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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.08.2012

Überlebenskampf am Mississippi

Daniel Woodrell: "Der Tod von Sweet Mister Roman", Liebeskind, München 2012 191 Seiten

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In Woodrells neuen Roman steht ein Kind im Mittelpunkt, das sich in einer Hinterwäldler-Welt behaupten muss.  (Stock.XCHNG / William Keys)
In Woodrells neuen Roman steht ein Kind im Mittelpunkt, das sich in einer Hinterwäldler-Welt behaupten muss. (Stock.XCHNG / William Keys)

"Winter's Bone" hieß ein Film, der 2011 im Kino lief. Eine Geschichte aus den Bergen Missouris, ländliche Tristesse voller Drogenlabore und Gewalt. Die Romanvorlage schrieb Daniel Woodrell. Jetzt liegt sein neuer Roman auf Deutsch vor - eine Beobachtung kaputter jugendlicher Gefühlswelten.

"Ich wünschte, ich könnte sagen, dass nichts von alledem passiert ist." So lautet der letzte Satz des ersten Kapitels dieses Romans. Der ihn spricht, heißt Shug Akins. Ein übergewichtiger Junge, der von seinem Vater Red vorzugsweise "Fettsack" gerufen wird. Liebevoller ist da schon Shugs Mutter Glenda - für sie ist ihr Sohn schlicht "Sweet Mister". Soviel kann verraten werden: Gestorben, beerdigt, zu Grabe getragen sein wird dieser Sweet Mister am Ende nur im übertragenen Sinne.

Im vergangenen Jahr erst hat der Amerikaner Daniel Woodrell hierzulande durch seinen Roman "Winters Knochen" auf sich aufmerksam gemacht - verfilmt wurde "Winter's Bone" auch, sogar für einen Oscar nominiert. Wer das Werk des 59-Jährigen bisher nur aus dem Kino kennt, sollte spätestens jetzt zum neuen Buch dieses Meisters des "country noir", wie man Woodrells Literatur umschrieben hat, greifen. Wie schon "Winters Knochen", so spielt auch sein neues, von Peter Torberg glanzvoll übersetztes Werk "Der Tod von Sweet Mister" in den Ozarks, in der ländlichen, oft "knochenkalten", bergigen Abgeschiedenheit Missouris, in der viel Chrystal Meth gekocht und Wodka aus Kaffeetassen konsumiert wird.

Und wieder steht ein Kind im Mittelpunkt, das sich in einer rauen "white trash"-Hinterwäldler-Erwachsenenwelt behaupten muss. In "Winters Knochen" war es die 16-jährige Ree Dolly, hier nun ist es der 13-jährige Shug Akins, der in einem Haus aufwächst, das, ausgerechnet, auf einem "Knochengarten", also: Friedhof steht: Seine Mutter ist Alkoholikerin, trinkt Rum-Cola aus Teekannen, sein Vater geht vor den Augen seines Sohnes fremd, ist drogenabhängig, ständig high oder dabei, zusammen mit einem Kumpel einem Bruch zu machen in Häusern, in denen er Tabletten vermutet, die er dann mit reichlich Bier und "trübem Schwarzbrand" einwirft.

Ein Kind wird angehalten, hilflose Kranke zu beklauen, selbst die Großmutter säuft - hoffnungsloser geht es nimmer. Und doch liest man bei aller Tristesse diese Geschichte wie gebannt. Unnötig zu sagen, dass sie blutig endet. Nötig zu erwähnen, dass Daniel Woodrell ein höchst bildmächtiger Romancier ist. So heißt es mal: "Der Wald drängte von drei Seiten auf den Hof und stand mürrisch da wie eine Menschenmenge, die geduldig wartete, aber nicht ganz sicher war, ob sie jemals eingeladen würde." An anderer Stelle steht: "Ihre Stimmen klangen so blutunterlaufen, wie ihre Augen aussahen."

Kein Wunder, dass diese Prosa schon mit vielen Preisen bedacht worden ist. Daniel Woodrell ist ein höchst sensibler Beobachter kaputter jugendlicher Gefühlswelten, in der Wutschreie zuerst "wie in Flaschen verkorkt" und dann herausgelassen werden. "Wenn du in dieser Welt hier aufwachst, Sweet Mister, dann musst du hellwach sein", rät die Mutter ihrem Sohn. Es wird ein schlimmes Erwachen sein.

Besprochen von Knut Cordsen

Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind, München 2012
191 Seiten, 19.95 Euro


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Hart, direkt und unverblümt <br> Daniel Woodrell: "Winters Knochen", Liebeskind Verlag, München 2011, 224 Seiten

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