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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 04.03.2021

Überholtes SelbstbildMännlichkeit ist politisch geworden

Ein Kommentar von Susanne Kaiser

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Eine sich nach hinten lehnende, antike männliche Statue vor blauem Hintergrund. (Pexels / Saph Photography)
Herrschende Männlichkeit ist problematisch geworden und erklärungsbedürftig, sagt Susanne Kaiser. (Pexels / Saph Photography)

Soldatische Männer in Kampfmontur sorgen in den letzten Jahren immer wieder für ikonische Bilder. Das ist jedoch kein Zeichen von Stärke, meint die Autorin Susanne Kaiser, sondern ein Indikator dafür, dass die Männlichkeit selbst zur Verhandlung steht.

Das Attentat von Hanau ist gerade ein Jahr her: Ein Mann stürmte mit zwei Schnellfeuerwaffen in Shishabars und erschoss viele Menschen. Vor ein paar Wochen erst drangen bewaffnete Trumpanhänger in Kampfmontur in das gut bewachte Kapitol in Washington ein, in das Herzstück der US Politik, und machten vor laufenden Kameras Jagd auf Politiker*innen.

Wir haben uns inzwischen an solche Nachrichtenbilder gewöhnt, denn wir sehen sie ständig: Männliche Kämpfergestalten wüten in der Öffentlichkeit herum.

Wir sahen sie letztes Jahr, als rechtsextreme Milizen hochgerüstet und mit Sturmgewehren durch Straßen patrouillierten, in denen Proteste der Black Lives Matter Bewegung stattfanden. Wir sahen sie im Jahr zuvor, als ein Attentäter in Halle in Kampfuniform eine Synagoge erstürmen wollte und die Tat im Livestream übertrug. Und wir sahen sie im Jahr davor, als das gleiche in Christchurch passierte.

Männer, die als Männer auftreten

Es ist immer dasselbe Bild von Männern, die als Männer auftreten, als soldatische, starke Männer. Sie inszenieren sich als Kämpfer, wobei die Outfits immer skurriler werden, wenn schamanische Krieger mit Büffelhörnern, Fellbesatz und freiem Oberkörper auftreten oder Milizionäre mit Hawaiihemden unter der schusssicheren Weste. Sie schreien Dinge wie "Take our country back" und kommen, um sich etwas zurückholen.

So rebellieren diese Männer gegen die Zustände in der Gesellschaft. Die Bilder vom Kapitol sind nur das jüngste Beispiel dafür, dass Männlichkeit politisch geworden ist. Donald Trump war der erste Präsident, der weiße Männlichkeit ganz explizit zum politischen Programm erhob und sie so selbst als Identitätspolitik etablierte.

Wogegen richtet sich die Wut?

Man fragt sich unweigerlich: Wogegen richtet sich die Wut der Männer genau? Auch darüber geben die Bilder Aufschluss: Sie richtet sich gegen diejenigen, die mit ihrer Identitätspolitik erfolgreich sind, gegen Frauen und andere politische Minderheiten, die ihnen die privilegierte Rolle streitig machen.

Wir sehen, wie einer der Kapitolstürmer seine Füße auf den Schreibtisch von Nancy Pelosi legt, auf das Zentrum der politischen Arbeit der mächtigsten Frau Amerikas. Diese typisch männliche Geste der Respektlosigkeit kennen wir aus Cowboyfilmen. Die Botschaft ist eindeutig: Frauen mit Autorität werden nicht ernst genommen. Sie sollen aus politischen Ämtern wieder verschwinden, notfalls mit Gewalt, wenn Trump nicht mehr als Präsident dafür sorgen kann.

Männlichkeit ist erklärungsbedürftig geworden

Herrschende Männlichkeit ist problematisch geworden und erklärungsbedürftig. Wir sprechen von toxischer Männlichkeit. Das Ideal vom soldatischen, starken Mann ist überholt, längst schon treten den Hochgerüsteten mutige Frauen gegenüber und bieten ihnen die Stirn, als Zivilistinnen in langen Kleidern, die sich von der männlichen Gewalt nicht einschüchtern lassen - auch solche Bilder wurden wie die vom Kapitol ikonisch.

Frauen und andere politische Minderheiten sind in den letzten zwei Jahrzehnten sichtbarer geworden und so gleichberechtigt wie noch nie. Das Internet hat Bewegungen wie #MeToo möglich gemacht und mächtige Männer stürzen lassen. Kein Mann ist mehr unantastbar. Für diejenigen, die gewöhnt sind, dass sie aufgrund ihres männlichen Geschlechts eine herrschende Rolle spielen und Privilegien haben, fühlt sich diese neue Gleichberechtigung wie Unterdrückung an.

Es gibt noch keine neue Norm

Vor allem ist das Männliche nicht mehr die Norm. Als Armin Laschet letztes Jahr als potenzieller Kanzlerkandidat mit einem PR-Bild in den Wahlkampf von NRW startete, das ihn inmitten einer Männerriege zeigte, alle im gleichen blauen Hemd, alle im gleichen Alter, hagelte es massenhaft Kritik und Spott in den sozialen Medien - sogar von einer "Laschet-Klonmaschine" war die Rede.

Es gibt aber auch noch keine neue Norm. An dieser Stelle scheint ein Vakuum entstanden zu sein, was die Polarisierung unserer westlichen Gesellschaften in autoritäre und liberale Lager erklären könnte.

Doch wie gefährlich ist der autoritäre Backlash, könnte er alle Schritte in Richtung Gleichberechtigung zunichte machen? Auch darauf können die Bilder Antworten geben: Nachdem das Kapitol erstürmt und der Schreibtisch von Nancy Pelosi erobert war und die Kameras nicht mehr liefen, wussten die kriegerischen Horden nichts mit ihrer Annexion anzufangen. Also zogen sie wieder ab.

Porträt der Buchautorin und Journalistin Susanne Kaiser (Anja Martin, Büro Freistil) (Anja Martin, Büro Freistil)Susanne Kaiser ist Literaturwissenschaftlerin, Journalistin, Buchautorin und politische Beraterin. Zuletzt erschien von ihr: "Politische Männlichkeit - Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen" (edition suhrkamp 2020).

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