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Profil / Archiv | Beitrag vom 19.01.2012

Überzeugend und extrem wandelbar

Porträt der Schauspielerin Alina Levshin

Von Camilla Hildebrandt

Alina Levshin posiert mit ihrem mit 5000 Euro dotierten Förderpreis Deutscher Film in der Kategorie "Schauspiel Weiblich" für den Film "Kriegerin". (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)
Alina Levshin posiert mit ihrem mit 5000 Euro dotierten Förderpreis Deutscher Film in der Kategorie "Schauspiel Weiblich" für den Film "Kriegerin". (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)

Beim 35. Sao Paulo International Filmfestival "Mostra" wurde sie 2011 als "Beste Hauptdarstellerin” ausgezeichnet: die junge deutsch-russische Schauspielerin Alina Levshin, 26. Ihre Rolle als brutale Rechtsradikale in "Kriegerin" überzeugte auch die Jury des Förderpreises Deutscher Film. Die lobte ihre "atemberaubende Wandelbarkeit".

Ausrasierte Haare, oben raspelkurz, hinten lang, Nazi-Tätowierungen auf Schultern und Bauch, Kettenraucherin, brutal und fast ohne Skrupel – so hat man Alina Levshin nach dem Film "Kriegerin" in Erinnerung.

Filmszene "Kriegerin": "Das ist Deutschland Mann, verpiss dich!"

Natürlich war es nur eine Rolle. Aber der Unterschied zu der jungen Frau im Hotelzimmer, mit den weichen Gesichtszügen und der zarten Erscheinung, ist beeindruckend. Alina Levshin wirkt wie eine Tänzerin. So hat es ja auch ja angefangen, meint sie. Im Kinderensemble des Berliner Friedrichstadtpalastes.

"Das Kinderensemble ist auch eine kleine Revue, die Kinder studieren eine Geschichte ein, es gibt die Tänzer, die Ballett machen und die Sprecher, die führen durch das Programm. Das ist praktisch wie ein Theaterstück mit verschiedenen Rollen."

Mit sechs stand sie dort zum ersten Mal auf der Bühne. Ein spannendes Erlebnis, erinnert sich Levshin. Aber mindestens genauso aufregend wie die neue Kultur, in die sie sich sehr schnell einlebte. Denn erst kurze Zeit vorher war sie mit ihren Eltern von ihrer Geburtsstadt Odessa in der Ukraine nach Berlin gezogen.

"Meine Eltern waren noch ziemlich jung, mit 22 hat man noch nicht so viel verstanden und nicht so viel gesehen von der Welt, und ich glaube, das war auch ein Anliegen meines Vaters, mal rauszugehen und zu gucken, was ist da noch. Man hat ja eh immer das Gefühl, woanders ist es besser."

"Man akzeptiert das so als Kind, man denkt nicht: wie war das denn da, und wie wird das dort sein. Sondern man ist im Hier und Jetzt. Und man ist zufrieden."

Fast zehn Jahre ist Alina Levshin Mitglied im Kinderensemble. Dort merkt sie schon als Jugendliche, dass die Bühne für sie nicht nur ein außergewöhnliches Hobby ist.

"Ich weiß nicht, es war einfach ein Gefühl, ich wusste: Etwas Darstellen ist es auf jeden Fall. Aber Tanz ist es nicht nur, mit dem Körper sich auszudrücken, das war das Hauptanliegen. Und die Sprache kam dann dazu als Bedürfnis, das ist ja sozusagen auch die Krönung, dass man was sagt."

Nach dem Abitur, 2006, steht für die heute 26-Jährige fest: Sie will Schauspiel studieren, an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam. Schon während des Studiums übernimmt Alina Levshin Film- und Theaterrollen, und 2010 schließlich tritt der Regisseur David Wnendt an sie heran, mit dem Angebot die junge Marisa in seinem Film "Kriegerin" zu spielen.

Filmszene aus "Kriegerin", im Supermarkt:
(Gespräch in Afghanisch)...
"Geht das hier noch weiter...oder machen Sie noch ne Kasse auf?"
"Was ist denn hier los?"
"So was bedien ich nicht!"
"Geh, mach mal 'ne Pause."

Marisa ist 20, überzeugtes Mitglied einer rechtsextremen Clique in einer ostdeutschen Kleinstadt. Ihre Mutter nimmt kaum Notiz von ihr, ihr innig geliebter Großvater liegt im Sterben. Marisa schlägt zu, wenn ihr jemand dumm kommt. Vor allem, wenn es Ausländer sind. Denn die sind schuld an ihrem trostlosen Leben.

Filmszene:
"Schnauze! Was glotzt du so, geh zurück in deine Höhle..."

Alina Levshin lässt Marisas Leben so authentisch erscheinen, dass der Film beim Zuschauen weh tut.

Als sie das Drehbuch gelesen hat, erinnert sich die Schauspielerin, konnte sie sich nur schwer vorstellen, wie Menschen so viel Hass entwickeln können. Selbst Erfahrungen mit Rechtsextremen habe sie nie gemacht. Aber im Rahmen ihrer Recherche hat Levshin - zusammen mit dem Regisseur - eine Rechtsradikale getroffen, Mutter zweier Kinder. Ein erschreckendes Erlebnis.

"Hass ist das Schlimmste. Ich finde, das wichtigste und essenziellste Gefühl bei uns Menschen ist die Liebe, und darauf ist alles aufgebaut. Das heißt, wenn man Hass empfindet, dann muss etwas komplett schief gelaufen sein. Ich glaube, das sind Menschen, die so verletzt worden sind in ihrer Vergangenheit, so frustriert, so keine Lösung mehr sehen, dass sie nur noch einen Ausweg sehen: Gewalt und Hass. Diese Menschen brauchen eher Hilfe, als dass man sie ausschließt und sagt, ihr seid verrückt."

Für Marisa gibt es im Film tatsächlich die Wende. Nachdem sie zwei afghanische Asylbewerber mit dem Auto angefahren hat, fühlt sie plötzlich etwas Neues: Mitleid. Und sehr langsam beginnt sie ihre eigene Haltung im Frage zu stellen.

Filmszene:
"Du bist wie ich, ich hab immer gedacht: das muss sich ändern, das muss passieren, dann..., dann kann ich richtig leben, dabei zerrinnt dir das Leben zwischen den Fingern...!"

Alina Levshin: "Dadurch, dass man einen Film darüber macht, ist es auch ein Statement, man sagt,okay Leute, das gibt es alles, es ist nicht erfunden, das Wichtigste ist, dass man sich das nicht anschaut und denkt: Okay, jetzt hab ich drüber nachgedacht und jetzt ist es okay, sondern, dass man die Möglichkeit nutzt, auch wenn man nur eine Einzelperson ist, dass man etwas tut, dass man vielleicht etwas anderes anstößt damit."

Mit Kindern und Jugendlichen in der Schule über Rechtsradikalismus und seine Ursachen zu sprechen, das wäre zum Beispiel ein Weg, meint Levshin.

Für sie ein sehr wichtiges Thema. Vielleicht jetzt mehr denn je, denn Alina Levshin und ihr Freund haben im Dezember 2011 ihr erstes Kind bekommen.

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