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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 13.05.2011

Überall nichts als Menschen

Von der Schwierigkeit, die richtigen Namen füreinander zu finden

Von Andreas Krause Landt

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Eine anonyme Menschenmenge (AP)
Eine anonyme Menschenmenge (AP)

Ob Jude oder Christ, Handwerker oder Politiker, hetero- oder homosexuell, rechts oder links - all dies sind Merkmale konkreter Persönlichkeiten. Doch kaum einer traut sich, diese Merkmale auch zu benennen. Stattdessen ist immer öfter nur von "Menschen" die Rede. Warum eigentlich?

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, sprach Kaiser Wilhelm II. den später oft zitierten Satz: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche." Politisch korrekt hieße das heute: "Ich kenne keine Deutschen mehr, ich kenne nur noch Menschen". Und in der Tat sprechen so die höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland. Wer bei uns etwas zu sagen hat, spricht von den "Menschen in unserem Land" oder von den "Menschen in Deutschland", obwohl "Deutsche" und "Menschen in Deutschland" keineswegs dasselbe sind.

Was früher "Aktion Sorgenkind" hieß, heißt heute "Aktion Mensch". Man spricht von "Menschen mit Migrationshintergrund", von "behinderten" und "intersexuellen Menschen". Fahrgäste, Berufstätige, Wahlberechtigte oder Vereinsmitglieder – sie alle kommen in den Nachrichten, Presseerklärungen oder politischen Programmen nur noch als Menschen vor, als schwebten sie wie auf einer Wolke über ihrem eigenen Lebenszusammenhang. Das Wort "Mensch" soll freundlich, rücksichtsvoll und erhaben klingen, als trüge jeder, der so spricht, die Menschenrechte in seinem Herzen. Der Gebrauch des Wortes "Mensch" ist ja auch selten falsch. Aber ist er deshalb schon richtig?

Kaum einer wagt es noch, das bestimmende Persönlichkeitsmerkmal desjenigen öffentlich zu benennen, über den er spricht. Schließlich könnte jeder präzise Begriff in irgendein Wespennest stechen. Wer "Menschen" sagt, muss nicht "Handwerker", "Schwule" oder "Juden" sagen. Jede Zuordnung, jede einigermaßen bestimmte Äußerung kann vorurteilsbeladen oder ausgrenzend wirken. Wer es schafft, keinen zu verletzen, hat vielleicht die Chance, es allen recht zu machen.
Gleiches Recht für alle – ist das nicht ein Ausdruck der Menschenwürde?

Die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts, die millionenfache Vernichtung von Gefangenen der Konzentrationslager haben uns gelehrt, dass der nackte und aus seinem gesellschaftlichen Leben herausgelöste Mensch zugleich der schutzloseste ist. Anders gesagt: Je reiner der Mensch als Mensch vor uns steht, desto schwieriger wird es, das Menschliche an ihm zu bestimmen. Der Gebrauch der Vernunft etwa ist kaum möglich ohne Vorbilder, ohne Erziehung und Schule, ohne einen sozialen Ort. Wer seine Vernunft gebrauchen kann, hat auch Sprache und Herkunft. Er hat von Eltern oder Erziehern gelernt, die ihn geprägt haben.

Die vermeintlich menschenfreundliche Anrede "Mensch" lässt diese wichtigen Voraussetzungen und Bedingtheiten unserer Existenz unter den Tisch fallen. Sie will so wenig wie möglich von Nationalität, Hautfarbe und Beruf, von Religion und gesellschaftlicher Stellung, von Vermögen und Familienstand wissen. Gerade dies macht aber den eigentlichen Wert des Menschen aus: Dass er mehr ist als sein nacktes Menschsein; Kaspar Hauser hat es bewiesen. Wenn ich einen Menschen nicht als den Besonderen anspreche, als der er sein Leben führt, verweigere ich ihm die Anerkennung all dessen, worauf sein Stolz, seine Würde und seine Identität gründen.

Wir müssen uns also nach dem Preis fragen, den uns der ständige Gebrauch des Wortes "Mensch" kostet. Auch der Sprecher, der es benutzt, der so neutral daherkommt, so defensiv und zurückgenommen, auch er wirkt seltsam entrückt. Wenn aber ein Niemand über andere Niemande spricht, sind Kontakt und Beziehung ausgeschlossen.

Die Angst der Deutschen nach 1945, Juden noch als Juden anzusprechen, führte dazu, dass viele Juden sich aufs Neue von den Deutschen übersehen und ausgegrenzt fühlten. Übermäßige Rücksicht ist nicht ohne soziale Kälte zu haben. Die Würde des Menschen sollte es uns wert sein, ein gewisses Risiko einzugehen, auch wenn wir Gefahr laufen, mit einem verbalen Missgriff das eine oder andere Gefühl zu verletzen. Denn nur daraus kann sich etwas entwickeln.

Kultur entsteht aus dem Ringen um das richtige Wort. Eine klare Sprache belebt die Gesellschaft. Der Verzicht auf sie macht einsam und verletzlich. Das gilt für beide Seiten, für die Sprechenden und für die, über die gesprochen wird. Unser aller Würde äußert sich darin, dass wir uns mit Takt und Scharfsinn der Mühe unterziehen, die richtigen Namen füreinander zu finden. Genau darauf verzichtet die Rede vom Menschen – sei es aus Bequemlichkeit, Angst oder Hochmut. Die Rede vom bloßen Menschen ist menschenverachtend.

Andreas Krause Landt, Verleger und Journalist, geb. 1963 in Hamburg. Studierte in Heidelberg und Berlin Germanistik, Philosophie und Geschichte. Seit 1997 Mitarbeiter der Berliner Zeitung. 1999 erschien sein Buch "Scapa Flow. Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte"; 2005 "Holocaust und deutsche Frage. Ein Volk will verschwinden" in der Zeitschrift Merkur (Heft 680); 2007 "Mechanik der Mächte. Über die politischen Schriften von Panajotis Kondylis" in "Panajotis Kondylis. Aufklärer ohne Mission" (hrsg. von Falk Horst); 2010 "Mein jüdisches Viertel, meine deutsche Angst". 2005 Gründung des Landt Verlags in Berlin (www.landtverlag.de).

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