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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.12.2007

Überwältigung statt Argumentation

Paul Virilio: "Panische Stadt". Passagen Verlag. Wien 2007. 150 S.

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Städte sind heute nach Paul Virilio ein Ort der Zersetzung. (Stock.XCHNG / Martin Simonis)
Städte sind heute nach Paul Virilio ein Ort der Zersetzung. (Stock.XCHNG / Martin Simonis)

Etwas Furchtbares ist passiert. Es hat Paul Virilio aufgeregt zur Tastatur greifen lassen. Der Philosoph der Beschleunigung denkt und schreibt natürlich beschleunigt. Die Sache ist wichtig, lebenswichtig für jedermann, für die ganze Menschheit! Die Welt muss wissen, was ihr nicht etwa blüht, sondern sich schon ereignet hat! "Panische Stadt" heißt der schmale Band. Ein in jeder Hinsicht passender Titel.

Was Virilio in den Aufsätzen "Tabula rasa", "Die Demokratie der Emotion", "Kriegstrasse", "Zeitunfall", "Panische Stadt" und "Ortsdämmerung" genau behandelt, ist nur mit Schwierigkeiten zu erkennen. Immer aber schreibt er über die Städte, die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zum Kriegsschauplatz geworden seien. Ein neuer Terrorismus, der die Echtzeitberichterstattung der Medien als Waffe nutze, aber auch Globalisierung, Neokolonialismus, neue Formen von Kriegen und noch einiges mehr bewirkten, so Virilio, eine "Verkehrung der Perspektive", die "das Leben auf den Kopf stellt": "DAS ANDERSWO BEGINNT HIER", lautet der Untertitel der französischen Originalausgabe von 2004. Der Satz steht in alarmierenden Großbuchstaben am Ende von "Panische Stadt". Ein schönes und ganz schön dramatisches Ende.

Allerdings wüsste man doch gern mehr von diesem "Anderswo", zumal sich Virilio als Zeitdiagnostiker versteht. Doch die Eigenschaften des "Anderswo" muss man sich bei ihm zusammensuchen. Er umkreist das Neue immer wieder aufs Neue und formuliert es immer wieder anders: als Gegenwart, nein: als "GEGENWART", die die Oberhand gewinne über "VERGANGENHEIT" und "ZUKUNFT", als Informationskrieg, der die früheren, mit Masse und Energie geführten ablöse. Die Realzeit, heißt es, benötige keinen realen Raum, "reine Präsentierung" ersetze die politische "Re-Präsentierung", "Exo-" die "Endokolonisierung".

Und dann gibt es noch das "Schlüsselphänomen der Umkehrung von INNEN und AUSSEN": Die Geopolitik der Nationalstaaten verschwinde zugunsten einer "Metropolitik", die politische zugunsten einer "TRANSPOLITISCHEN Ära", der Einschluss werde vom Ausschluss abgelöst und das sei - man ahnt, was nun folgt: - "der Abschluss hic et nunc unserer Geschichte".

Das klingt alles nicht unbekannt, aber doch recht wolkig und zugleich alarmistisch? Präziser geht es leider nicht, schon diese Aufzählung dürfte Virilio zu konkret sein. Er entwickelt nichts, er bildet - Häufchen. Behauptungen, Anekdoten und Zitate aus Kunst und Politik ("Hören wir, was einer der Hohepriester des Fortschritts, Al Gore, ehemals Vize-Präsident der USA ( ... ), uns über diesen Gegenstand zu sagen hat") reihen sich unvermittelt aneinander. Thesen fehlen nicht, es gibt sie überreichlich. Es fehlt ihre diskursive Entwicklung: Virilio spart die Argumente aus.

Im Französischen mag das wunderbar klingen, im Deutschen klappert es vernehmlich. Das Prinzip der Texte ist die Überwältigung durch die schrecklichen, allumfassenden und unausweichlichen Konsequenzen einer bereits eingetretenen Gegenwart. Der Leser soll nicht nachdenken, dazu ist es ja eh zu spät. Er muss und soll glauben.

Daher ist Virilios bevorzugte Redefigur der Dreischritt, an dessen Ende die ultimative Klimax, die Endzeit, die Apokalypse steht. Am Anfang des Dreischritts finden sich, erstaunlich für einen in der poststrukturalistischen Tradition stehenden Philosophen, Substanzbegriffe wie Wirklichkeit, Wahrheit, Seele. Paul Virilio schreibt politisch-lyrische Theologie. Eine Offenbarung aber ist sein Buch nicht.

Rezensiert von Jörg Plath

Paul Virilio: Panische Stadt
Aus dem Französischen von Maximilian Probst
Passagen Verlag. Wien 2007
150 S., 19,90 EUR

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