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Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.12.2015

Überreste der Kathisma-Kirche in IsraelAuf Marias Spuren wandeln

Von Brigitte Jünger

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Die Überreste der Kathisma-Kirche: Ihre nur noch wenige Zentimeter hohen Grundmauern (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)
Die Überreste der Kathisma-Kirche: Ihre nur noch wenige Zentimeter hohen Grundmauern (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)

Bei Bauarbeiten am Straßenrand wurde in Israel vor einigen Jahren ein Fußbodenmosaik gefunden. Schnell stellte sich heraus, dass es auf eine der wichtigsten Kirchen der frühen Christen hinwies. An dieser Stelle hatte sich angeblich Maria ausgeruht.

Lisa Yehuda: "Wir stehen direkt an der Straße, die von Jerusalem nach Bethlehem führt. Diese Straße ist der alte Patriarchenweg, also, es ist 'ne uralte Straße, die zwischen Hebron und Jerusalem verbunden hat."

Die Straße 60, wie sie heute heißt, führt durch den Jerusalemer Stadtteil Talpiyot bis zu einem der Checkpoints, den jeder passieren muss, der nach Bethlehem fahren will. Die Überreste der Kathisma übersieht man auf diesem Weg normalerweise. Meine Begleiterin, die Archäologin Lisa Yehuda jedoch kennt den versteckten Zugang, zu der Kirche, von der nur noch die wenige Zentimeter hohen Grundmauern erhalten sind. An diesen kann man allerdings die achteckige Anlage des Baus sehr gut erkennen.

"Es ist ne dreischalige, konzentrische Kirche, die aus drei ineinander gesetzten Oktagons besteht. Und zwar hat man das innere Oktagon, das im Zentrum den Felsen umschließt. Dann hat man das Ambulatorium, also, den Umlauf, der auch als Oktagon gestaltet ist. Und wir stehen hier im äußeren Oktagon, und dieses Oktagon war eine Aneinanderreihung von kleineren Kapellen."

Die Kirche mit der Bezeichnung Kathisma stammt aus dem 5. Jahrhundert und war nach der Geburtskirche in Bethlehem einmal der bedeutendste Bau im Heiligen Land. Kathisma bedeutet in der Liturgie der orthodoxen Kirchen Sitzen, hier bezieht es sich auf den Stein, der ursprünglich im Mittelpunkt des Zentralbaus zu finden war. Die frühen Christen glaubten, die hochschwangere Maria habe sich auf dem Weg nach Bethlehem auf diesem Stein niedergelassen und ausgeruht.

"Und das kennen wir aus dem Proto-Evangelium von Jakob, der eben diese Szene beschreibt, wie Maria den Weg nach Bethlehem entlang reitet und zwei Visionen hat. Eine Gruppe von Menschen, die sich freut und jubiliert und eine Gruppe von Menschen, die trauert, und kurz danach spürte sie, wie das Kind sich nach unten senkte und geboren werden wollte. Und sie stieg eben ab und hat sich hier an diesem Felsen ausgeruht."

Bei der Antikenbehörde erkannte man sofort den Wert

Als die Straße 60 im Jahr 1995 um eine zusätzliche Fahrspur erweitert wurde, stieß die Baufirma auf ein Bodenmosaik. Die Inspektoren der Antikenbehörde erkannten den Wert sofort, die Ausgrabungen begannen und es kamen die Reste eines Kirchenbaus zum Vorschein, in dem zum ersten Mal alleine Maria verehrt wurde. Von diesem Mosaikboden, mit dem alles begann, ist heute allerdings erst mal gar nichts zu sehen.

"Ja, dann pass mal auf!"

Mit ein paar geübten Handbewegungen wischt Lisa Yehuda den Sand beiseite und bringt Staunenswertes hervor.

Das Fußbodenmosaik der ehemaligen Kathisma-Kirche in Israel (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)Das Fußbodenmosaik der ehemaligen Kathisma-Kirche in Israel (Deutschlandradio Kultur / Brigitte Jünger)

"Also, man sieht, es ist kein einfarbiger Mosaikboden, sondern es wird wirklich ein schöner Mosaikboden aus verschieden farbigen Steinen, und das heißt, die wurden für delikatere Muster benutzt. Und da hat man dann hier natürlich auch grau-blaue Steine. Man hat hier diese grauen Steine. Man hat hier die roten Steine und man kommt dann eben auch, wenn man so ein bisschen weiter freilegt auf ein schönes geometrisches Muster aus ineinander verschlungenen Bändern."

Die äußerst kunstvollen Mosaike stammen aus dem 5., dem 6. und dem 8. Jahrhundert, einer Zeit, in der Jerusalem längst von den Arabern erobert worden war. Doch die Umayyaden und Abbasiden zerstörten die Kathisma nicht, schließlich wird Maria im Islam als Mutter des bedeutenden Propheten Jesus verehrt.

Die Muslime einigten sich mit den Christen auf eine Aufteilung der Gebetszeiten, bauten eine Gebetsnische ein und bereicherten den Bau um ein weiteres bedeutendes Mosaik, das eine Dattelpalme zeigt, so, wie der Koran berichtet:

"Da kamen ihr die Wehen am Stamm einer Palme, und sie sprach: Oh, wäre ich doch schon gestorben und ganz und gar vergessen! Da rief es ihr von unten her zu: Betrübe dich nicht! Dein Herr hat unter dir ein Bächlein fließen lassen. Rüttle am Stamm der Palme, damit sie frische Früchte auf dich herunterfallen lässt."

Die Christen verehren einen anderthalb Meter hohen Hinkelstein

Dieses Dattelpalmen-Mosaik lässt sich allerdings nicht so leicht freilegen. Es wird von einer dickeren Schicht Sand und Kies geschützt. Der Verbleib der Mosaike vor Ort hat seinen Sinn. Sie halten im Untergrund das verbliebene Mauerwerk fest, das ansonsten seine Form verlieren würde. Der bedeutungsvolle Stein im Zentrum der Kathisma befindet sich dagegen längst nicht mehr an seinem ursprünglichen Platz. Um ihn zu sehen, müssen wir uns in die Altstadt von Jerusalem in die Grabeskirche begeben, in der der Stein seit dem 19. Jahrhundert zu finden ist. An einem etwas versteckten Platz steht er - auch hier ohne jeden Hinweis - in unmittelbarer Nähe zweier Bogenreihen aus dem 4. und dem 12. Jahrhundert.

"Diese Bögen heißen die Bögen Marias, weil hier der Überlieferung nach Maria entlang gelaufen ist, als sie das Grab ihres Sohnes Jesus besucht hat."

Der Stein steht auf einem Sockel, ist etwa anderthalb Meter hoch und hat die Form eines gedrungenen Hinkelsteins.

Brigitte Jünger: "Und was denkst du dir, ist es leicht sich als schwangere Frau auf diesen Sein zu setzen? Da muss man schon ein bisschen klettern, oder?"

Lisa Yehuda: "Also, der Stein hat ja so verschiedene Aussparungen, eine auf der rechten Seite, die etwas höher liegt, eine hier links, die etwas niedriger liegt. Und wenn ich das jetzt mal probiere... Dann funktioniert das sehr gut, auch für ne schwangere Frau, die durch ihren dicken Bauch etwas behindert ist. Also, man kann sich gut so anlehnen - ich hab jetzt natürlich den Rucksack dazwischen. Aber wenn ich den weg tu. Ach, ja, das Kind, bald wird es zur Welt kommen."

 

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 16.08.2015)

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