorussischen Milizen in Slawiansk, Lugansk oder Donezk begrüßt und unterstützt wurden, folgte die Ernüchterung. Den Separatisten ging es nicht um ihre politischen Ziele, sie erwiesen sich als Marodeure, Geiselnehmer und Kriminelle, die sie zum Teil auch schon vorher waren.

Ausgerechnet von ihnen müssen sich die Westukrainer als Faschisten und Rechtsextreme beschimpfen lassen. Andrij Sadowi, der Bürgermeister von Lemberg, gibt sich ungerührt. Er tritt für Neuwahlen auf lokaler, regionaler und Landesebene ein, denn die Kräfte hätten sich grundlegend verschoben.

"Sie sind nötig, weil neue Leute gebraucht werden, denen die Menschen vertrauen, damit Reformen beginnen können, auch schmerzhafte. Und weil die letzten Wahlen die heutigen Machtverhältnisse nicht mehr abbilden. Bei der letzten Wahl hat die Swoboda viele Stimmen bekommen, jetzt ist ihre Unterstützung stark zurückgegangen, neue Wahlen hätten eine andere Verteilung zur Folge."

Rechter Sektor erhielt kaum Stimmen

Dem Lemberger Bürgermeister ist sonnenklar, dass das Land derzeit ganz andere Probleme als Wahlen hat. Andrij Sadowi pariert den von der russischen Staatspropaganda verbreiteten Vorwurf, in Kiew und im Westen der Ukraine regierten Faschisten. Er verweist auf die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl Ende Mai. Die nationalistische Partei Swoboda und der rechte Sektor hatten zusammen keine zwei Prozent der Stimmen bekommen, Petro Poroschenko erhielt fast 70 Prozent.

Der Politologe und Publizist Taras Wosnjak findet, dass Europa die Gefahr, die von Russland ausgeht, massiv unterschätzt. Sie sei ebenso ernst zu nehmen wie der islamistische Terror.

"Europa hat den Hyper-Nationalismus Russlands, das neue imperiale Streben, noch nicht richtig zur Kenntnis genommen. Europa fürchtet den Islamismus, aber erkennt noch nicht die parallele Gefahr des russischen Nationalismus. Vor der fürchtet sich möglicherweise sogar selbst der russische Präsident Putin. Wenn Putin nicht mit Truppen in die Ostukraine einmarschiert, muss er sich vor diesen Kräften vermutlich dafür rechtfertigen, dass er weder den Donbass, noch Odessa oder die halbe bzw. ganze Ukraine annektiert."

Die Ukraine könnte das erste Opfer des neuerwachten russischen Großmachtstrebens sein, von dem offen ist, ob es die vermeintlich russischen Landsleute zurückholen möchte oder sich noch viel weiter ausdehnen will. Der Konflikt im Osten hat sich zu einem Krieg ausgewachsen. Mit Panzern, Artillerie, Granatwerfern, Hubschraubern, Kampffliegern, jetzt Raketen, wie die, die von mobilen Abschussrampen vom Typ Buk gestartet werden. Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates Andrij Lisenko am vergangenen Donnerstag:

"In den zurückliegenden Tagen ist dies das dritte Unglück. Von russischem Territorium aus sind noch die Antonow 26 abgeschossen worden und die SU 25 der Luftwaffe."

Ob die Flugzeuge von russischem oder ukrainischem Territorium aus beschossen worden sind, ist nicht geklärt. Dass Russland der Initiator des Konfliktes ist, steht fest. Die Ukraine soll lieber zerstört werden, als dass Moskau sie in Richtung EU ziehen lässt. Die Okkupation der Krim wird auf lange Sicht für Spannungen zwischen Russland auf der einen und der Ukraine, EU und NATO auf der anderen Seite sorgen. Den Konfliktherd Ostukraine jedoch könnte Moskau dauerhaft am Kochen halten, vermutet Taras Wosnjak.

"Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass Putin aus der Ostukraine einen Gazastreifen wie in Israel machen will. Das ist noch besser als Transnistrien in der Republik Moldau. Denn den Donbass in eine Art Gazastreifen zu verwandeln, verheißt ständig Krieg, ständig Angriffe auf die Ukraine, ständig Anspannung, damit die Ukraine sich nicht entwickelt, sondern dauernd mit diesem Problem zu schaffen hat."

Flüchtlingspaar hinterlässt Großvater, der im Sterben liegt

Was Donezk derzeit erlebt, ist für das Flüchtlingspaar Elena und Maxim Scherebtschenko Krieg. Der Abschuss des Flugzeuges, die Kämpfe in ihrer Stadt. Die Angst treibt sie um. Den im Sterben liegenden Großvater mussten sie zurücklassen.

"Die Aufständischen sind in der Stadt, aber die ukrainischen Streitkräfte außerhalb. Da bleiben nur zwei Möglichkeiten. Entweder man macht Donezk dem Erdboden gleich, wie das die Russen im Jahr 2.000 in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny getan haben. Das ist für die Armee die weniger verlustreiche Variante. Allerdings würde das die internationale Gemeinschaft der ukrainischen Führung nicht verzeihen. Die Zweite Möglichkeit: der Häuserkampf, was für die Armee hohe Opfer bedeutet."

Über die Geländegewinne der ukrainischen Regierungstruppen können sich Elena und ihr Mann nicht freuen, denn sie wissen, dass sich unter den getöteten Aufständischen Nachbarn, Kollegen, Bekannte befinden.

"Ich weiß nicht, wie lange die Kämpfe dauern. Aber dass die Industrie noch lange am Boden liegen wird, ist klar. Dass noch lange Waffen kursieren werden, wissen die Historiker noch vom Zweiten Weltkrieg. Noch zehn Jahre danach trieben Banditen ihr Unwesen. Die Sowjetsoldaten, die im Krieg gegen Afghanistan waren, fallen heute noch auf. Die Separatisten der sogenannten Volksrepublik dürften ihnen ähneln - Leute, die an Psychosen leiden."

Der Krieg weitet sich aus und droht immer weiter westwärts vorzurücken.

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