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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.07.2013

Überrascht im Wolkenkuckucksheim

Antidemokraten erkennt man an ihren Worten

Von Alexander Kissler

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"Demokratie ist wie eine Straßenbahn", sagte der türkische Ministerpräsident Erdogan vor einigen Jahren. (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Lu Zhe)
"Demokratie ist wie eine Straßenbahn", sagte der türkische Ministerpräsident Erdogan vor einigen Jahren. (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Lu Zhe)

Politiker sprechen oft in Blasen, in wolkigen Formulierungen oder blumigen Metaphern. Als Folge nimmt man Politikersätze hierzulande nicht sonderlich ernst. Sollte man aber - zumindest wenn sie von Menschen gesprochen werden, die mit den Werten der Demokratie nur vordergründig etwas anfangen können, meint der Journalist Alexander Kissler.

Die Sprache bringt es an den Tag. Das sagt sich leicht und ist schwer zu beherzigen, besonders in jenem Wolkenkuckucksheim, zwischen Kiel und Berchtesgaden, das Deutschland heißt. Noch immer ist ein kluger Sprachbetrachter wie Victor Klemperer die Ausnahme.

Klemperer schrieb nach dem Ende des düstersten Kapitels deutscher Geschichte, Talleyrands berühmter Satz, "die Sprache sei dazu da, die Gedanken eines Diplomaten (oder eines schlauen und fragwürdigen Menschen überhaupt) zu verbergen", stimme nicht. "Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es auch vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt - die Sprache bringt es an den Tag." Worte, fuhr Klemperer fort, "können sein wie winzige Arsendosen; sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

"Wir steigen aus, wenn wir am Ziel sind"

Es ist nicht überliefert, ob sich jemand in unserem Wolkenkuckucksheim je an Worten verschluckt hat, die an Explosionskraft nichts zu wünschen übrig ließen. Solche Worte lauteten beispielsweise: "Demokratie ist wie eine Straßenbahn. Wir steigen aus, wenn wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten."

So sprach am Ende des 20. Jahrhunderts Recep Tayyip Erdogan, einen türkischen Nationalisten zitierend. Heute, da Erdogan türkischer Ministerpräsident ist und gerne Wasserwerfer und Tränengas gegen Demonstranten in Stellung bringt, zeigt sich die Wahrheit des Satzes. Man hätte also ahnen können, zu welchen Mitteln sich seine islamische Ideologie auswachsen würde, gelangte der schlaue und fragwürdige Mensch vom Bosporus an die Macht.

Erdogan hat seinen Koran auch insofern genau gelesen, als er in militärischen Begriffen denkt. Ein Haus des Friedens kann dieser Lesart zufolge die Welt erst sein, wenn sie ganz und gar islamisch geworden ist.

Bis dahin wird fast jedes Mittel vom allein seligmachenden Zweck der Islamisierung geheiligt. Demokratie schnurrt zusammen zum Kleid dieser Tage, das abgelegt wird, sobald die antidemokratischen Kräfte stark genug sind.

Die Deutschen mögen das nicht hören. Sie singen das Wiegenlied der frommen Denkungsart. Sie wollen wider alle Erfahrung am Traum von der Kuschelpolitik festhalten. Sie wollen sich beruhigen mit dem Märchen, letztlich sei der Islam eine Religion wie jede andere auch, zähmbar, verhandelbar, demokratisierbar.

Demokratie weltweit als Ausnahme

So wie sie vor den Olympischen Spielen in China ihr Gewissen mit dem Märchen betäubten, der Sport werde die kommunistischen Machthaber zu demokratischen Reformen bewegen. Nichts davon geschah. Weder für überzeugte Muslime noch für gestählte Kommunisten muss die Demokratie ein erstrebenswertes Ziel sein.

Es stimmt nicht, dass der natürliche Lauf der Welt sich auf die Demokratie zubewegt. Weltweit betrachtet, ist Demokratie die Ausnahme, ist sie nicht das verheißene Land, von dem alle Menschen träumen.

Wohl aber träumen die Deutschen gerne von einer Welt, in der alle Menschen den Frieden lieben, gerade so wie sie, und den runden Tisch und die Gleichstellung der Geschlechter und den Klimaschutz und natürlich die Privatisierung der Religion. Die Welt aber, sie ist nicht so. Der Sonderweg heißt Deutschland.

Darum gilt bis auf weiteres, was ein anderer Außenseiter unter den Deutschen notierte, Kurt Tucholsky. Auch er widersprach Talleyrands Diktum, Sprache sei dazu da, Gedanken zu verbergen. Stattdessen schrieb Tucholsky, als habe er Erdogans Kasernen, Bajonette, Helme und Soldaten schon im Ohr: "Sprache ist eine Waffe."

Alexander Kissler (Andrej Dallmann für "CICERO")Alexander Kissler (Andrej Dallmann für "CICERO")Alexander Kissler ist Publizist, Medienwissenschaftler und Historiker. Seit Januar 2013 leitet er das Kulturressort des Monatsmagazins "Cicero". Zuletzt erschien von ihm "Papst im Widerspruch. Benedikt XVI, und seine Kirche 2005 – 2013".

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