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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 16.03.2014

UgandaMut ist, zu geben, wenn alle nehmen

Über unseren Lebensstil und die Hilfe für Afrika

Von Joachim Opahle

Markt in Uganda (dpa / picture alliance / Yannick Tylle)
Markt in Uganda (dpa / picture alliance / Yannick Tylle)

Die Karamajong im Nordosten Ugandas sind Halbnomaden und haben viele Probleme: Seit Jahren bleibt der Regen aus, die Rinder- und Ziegenherden werden kleiner, die Kindersterblichkeit ist viel zu hoch. Ein Misereor-Projekt hilft den Karamajong seit mehr als einem Jahrzehnt - und es trägt Früchte.

[Gesang] So klingt es, wenn in Afrika Gäste begrüßt werden. Seit Stunden haben die Frauen und Mädchen auf der staubigen Flugpiste auf die Besucher aus Deutschland gewartet. Eine Delegation aus Berlin hat sich angekündigt, um in dem afrikanischen Land am Äquator Partnerprojekte der kirchlichen Entwicklungshilfe zu besuchen. Die deutschen Gäste sind beeindruckt vom nicht enden wollenden Willkommenstanz der Afrikanerinnen, bei 30 Grad im Schatten.

Der Nordosten Ugandas gehört zu den verlassensten Gegenden der Erde. Hier leben die Karamajong, ursprünglich waren sie als Hirten mit ihren Herden auf der Wanderschaft, heute sind sie Halbnomaden. Die Frauen und Kinder leben in Kraaldörfen, runden Hütten aus Lehm und Stroh. Die Männer und älteren Söhne sind teils über Tage und Wochen mit ihren Herden unterwegs. Auf den ersten Blick wirkt dieser Alltag idyllisch. Aber die Probleme sind trotzdem groß. Seit Jahren bleibt im Sommer der Regen aus, die Rinder- und Ziegenherden werden immer kleiner, die Kindersterblichkeit ist viel zu hoch, Krankheiten wie Malaria fordern viele Opfer. Die Kirche vor Ort versucht, mit Entwicklungsprogrammen etwas dagegen zu setzen: Wichtig ist vor allem ein besseres Wassermanagement.

Nach einstündiger Fahrt durch die staubige Savanne gelangen wir zu einem Dorf. Auch hier gibt es einen Begrüßungssong. Wir besichtigen ein Gartenprojekt. Mit Hilfe von Spendenmitteln aus Deutschland wurde hier ein großer steinerner Wassertank gebaut. Gefüllt in der Regenzeit, erlaubt er, während der trockenen Monate die Gemüsepflanzen zu gießen, die hier angebaut werden. Die Dorfgemeinschaften sind dann nicht mehr allein auf den Hirsebrei angewiesen, der üblicherweise die einzige Mahlzeit am Tag darstellt. Jan Kalixto, der Dorfälteste, begrüßt die Gäste aus Deutschland:

"Ich freue mich, Ihnen unseren Gemüsegarten vorstellen zu dürfen. Wir waren eine der ersten Gruppen, die mit dem Wassertank-Projekt angefangen haben. Früher hatten wir in der Trockenzeit nicht genug zu essen. Jetzt fangen wir das Wasser auf und können in dem trockenen Monaten damit Gemüse produzieren."

Zwiebeln, Paprika, Kartoffeln und Peperoni wachsen auf dem etwa 500 Quadratemeter großen Gartengrundstück. Eine willkommene Bereicherung auf dem Speiseplan. Und manches können die Frauen sogar auf dem Markt in Kotido, der Provinzhauptstadt, zum Kauf anbieten.

Ein Junge sitzt verträumt vor seinem Laden auf der Hauptstraße und spielt auf einem selbstgebastelten Instrument. Er wartet auf Kundschaft, denn heute ist Markt in Kotido, alles Mögliche wird zum Kauf angeboten: etwas Obst und Gemüse, Nüsse, getrockneter Fisch, Kekse und Tabak. In kleinen Werkstätten nähen Frauen Kleider und Hosen, Frauen und Kinder schichten selbst hergestellte Holzkohle auf zu kleinen Portionen.

Zwei Mal pro Woche kommt ein Lehrer

Das Angebot täuscht ein wenig darüber hinweg, dass hier eigentlich große Armut herrscht. Die Karamojong-Familien im nördlichen Uganda leiden an den Umbrüchen der vergangenen Jahrzehnte. Unter dem Diktator Idi Amin gab es bewaffnete Auseinandersetzungen und marodierende Söldnertruppen. Jetzt bringt der Klimawandel mit langen Trockenzeiten neue Probleme. Klar ist, dass sich etwas ändern muss. Deshalb setzt man verstärkt auf Bildung. Die katholische Kirche vor Ort hat Alphabetisierungsprogramme aufgelegt, ein vielfach bewährter Weg, um der ländlichen Bevölkerung einen Zugang zu einem besseren Lebensstandard zu eröffnen. Zwei Mal pro Woche kommt ein Lehrer vorbei. Dann versammeln sich die Bewohner des Dorfes im Schatten eines großen Baumes. Der Lehrer klappt seine mobile Tafel auf, nimmt die Kreide zur Hand und dann werden neue Wörter gelernt und durchdekliniert. Heute steht das Wort UKURRUT auf dem Programm, auf deutsch soviel wie: Magenverstimmung.

Wer es fehlerlos schafft, darf sich über den Applaus der anderen freuen. Rose Lokiru ist vor Ort verantwortlich für die Organisation des wöchentlichen Unterrichts, eine resolute Frau im mittleren Alter, früher arbeitete sie als Krankschwester:

"Die Analphabetenquote ist sehr hoch. Nur zwölf Prozent besuchen die Schule. Wir sind also überzeugt: Jede Entwicklung beginnt mit Ausbildung. Und wir haben uns auf die Frauen konzentriert. Denn unsere Gesellschaft ist von Männern dominiert, aber die Männer tun zu wenig, alles überlassen sie den Frauen, Essen besorgen, Familie zusammenhalten, während die Männer alle Aufmerksamkeit ihren Herden widmen. Deswegen haben wir uns auf die Not der Frauen konzentriert, sie erdulden viel."

Die Mitarbeitern des Caritasbüros in Kotido ist überzeugt: Um Dinge zum Besseren zu verändern, muss man bei den Frauen anfangen.

"Der Mentalitätswandel geht nur langsam voran, aber es wird schon, es ist in Bewegung. Die Frauen verstehen es schneller als die Männer. Sie merken, die Lebensqualität erhöht sich, wenn man Nahrung zurücklegt für die Hungerzeiten, dass man nicht alles sofort aufisst. Ich bin sehr optimistisch, dass mit der Zeit der wirtschaftliche Aufschwung auch die Menschen verändert. Früher wurden die Menschen hier fast schon wie in einem Menschenzoo behandelt. Es war unüblich, ihr Stammesgebiet zu betreten, wer hier herkommen wollte, brauchte eine extra Erlaubnis von der Regierung, man musst sich impfen lassen usw. Jetzt ist alles offen, es gibt Bewegungsfreiheit, Leute aus der Stadt kommen her, es gibt Handel, die Leute haben gelernt, dass sie ihre Kühe verkaufen können und damit Geld verdienen. Die Dinge werden sich mit der Zeit noch mehr zum Bessern wandeln."

Ohne Hilfe aus dem Ausland könnten die Entwicklungsprojekte in Uganda auf Dauer nicht finanziert werden. Misereor, das bischöfliche Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland fördert weltweit tausende von Einzelprojekten: In Bangladesch kämpft man gegen unwürdige Arbeitsbedingungen in der Textilbranche, in Elfenbeinküste gegen die Kinderarbeit auf Kakaoplantagen, in Brasilien gegen sklavenähnliche Verhältnisse auf den Zuckerrohrfeldern. In Uganda hilft Misereor wie überall nur indirekt. Das heißt, man kommt nicht mit fertigen europäischen Rezepten, sondern es geht um Hilfe zur Selbsthilfe, wie die Afrikaexpertin von Misereor, Cora Laes-Fettback erläutert:

"Wir unterstützen Projekte unserer Partner, hier in diesem Fall die Diözese Kotido. Hier in der Diözese wurde festgestellt, dass es viele Erwachsene gibt, die keine Möglichkeiten hatten, zur Schule zu gehen, als sie Kinder waren, und früher haben die Menschen das nicht unbedingt gebraucht, da sind sie einfach mit ihren Herden umhergezogen, und es reichte aus, wenn sie wussten, was eine Kuh braucht, was eine Ziege braucht, aber jetzt, mit fortschreitender Entwicklung ist es auch für diese Menschen wichtig, dass sie lesen und schreiben können."

Jetzt sieht man langsam die Erfolge

Entwicklungsarbeit heißt in erster Linie: Geduld haben und einen langen Atem, denn Veränderungen gehen langsam. Für die Hilfswerke ist es nicht immer leicht, bei den Spendern für nachhaltige Projekte zu werben, zeigt doch die Erfahrung, dass Spenden immer dann besonders sprudeln, wenn Bilder von Katastrophen ins heimische Wohnzimmer flimmern:

"Ja, das ist schon ein Problem, weil das, was die Leute hier machen, das dauert Jahre; das Projekt hat angefangen 2001/2002. Und jetzt sieht man langsam die Erfolge, und nicht jeder Spender kann das so nachvollziehen, dass der Erfolg nicht von heute auf morgen sichtbar werden kann."

Manchmal bekommen die Entwicklungsexperten auch zu hören, Afrika sei ohnehin ein verlorener Kontinent. Zuviel und zu lange schon habe man Geld gegeben, ohne dass sich die Probleme nennenswert lösen ließen. Cora Laes-Fettback weist solche Argumente zurück:

"Alleine was man hier sehen kann, was das Projekt erreicht hat in dieser Zeit, o.k., das mag lange erscheinen, aber Entwicklung dauert auch lange, bei uns hat sie Jahrhunderte gedauert, und hier erwartet man von den Menschen, dass sie in zwei Jahren sich komplett ändern. Also ich würde alle Menschen, die dieser Meinung sind, gerne mal einladen, hierher nach Karamoja zu kommen, und anzugucken, was die Menschen erreicht haben."

"Mut ist, zu geben, wenn alle nehmen", unter diesem Motto geht das katholische Hilfswerk Misereor in diesem Frühjahr bundesweit in die Öffentlichkeit. Mit Großplakaten will man Aufmerksamkeit wecken für Hunger und Armut in den Ländern des Südens. Zugleich will Misereor hierzulande werben für eine Kultur des Maßhaltens und für gerechtere Handelsstrukturen. Misereor -Mitarbeiter Gottfried Baumann erläutert die Hintergründe der diesjährigen Spendenkampagne:

"Weil wir zum einen das Thema Hunger bearbeiten wollen, weil 842 Millionen Menschen auf der Welt leiden Hunger, das geht nicht weiter so, das ist zuviel. Und auf der anderen Seite wissen wir auch: Wir alle verbrauchen in den Ländern des Nordens sehr viel Ressourcen, viel mehr als die Erde hergibt, und deshalb glauben wir, dass man den Hunger auch nur bekämpfen kann, wenn wir selber auch über unseren eigenen Lebensstil nachdenken. Wenn alle nur nehmen wollen, raffen, konsumieren wollen, dann kann das so nicht weitergehen und wir müssen auch bei uns umdenken."

Uganda wurde in diesem Jahr von Misereor als Beispielland ausgewählt, weil hier in ein und demselben Land exemplarisch verschiedene Problemlagen dargestellt werden können:

"In Uganda gibt es eine spannende Situation: Da ist auf der einen Seite der sehr benachteiligte Norden, der vergessen ist von der Regierung und von allen anderen, wo die Menschen wirklich Hunger haben, Hunger leiden, und wo Kinder mit aufgeblähten Bäuchen sich nicht satt essen können. Und auf der anderen Seite gibt es in Uganda im Süden ein tropisches Klima, da können sie zweimal im Jahr ernten, aber da gibt es einen wahnsinnigen Druck auf die einfache Bevölkerung, auf die kleinen Bauern, die bisher dort gesiedelt haben, einen wahnsinnigen Druck, dass Investoren das fruchtbare Land aufkaufen und auch da wieder die ärmeren an den Rand gedrängt werden, mit immer weniger auskommen müssen, weniger Land. Und da muss ein Umdenken stattfinden: wir glauben, dass man auch auf weniger Land leben und wirtschaften kann, und deshalb ist Misereor hingegangen, mit Projektpartnern vor Ort, zu überlegen, eine andere Landwirtschaft zu betreiben, dass auch diese Kleinbauern täglich satt werden können."

Wer sich einmischt in die Welthandelspolitik und eingreifen will in das Räderwerk der globalen Strukturen, muss mit Widerstand rechnen. In den Ländern des Südens gibt es Investoren, die Land aufkaufen, es gibt Saatgutkonzerne, die ihre Waren absetzen wollen, es gibt Hersteller und Händler, und nicht zuletzt gibt es hierzulande die Verbraucher, die unablässig nach Schnäppchen rufen. So mancher Kleinbauer in Afrika droht dabei auf der Strecke zu bleiben. Und es ist mühsam, etwas gegen die Interessen von Investoren und Politikern zu erreichen. Aber der Kampf ist nicht aussichtslos.

Auch hierzulande melden sich immer wieder kritische Verbraucher zu Wort. Sie fordern ein Umdenken in der Landwirtschaft, weniger Gewinnmaximierung um jeden Preis, weniger industrielle Massenproduktion von Lebensmitteln, gerechte Handelswege und gesündere Herstellungsmethoden. Im Frühjahr sammelten sich anlässlich der Grünen Woche in Berlin Tausende zu einer Großkundgebung vor dem Kanzleramt, um für eine bessere Agrarpolitik zu demonstrieren. Auch Misereor rief dazu auf, mitzumarschieren. Unter dem Motto „Wir haben die Agrarindustrie satt!“ forderten mehr als 30.000 Demonstranten einen naturverträglicheren Kurs in der Lebensmittelindustrie.

Wo bleiben Menschen auf der Strecke?

Gottfried Baumann ist überzeugt davon, dass ein kirchliches Hilfswerk wie Misereor heute nicht mehr nur zuschauen kann, wenn es um politische Weichenstellungen geht:

"Wir müssen immer politischer werden, weil es immer schwieriger wird, weil es im Zuge der Globalisierung immer schwierigere Zusammenhänge gibt; und wir müssen immer mehr uns einmischen, nicht nur Misereor, sondern eigentlich wir alle, und danach gucken, wo bleiben Menschen auf der Strecke links und rechts, nur weil wir alle einer Herde hinterher galoppieren....das kann so nicht weitergehen, die Benachteiligten sollten genauso gut am Leben teilhaben wie alle andern auch. Und wenn es dazu nötig ist, politisch zu sein, dann müssen wir natürlich politisch werden."

Fast eine Milliarde Menschen weltweit haben ständig Hunger. Satt zu sein ist für sie ein unerfüllbarer Traum. Zugleich werden hierzulande täglich viele Tonnen Lebensmittel weggeworfen, weil sie unseren Ansprüchen nicht genügen. Aber niemand muss dieser Entwicklung tatenlos zusehen. Jeder, der etwas tun will, kann sich einbringen, sagt Misereor -Experte Gottfried Baumann:

"Man kann verschiedenes tun: auf der einen Seite etwas geben, damit über Hilfsmaßnahmen Menschen die Hungern satt werden können, und zwar jeden Tag und nicht nur einmal die Woche oder zweimal die Woche, und auf der anderen Seite kann man auch selber etwas tun, zum Beispiel mit Politikern ins Gespräch kommen: Wir brauchen eine andere Politik, eine Politik, die Benachteiligte nicht ausschließt, und da kann ich mich auch dafür einsetzen. Und last but not least kann ich auch selbst sagen, ich will fair gehandelte Produkte kaufen, muss ich jeden Tag Fleisch essen, oder reicht es nicht einmal oder zweimal die Woche, und dann kann ich auch auf regional oder fair gehandelte Produkte zurückgreifen, die auf den ersten Blick vielleicht teurer sein mögen, aber auf der anderen Seite auch eine ganz andere Qualität für Menschen und Tier garantieren."

Die Frauen im afrikanischen Kotido haben bereits erkannt, dass sie etwas tun müssen, um ihr Leben zu verbessern. Sie nehmen am Unterricht teil, bauen Gemüse an, schützen sich vor Krankheiten und sind trotz ihrer vielfältigen Probleme ungemein gastfreundlich. Als die Delegation aus Deutschland Abschied nimmt, überreichen sie als Gastgeschenk ein lebendes Huhn und dann singen und tanzen die Frauen wieder mit einer Fröhlichkeit, die man hierzulande selten findet.

Verwendete Musik: Masithi Singers, 2000 Missio Verlagsgesellschaft München, BestNr. 1859

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