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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.06.2017

Überfüllte Busse oder zu FußDer harte Weg zur KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen

Von Vanja Budde

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Gedenkzeichen im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen (Deutschlandradio / Ann-Kathrin Büüsker )
Gedenkzeichen im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen (Deutschlandradio / Ann-Kathrin Büüsker )

Von Oranienburg aus fährt nur einmal in der Stunde ein Bus zur KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, die jährlich von etwa 700.000 Menschen besucht wird. Die Busse sind total überfüllt. Doch die Behörden gehen das Problem nur gemächlich an.

Mittags um zwölf am Bahnhof Oranienburg, wolkenlos blauer Himmel, an die 30 Grad. An der Haltestelle der Buslinie 804 gibt es kein Regen- oder Schattendach. Eine schwitzende Menschentraube sammelt sich: Der 804er fährt zur knapp zwei Kilometer entfernten KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Er fährt um 12:19, immer um 19 nach, einmal in der Stunde. Reiseleiterin Elli Cornecho ist mit einer 50-köpfigen Gruppe unterwegs dorthin, manche Menschen sitzen im Rollstuhl. Die Verkehrsanbindung der Gedenkstätte?

"Total ist schlecht! Ich verstehe das nicht. Warum? Viele Leute kommen nach Berlin und deswegen brauchen wir viel mehrere Busse. Und ja, manchmal sind wir viele Leute da. Jedes Jahr noch mehr, noch mehr und eine Stunde ein Bus ist total verrückt!"

Einmal stündlich Gedrängel im Bus

Sie wäre bereit, für ihre Gruppen einen Obolus für einen Shuttle-Bus zu zahlen, sagt die zierliche Argentinierin noch, dann kommt der Bus und sie muss sie zusehen, ihre Reisenden hinein zu lotsen. Es wartet nämlich noch eine zweite Reisegruppe, der Bus wird voll. Sehr voll. Busfahrer Andreas Werner sieht es mit gerunzelter Stirn: 

"Grauenvoll. Weil es viel zu voll ist, viel zu viele Leute."

Sein Wunsch:

"Kürzere Taktung, mehr Busse. Für die Anwohner ist es schade. Weil, die sind drauf angewiesen, auf den Linienbus. Und das sind ja Touris, was ich hier habe."

Eine internationale Menschenmenge drängt sich im Bus. Auf einem Platz am Fenster hat ein älterer Anwohner noch einen Sitz ergattert. Auch er wünscht sich einen Shuttle-Bus zur Gedenkstätte:

"Ja, ich würde das so sehen, habe das denen schon mal mitgeteilt und sonst was, aber man reagiert nicht drauf. Der muss ja nicht weit fahren, der kann ja nur im Kreis rumfahren, das wäre das, alle halbe Stunde oder so, dann wäre die Sache gut. Aber man lernt hier nicht so richtig dazu. Ist meine Meinung."

Auch die Anwohner klagen über Belastungen

Die Fahrt zur Gedenkstätte geht über die "Straße der Nationen". Ein stimmiger Name, doch das Anwohnersträßchen ist mit Kopfstein gepflastert und reichlich mitgenommen. An der Gedenkstätte angekommen beschwert sich ein Anwohner: Heerscharen von Besuchern würden laufen, statt auf den Bus zu warten, sie zögen an seinem Garten vorbei und füllten seine Mülltonne.

"Und wenn der Bus da langfährt und ich dann nachmittags auf dem Sofa liege, dann fangen bei mir die Gläser an im Schrank an zu tanzen. Da kann ich dann dankend drauf verzichten. Da würde ja nach meiner Meinung nach am liebsten gar kein Bus langfahren."

Denn zum 804er kommen noch die Reisebusse, die Sachsenhausen direkt anfahren und dann auf dem kleinen Parkplatz der Gedenkstätte nicht wissen, wohin. Alice aus Sidney und Lea aus dem vom Terror getroffenen Manchester war es an der Haltestelle zu voll, sie sind gelaufen und kommen jetzt erhitzt und mit roten Köpfen an.

"Wir haben 35 Minuten gebraucht, und wir sind 22 Jahre alt. Bei diesem Wetter, in dieser Hitze, ohne einen Windhauch ist das nicht zu empfehlen. Ein weiterer Bus wäre sehr hilfreich, vor allem für Ältere oder Leute im Rollstuhl oder dergleichen. Auch für Kinder, wir mussten mehrere Hauptverkehrsstraßen überqueren."

Eine häufigere Taktung sei teuer, heißt es

"Auf der anderen Seite ist die Gedenkstätte in einer für Fußgänger durchaus zumutbaren Entfernung", zumindest für jüngere Leute und Schulklassen, meint Egmont Hamelow, Verkehrsdezernent des Landkreises Oberhavel, in seinem angenehm kühlen Büro in Oranienburg. Eine häufigere Taktung des Busses würde sechsstellige Summen kosten. Und oft führen die Busse nahezu leer zur Gedenkstätte.

"Wir haben im Januar Zählungen durchgeführt. Und diese Zählungen haben halt ergeben, dass eine Überlastung dieser Linie der 804, die hauptsächlich dort langfährt, eben nicht gegeben ist."

Die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen im Nahverkehrsplan wie jeden anderen Kunden zu behandeln, offenbare "provinzielles Denken", schimpft deren Leiter Günter Morsch. Er nennt den Streit unwürdig und wettert: Die langen Fußmärsche von Schulklassen zum ehemaligen Lagergelände gingen dann von der Zeit für das pädagogische Konzept der Gedenkstätten ab.

"Und da vermisse ich tatsächlich ein politisches Signal insbesondere des Kreises. Und dieser Kreis Oberhavel, der tut nicht nur nichts dafür, sondern er stellt sich noch nicht einmal darauf ein, die Besucher in irgendeiner Form willkommen zu heißen."

Alternative Anfahrtrouten gestalten sich als schwierig

Der Landkreis sei sich der internationalen Bedeutung von Sachsenhausen bewusst, sagt Verkehrsdezernent Hamelow. Doch mehr Busse über die Anwohnerstraßen zu schicken, sei keine Lösung.

"Alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, haben erkannt, dass hier ein komplett neues Anbindungskonzept her muss. Und deshalb ist es aus unserer Sicht wichtig, dass sich die Gedenkstätte, aber auch das Ministerium als Träger, und selbstverständlich auch Stadt und Landkreis sich darüber Gedanken machen: Wie können wir die Gedenkstätte künftig noch besser anbinden, um den Druck aus der einen Stelle, wo die Zufahrt ist, eben rauszunehmen."

Befragte Oranienburger Bürger wünschten sich, dass die Busse über eine Hauptverkehrsstraße die Gedenkstätte quasi hinten rum anfahren, sagt Egmont Hamelow. Die müsste dafür ihren Eingang verlegen und die Besucherströme anders lenken.

Geht nicht, sagt die Gedenkstätte, damit würde das pädagogische Konzept auf den Kopf gestellt, weil das Besucherzentrum dann umgangen werde.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat das Kultusministerium in Potsdam als Träger der Gedenkstätte nun erst einmal beschlossen, die Besucher in Sachsenhausen zu zählen. Derzeit werde eine wissenschaftliche Einrichtung gesucht, die das übernimmt, heißt es aus dem Ministerium.

Für Besucher des früheren KZ Sachsenhausen heißt es also weiter: Entweder laufen oder warten. Auf den Bus 804, immer um 19 Minuten nach, am Wochenende nur alle zwei Stunden.

Hören Sie hier die Sendung Länderreport in voller Länge:
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