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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 03.06.2014

UkraineFünf OSZE-Mitarbeiter als "lebende Schutzschilde"

Über 100 Gefangene in Händen der Separatisten

Von Florian Kellermann

Ein prorussischer Separatist schießt in Lugansk auf die ukrainische Luftwaffe.  (dpa / Evgeny Biyatov)
In der Ostukraine gehen die Kämpfe zwischen prorussischen Separatisten und Regierungstruppen weiter. (dpa / Evgeny Biyatov)

Die seit Freitag in der Ostukraine verschleppten fünf OSZE-Mitarbeiter teilen ihr Schicksal mit Dutzenden Ukrainern, die von Separatisten als Geiseln gehalten werden. Unter ihnen Lokalpolitiker, Journalisten und Geschäftsleute.

Die Informationen stammen von einem Lokaljournalisten: Die am Freitag verschleppten fünf OSZE-Mitarbeiter befinden sich nach Angaben von Aleksij Svetykow noch immer in der Stadt Sewerodonezk, wo sich ihre Spur verlor. Sie würden dort im Gebäude eines ehemaligen chemischen Instituts gefangen gehalten, so der Journalist. Swetykow geht davon aus, dass die örtliche Gruppe von Separatisten sie als "lebende Schutzschilde" einsetzt. Sie rechnet damit, dass die ukrainischen Sicherheitskräfte keinen Angriff auf das Gebäude wagen, solange sich dort OSZE-Mitarbeiter befinden.

Die Beobachter teilen damit das Schicksal von Dutzenden Ukrainern, die von Separatisten Geiseln gehalten werden. Diejenigen, die freikommen - weil sie fliehen oder letztendlich doch entlassen werden - erzählen furchtbare Dinge. Zuletzt Dmitrij aus Donezk, der fünf Tage im Gebäude des örtlichen Geheimdiensts festgehalten wurde:

Verhört, verprügelt, freigelassen

"Dort gab es mindestens 23 Gefangene, es können aber insgesamt auch 30 gewesen sein. Wir wurden die meiste Zeit im Keller gehalten, mit gefesselten Händen und verbundenen Augen. Immer wieder wurden wir zu Verhören gebracht und dabei verprügelt. Ob wir jemandem aus dem Rechten Sektor kennen, welche Verbindungen, zu welchen Organisationen wir haben. Aber es gab auch andere, die uns dazu bringen wollten, ihnen unser Auto oder sogar unsere Wohnung zu überschreiben."

Dafür versprachen die Häscher nicht einmal die Freilassung, sondern nur erleichterte Haftbedingungen. Gleiches galt, wenn sie Bekannte von sich ins Netz der Separatisten lockten:

"Zusammenarbeit nennen sie das. Die Gefangenen sollen einen Bekannten verraten. Nicht nur das, sie sollen auch noch das Treffen mit ihm organisieren. Er wird dann auch gefangen genommen. Als Gegenleistung wird der Verräter dann weniger geschlagen, bekommt mehr zu essen, oder darf nachts ohne gefesselte Hände schlafen."

Unüberprüfbare Berichte

Dmitrij geriet in die Hände der Separatisten, weil er aktiv für eine einige Ukraine und eine Anbindung seines Landes an die Europäische Union eintrat. Wo genau er sich engagierte, will er nicht öffentlich sagen. Ebenso wenig, wie er letztendlich frei kam.

Sein Bericht lässt sich nicht überprüfen, er deckt sich jedoch mit dem, was andere ehemalige Gefangene berichten. Der evangelische Pfarrer Serhij Kosjak veröffentlichte Fotos von sich, nachdem er aus dem besetzten Gebäude der Bezirksverwaltung in Donezk frei kam. Sein Rücken ist mit Striemen übersät, seine Arme voller Blutergüsse. Er hatte an einem Friedensgebet teilgenommen, das die Separatisten als gegen sich gerichtet empfanden.

Über 100 Gefangene in Händen der Separatisten

Erschütternd ist auch der Bericht der Fotoreporterin Milana, die 14 Tage unfreiwillig in der Donezker Bezirksverwaltung verbrachte - mit nach Schätzungen bis zu 80 weiteren Gefangenen. Bei den Befragungen schlugen die Separatisten sie ins Gesicht, mit dem Gewehrkolben auf den Kopf und in den Magen. Sie wollten wissen, warum sie im Februar an den Demonstrationen auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz teilgenommen hatte. An einem Tag brachten die Separatisten sie in den Wald, ließen sie auf den Boden knien und ein Gebet sprechen. Sie setzten ihr eine Maschinenpistole an den Kopf, schossen dann aber nur in die Luft.

Milana berichtet auch von Gefangenen, die die Folterungen möglicherweise nicht überlebten. Ein Junge habe offenbar innere Verletzungen gehabt, er sei fortgebracht worden und nicht wieder aufgetaucht. Nach zwei Wochen setzten ihre Peiniger sie in der Nähe von Donezk an einer Straße ab.

Insgesamt befinden sich über 100 Gefangene in den Bezirken Donezk und Lugansk in den Händen der Separatisten, unter ihnen viele ukrainische Lokalpolitiker, Journalisten und Geschäftsleute.

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