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Zeitfragen | Beitrag vom 17.12.2018

Überschritten – jetzt Gefahr!Der Mythos vom unbestreitbaren Grenzwert

Von Florian Felix Weyh

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Feinstaubmessstation an der Schwarzwaldstrasse in Freiburg (picture alliance / dpa / Winfried Rothermel)
Messstation für Feinstaub: Sind Grenzwerte nicht eigentlich ein Kampf­platz von Weltanschauungen? (picture alliance / dpa / Winfried Rothermel)

Längst wird unsere Welt durch Grenzwerte bestimmt, ob beim Feinstaub auf der Straße, beim Vibrationsschutz der Motorsäge oder Lärm am Arbeitsplatz. Doch wie werden diese eigentlich festgelegt? Und wie lässt sich das "Grenzwert-Regime" ethisch bewerten?

Hörerin! Hörer! Weißt du, was einem Journalisten die größten Bauchschmerzen bereitet? Wenn er jedem seiner Gesprächspartner gleichermaßen glaubt. Obwohl sie sich widersprechen.

Peter Wiedemann: "Es gibt im Grunde genommen kein klares Prinzip, das ähnlich wie eine Rechenaufgabe durchgerechnet werden kann, und wo Sie am Schluss sagen können, hier kommt raus: Dieser Grenzwert ist akzeptabel und jener nicht!"

Jürgen Resch: "Wenn das Umweltbundesamt zum Ergebnis kommt, nach einer zehnmonatigen Prüfung, dass die Zahl 800.000 jährliche Neuerkrankungen stimmt, infolge von Stickstoffdioxyd. Ja, dann muss man sich ja überlegen, ob man nicht dann, wie das Umweltbundesamt implizit vorgeschlagen hat, ob die 40 Mikro­gramm nicht da ein bisschen zu hoch sind?"

Dieter Köhler: "Wenn man die Grenzwerte zu weit runterschraubt, an einen Punkt, wo sie definitiv ungefährlich sind, dann entstehen eben Schäden an anderer Stelle. Und im Sinne der Ver­teilungsgerechtigkeit ist das ethisch problematisch. Kaum einer korrigiert einen solchen Missstand, und die Forscher schon gar nicht!"

Du, Hörerin, Hörer, bist kein Forscher, keine Wissenschaftlerin, kein Experte. Genauso wenig wie ich. Dein Begriff von Risiko ist verschwommen, dein Vertrauen in die Vernunft des Staates wechselhaft. Dennoch musst du ihm vertrauen, denn die meisten Gefahren sind unsichtbar und individuell unabschätzbar. Wenn Leute, die es besser wissen, dich davor schützen, ist das gut.

Grenzwerte: ein "zentrales Konzept der Industriegesellschaft"

So kaufst du eines Samstags im Baumarkt einen kabellosen Motorfuchsschwanz. Für den Obstbaumschnitt im Garten.

Du kannst dir damit die Hand absägen. Das unterliegt deiner Verantwortung. Aber der Staat nimmt seine Verantwortung dir gegenüber sehr ernst.

"Vibrationsgesamtmesswertermittlung gemäß EN60745. Brett schneiden: Vibrationsemissionswert ahB= 6.077m/s2, Unsicherheit K=1,5m/s2. Wird dieses Werkzeug nicht angemessen gehandhabt, kann es zum Auftreten des Hand-Arm-Vibrationssyndroms kommen."

Hamburg: Ein Fahrverbotsschild für Fahrzeuge mit Diesel-Motor bis Euro5 steht an der Max-Brauer-Allee (Aufnahme mit Drohne). (Daniel Bockwoldt/dpa)Schutz vor Abgasen durch Diesel-Fahrverbot? - Grenzwerte sind ein Instrument präventiver Politik. (Daniel Bockwoldt/dpa)
Es gibt – auch wenn es sprachlich erstaunt – "Vibrationsemissionen", die dich in deinem Leben als Schrebergärtner möglicherweise ereilen. Dann aber bleibst du dank einer entsprechenden EU-Norm von Spätfolgen überambitionierter Gartenarbeit verschont. Solange du nicht an dir selber sägst.

Das Steuerungsinstrument solch staatlicher Fürsorge heißt Grenzwert. Grenzwerte sind überall. Ohne Grenzwerte geht gar nichts.

Beat Bächi: "Für den Kapitalismus ist das ein wirklich zentrales Konzept. Also nicht nur für den Kapitalismus, aber einfach für die Industriegesellschaft."

Grenzwerte als Kampfplatz von Weltanschauungen

"Grenzwertfestlegungen gehören in den allgemeineren Kontext einer präventiven Politik."

Niklas Luhmann.

"Grenzwerte sind keine Zwecke. Man will nicht sie selbst, sondern mit ihrer Hilfe etwas anderes erreichen. Aber was?"
 
Gunter Dueck: "Ja gut, das muss man halt definieren."

Der Mathematiker Gunter Dueck spricht am 2015 bei der Internetkonferenz Re:publica in Berlin. (Britta Pedersen/ dpa)Die Festlegung von Grenzwerten können hohe Kosten verursachen, meint Mathematiker Gunter Dueck. (Britta Pedersen/ dpa)
Ist es nicht so, liebe Hörerin, lieber Hörer, dass dir manchmal die Komplexität der Welt das Gefühl vermittelt, etwas passiere, ohne dass du es wirklich begreifst? So ergeht es mir mit den Grenzwerten. Natürlich ist der Schutz vor Vibrationen bei mei­ner Elektrosäge eine Petitesse. Doch was ist mit Acryla­mid in Pommes Frites und Keksen, Nitrat im Trinkwasser, Quecksilber in Fischfilets? Mit Benzol, Formaldehyd, Pestiziden? Mit Feinstaub, Radioaktivität, Lärm und so vielem mehr? Alles unterliegt dem Grenzwert-Regime.

Sind Grenzwerte nicht eigentlich ein Kampf­platz von Weltanschauungen?

"Ja klar! Gute Beispiele sind jetzt in der Medizin. Da gibt es ja diese ganze Cholesterin-Geschichte, seit Jahrzehnten: Also, wann ist mein Cholesterin schädlich und wann ist es unbedenklich? Das gibt es bei Zuckerwerten und so weiter alles auch. Und da hängt natürlich, das ist am leichtesten zu erklären jetzt, da hängt eine ganze Industrie dahinter", meint Gunter Dueck, habilitierter Mathematiker, Ex-IBM-Manager, Kolumnist.

Als solcher hat er 2011 eine originelle Grenz­­wert-Glosse publiziert. "2011" klingt lange her. Doch vieles von dem, was ich in Bibliotheken zusammentrage, ist noch älter, denn interdisziplinäre Debatten über Grenzwerte und ihre Folgen sind selten. Wann und von wem wohl – Hörerin, Hörer – wurden folgende Zeilen niedergeschrie­ben?

"Eine Neuregelung teilt die Welt der Motoren in solche, die Abgasnormen er­fül­len, und solche, die sie nicht erfüllen. Sie diskriminiert also Produkte, die mit erheblichem Kostenaufwand entwickelt worden sind. Die regulierende Instanz kann nicht behaupten, das nicht gewusst zu haben, denn das liefe auf die Behauptung der eigenen Inkompetenz hinaus. Grenzwertfestlegung ist diskriminieren­de Politik, sie bevorzugt und benachteiligt Firmen."

Niklas Luhmann, der Vater der soziologischen Systemtheorie, schrieb das vor 21 Jahren – in einem Aufsatz voller typischer Luhmann-Sätze: "Grenzwerte existieren nur durch Kommunikation."

Prozess der Wertermittlung als kom­munikativer Akt

"Das ist bei Luhmann bei allem so, ja! Alles, was die Gesellschaft ausmacht, ist die Gesamtheit der anschlussfähigen Kommunikation", kommentiert der Schweizer Historiker Beat Bächi, der in Bielefeld – allerdings lan­ge nach dem Tode des großen Soziologen – die historisch erste Grenzwer­tfest­setzung in Deutsch­land untersucht hat, bei den sogenannten MAK-Werten, der "maximalen Arbeitsplatzkonzentration" belastender Stoffe.

Schon in den 1950er-Jahren verlief der Prozess der Wertermittlung als kom­munikativer Akt zwischen Wissenschaftlern – wie es Niklas Luhmann bezeichnen würde. Doch er war so klandestin, dass erst spätere Historiker Einsicht nehmen konnten. Ähnliches gilt auch heute noch und rechtfertigt den Protest der Betroffenen von Grenzwerten – also von uns allen. Der habilitierte Psychologe Peter Wiedemann erläutert das Argument:

"Wenn Sie jetzt zum Beispiel einen berühmten Ethiker heranziehen, den Nida-Rümelin aus München, der würde dann auch sagen: Es gibt ein Autonomierecht. Das heißt, jeder muss das für sich entscheiden können. Demzufolge müsste jeder einbezogen werden."

Wiedemann hat sich über lange Jahre hinweg mit der Kom­munikation von Risiken beschäftigt, und das im nicht eben unumstrittenen Bereich der Atomkraft.

Peter Wiedemann: "Das bedeutet aber, dass Sie eigentlich ständig und immer Diskussionen über Grenzwerte hätten. Und dies ist politisch nicht praktisch."

Sind sie festgelegt, "gilt das als zementiert"

Dieter Köhler: "Es sind in der Regel Grenzwerte, die von den Forschern, die um den runden Tisch sitzen … gibt im Englischen den schönen Ausdruck: Good old fellows sitting around the table. Die sitzen also da und sagen: Ja, jetzt nehmen wir mal diesen Wert! Und da gibt es vielleicht indirekte Daten, und das wird dann im Sinne einer eminenzbasierten – nicht evidenz- sondern eminenzbasierten – Festlegung wird dann publiziert. Und wenn das dann einmal geschrieben steht oder gar in Leitlinien oder eine Fachgesellschaft hat sich geäußert, dann gilt das als zementiert."

Professor Dieter Köhler ist in letzter Zeit in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, weil der ehemalige Präsident der Deutschen Ge­sellschaft für Pneu­mo­logie die wissenschaftliche Gültigkeit jenes Stickstoffdioxyd-Grenzwerts anzweifelt, dessen Messlatte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft reihenweise bundesdeutsche Kommunen in die Verzweiflung treibt.

Auf die Umsetzung dieses Wertes drängt mit allen rechtlichen Mitteln die Deutsche Umwelthilfe mit deren Geschäftsführer Jürgen Resch an der Spitze.

Jürgen Resch: "Wir haben keine Ahnung als Deutsche Umwelthilfe von diesen gesundheitlichen Folgen. Wenn dann aber die einzige Institution, die sagt, dass Stickstoffdioxyd ein Kurgas ist und völlig unproblematisch, die Automobilindustrie ist, und die Weltgesund­heits­organisation, Max Planck, Fraunhofer Institut, die Europäische Umweltagentur, das Umweltbundesamt, sich alle einig sind: Ja, wir haben sogar zunehmende Probleme! Dann vertraue ich denen einfach mehr."

Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), steht vor dem Verwaltungsgericht. Hier wird eine Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH) auf Diesel-Fahrverbote in Köln und Bonn verhandelt. (Rolf Vennenbernd/ dpa)Beruft sich auf die Einhaltung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid: Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) (Rolf Vennenbernd/ dpa)
Gunter Dueck: "Bei vielen Dingen, wenn man an die Grenzwerte geht, gibt es unter Umständen Ko­sten­begleiterscheinungen."

Dieter Köhler: "Wenn man einen Grenzwert für eine Sache definiert, die relativ irrelevant ist, dann stört das keinen. Wenn man aber damit im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit – ein wichtiger ethischer Ansatz – feststellt, dass an anderer Stelle ein viel größerer Schaden entsteht, dann ist kaum einer da, der das korrigiert und bewertet."

Was Dieter Köhler hier meint, ist die vertrackte Dialektik vorbeugender Schadensbekämpfung.

Dieter Köhler: "Das führt nun dazu, dass diese niedrigen Grenzwerte zu komplizierten Lebens­umständen führen."

Man definiert bestimmte Autos – zum Beispiel – via Grenzwert als nur noch eingeschränkt nutzbar. Wenn dann eine eher arme Familie Geld für ein neues Auto aufbringen muss, spart sie dieses Geld eventuell an der gesunden Ernährung für die Kinder. Gesellschaftliche Folgekosten: möglicherweise gleich.

Peter Wiedemann: "Da kommt Luhmann wieder ins Rennen: Wenn ich ein Risiko reduziere, erhöhe ich in der Regel ein anderes. – Mit der anderen Alternative, die ich jetzt habe."

Risiko: ein wichtiges Stichwort, das obiges Beispiel gleich wieder relativiert. Es geht nicht um eine konkrete Gefahr für dich – Hörerin, Hörer – oder für mich, sondern um Risiken, die uns in einer statistischen Verteilung treffen können, aber nicht müssen. Es geht um die in Zahlen aufgelöste Ungewissheit.

Schützen Grenzwerte vor Gefahren?

Gunter Dueck: "Also ich bin ja mehr dann einer, der das mathematisch betrachtet. Und dann gibt es an­dere Leute, die dann immer die individuellen Fälle reinziehen! Also: Wenn dieses Gesetz so geändert würde, dann würde Herr Müller irgendwo arm werden oder sterben müssen. Und dann sagt man statistisch gesehen: Ja, gut."

Ja gut?

Jürgen Resch: "Die EU-Kommission hat in den letzten vier Jahren jährlich die prognostizierte Zahl der Todesfälle, der vorzeitigen Todesfälle hochgesetzt, zuletzt auf 13.100. Das sind vier Mal so viel Menschen, die pro Jahr in Deutschland an diesem Gift sterben als durch Ver­kehrsunfälle."

Dieses "Gift" ist NO2, Stickstoffdioxyd, und die Formulierung legt nahe, der Grenzwert bestimme quasi über Leben und Tod: Überschritten – jetzt Gefahr! Funktionieren denn Grenzwerte wie Kippschalter?

Jürgen Resch: "Nein. Also ich hab drüber nachgedacht, ich kenne keinen einzigen Grenzwert, der schaltermäßig funktioniert. Es ist einfach so, dass Sie in der Regel bei vielen Schad­stoffen keinen Unbedenklichkeitswert haben. Sondern es ist in der Tat eine Ent­schei­dung, wie man priorisiert, ob man Gesundheitsschutz priorisiert oder eben nicht."

Peter Wiedemann: "Man kann es schon in Zahlen umrechnen, aber jetzt zu sagen, diese Zahlen wären ei­ne Grenze, in dem Sinne, dass unterhalb dieser Zahl alles gut wäre und oberhalb die­ser Zahl alles schlecht, stimmt so nicht. Also auch Grenzwertüberschreitungen be­deu­ten nicht unbedingt eine Gesundheitsgefahr. Und das Einhalten eines Grenz­wertes ist nicht zwingend damit verbunden, dass keine Gesundheitsgefahr existiert. Im Regelfall schon. Aber eben nicht zwingend!

Peter Hocke: "Auf der Wissenschaftsseite ist es so, dass es meistens Kollegen gibt, die sehr, sehr vorsichtig sind und sagen: Solang wir es nicht gut untersucht haben – gut heißt mit großen Stichproben, mit Nullhypothese und einer ganzen Reihe von wissen­schaft­li­chen Prüfverfahren – so lange sollten wir sehr vorsichtig sein, überhaupt eine Aus­sage darüber zu treffen."

Der Soziologe Dr. Peter Hocke vom "Institut für Technik­folgenabschätzung und Systemanalyse" in Karlsruhe, kurz KIT.

Peter Hocke: "Und dann gibt es die Kollegen, die sagen: Naja, wir haben ja eine ganze Reihe von sehr entwickelten Prozeduren, und dann gibt es natürlich auch den akademischen Kreis von Perso­nen, die sehr hemdsärmelig und sehr wenig reflektiert vorgehen. Und die sagen: Wo man nicht eindeutig was sieht, ist auch nichts!"

Pommes Frites sind im "Profi-Grill" von Imbissstuben-Besitzer Raimund Ostendorp im Stadtteil Wattenscheid zu sehen. Am 11. April tritt die neue Verordnung der Europäischen Union zum Schutz der Verbraucher in Kraft, um den umstrittenen Stoff Acrylamid in Pommes Frites und anderen Lebensmitteln weiter zu reduzieren.  (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)Selbst Pommes unterliegen Grenzwerten - für Acrylamid. (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)
Peter Wiedemann: "Dann ist natürlich die Frage: Wo setzen Sie eigentlich eine Regulation an, wo machen Sie Grenzwerte? Im Regelfall würde man dort einen Grenzwert set­zen, wo es um Ex­ter­nalitäten geht. Das heißt, wo die Risikoerzeuger und die Risiko­be­troffenen unterschiedliche Gruppen sind in der Gesellschaft. Die einen produzieren das Risiko, und die anderen müssen es tragen."
  
Dieses Missverhältnis kannst du – Hörerin, Hörer – sogar im eigenen Zuhause erleben. Oder ich. Um zum Beispiel ein Feature zu schreiben, darf mich die Externalität "Lärm" keinesfalls in meinem Arbeitszimmer behelligen.

"Und da ist es interessant, dass die Fachleute festgestellt haben, dass zum Beispiel einem konzentriert schaffenden geistigen Arbeiter etwa die Phonzahl 50 zumutbar ist."

Relativ früh schon galten akustische Emissionen als Gesundheitsbelastung, die man in den Griff kriegen musste.

"Auch bei Fernschreibern wurden manche Fortschritte bei der Lärmbekämpfung erzielt. Das ist ein alter Fernschreiber aus dem Jahr 1951. Und jetzt gleich, von der gleichen Firma, ein neuer Fernschreiber, Baujahr 1958. Das ist also schon wesentlich leiser!"

Ökonomisches Kalkül führt zur Festlegung von Grenzwerten

Zur selben Zeit etablierte sich auch der erste chemische Grenzwert-Katalog Deutsch­lands. MAK-Werte – ausgeschrieben "Maximale Arbeitsplatz-Kon­zen­tra­tion" – sollten im Wirtschaftswunderboom die Industriearbeiter schützen. Als der Historiker Beat Bächi die Entstehungsgeschichte dieser Grenzwerte erforschte, stieß er auf eine unerwartete Verbindung zum Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg.

"Ein wichtiger Stoff, der über lange Jahre hinweg immer wieder als Musterbeispiel für die Entgiftungsfähigkeit des menschlichen Organismus angeführt wurde, war das Giftgas Phosgen."

Beat Bächi: "Also, da geht es dann eben um die tödliche Dosis! Und von dieser tödlichen Dosis wur­de dann nach dem Zweiten Weltkrieg eben die wissenschaftlich festlegbare unschädliche Dosis gesucht."
 
Vom Chemienobelpreisträger Fritz Haber, dem "Vater des Gaskriegs", zog sich eine – auch personelle – Kontinuität zu den Toxikologen, die 1954 die MAK-Werte ermittelten. Militärische Tötungsexpertise und wissenschaftlicher Rang schlossen sich bis 1945 nicht aus. Doch – Hörerin, Hörer – wer würfe da den ersten Stein? Schließlich ging es in der neuen, demokratischen Zeit nicht mehr um Destruktion, sondern um Schutz und Vorsorge. Sollte man meinen.

Beat Bächi: "Was wirklich zentral ist am Grenzwertkonzept, man denkt von heu­te aus: Das muss ja irgendwie mit dem Umweltschutz und so gekommen sein! Und das sind die völlig falschen Akteure. Wenn man da was sucht, da wird man gar nichts finden. Weil: Die springen dann vielleicht 70er-, 80er-Jahre auf, aber vorher ist vor allem auch die Industrie interessiert am Grenzwert."

Tatsächlich war es keine Menschenfreundlichkeit, sondern ökonomisches Kalkül, das die MAK-Werte in die Welt brachte. Man benötigte einen Flankenschutz vor Schadensersatzforderungen erkrankter Arbeitnehmer, und es wundert kaum, dass die deutschen Wissenschaftler eine amerikanische Liste quasi nacharbeiteten, da die ökonomischen Konfliktlinien in den USA schärfer zutage traten. Es ging um Unternehmensschutz.

Grauzonen bei der Grenz­­wertfindung

Beat Bächi: "Das ist der Gedanke! Natürlich jetzt sehr zugespitzt. Es gibt natürlich auch die Interes­sen der Toxikologen, die einfach wissenschaftlich darüber forschen. Aber ich würde schon behaupten, dass der Grund, weshalb die Grenzwerte so wirkmächtig geworden sind, liegt genau darin, dass man… Die Industrie will sich absichern gegenüber von Ge­sundheitsgefährdungen oder vor allem gegenüber Ersatzforderungen."

"Die MAK-Werte wurden als 'rein wissenschaftliche Werte' in einer eigenen Publikation der Deutschen Forschungsgemeinschaft veröffentlicht. Zugleich wurden die MAK-Werte im 'Bundesarbeitsblatt' publiziert", erläutert Beat Bächi das aufschlussreiche Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik.

Durch diese ausgeklügelte Zweiteilung wurden die Wissenschaftler nämlich nicht normsetzend, sondern nur empfehlend tätig, während sich die normsetzende Politik im Konfliktfall auf fehlerhafte Zulieferungen aus der Wissenschaft hätte herausreden können.

Die Grauzonen bei der Grenz­­wertfindung am runden Tisch der Wissenschaftler spiegelten sich als Verantwortungsdiffusion bei der Umsetzung wider. Allerdings stieß man durchaus auch auf massive Grenzen ohne jeglichen Grauzonenbereich. Benzol etwa war und ist ein unersetzlicher Industriestoff. Doch unbestritten ruft Benzol Krebs hervor.

Beat Bächi: "Ja, für Benzol haben Sie dann eben zuerst bei MAK Null gemacht. Und dann hat sogar der Präsident der amerikanischen Grenzwertkommission hat gefragt: Heißt den Null ver­boten? –Dieser Briefwechsel ist einigermaßen absurd, weil die Deutschen ant­­worten dann: Ja, wir haben schon den Wert Null, aber das heißt natürlich nicht verboten. Weil Benzol können wir ja nicht verbieten. – Und schon da ist eigentlich das Grenz­wertkonzept am Ende, weil genau diesen Konflikt kann man eigentlich nicht nach dem Konzept der Grenzwerte selbst – wo es eben darum geht, eigentlich eine Dosis festzulegen, wo keine Gefahr besteht – kann man das nicht mehr regeln. Weil Null heißt eigentlich schon verboten."

"Das Grenzwertkonzept ist eine Prothese"

"Die Philosophie der Grenzwerte basiert auf der Annahme, dass eine Null-Emission nicht zu erreichen ist. Und in der Tat würde eine Null-Emission Produktions­verbot bedeuten. Wer also die Forderung nach Null-Emission ablehnt, wird derjenigen nach kleinstmöglicher Emission zustimmen. Und genau hier ist die Problematik der Grenz­werte anzusiedeln."
 
1990 schon finden sich diese Worte in einer katholischen Zeitschrift. Johannes Reiter, später Professor für Moraltheologie, legte in seinem Aufsatz "Ethik der Grenzwerte" den Finger in eine Wunde, die bis heute schwärt:

"Grenzwerte sollten als Übergangslösungen verstanden und durch andere Pla­nungs­konzepte ersetzt werden. Das Grenzwertkonzept ist eine Prothese. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre eine Entbehrlichkeitsstrategie."

Peter Hocke: "Ja, diese Entbehrlichkeit muss man vor Augen haben als Ziel. Aber man braucht auch eine Vorstellung, wie man auf zivilen Wegen dorthin kommt."

Peter Wiedemann: "Wer soll das entscheiden? Und wie soll es entschieden werden? Müssen wir eine Volks­­abstimmung machen? Brauchen wir dafür reflektierte Urteile? Dann wäre das keine Volksabstimmung. Oder müssten wir erst einmal eine Wissensvermittlung ma­chen, um dann reflektierte Urteile mittels einer Volksabstimmung zu haben? Das heißt, Sie kommen in eine ähnliche Problematik."

"Better safe than sorry"

Und diese Problematik kann größer ausfallen als erwartet. Nehmen wir Acrylamid, das von der Papierherstellung über Kosmetika bis zur Windelproduktion Verwendung findet. In Tierversuchen erwies es sich als krebs­erregend, für den Menschen ließ sich dieses Risiko nicht verlässlich evaluieren. In den Grenzwert-Listen zum Arbeitsschutz tauchte Acrylamid dennoch früh auf, und vielleicht hätte man sogar ei­ne Entbehrlichkeitsstrategie dafür entwerfen können. Dann aber wendete sich das Blatt:

"Im Jahr 2002 gelang es eindeutig nachzuweisen, dass Acrylamid in vielen, meist alltäglich verzehrten Lebensmitteln abhängig von der Zubereitungsart zu finden ist", heißt es in einer medizinischen Dissertation 2010.

"Durch den späten Nachweis der Acrylamid-Aufnahme mit Lebensmitteln sind vie­le frühere Annahmen für die Gesundheitsbewertung irrig, die hieraus gezogenen Schlussfolgerungen nicht haltbar. Die hohe Belastung von Lebensmitteln stellt bisherige Richtlinien und Expositionsauflagen infrage."

Denn was von jedermann dauerhaft aufgenommen wird, lässt sich nicht als Kausalfaktor isolieren, dem man dann mit einer Grenzwertregulierung beikommt. Sei­ne Auswirkungen sind schlechterdings unberechenbar. Im Falle von Acrylamid erließ die EU dennoch 2018 eine eigene Verminderungsrichtlinie, als könne man ei­nen Dämon bekämpfen, den man nicht mal richtig sieht. Aber – Hö­rerin, Hörer – was wissen wir schon, wir in unserer Verlassenheit auf Expertenurteile? Am Ende stimmen wir Peter Wiedemann zu:

"Sie können jetzt sagen, wir gehen mit der Grundhaltung ran: Better safe than sorry. Das heißt, lieber vorsichtiger sein, lieber in Kauf nehmen, dass wir den Grenzwert zu niedrig ansetzen, als ihn zu hoch ansetzen. Weil hinterher, wenn was passiert, stehen wir besser. Oder in dem Fall schlechter da, wenn wir es falsch machen."

"Ich habe in dem Zusammenhang mit einer anderen Sache mal zu tun gehabt, das ging um Formaldehyd. Formaldehyd, das ja eben auch angeblich krebserregend sein soll. In den damals durchgeführten Studien hatte man einfach Ratten Formaldehyd auf die Haut getan, und das führte nun dazu, dass eben an der Haut Zerstörungen entstanden, also Nekrosen. Und diese Nekrosen, wenn sie immer wieder vorkommen, dann ent­steht da in einem gewissen Prozentsatz Krebs", erläutert der Mediziner Dieter Köhler.

"Nun kann man das Gleiche aber erzeugen, wenn man mechanisch die Haut immer wieder ankratzt, auch das macht in einem gewissen Prozentsatz Krebs. Und dann hat man eben gesehen, also man geschaut hat, dass Formaldehyd – und hier ist es ähnlich wie beim Acrylamid – ein Naturstoff ist. Im Apfel sind zehn Milligramm, überall in der ganzen Natur kommt das vor, weil das in biologischen Prozessen gebildet wird. Und unserem Organismus macht das nichts, weil der gewohnt ist, das eben zu verwerten."

Dopen genau bis zur erlaubten Grenze

"An apple a day keeps the doctor away", sagt das eine Sprichwort, "Better safe than sorry" das andere. Wofür wir uns in diesem Fall auch entscheiden – Unsicherheit bleibt. Doch besitzen Grenzwerte noch einen versteckten Cha­­rakterzug, der weniger mit Schutz als mit paradoxem Anreiz zu tun hat. Gunter Dueck lenk­te mich in seiner Kolumne auf diese Spur:

"Sportler dopen genau bis zur erlaubten Grenze. Ein Blutkörperchen zu viel, und sie landen im Gefängnis – und zetern herum, dass sie wegen eines Nanogramms gesperrt werden! Dieses eine Nanogramm ist schuld! Nicht etwa das Doping an sich. Ethik sagt, was wir tun sollen. Optimierung führt an die Grenze des Erlaubten."

Eine Dopingkontrolle während des WM-Spiels Uruguay gegen Frankreich. (imago )Spitzensport: Gedopt wird möglichst genau bis zum erlaubten Grenzwert. (imago )
Grenzwerte mögen die Industriegesellschaft behindern, sie passen aber auch vorzüglich zu deren Optimierungsprinzipien. Nehmen wir das Beispiel Kaffee, der übrigens hoffnungslos viel Acrylamid enthält. Das schwarze Pulver scheint Mehl gerösteter Kaffeebohnen zu sein – und nur dieses Mehl! Dummerweise lässt sich aber durch die maschinelle Auslösung der Kaffeebohne aus der Kaffeekirsche pflanzlicher Abfall nicht vermeiden.

Gunter Dueck: "Jetzt ist die Frage: Wie viel Abfall darf da drin sein? So, und dann sagt man: Okay, also ab fünf ist es strafbar! – Also fünf Prozent, mehr darf nicht drin sein. Also wenn das Ordnungsamt kommt, sollte das so sein. Und dann kann ich normal meine Ma­schi­nen laufen lassen mit zweieinhalb, und dann ist es Kaffee, fertig! Was jetzt raus­ge­kom­men ist, dass in den Kaffees, in vielen – also auch in den tollen Marken – genau fünf Prozent Abfall drin ist."

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Reporter: "Das heißt, die mischen was zu?"

Gunter Dueck: "Die mischen was dazu! Das ist rausgekommen. Das, würde ich sagen, ist erlaubt, aber unethisch."

"Natürlich haben die alle verborgene Agenden"

Was aber ist ethisch bei Grenzwerten? Ganz sicher nicht, die staatlich gesetzte Gren­ze als Aufforderung zu begreifen, exakt an sie "heranzudopen", weil das ja legal sei. Doch – Hörerin, Hörer – trägt der Staat nicht selbst ein klitzekleines bisschen Mitschuld an diesem Verhalten?

Sieht man von kanzerogenen Stoffen wie Benzol oder ionisierender Strahlung ab, die im Grunde nicht grenz­wert­­fähig sind, weil schon der einmalige Kontakt zu Krebs führen kann, dann trennt der Grenzwert ja keineswegs in einem rasiermesserschar­­fen Schnitt Gefahr von Nichtgefahr. Er markiert stattdessen den Mittelpunkt einer Zone. Würde dies klarer kommuniziert, gäbe es keinen moralisch unbedenklich ausnutzbaren Bereich unterhalb des Grenzwerts und keine zwingende Handlungspanik oberhalb. Über praktische Konsequenzen entschiede die Abwägung der jeweils konkreten Umstände.
 
"Im Prinzip müsste man für jede Zahl eine Standardabweichung abgeben. Oder ein Kon­fi­denzintervall, was genauer wäre", unterbreitet Dieter Köhler einen Vorschlag in Hinblick auf die Stickstoffdioxydgrenzwerte.

"Ich sag mal vereinfacht: plus-minus 20 Prozent. Oder plus-minus 50 Prozent. Ist auf jeden Fall noch im Graubereich und nicht gefährlich. Das würde sehr, sehr helfen. Das wäre auch eine Sache, die man eigentlich durch den Bundestag brin­gen sollte, sodass man hier einen freieren Handlungsspielraum … Für viele Bereiche wäre das sinnvoll."

"Dort, wo wir von Lärm, von Pestiziden oder von anderen Belastungsstoffen im Wasser, in Lebensmitteln, in Getränken belastet sind, dort müssen wir meines Erachtens sehr viel ernsthafter und tiefergehend mit Festlegung aber auch Kontrolle von Grenzwerten beschäftigen", beharrt Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe auf seiner Position.

"Grenzwerte sind keine Zwecke. Man will nicht sie selbst, sondern mit ihrer Hilfe etwas anderes erreichen", schrieb Niklas Luhmann 1997. Weil das vermutlich stimmt, will der eine eigentlich hohe Gewinnmargen schützen, statt den technischen Fortschritt voranzutreiben, der andere eine radikale Verkehrswende statt niedriger Abgaswerte, der Dritte seine wissenschaftliche Reputation bewahren, statt widersprechende Fakten zu berücksichtigen.
 
"Natürlich haben die alle verborgene Agenden."

Peter Hocke vom Karlsruher "Institut für Technik­folgenabschät­zung". 

"Die Agenda, nach der sie heute han­deln, die muss man entschlüsseln, die muss man auch in Beratungssituationen, wenn man zum Beispiel über einen Grenzwert, wenn man über den streitet, würde es auch immer Sinn machen zu sagen: Okay, worum geht es uns auch noch?"

Mehr Transparenz bei der Grenzwertfestlegung

Soll es also eine Ethik der Grenzwerte geben, so müsste sie lauten: Offenlegung! Transparenz! Beteiligung!
  
Peter Hocke: "Grenzwerte werden natürlich oft in einem Graubereich eigentlich ausgehandelt, der auch für interessierte Öffentlichkeit nur schwer zugänglich ist. Und deswegen habe ich auch die Position hier: mehr Öffentlichkeitsbeteiligung, mehr öffentliche Beratung, transparentere Beratungsformate. Viele Sachen finden in closed shops statt, es gibt keine Protokolle, man weiß nicht genau, was Minderheitenmeinungen waren."

Jürgen Resch: "Es gibt da kleine Nischen oder Hinterzimmer, in denen dann die entscheidenden Ge­sprä­che in irgendwelchen Nächten stattfinden, und plötzlich am nächsten Morgen ist ein Wert da. Aber die Genese von dann solchen Grenzwerten ist immer so, dass dann nicht dem Vorsorgegesichtspunkt entsprochen wird, sondern dass eben solche Grenz­werte dann gegen Gesundheitsideen hochgesetzt werden."

Wer soll jetzt das letzte Wort haben? Die Deutsche Umwelthilfe? Grenzwertskeptiker Dieter Köhler? Ich, der Autor? Nein, das letzte Wort soll jenes Prinzip loben, das Grenzwerte erst legitimiert – ausgedrückt im Satz von Luhmann: "Grenzwerte existieren nur durch Kommunikation".

Und deswegen war es gut – Hörerin, Hörer – dich eine halbe Stunde lang dieser ganz speziellen Geräusch­eemission namens Radio ausgesetzt zu haben.

"Und in allen Fernschreibzimmern, da wird man sehr dankbar sein, dass dieses so lästige Geräusch des Fernschreibers aus dem Jahre 1951 in den letzten Jahren wesentlich gedämpft werden konnte."

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