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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.10.2012

Übergriffe auf Asylsuchende in Griechenland drohen zu eskalieren

Salinia Stroux: Es gibt kein Sozialsystem für Flüchtlinge und kaum Unterkünfte

Moderation: Liane von Billerbeck

Einwanderer in Athen während eines Hungerstreiks, 2011 (picture alliance / dpa / Simela Pantzartzi)
Einwanderer in Athen während eines Hungerstreiks, 2011 (picture alliance / dpa / Simela Pantzartzi)

Obdachlos, ohne Papiere und rassistischer Gewalt ausgesetzt, so beschreibt die Journalistin und Ethnologin Salinia Stroux die Lage von Flüchtlingen in Griechenland. Schlimm sei vor allem, dass die Polizisten selbst oft rassistisch und Anhänger der Partei "Goldene Morgenröte" seien.

Liane von Billerbeck: Sie schlafen in Kartons, suchen ihr Essen aus Mülltonnen, so ist die Lage von illegalen Flüchtlingen in Griechenland, die nach Europa wollen. Weil aber auch immer mehr Griechen krisenbedingt immer tiefer in die Armut rutschen, richtet sich der Unmut, ja, zunehmend der Hass auch gegen die Flüchtlinge. Rechtsextreme Parteien wie eine namens "Goldene Morgenröte" bekommen Aufwind und machen nicht nur mit Parolen gegen Fremde Stimmung, sondern vor allem mit ihren Schlägertrupps die Straßen unsicher. Salinia Stroux ist Ethnologin und Flüchtlingshelferin, die gebürtige Hamburgerin lebt seit fünf Jahren in Griechenland und hat unter anderem auf der Insel Lesbos in der Villa Azadi gearbeitet, einem Heim für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge. Sie ist gerade in Deutschland unterwegs, um die Öffentlichkeit auf die Lage in Griechenland aufmerksam zu machen. Mit Salinia Stroux haben wir vor unserer Sendung gesprochen. Frau Stroux, ich grüße Sie!

Salinia Stroux: Schönen Tag Ihnen auch!

von Billerbeck: Wie schlimm – beschreiben Sie uns das doch bitte –, wie schlimm ist die Lage für Flüchtlinge derzeit in Griechenland?

Stroux: Die Lage ist insgesamt sehr schlimm. Wir müssen da im Auge behalten, dass es eben nicht nur die rechte Gewalt ist, sondern eben die ganze Grundvoraussetzung des Überlebens oder des Versuchs des Überlebens, die die Situation für Flüchtlinge dort sehr, sehr schwierig macht. Es gibt keinen Zugang zum Asyl, es gibt sehr lange Haftzeiten, wiederholte Haft. Es gibt auch Polizeigewalt, nicht nur rechte Gewalt, es gibt kein Auffangsystem, kein Sozialsystem, was den Flüchtlingen helfen kann. Also, es gibt keine Versorgung mit Nahrungsmitteln, sehr, sehr wenig Plätze in Unterkünften für Flüchtlinge. Und somit sind tatsächlich sehr viele Flüchtlinge eben obdachlos, ohne Papiere, ungeschützt und dann eben dieser willkürlichen Gewalt ausgesetzt, die leider inzwischen tatsächlich alltäglich ist. Also, wenn man sich mit Flüchtlingen und Migranten unterhält in Griechenland, dann kann man fast davon ausgehen, dass jeder Zweite mindestens eine eigene Geschichte zu rassistischer Gewalt zu erzählen hat, manche leider sehr, sehr schwerwiegende Gewaltvorfälle, andere vielleicht etwas harmloser, aber es ist doch sehr, sehr verbreitet.

von Billerbeck: Im Mai 2011, da gab es ja Ausschreitungen in Athen. Sie haben das in einem Artikel im österreichischen "Standard", da haben Sie die damalige Gewaltwelle Pogrom genannt. Das ist für deutsche Ohren ja oft mit ganz anderen Ereignissen verbunden, wir denken da an die Juden-Pogrome in der NS-Zeit. Ist dieser Begriff in Ihren Augen nicht übertrieben - oder ist der angebracht?

Stroux: Ich denke, der ist leider angebracht. Also, es handelte sich da um den Mai 2011, als ich über das Pogrom geredet habe, wo es im Anschluss an einen Todesfall, an einen Mordfall an einem Griechen eine Riesenhasswelle rassistischer Gewalt gegen Migranten gab, die ungefähr eine Woche lang andauerte und wo tatsächlich jeden Tag und vor allem jede Nacht Gruppen ausschwärmten, die ... also, kleine Gruppen von Neonazis ausschwärmten und willkürlich vor allem eben Einzelpersonen angriffen, schlugen. Es gab auch einen Todesfall. Vor allem eben Menschen, die sich nicht zur Wehr setzen konnten, also auch Menschen, die Gehbehinderungen hatten, auch Frauen, auch kleine Kinder wurden damals gejagt, Migrantenläden zerstört. Es gab auch in diesem Sommer ein Ereignis, was noch mal die rechte Gewalt extrem angeschürt hat, nämlich, ein junger pakistanischer Mann wurde angeklagt, ein griechisches junges Mädchen vergewaltigt zu haben, und der schweren Körpergewalt auch angeklagt. Und im Anschluss daran gab es eben eine ganz große Medienpropaganda: der pakistanische Tiger und die bösen Pakistanis, und all so was wurde sehr, sehr aufgebauscht in den Mainstream-Media in Griechenland. Und daraufhin gab es eine Riesenhasswelle vor allem gegen pakistanische MigrantInnen, aber eben gegen alle, wo es dann tatsächlich in verschiedenen Stadtteilen Athens, aber auch in ganz Griechenland an den verschiedensten Orten zu plötzlichen Gewaltvorfällen kam.

von Billerbeck: Nun könnte man ja danach fragen, wieso tut die Polizei da nichts. Und nun haben wir aber auch hier gehört, dass die Polizei in dem Ruf steht, diese Gewalt zu dulden. Ja, es ist sogar davon die Rede, dass es rassistische Polizisten in Griechenland gibt. Was heißt das konkret?

Stroux: Das heißt konkret zum Beispiel, in den Vierteln, in denen sehr viele MigrantInnen leben, wo es erste Vorfälle extremer rechter Gewalt gab 2004, 2005, und wo dann Neonazigruppen ganze öffentliche Räume praktisch leer gefegt haben mit ihrer eigenen Bürgerwehr, wo bis heute kein Migrant mehr ohne Angst langgeht, diese Polizeistationen dort in diesen Vierteln sind zum Beispiel sehr berüchtigt dafür, dass sie eine starke rechte Ausrichtung haben. Das heißt, wenn ich jetzt zum Beispiel angegriffen werde von einem Neonazi und keine zehn Meter weiter steht ein Polizist oder auch mehrere Polizisten, die das Ganze auch im Blickfeld haben, ist es zu 90 Prozent der Fall, dass die Polizei nicht einschreiten wird, dass sie im besten Fall nach einiger Zeit, nachdem ich schon blutüberströmt auf dem Boden liege, kommt und mich, das Opfer also, nach meinen Papieren fragt und eventuell sogar festnimmt, weil ich keine Papiere habe, anstatt eben die Neonazis festzunehmen, die Angreifer festzunehmen und für ihre Straftat dann eben vor Gericht zu bringen. Ganz, ganz viele Flüchtlinge und Migranten trauen sich gar nicht erst, zur Polizeistation zu gehen und Anzeige zu erstatten, oft eben auch deswegen nicht, weil sie keine Papiere haben und eventuell eher selber festgenommen werden und auch weil sie wissen, dass es oft nichts bringt. Manche gehen trotzdem hin, dann wird ihnen einfach gesagt: Nein, das können sie nicht machen, sie können nicht Anzeige erstatten, das passiert sehr häufig. Und wir sehen das, das ist halt ablesbar an den Gerichtsverhandlungen. Wie viele Gerichtsverhandlungen gegen Hassgewalt, gegen rechte Gewalt gibt es in Griechenland: Die Zahlen, die jährlichen Zahlen, die lassen sich an einer Hand ablesen.

von Billerbeck: Das heißt, es sind keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles Problem auch bei der Polizei?

Stroux: Das ist ein strukturelles Problem, ganz klar. Und wir haben ja Parlamentarier der "Goldenen Morgenröte", die sich damit öffentlich brüsten, dass 60 Prozent der Polizei ihrer Meinung nach ihre Partei unterstützen. Und leider – ich weiß jetzt nicht, ob diese Prozentzahl stimmt oder auch ein Teil dieser Propaganda ist sehr wahrscheinlich –, aber es ist erwiesen, dass nach den letzten Wahlen in den Wahllokalen, in denen hauptsächlich Polizisten gewählt haben, die Prozentzahl der Wähler für "Goldene Morgenröte" weitaus höher war. Von daher können wir davon ausgehen, dass viele Polizisten "Goldene Morgenröte" wählen. Man kann sagen, dass ein großer Teil der Polizei leider offensichtlich nicht nur die "Goldene Morgenröte" wählt, sondern eben da auch durch ihr Nichthandeln offensichtlich eine Position bezieht.

von Billerbeck: Salinia Stroux ist bei Deutschlandradio Kultur, Flüchtlingshelferin und Journalistin. Es geht um die Lage der Flüchtlinge in Griechenland. Frau Stroux, sehen Sie denn irgendwo so eine Art Licht am Ende des Tunnels oder eine Art Besserung in der Lage, in der sich Griechenland und die Griechen gerade befinden, wenn Sie auf die Flüchtlinge sehen?

Stroux: Leider nicht. Mir geht es so, dass ich, seit ich in Griechenland lebe, eigentlich von Beginn an immer gedacht habe, Mensch, hier ist es so schlimm, es kann ja nur besser werden, es wird aber leider ständig schlimmer. In Bezug auf die ganze Situation mit der rechten Gewalt und der "Goldenen Morgenröte" ist es sehr schwer abzusehen, was in Zukunft kommen wird. Also, wir haben dann so Aussagen von der "Goldenen Morgenröte", wir sind mitten in einem zivilen Krieg und unsere Gegner sind nicht nur die MigrantInnen, sondern alle, die sie auch unterstützen oder anders sind, und die die Politik der Regierung unterstützen. Sie selber betrachten sich schon als mitten im zivilen Krieg und so sieht das ein bisschen auch aus auf den Straßen in Griechenland. Das Problem ist ja, dass die Griechen offensichtlich den Glauben an die Regierung oder an die großen Parteien ganz verloren haben und sehr viele der 450.000 Wähler der "Goldenen Morgenröte" offensichtlich ja nicht unbedingt diese Partei deswegen gewählt haben, weil sie Neonazis sind, sondern weil sie eben gegen die bisherigen Regierungen waren oder gegen die Sparmaßnahmen, eben einfach dagegen. Man weiß aber nicht, wo es einen hinbringt. Es ist einfach sehr erschreckend, wenn man in Griechenland lebt, man fühlt sich auch als Linker oder als Flüchtlingshelfer oft unsicher oder bedroht und leider eben ist es nicht diese Masse der Neonazis, sondern es ist eben die Kombination der Neonazis in Unterstützung von einer uneinschätzbar großen Menge von Polizisten. Und das ist das Beängstigende.

von Billerbeck: Das sagt Salinia Stroux, Flüchtlingshelferin und Journalistin, meine Gesprächspartnerin über die Lage der Flüchtlinge und überhaupt in Griechenland. Ich danke Ihnen!

Stroux: Ich danke Ihnen auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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Ein Zaun gegen Flüchtlinge <br>Griechenland hat Hilfe von Frontex angefordert

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