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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.03.2005

Über Schönheit

Veranstaltungsreihe in Berlin

Von Gerd Brendel

Schönheit boomt, nicht nur in den Fernsehkanälen, auch in der Kunst und in der Wissenschaft. Doch was bedeutet Schönheit eigentlich in den unterschiedlichen Kulturen? Wie prägt sie unseren Alltag? Diesen Fragen geht das Haus der Kulturen der Welt mit der Veranstaltungsreihe "Über Schönheit" nach.

Ackbar Abbas: " Schönheit ist das, was mich fasziniert, das was mich anzieht, weil ich es nicht verstehe. Für mich ist das keine Frage von Wissen oder Ignoranz. Faszination beschreibt für mich die Beziehung zu einem Unbekannten, darum hat es immer mit Überraschung zu tun. "

So gesehen verdient die Ausstellung "Über Schönheit" im Haus der Kulturen der Welt das Attribut schön: Nicht alles versteht man auf den ersten Blick und trotzdem ziehen viele Exponate den Betrachter in ihren Bann. Zum Beispiel David Medallas "Bubble Machine" mitten im Raum stehen fünf Plexiglas-Säulen, aus denen Badeschaum quillt. Die Schaumsäulen wachsen in perfekter Form immer höher über die Säulen um irgendwann in perfekten Kurven über den Rand wegzukippen.

Am Ende des Raums lockt unter rosigen Wolken ein Bambuswäldchen aus Plastik. Am Wegesrand steht eine schöne junge Asiatin im Frühlingskleidchen. Sie reibt sich die Augen und erst bei genauem Hinsehen, erkennt man das Blut unter den geschlossenen Liedern. Eine Wandzeitung erzählt die Geschichte des Mädchens: Nein, hinter den blutigen Tränen verbirgt sich keine schöne Liebesgeschichte, sondern ein brutales Verbrechen, das mit einer Blendung endete.

Zhuang Huis hyperrealistische Installation misstraut dem schönen Schein und lockt den Betrachter mit seiner idyllischen Landschaft in die ästhetische Falle. Viele Arbeiten in der Ausstellung profitieren so vom schönen Reiz der Oberfläche.

"Der gemeinsame Nenner der hier gezeigten zeitgenössischen Kunst ist, dass es nicht nur um Konzeptkunst geht, denn alle Exponate haben eine sinnliche Qualität, ein sinnliches Moment,"

erklärt der Ausstellungsmacher Wu Hung den roten Faden. Und der Hong Konger Philosoph und Komparatist Ackbar Abbas ergänzt:

"In der postmodernen Kunst gibt es Tendenzen, die die Zuordnung Schönheit gleich Kitsch gleich niedere Kunst neu überdenken. Ja, man kann von einer Rückkehr der Schönheit in die Kunst sprechen. "

Installation von Zuang Hui im Haus der Kulturen der Welt (Zuang Hui, Haus der Kulturen der Welt)Installation von Zuang Hui im Haus der Kulturen der Welt (Zuang Hui, Haus der Kulturen der Welt)Ackbar Abbas organisiert den Theorieteil des Projekts. Vier Wochenenden bis Mai, in denen über Schönheit nachgedacht werden soll. Überschriften wie "schöne Seele" oder "der perfekte Körper" bezeichnen die beiden Pole, zwischen denen sich jede Diskussion des Themas bewegt:

Ackbar Abbas: " Es gab immer den Versuch, das Schöne mit dem Moralischen zu verbinden, und die Kernfrage dahinter lautete: Kann etwas Unmoralisches wirklich schön sein? "

Dass das Schöne immer gut ist, so wie die schöne Seele nur in einem guten Menschen wohnen kann: Diese Gleichung ist spätestens ab dem Zeitpunkt zerbrochen, an dem die totalitären Regime der Neuzeit "schöne" Kunst von Wagner bis sozialistischem Realismus für sich in Dienst nahmen.

Schon vorher hatten Künstler wie Picasso gegen ein realistisches Schönheitsideal angemalt und in der klassischen Moderne wurde Schönheit unter generellen Kitschverdacht gestellt.

Aber wenn die Schönheit tatsächlichen ihren Platz in der klassischen Kunst verloren hat, so hat sie in der Massenkultur schnell eine Ersatzheimat gefunden." erklärt Abbas. Dort werden die perfekten schönen Körper gefeiert und ausgestellt.

Abbas: "Die Schönheit ist längst von den Medien gekidnappt worden. "

Stellt sich nur die Frage nach dem Lösegeld. Im Haus der Kulturen der Welt fordern Akbar Abbas und Wu Hung die Schönheit für die Kunst zurück. Ihr Preis ist die Irritation, wenn etwa in Katarzyna Kozyras Video-Installation alte nackte Frauen und Männer mit vertauschten Geschlechtsteilen zu Strawinskys "Frühlingsopfer" in die Luft springen, dann versteht man, dass wahre Schönheit da beginnt, wo die "schöne" Hochglanz-Welt einen Riss bekommt.

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