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Zeitfragen | Beitrag vom 03.09.2019

Über Sinn, Unsinn und Zukunft von ZoosEine Arche hinter Gittern?

Von Marko Pauli

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Blick auf Flamingos in einem künstlich angelegten Gehege. (unsplash / Matthew Cabret)
Flamingos in einem Gehege: Wie könnte ein Zoo mit guten Bedingungen für das Wohl der Tiere aussehen? (unsplash / Matthew Cabret)

Millionen Menschen lieben es, in den Zoo zu gehen. Dort werde mit dem Leid eingesperrter Tiere Geld gemacht, sagen Kritiker, die Tierpark-Idee habe sich überlebt. Allerdings könnten Zoos zukünftig neue Aufgaben erfüllen – und ganz anders aussehen.

Die Elefantenanlage im Tierpark Hagenbeck. Eine Gruppe Dickhäuter streckt den Rüssel über den Zaun und schnappt sich das entgegengereckte Gemüse. Routiniert werfen die Tiere in Hamburgs Zoo das Futter in ihr Maul. Immer wieder der gleiche Ablauf.

Ein Asiatischer Elefant im Tierpark Hagenbeck wird von einem kleinen Jungen, den sein Vater über das Geländer hält, mit Obst gefüttert. (imago images / Strussfoto)Elefanten im Tierpark Hagenbeck: Die Dickhäuter strecken schon mal den Rüssel über den Zaun. (imago images / Strussfoto)

Eine Besucherin ruht sich auf einer Bank aus und beobachtet das Treiben. "Ich finde sie cool und majestätisch und habe aber im gleichen Atemzug darüber nachgedacht, was wir Menschen eigentlich diesen Tieren antun. Die ganze Zeit im Zoo hatte ich immer wieder das gleiche Gefühl, auf der einen Seite strebt man nach Arten-Erhaltung und versucht irgendwie, das relativ artgerecht hinzukriegen - also, das ist einer der schönsten Zoos, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe -, aber auf der anderen Seite: Sie leben im Knast, das ist Gefangenschaft für die Tiere. "

Lebenslang festgehalten und zur Schau gestellt

Die Einrichtung "Zoo" ist zumindest eigenartig. Oft exotische Tiere werden in Gehegen festgehalten und zur Schau gestellt, ihr Leben lang. Zoovertreter sprechen davon, dass Tiere hier nicht in Gefangenschaft leben. Das Gehege sei ihr Territorium, in dem sie sich geborgen fühlen. Das kann behauptet werden, die Tiere können kaum widersprechen.

"Wenn man darüber nachdenkt, wie viele ausgerottet werden", sagt die Besucherin, "gerade in Afrika, für das weiße Gold, für dass sie getötet werden, immer noch nach wie vor, und dass die die Ausrottung vieler Tierarten einfach so sang- und klanglos vonstatten geht, ist das natürlich eine Möglichkeit bestimmte Spezies wirklich irgendwie aufrechtzuerhalten - aber wofür? Dass der Mensch die angucken kann nachher? Also es ist immer wieder ein 'ja, aber', was sich bei mir stellt."

Tiere im Zoo: Ja oder nein? Und wenn ja: Warum, welche und unter was für Bedingungen? Wie könnte ein Zoo aussehen, den auch Tierschützer artgerecht fänden?

Deutschland, ein Land mit hoher Zoo-Dichte

Etwa 700 Zoos gibt es in Deutschland, die Dichte ist damit so hoch wie wohl in keinem anderen Land. Die größten Tierparks sind im VdZ, dem Verband der zoologischen Gärten, zusammengeschlossen. Mehr als 40 Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr. Wenn der Mensch die Wildnis vernichtet – liegt hier vielleicht das Argument für die Existenz von Zoos? Im Arterhalt?

Draußen jedenfalls werde es für Wildtiere immer schwieriger, sagt Volker vom VdZ. "Wenn man in die Zukunft hineinguckt und sagt okay, jetzt sind wir ja 7,5 Milliarden Menschen und in recht absehbarer Zeit sind wir 10 Milliarden Menschen - und es ist leider so, dass der Druck gerade für die großen Arten, die große Lebensräume brauchen, wahnsinnig zunehmen wird, wir werden fast jeden Quadratmeter nutzen müssen für die Ernährungsproduktion von Menschen, sonst kommen wir immer in diesen Konflikt: Ist dieser Quadratkilometer jetzt Wildnis oder ist das für den Menschen zur Nahrungsproduktion? Da bewegen wir uns jetzt schon drin."

Klingt bei aller Tragik erstmal logisch: Wenn Wildnis und damit Arten verschwinden, dann leben wenigstens ein paar Exemplare in Gefangenschaft weiter. Dies wird auch mit dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm versucht. Die Zoos züchten etwa 150 Arten koordiniert. Die Hoffnung: Eine gesunde Population, die vielleicht wieder ausgewildert werden kann.

Das Foto  zeigt die neugeborenen Zwillingspanda-Welpen im Berliner Zoo. (imago / Xinhua / ZOO Berlin)Die Einrichtung "Zoo" fasziniert: In Berlin sorgen gerade die neugeborenen Pandazwillinge für ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit. (imago / Xinhua / ZOO Berlin)

Doch meist klappe das nicht, sagt Torsten Schmidt vom Bund gegen Missbrauch der Tiere: "Das hat sogar Eingang gefunden in die gängige Zoo-Literatur, wo drin steht, dass diese Erhaltungszucht-Programme eigentlich für den Artenschutz fast gar nichts bringen, weil einfach die genetischen Anforderungen so hoch sind, das erfüllen die Zoos nicht. Also sie müssen im Prinzip 500 Tiere haben, eine Gründerpopulation, die nicht miteinander verwandt sind."

Erneute Auswilderung von Tieren selten erfolgreich

Nur in wenigen Fällen war die Auswilderung von Arten erfolgreich, die lange nur in Zoos überlebt haben. Etwa beim europäischen Wisent, einer Rinderart. Oder dem Przewalski-Pferd, das in der mongolischen Steppe lebt.

"Von allen Zoos, die sich um Tiere bemüht haben, kann man sagen, dass sie etwa 50 Tierarten vorm Aussterben bewahrt haben", sagt Torsten Schmidt, "von den 50 Tierarten sind es 25 Säugetierarten und von den 25 Säugetierarten waren neun Arten dabei, die erfolgreich wieder ausgewildert werden konnten. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass täglich zwischen 100 und 130 Tierarten wahrscheinlich aussterben. Viele Tierarten wird man gar nicht kennen, weil nur ein Bruchteil bekannt ist. Wer behauptet, dass Zoos wirklich einen wesentlichen Beitrag zum Artenschutz leisten können, zumindest diesen direkten Artenschutz, der lügt sich ein bisschen in die eigene Tasche."

Für den direkten Artenschutz müsse der Erhalt der ursprünglichen Lebensräume das vorrangige Ziel sein.

Was bringt ein Euro für den Artenschutz?

Mittlerweile haben einige Zoos einen Artenschutzeuro eingeführt, eine freiwillige Abgabe, die allein Artenschutzprojekten zu Gute kommt. Und die großen Zoos sammeln jährlich rund vier Millionen Euro. Aber das sei zu wenig, sagt Torsten Schmidt.

"Vier Millionen, das ist gemessen an 40 Millionen Besuchern pro Jahr, wo die Eintrittskarte zwischen 15 bis 20 Euro kostet, sind das ja nur noch Krümel vom Kuchen", sagt er. "Also, das ist an und für sich eigentlich lächerlich, wenn man vergleicht beispielsweise der Loro Parque in Spanien, das ist eine relativ große Einrichtung die allein pro Jahr selber 20 Millionen Euro für den Artenschutz ausgibt, und die 71 Einrichtungen vom VdZ zusammen halt vier Millionen. Und das muss deutlich angehoben werden, da wäre halt von unserer Seite eine Forderung: 5 Prozent der Einnahmen müssten in den direkten Artenschutz fließen."

Dass die Zoos nicht so viel abgeben mögen, hängt auch mit den hohen Ausgaben zusammen. Der Tierpark Hagenbeck gibt an, 41.000 Euro Gesamtkosten zu haben, pro Tag. Auf 19 Hektar leben hier gut 16.000 Tiere aus 610 Arten. Für die Besucher gibt es viel zu sehen. Viele Parks wetteifern geradezu darum, möglichst viele Arten zu zeigen. Doch warum eigentlich? Bleibt ein Besucher im Schnitt doch weniger als eine Minute vor einem Gehege stehen.

"Traurig fand ich den Leoparden", sagt eine Besucherin. "Sie machen es in der freien Natur auch, die gehen immer so bestimmte Wege ab, aber hier machen sie es nur aufgrund dessen, dass sie in Gefangenschaft leben, sonst laufen sie keine bestimmten Wege in dem Sinne ab. Sie haben ihre Territorien, die sie großzügig ablaufen, aber niemals Ecke-Ecke-Ecke-Ecke, und das konnte man dem Leoparden so sehen, nee, das ist Gefangenschaftsverhalten."

Zu kleine Gehege, zu wenige Artgenossen

Die Haltungsbedingungen stehen immer wieder in der Kritik: zu kleine Gehege, zu wenige Beschäftigungsmöglichkeiten und nicht genügend Interaktion mit Artgenossen.

Die Tierschutzorganisation PETA veröffentlichte schon häufiger Videos, die den Kritikern Recht geben, zuletzt im April 2017. Die Bilder zeigen, wie im Erlebniszoo Hannover Elefanten gezüchtigt werden. Pfleger schlagen Jungtieren mit einem Haken auf Körper und Kopf, damit sie die geforderten Kunststücke für die Elefantenshow lernen. Widerstand wird gnadenlos bestraft. Die Verantwortlichen sprachen davon, dass die Tiere so geführt werden müssten.

Andere Zoos kommen ohne solche Methoden aus und auch ohne Elefantenshows. Angesprochen auf Misshandlungen, gibt Volker Homes vom Verband der Zoologischen Gärten zu, dass es hie und da Verbesserungsbedarf gibt. Die Auswüchse in Hannover seien die Ausnahme: "Wir sind sicherlich noch nicht überall im Optimum, aber den Tieren in den VdZ-Zoos geht es ganz überwiegend gut."

Ideen für Zoos mit besseren Bedingungen für die Tiere

Doch Tiere, das zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, sind weitaus intelligenter, sozialer und empfindungsfähiger als bislang vermutet. Hält das Tierwohl in den Zoos da mit?

Jon Coe plant seit mehr als 50 Jahren Tieranlagen in aller Welt. Dennoch steht er Zoos kritisch gegenüber. Zwar habe es in den vergangenen Jahrzehnten Fortschritte gegeben: bessere Gehege etwa. Aber das Wohl der Tiere hat sich nach Ansicht des Landschaftsarchitekten längst nicht so gesteigert, wie das Wohl der Besucher.

Deshalb müsse sich die nächste Generation Zoos um das Tierwohl drehen. Denn selbst in den besten Zoos mit großen Außengehegen, werden die Tiere nachts meist eingeschlossen. Via Internettelefonie spricht Jon Coe über seine zentralen Leitmotive für die Zukunft. Es gehe darum, den Tieren Kontrolle zu überlassen und sie zu beschäftigen.

"Gebt den Tieren Zugang zu ihren Außengehegen, wann immer sie da hinwollen", fordert Jon Co. "Macht sie also so sicher, dass das möglich ist. Es gibt einfache Möglichkeiten, wie die Tiere die gewünschte Temperatur, den gewünschten Lichtwert und den gewünschten Geräuschpegel steuern können. Das können sie zum Beispiel tun, indem sie sich einem bestimmten Ort nähern, der einen Bewegungssensor hat - ähnlich dem, der das Licht einschaltet, wenn Sie nachts zu Ihrem Haus fahren. Die gleiche Art eines einfachen Bewegungssensors kann die Temperatur aufdrehen, wenn das Tier in einem bestimmten Bereich sitzt. Oder einen Ventilator einschalten, wenn es in einem anderen Bereich sitzt. Das ist alles technisch einfach zu realisieren und gibt den Tieren mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben."

Pfade in luftiger Höhe für die Affen

Im Zoo von Philadelphia hat Jon Coe in luftiger Höhe Röhren aus stabilem Maschendraht verlegt, die als Netzwerk von Baum zu Baum durch den ganzen Tierpark führen. Mit ihnen erhalten die Tiere die notwendigen Bewegungsmöglichkeiten, erklärt er durch seinen langen grauen Bart. Kleine Affen etwa nutzen diese Pfade, aber nicht nur die.

Schulkinder spielen am am Eingang des Zoos von Philadelphia. (imago images / ZUMA Press / Bastiaan Slabbers)Der Zoo von Philadelphia: Hier gibt es in in luftiger Höhe Röhren aus stabilem Maschendraht - für die Affen. (imago images / ZUMA Press / Bastiaan Slabbers)

"Einen halben Kilometer können sie den Pfad entlang laufen", erzählt Jon Coe, "und einen halben wieder zurück - alles sichtbar für die Tierpark-Besucher, über ihren Köpfen. Das wichtige ist, dass den Tieren die Türen zu den Pfaden immer offen stehen. Sie können sie nutzen, wann und wie sie wollen. Wir haben solche Pfade auch für Löwen, Leoparden, Jaguare, Gorillas und Orang-Utans installiert. Irgendwann sollen alle Tiere im Zoo so herumlaufen können."

Im Louisville-Zoo in Kentucky hat Jon Coe Time-Sharing-Gehege entworfen. Tapire, Tiger, Wildschweine, Orang-Utans und Gibbons tauschen die Behausungen. So können sie nicht nur immer wieder eine neue Umgebung erkunden, auch ihre Sinne werden durch die Markierungen der anderen Tiere wachgehalten. Das vermeide Stress durch chronische Langeweile.

"Einen Schritt in diese Richtung hat der Werribee Open Range Zoo hier in Victoria, Australien, getan", sagt Jon Coe. "Der hat gerade eine Art Reptilien-Fitnessstudio eröffnet. Sie nehmen ihre Schlangen und Eidechsen, die in den Zoos ja meist in sehr kleinen Arealen leben, und bringen sie mehrmals pro Woche hin. Dort können sie gegen den Strom schwimmen und haben dadurch ein wirklich gutes Training."

Mehr Abwechslung für die Tiere

In den deutschen Zoos habe sich in den vergangenen Jahren auch schon einiges getan, sagt Volker Homes vom Verband der zoologischen Gärten.

"Der Trend geht zum Beispiel in Richtung Beschäftigung, dass die Nahrung versteckt wird oder dass die Nahrung abwechslungsreicher ist, oder dass man bestimmte Instrumente, dass man das Futter versteckt in bestimmten Verschlusssystemen, wenn sie da an Menschenaffen, die sehr intelligent sind, denken - dass das nicht so einfach ist für die Tiere. Also, dass sie wirklich zusammen mit den Zoo-Tierpflegern die Tiere so beschäftigt, dass das Tierwohl wirklich auch im Auge bleibt."

Den Besuchern scheint es wichtig, möglichst viele Tiere zu sehen. Die größten Attraktionen wie Löwen, Tiger, Elefanten und Menschenaffen sollten dabei sein. Kleine, weniger spektakuläre Tiere lassen viele Besucher links liegen.

In den USA hat man dagegen begonnen, sich zu reduzieren, erklärt Jon Coe: "In Nordamerika wurden die Elefanten aus kleinen Zoos fast alle in ein paar wirklich große Zoos geschickt. Die können den Raum zur Verfügung stellen, den sie für wirklich große Herden brauchen. Das ist auch das, was Elefanten brauchen, Elefanten sind Herdentiere."

Zoodesigner fordert Spezialisierung

Der Zoodesigner hält es für richtig, dass sich Anlagen spezialisieren. Weniger Tiere in kleinen Anlagen und vor allem: Tiere, die besser zur jeweiligen Klimazone passen. Die Vision ist eine Abkehr vom traditionellen Tierpark, der exotische Tiere wie Eisbären und Löwen zur Schau stellt.

Die Erwartungen der Besucher ließen sich verändern, so Jon Coe: "Bisher wurde den Leuten beigebracht, dass sie im Zoo große Tiere in kleinen Räumen erwarten dürfen. Wir können ihnen aber auch beibringen, dass sie kleine, aktive, spannende Tiere in großen Gehegen erwarten. Da gibt es einige, Erdmännchen und Lemuren zum Beispiel, die kommen sehr gut an. Eben weil sie so aktiv sind, so lustig, so gesellig. Bei aller Unterhaltung können die Besucher über sie aber auch viel lernen in Sachen Arterhaltung, Naturschutz und Tierwohl."

Denkmalschutz bremst die Neuausrichtung

Ideen, die deutsche Tierparks derzeit kaum umsetzen: Zu etabliert ist das Konzept vom "so viele Tiere wie möglich" Zoo. Und noch etwas bremst Veränderungen: Viele Parks sind nicht nur traditionell ausgerichtet, sondern die Anlagen stehen oft unter Denkmalschutz. Große Umbauten gestalten sich deshalb schwierig, nicht nur in Hamburg.

Zwei Elefantenbabys und zwei schon ältere Juzngtiere stehen im mit Säulen gesäumten Elefantengehäge von Hagenbecks in Hamburg. (imago images / McPHOTO)Elefantenbabys und Jungtiere im Tierpark Hagenbeck: Wegen des Denkmalschutzes gestalten sich große Umbauten in deutschen Zoos schwierig. (imago images / McPHOTO)

Carl Hagenbeck eröffnete 1907 den weltweit ersten Tierpark ohne Gitter. Doch Zoos gibt es sehr viel länger. Schon im alten Ägypten hielten die Herrscher Raubkatzen in Tiergärten, um ihre Macht zu demonstrieren. Ähnlich bei den Römern: Kaiser Augustus beherbergte in seinem Tiergarten rund 3500 Tiere. Hier wie dort wurden sie zum Vergnügen gejagt und getötet.

Das damalige Weltbild besagte: Alle Tiere dienten dem Wohl des Menschen. Man konnte mit ihnen folglich machen, was man wollte.

Im Mittelalter entstanden in den Hofgärten der Adeligen die ersten Menagerien. Auch hier waren die Tiere eine Demonstration von Macht und Einfluss, auch hier gab es Hetzjagden. Mit der Aufklärung setzte sich die Erkenntnis durch, dass sich der Körperbau von Mensch und Säugetier ähnelt. Doch Verstand sprach man Tieren weiterhin ab. So sagte der französische Philosoph René Descartes: "Ihre Schmerzensschreie bedeuten nicht mehr, als das Quietschen eines Rades."

Erster bürgerlicher Zoo der Welt in Paris

In den ersten Tagen der französischen Revolution 1789 befreiten Bürger die Tiere aus der Menagerie in Versailles und brachten sie in den Botanischen Garten von Paris. Damit entstand dort der erste bürgerliche Zoo der Welt.

Es folgten viele weitere in ganz Europa: Neugierige konnten exotische Tiere bestaunen, die – trotz Befreiung vom Adel – wie zuvor in engen Käfigen leben mussten.

1848 stellte Gottfried Clas Carl Hagenbeck sechs Seehunde in Holzbottichen auf dem Hamburger Spielbudenplatz aus. Die Familie entdeckte das Potenzial des Tierhandels und importierte Löwen, Tiger, Leoparden, Bären, Nashörner und Krokodile. Mit großen Gewinnen verkaufte Hagenbeck die Tiere an Privatleute und wichtige Zoos in aller Welt.

1907 schließlich erfüllte sich Carl Hagenbeck einen langgehegten Traum: Vor den Toren Hamburgs eröffnete er seinen eigenen Tierpark mit Parklandschaften und felsigen Freigehegen ohne Stahlgitter.

Tierpark Hagenbeck setzte Maßstäbe

So etwas hatte die Welt bis dahin nicht gesehen, weiß Zooplaner Jon Coe.

"Das hat wirklich eine ganz neue Sichtweise auf das geschaffen, was Zoos sein könnten", sagt Jon Coe, "denn vorher gab es einen viktorianischen Park mit einer großen Reihe von Käfigen auf einer Seite. Die Idee, Panoramen mit mehreren Arten zu erstellen, die sich teilweise überlappen, die Einbeziehung von Hintergrundlandschaften in die Komposition eines Gartens, das waren große Innovationen."

Vor dem Haus der Riesenschildkröten, die locker über 100 Jahre alt werden können, ist eine kleine Gedenktafel angebracht. Ein älterer Herr fotografiert sie.

"Mein Vater ist Jahrgang '08 und meine Mutter ist ja Jahrgang '13", sagt er. "Und der Kaiser, der war im August '08 hier und da denke ich immer, da war mein Vater schon auf der Welt, als der Kaiser das hier sich angesehen hat. Ich bin geborener Ostpreuße, schauen Sie mal hier, das ist ja auch für mich wichtig, Eröffnung 1907, Eröffnung des ersten gitterlosen Tierparks der Welt in Stellingen, Vorbild später für alle in der ganzen Welt, damals noch ein preußisches Dorf vor den Toren Hamburgs - meine Identität, ich meine ist schon lange her."

Der Besucher hat seit vielen Jahren eine Jahreskarte und will dem Zoo auch sein Vermögen vererben:"Ja, es ist für mich Heimat geworden, auch die Bäume, also nicht wegen der Tiere komme ich hierher, auch die vielen Menschen, und man sieht sie sehr nahe, Heimat ist das!"

Die Zeiten haben sich geändert

"Hagenbeck hat den Themenpark erfunden", sagt Jon Coe. "Das Restaurant im Zoo, die Postkarten, so viele Dinge, die weltweit später Standard geworden sind. Aber die Dinge haben sich seitdem sehr verändert. Wenn man das mit einer modernen naturalistischen Zoolandschaft vergleicht, zum Beispiel dem Woodland Park Zoo in Seattle, dann geht man bei Hagenbeck immer noch durch einen großen Zoo und dort geht man durch Alaska. Der Unterschied ist einfach fundamental."

Der Bär Akiak im neuen Polarium des Rostocker Zoos für Eisbären und Pinguinen. Die Erlebnislandschaft wird gleichzeitig ein Besucherzentrum mit der Ausstellung Meereswelten beherbergen. Der Neubau des gut 14 Millionen Euro teuren Polariums war notwendig geworden, weil die frühere Bärenburg den modernen Anforderungen an die Tierhaltung widersprach.  (imago images / Fotoagentur Nordlicht / Frank Hormann)Der Eisbär Akiak im neuen Polarium: Der Rostocker Zoo hat die frühere Bärenburg mit einem modernen Neubau ersetzt. (imago images / Fotoagentur Nordlicht / Frank Hormann)

Bis in die 1970er-Jahre war der Handel mit Tieren aus freier Wildbahn praktisch keinen Regeln unterworfen. Allein 1973 machten in der Bundesrepublik noch etwa 3000 Tierhändler einen Umsatz von 1,7 Milliarden D-Mark. Erst mit dem Washingtoner Artenschutzabkommen 1975 wurden Aus- und Einfuhrgenehmigungen Pflicht - ein tiefer Einschnitt in das Geschäftsmodell der Tierhändler.

Mit dem Abkommen gerieten auch die Zoos in die Kritik. Für jedes Tier, das in den Parks zu sehen war, starben unzählige Tiere der gleichen Art beim Fang oder Transport. Die Zoos reagierten und versuchten, sich einen anderen Anstrich zu geben: Artenschutz, Forschung und Bildung, dafür sollten und sollen sie auch heute noch stehen.

Artenschutz in den Fokus gerückt

Auch der Tierpark Hagenbeck versucht zu informieren: "Dann wird Ihnen auffallen, dass ganz häufig als Inhaltsstoff Palmöl angegeben wird. Da muss man jedoch wissen, dass für diese Palmölproduktion auf der ganzen Welt massiv Regenwald zerstört wird und deshalb Tiere wie der Orang-Utan stark vom Aussterben bedroht sind."

Im Orang-Utan-Haus etwa erfahren Besucher, warum die Menschenaffenart vom Aussterben bedroht ist. Und was das mit Konsum zu tun hat.

Zoos versuchen zu sensibilisieren und zur Bildung beizutragen. Doch Studien zeigen, dass dies nur bedingt gelingt. Zoobesucher wissen kaum mehr über Tiere als Menschen, die noch nie in einem Tierpark waren. Im Kuppelbau des Affenhauses mit Pommes-Verkauf und ungeduldigen Kindern glaubt man diesen Studien – allen Bemühungen nach Aufklärung zum Trotz. Eine bessere Atmosphäre zum Lernen herrscht vielleicht woanders.

Zooschulen vermitteln Wissen über die Tiere

Zu beinahe allen großen Anlagen gehören Zooschulen. Hier gibt es einen Blick hinter die Kulissen, Besucher können mit Pflegern sprechen, Tiere aus der Nähe und unter Anleitung kennenlernen und erfahren, wie gefährdet bestimmte Arten sind. Rund 2000 Veranstaltungen finden bei Hagenbeck pro Jahr statt. Heute führt Sören Reichhardt Vorschullehrer durch das Tropenaquarium. Er holt eine Schlange aus einer Box.

"Bevor Sie die Schlange anfassen", sagt er, "können Sie sich selbst drei Fragen beantworten, nämlich. Wie fühlt sich so eine Schlange an, ist die rauh oder ist die glatt? Ist sie trocken oder feucht? Ist sie warm oder kalt? Dann gehe ich mal rum und jeder hat die Möglichkeit, die Schlange anzufassen."

Die Haut des Reptils ist weicher und zarter, als viele denken. Und die charakteristische Zunge dient als Nase. Genauer gesagt zum Richtungsriechen.

"Wisst ihr, was das bedeutet?", fragt Sören Reichhardt. "Eine Schlange hat eine gespaltene Zunge, die kommt aus dem Mund raus, nimmt Duftstoffe aus der Luft raus, wird dann in den Mund eingeführt und dann hat sie im Gaumen ein Loch, dort steckt sie die Zunge rein und kann die Duftstoffe dort riechen sozusagen. Und wenn auf der einen Seite mehr Duftstoffe sind als auf der anderen Seite, dann weiß sie zum Beispiel: Das Beutetier ist eher auf der Seite."

Plädoyer für Zoos mit einheimischen Tieren

Wissen über die Arten verschwindet, zeigen Umfragen unter Schülern. Die Menschen haben immer weniger Kontakt mit der Natur. Die Säugetiere auf der Erde bestehen nur noch zu vier Prozent aus Wildtieren und zu 94 Prozent aus Nutztieren wie Rindern und Schweinen. Ein ähnliches Bild bei Vögeln: Zwei Drittel des Geflügels sind Nutztiere, nur ein Drittel lebt als Wildtiere.

Umso wichtiger ist, dass Menschen an Orten wie den Zooschulen mit dem Tierreich in Berührung kommen: Zoos in der Stadt als Stätten der Bildung, so der Anspruch.

Torsten Schmidt vom Bund gegen Missbrauch der Tiere BMT würde dabei aber auf Arten setzen, die sich gut halten lassen. Sprich: Weniger exotische, dafür mehr einheimische Tiere.

"Im Prinzip, wenn ich eine Zooschule führe", sagt Torsten Schmidt, "da müsste ich sagen, wir halten aufgrund dessen, dass wir Vorbildcharakter haben, nur die Tiere, die wir guten Gewissens halten können, die sich hier wohlfühlen und wo wir auch was exemplarisch zeigen können. Und ich kann nur dann exemplarisch was zeigen, wenn die Tiere sich verhalten können. In aller Regel ist es aber so, dass die Tiere ja nur relativ statisch in den Gehegen drin sind."

Mögliche Rolle für die Rettung von Tierarten

Und der Zoo der Zukunft? Der wird jetzt schon geplant. Auf der ganzen Welt existieren spezielle Kryobanken von tierischem Gewebe. Hier bewahren Forscher Spermien und Eizellen auf – im flüssigen Stickstoff mehrere tausend Jahre haltbar.

Volker Homes vom Verband der zoologischen Gärten glaubt, dass die Tierparks dafür wichtiges biologisches Material liefern können.

"Genauso wie man eine Samenbank hat für Pflanzenarten oder auch für bestimmte Reissorten und Weizensorten", erklärt er, "so ist es vielleicht auch gut für die sehr, sehr ferne Zukunft vielleicht die Genetik überhaupt noch zu haben. Ein ausgestorbenes Tier, was nicht mehr da ist und wo Sie die Genetik nicht haben, das können sie nicht neu erfinden. Und die Zoos leisten eben einen Beitrag dazu, dass diese Kryo-Datenbanken Zellmaterial überhaupt erhalten, indem gestorbene Zootiere, von denen werden Zellen genutzt und eingefroren, um vielleicht in ferner Zukunft die Möglichkeit zu haben, diese Art dann doch wieder zurück auf unserem Planeten zu bringen, in einer möglichst besseren Umwelt, wo Mensch und Natur besser zusammen leben können."

Ein Beispiel ist die mögliche Rettung des nördlichen Breitmaulnashorns. Die Art gilt bereits als ausgestorben. Nur zwei Weibchen leben noch in Kenia. Ihnen haben Forscher jetzt Eizellen entnommen und sie vor wenigen Tagen mit tiefgefrorenen Spermien befruchtet, die in einer Kryobank lagerten.

Zoo der Zukunft: Jurassic Parc oder virtuelle Simulation?

Die Wissenschaftler hoffen, dass sich die befruchteten Eizellen im Labor zu Embryos entwickeln – sie sollen dann von einer verwandten Unterart des Breitmaulnashorns ausgetragen werden. Doch selbst wenn das gelingt: Den Tieren fehlen die Artgenossen, von denen sie ihr Verhalten erlernen können.

"Da wird der Zoo zum Museum", sagt Torsten Schmidt. "Dann habe ich im Prinzip einen Jurassic Park oder so, aber ich habe wirklich nicht mehr die Verhaltensweisen. Also wir wissen von vielen Tierarten, dass sie hoch spezialisiert sind, also dass eine Art Untergruppen bildet und je nach Regionen verschiedene Jagdstrategien herrschen. Wenn die verloren gehen durch die Zootierhaltung oder halt durch diesen Kryptozoo sowieso dauerhaft verloren sind, was habe ich dann noch? Dann habe ich Tiere, die aussehen wie das Original, aber sich nicht mehr verhalten wie das Original. Ich habe dann letztendlich lebende Museumsstücke."

Womöglich wird der Zoo künftig auch virtuell. Computersimulationen statt echter Tiere? Menschen verlieren dann aber endgültig die Möglichkeit, in einem Tierpark anderen Lebewesen zu begegnen und Empathie zu entwickeln. Auch Zoodesigner Jon Coe ist deshalb kein Freund dieser Idee, aber manchmal sei eine Mischform aus echten und virtuellen Tieren vielleicht denkbar.

"Wenn im Melbourne Zoo das Krokodil im Hintergrund nur schläft", sagt Jon Coe, "kann man dort ein Headset aufsetzen und es virtuell damit ganz nah und aktiv sehen. So können sich das Virtuelle und das Authentische gegenseitig unterstützen. Also ich bin kein Fan davon, dass das Virtuelle das Authentische wirklich ersetzt, aber es kann sicherlich dort zum Einsatz kommen, wo das das Authentische nicht nachhaltig ist. Sei es wirtschaftlich oder aus Tierschutz- oder kulturellen Gründen."

Ökologische Neuausrichtung im Zoo von morgen

Doch der Zoo der Zukunft sollte auch anders gebaut sein, sagt die Expertin für Zoo-Architektur Natascha Meuser: "Die Architektur verschwindet größtenteils, der Besucher möchte keine Architektur sehen, der möchte das Tier in der inszenierten Natur sehen.

Ein kleiner Junge blickt auf den botanisch-zoologischen Garten Wilhelma in Stuttgart mit seinem modernen Affenhaus für Gorillas und Bonobos.  (imago images / Arnulf Hettrich)Modern gestaltetes Affenhaus: Die Wilhelma in Stuttgart zählt zu den meistbesuchten zoologischen Gärten in Deutschland. (imago images / Arnulf Hettrich)

Da gibt es einige ganz spannende Projekte von BIG zum Beispiel, das ist ein dänisches Büro, die setzen den Zuschauer ins Zentrum des Zoos, in einem großen runden Marktplatz und von dem Marktplatz aus gucken die Besucher in die einzelnen Gehege, also wie ein Panoptikum."

Auch für Natascha Meuser sollte es weniger Arten zu sehen geben und das Tier mehr im Vordergrund stehen.

"Und heute, und das ist ganz wichtig, haben wir doch einen ganz anderen Fokus", erklärt sie. "Wir wollen die ökologischen Zusammenhänge in den Vordergrund stellen, wie unsere ganze Welt funktioniert, das ist doch das Interesse, was wir haben. Warum sind heute diese ganzen Demonstrationen und die Sehnsucht nach Natur und Ressourcenschonung? Die Aufgabe muss meiner Meinung nach ein Zoo im 21. Jahrhundert leisten, dass er den Besuchern nicht nur so einen Spaß-Erlebnis-Raum schafft, sondern: Du musst aus diesem Zoo rausgehen und denken: Wie wertvoll ist mir die Natur - und ich möchte selber was dafür tun."

Autor: Marko Pauli
Regie: Giuseppe Maio
Ton: Thomas Monnerjahn
Sprecherinnen und Sprecher: Meike Rötzer, Tilmar Kuhn und Ulrich Lipka
Redaktion: Martin Mair

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