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Interview | Beitrag vom 15.02.2020

Über Superstars im Mannschaftssport"Der beste Star muss auch der beste Mitspieler sein"

Johannes Herber im Gespräch mit Ute Welty

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Die Mitglieder des US-Basketballteams sind als Silhouetten nebeneinander stehend zu sehen. (Picture Alliance / AP Images / Nam Y. Huh)
Auch wenn es einen Aushängestar gibt, müssen in einer Mannschaft alle Spieler gewürdigt werden, damit das Team nicht zersetzt wird. (Picture Alliance / AP Images / Nam Y. Huh)

Sie gelten als Ikonen. Stars wie der verstorbene Kobe Bryant im US-Basketball überstrahlen den gesamten Sport. Als "Zugpferde" helfen sie, Tickets zu verkaufen, sagt Ex-Basketballspieler Johannes Herber. Ihr starkes Ego könne das Team jedoch auch zersetzen.

Ute Welty: Sein Tod ist für viele ein Schock gewesen: Basketballsuperstar Kobe Bryant kam vor einem Monat bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben, und die Allstars der Branche gedenken seiner an diesem Wochenende. Morgen treten sie in Chicago gegeneinander an. Dabei ist Basketball wie Fußball und Handball vor allem eine Mannschaftssportart. Trotzdem gibt es immer wieder diejenigen, die sich dann doch im Team von fünf, sieben oder elf abheben.

Johannes Herber hat lange unter anderem für die deutsche Nationalmannschaft Basketball gespielt. Inzwischen ist er Geschäftsführer der Sportlergewerkschaft Athleten Deutschland e.V. Wie froh sind Sie als Sportler gewesen, wenn es da jemanden gab, den die Öffentlichkeit zum Star erklärt hat?

Johannes Herber: Als Mannschaftsspieler ist es natürlich auch wichtig, dass es Stars gibt. Es braucht einfach diese Zugpferde, die als Aushängeschild dienen und die helfen, Ticktes zu verkaufen. Und die helfen, TV-Rechte an den Mann, an die Frau zu bringen. Deswegen brauchen wir die Stars auf jeden Fall. Innerhalb einer Mannschaft braucht man sie auch, denn sie sind diejenigen, die in den entscheidenden Situationen Verantwortung übernehmen können.

"Es gibt Stars, die ein Team auch zersetzen können"

Welty: Große Stars können aber auch große Egos haben. Ab wann wird es anstrengend?

Herber: Also es besteht natürlich die Gefahr, dass es Stars gibt, die ein Team auch zersetzen können. Ich glaube, das passiert immer dann, wenn die Stars gegen die internen Regeln verstoßen, also wenn sie Privilegien für sich reklamieren, die andere in der Mannschaft nicht haben. Und wenn sie auch den anderen im Team, - den anderen Spielern, den Rollenspielern, die ihnen die Bühne geben -, wenn sie denen das Gefühl geben, dass sie nicht gewürdigt sind.

Da spielt natürlich der Trainer auch eine ganz wichtige Rolle. Der Trainer muss immer dafür sorgen, dass der Star vielleicht der Aushängestar ist, aber innerhalb der Mannschaft auch die anderen gewürdigt werden.

Welty: Wie hält man das denn im Griff als Trainer?

Herber: Man muss einfach, glaube ich, gut kommunizieren, vor allem auch immer wieder die Rolle der anderen herausheben und, wie gesagt, ein festes Regelwerk haben, das der Star dann auch nicht durchbrechen darf.

Ein 35 Meter hohes Bild von Kobe Bryant wurde zum Andenken mit einem Rasenmäher in eine Rasenfläche gemäht. (Picture Alliance / Cover Images / Kelli Pearson)Johannes Herber findet, Kobe Bryant sei nach seinem Tod recht unkritisch gewürdigt worden. (Picture Alliance / Cover Images / Kelli Pearson)

Welty: "Der Star ist die Mannschaft", dieser Satz von Berti Voigts bezieht sich natürlich auf Fußball und auf die deutsche Nationalmannschaft. Inwieweit ist Basketball und vor allem amerikanischer Basketball da anders gestrickt?

Herber: Natürlich braucht es im Basketball auch in Amerika immer die Mannschaft, eine funktionierende Mannschaft, um tatsächlich dann auch Meisterschaften zu gewinnen. Es ist aber so, dass beim Basketball - vielleicht noch mehr als beim Fußball -, einzelne Spieler stärker herausstechen können.

Das hat einfach mit der Natur des Spiels zu tun. Statt elf Spieler sind nur fünf auf dem Feld, man hat beim Basketball, dadurch, dass mit der Hand gespielt wird, eine viel größere Kontrolle als im Fußball. Man kann eigentlich den Ball relativ leicht an sich reißen und dann auch mit einer Aktion brillieren, den Ball bei sich behalten, alleine werfen. Also da gibt es viele Möglichkeiten, sich zum Star selber sich zu machen.

Gleichzeitig muss man auch sagen, dass die NBA eine hervorragende Arbeit geleistet hat und immer noch tut, ihre Stars zu inszenieren, also von der Kameraführung, die Art und Weise, wie sie die Spieler ins Bild setzen. Basketball ist ja ein sehr ästhetischer Sport, und die NBA nutzt das sehr geschickt und inszeniert ihre Stars sehr gut.

Nicht mehr Stars, sondern globale Ikonen

Welty: Nicht zuletzt dürfte es ja aber auch um Werbeverträge und damit um Geld gehen.

Herber: Absolut, ja. Die Werbung macht genau das gleiche. Es ist natürlich leichter, einen einzelnen zu vermarkten, die Geschichte des einzelnen zu erzählen, als die Geschichte von fünf Leuten. Die Werbung macht das sehr geschickt. Genauso wie die NBA, die benutzt diese Bilder für sich.

Und mittlerweile reden wir auch gar nicht mehr von Stars in der NBA – Star ist ja jeder –, sondern das sind mittlerweile Ikonen. LeBron James zum Beispiel hat von sich gesagt, er wollte die globale Ikone werden. Und dazu gehört nicht nur die Leistung auf dem Feld, dazu gehört eine ganze Marketingmaschinerie, die sich um ihn herumspinnt.

Welty: Inwieweit spricht das auch für eine gewisse Hybris?

Herber: Ja, das spricht auf jeden Fall für eine Hybris. Die Sportler werden natürlich weit über ihren Status als Mensch inszeniert und stilisiert. Und dabei vergessen wir oft, dass die auch fehlbar sind und dass sie sich in ihrem restlichen Leben den gleichen Problemen zum Teil stellen müssen, denen wir uns tagtäglich stellen.

Welty: Die Stars und die Wasserträger in einer Mannschaft dürften unterschiedlich bezahlt werden, und dann gibt es noch die Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern. Über welche Spannen in Euro reden wir da?

Herber: Es kommt natürlich drauf an, in welche Ligen wir da schauen. Also in der NBA liegt, glaube ich, die Spanne …. – da liegen zehn, fünfzehn, zwanzig Millionen zwischen den Geringverdienern und den Stars.

"Auch die Schattenseiten beleuchten"

Welty: Kobe Bryant wird an diesem Wochenende gefeiert werden. Er ist ohne Zweifel einen tragischen Tod gestorben, zusammen mit seiner Tochter, die gerade mal 13 geworden ist. Enthebt ihn das aller Nachfragen? Es stehen Vergewaltigungsvorwürfe im Raum, die weder belegt sind noch ausgeräumt werden.

Herber: Das ist natürlich eine schwierige Frage. Kobe Bryant, wie Sie beschrieben haben, ist jetzt wirklich einen sehr tragischen Tod gestorben. Die Tragik ist noch mal dadurch vergrößert, dass eine Tochter dabei war, dass er seine Familie zurücklässt.

Die Basketballgemeinde auf der ganzen Welt und auch viele andere haben um ihn getrauert und haben relativ ihn unkritisch gewürdigt. Viele haben bekundet, wie sehr er sie inspiriert habe in ihrem Leben, nicht nur durch sein Können auf dem Spielfeld, sondern auch durch seine Person. Darüber hat man den Aspekt, dass er zumindest beschuldigt wurde, eine Frau vergewaltigt zu haben, über weite Teile ignoriert.

Und das, glaube ich, darf nicht der Fall sein. Also wenn wir über eine Person sprechen auch, so sehr sie noch ein großer Star ist oder eine Ikone wie Kobe Bryant es war, dann müssen wir auch die Schattenseiten beleuchten.

Welty: Wer ist für Sie ein Star?

Herber: Ich habe eigentlich nicht so viele Stars.

Welty: Aber gibt es den perfekten Star?

Herber: Ja, also ich glaube, im Basketball zumindest sagt man immer, der beste Star muss auch der beste Mitspieler sein, also jener, der auch ein guter Teamplayer ist und der sich an die internen Regeln hält, die Mitspieler würdigt, der versucht, auch junge Spieler heranzuziehen und sich eben nicht über das Kollektiv stellt. Das wäre für mich der perfekte Star.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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