Hörspiel, vom 18.10.2020

Über FleischverzichtWir sind das Fleisch

Ein Essay

Was bedeutet es, Tiere zu essen? Der Schriftsteller Jan Brandt ist Vegetarier und erinnert sich an seine Kindheit in Ostfriesland. Ein Essay darüber, warum ganz besonders in Zeiten von Corona die Frage des Fleischessens gestellt werden sollte. Denn: Der Mensch is(s)t, was er is(s)t.

Eine Hand greift nach einem rohen Stück Fleisch. (Victoria Shes / unsplash)
Die Frage des Fleischessens sollte wieder auf den Tisch, sagt Jan Brandt. (Victoria Shes / unsplash)

I Mein erstes Mahl

Fleisch war mein Leben. Jeden Mittag gab es Fleisch, sieben Tage die Woche: Rouladen, Filets, Schnitzel. Zum Frühstück und zum Abendbrot Aufschnitt: Salami, Zervelatwurst, Kochschinken. Wenn ich mit meiner Mutter einkaufen ging, reichte mir die Fleischfachverkäuferin in ihrer blutbespritzten Schürze ein eingerolltes Stück Mortadella über die Theke hinweg. Fleisch, das lernte ich schon als Kind, gab es umsonst. Zumindest das erste Stück. Zum Anfixen. Fleisch war billig. Im Gegensatz zu anderen Drogen. Billiger noch als Zigaretten oder Alkohol. Und völlig legal. Ohne jede Altersbeschränkung. Alle aßen es. Und zwar vollkommen selbstverständlich. Gingen wir auswärts essen, bestellten wir Fleischgerichte: Hühnerfrikassee, Frikadellen oder Koteletts als Hauptspeise. Alles andere war Beilage.

Fleisch war markenlos, aber nicht makellos. Ein Skandal nach dem anderen erschütterte die Republik: Wachstumshormone in der Kälbermast, Listeriose in Leberpasteten, umetikettierte Supermarktfilets. Aber keine dieser Meldungen hielt die Leute davon ab, Fleisch zu kaufen und zu essen.

II Der Mensch ist, was er isst

Jedem Menschen ist eine Ernährungsbiografie eingeschrieben. Diese geht, dem Ernährungsmediziner Hans Konrad Biesalski zufolge, weit über das eigene Leben hinaus. Sie beginnt bereits vor dem, was uns die Mutter über die Schwangerschaft und die Muttermilch mitgibt. Sie beginnt sogar weit vor unserer Zeugung. Sie setzt bei lang zurückliegenden Generationen ein und liefert "die Grundlagen für unsere spätere Gesundheit" [1], so Biesalski. Von den Eltern auf die Kinder weitergegebene Essgewohnheiten und einzelne Ereignisse wie Kriegswinter, Dürreperioden oder Essen im Überfluss werden, je nach Geburtsdatum, gespeichert. Sie bestimmen, wie wir uns ernähren.

Unser Essverhalten beeinflusst unser Denken und Fühlen. Wer wir sind. Für wen wir uns halten. Wann und warum unser Belohnungssystem anspringt. Bei uns in Ostfriesland gibt es den Spruch "Wat de Buur nich kennt, dat fret he nich." Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Darin drückt sich nicht nur ein Misstrauen allem Fremden und Neuen gegenüber aus, ein kulinarischer Konservatismus, sondern auch, wie wichtig Herkunft und Tradition im Hinblick auf das Essen für die Herausbildung des ländlichen Selbstverständnisses ist: Als dieser Spruch aufkam, gab es noch eine enge Bindung an die Lebensmittel, an die Pflanzen und Nutztiere, die auf dem Küchentisch landeten. Das meiste hatten die Leute im Dorf selbst angebaut und geerntet, gemästet und geschlachtet oder von Bekannten bezogen. Alles stand in einer persönlichen Verbindung zueinander, und fast alle ernährten sich in dieser Region auf ähnliche Weise. Das wirkte identitäts- und gemeinschaftsstiftend und definierte einen kollektiven Erfahrungshorizont, der wenig Raum für Alternativen ließ.

Die auf den Philosophen Ludwig Feuerbach zurückgehende Wendung "Der Mensch ist, was er isst" [2] beschreibt einen Zusammenhang, der sehr viel darüber aussagt, aus was für einer Welt wir kommen und in welchem Milieu wir uns bewegen und wirkt auch umgekehrt: "Der Mensch isst, was er ist." Ein geschlossenes System, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

III Wie ich lernte, Fleisch zu lesen

Bei uns zu Hause gab es nur wenige Bücher. Der größte Teil unserer Bibliothek bestand aber aus Kochbüchern. Und davon stach eines heraus. Nicht nur seines Umfangs wegen, es hat 786 Seiten, sondern vor allem deshalb, weil ich damit lesen lernte. Es handelte sich um eine Neuerwerbung meiner Mutter, "Kochen, was allen schmeckt" [3] und wirkte nur vom Titel her wie eine Fortsetzung des ebenfalls in unserer Sammlung befindlichen "Was Männern so gut schmeckt". Es war sprachlich und grafisch moderner, ansprechender, voller Abbildungen und Rezepte, übersichtlicher, aber auch drastischer in der Darstellung.

Es dauerte immer eine Weile, die Hand an jeder Zeile, mich von Wort zu Wort hangelnd, bevor ich zu den von meiner Mutter in den Raum gerufenen Speisen kam. Eine Schürze umgebunden, den Kochlöffel oder das Messer in der Hand, stand sie mit dem Rücken zu mir und bat mich laut und deutlich vorzulesen.

"Fleischbrühe (Bouillon)", sagte ich laut und deutlich, aber bei jedem Wort, das ich noch nicht kannte, leiser und undeutlich werdend. "Fleischbrühe kann nur aus Fleisch eventuell mit etwas Knochenbeigabe gekocht werden." [4]
"Rinderzunge gekocht. Wenn nicht bereits geschehen, den Schlund abschneiden und die Zunge so gründlich wässern und bürsten, dass der Schleim entfernt wird."
"Gedünstetes Kalbsherz. Aus dem Kalbsherz die Adern herauslösen und das Blut herauswaschen."

Fleisch war von Anfang an eng mit Literatur verknüpft, oder, allgemeiner formuliert, mit dem Erzählen schlechthin.

IV Fleischgeschichten

In unserem Familienfundus finden sich Fotos von Menschen und Gebäuden. Hunderte, Tausende Fotos von Menschen und Gebäuden. Tiere, lebende Tiere, tauchen nur zwei-, dreimal auf. Aber es gibt ein Foto, ein altes Schwarzweißbild, auf dem ist ein geschlachtetes Schwein zu sehen, kopflos, ausgenommen und auf eine Leiter aufgespannt steht das Ensemble des Schreckens an die Wand gelehnt bei uns hinterm Haus. Auf dem Boden liegt Schnee. Ein harter Winter. Es ist das einzige Zeugnis dieser Art. Es sticht aus allen anderen heraus. Es muss eine besondere Bewandtnis damit haben. Mein Vater kann sich jedoch nicht erinnern, wann und warum sein Vater das fotografiert hat. War es das einzige Schwein, das er selbst je geschlachtet hat? Wären sie ohne dieses Schwein vielleicht nicht durch den Winter gekommen? Hätten sie Hunger gelitten? An was mein Vater sich erinnern kann, ist, dass das Schlachten zu ihrem Leben im Dorf dazugehörte, dass alle Nutztiere hatten, dass sie die pflegten, fütterten und selbst verzehrten.

VI Von Katzen und Kühen und Außerirdischen

Fleisch – das waren Stücke, Lebensmittel, abgepackt, in Scheiben geschnitten, für den Gebrauch perfekt portioniert. Ich stellte keine Verbindung zu den Kühen auf den Weiden, den Schweinen und Hühnern in den Ställen her, obwohl ich sie als Jugendlicher fast täglich sah, roch und hörte.

Einer der Helden meiner Jugend war Alf, diese über und über mit Fell bewachsene außerirdische Lebensform, die Mitte der Achtzigerjahre mit ihrem Raumschiff über Familie Tanners’ Garage in Brentwood, Los Angeles, abstürzte und von dort in mein Leben hineinkrachte. Meine Verehrung ging so weit, dass ich Poster und Postkarten von Alf in meinem Zimmer aufhängte, als handele es sich um einen echten Popstar – und keine Kunstfigur.

Während des Corona-Lockdowns sah ich mir alle Folgen noch einmal auf DVD an. Keine Serie schien mir für diesen Anlass besser geeignet zu sein als die Geschichte eines Wesens, das sich mit einer völlig neuen Situation konfrontiert sieht und das Haus nicht verlassen darf, ohne Gefahr zu laufen, draußen ums Leben zu kommen.

Alf steht für das Anarchistische, Chaotische und Radikale in uns. Er ist schlau, witzig und eloquent, popkulturell gebildet, besessen, verfressen, hemmungslos, spontan und unberechenbar. Die Personifizierung unseres Lebensstils. Er führt das System an seine Grenzen, allerdings nur so weit, dass es nicht zusammenbricht. Für keins seiner Vergehen wird er jemals zur Verantwortung gezogen, geschweige denn aus dem Haus gejagt.
Die einzige Regel, an die er sich halten soll, ist, keine Familienmitglieder zu essen, und das meint in diesem Fall: Lucky, die Hauskatze.

In einer der ersten Folgen versucht er Lucky zu hypnotisieren, ihr einzureden, sie sei ein Bagel, um ihr den Tod zu erleichtern, sie zu einem Objekt zu machen und ihren Verzehr ethisch zu legitimieren. Als Lucky kurz darauf verschwindet, verdächtigen die Tanners zu allererst Alf. Darauf macht er sich gekränkt durch diesen Vertrauensverlust selbst auf die Suche nach dem Hauskater. Während Alfs Abwesenheit kommt es zu einem für mich denkwürdigen Dialog zwischen den beiden Kindern, indem Lynn ihrem wesentlich jüngeren Bruder Brain erklärt, dass man, um die ganze Situation zu verstehen, die Welt aus Alfs Perspektive betrachten müsse: auf seinem Planten hätten sie Katzen gefressen, hier äßen wir eben Kühe. Brian ist entsetzt, er weigert sich, das zu glauben, und beharrt darauf, dass die Hamburger doch direkt aus dem Supermarkt kämen und dass kein Tier dafür sterben müsse.

Als Kind wusste ich zwar, dass wir Kühe, Schweine und Hühner aßen, aber die Vorstellung, was das in letzter Konsequenz bedeutete, blieb mir abstrakt. Das, was meine Eltern noch aus eigener Anschauung erlebt hatten, war mir fremd. Die Tötung, Schlachtung und Verarbeitung und von Tieren war etwas, das ich in meiner Lebenswirklichkeit auslagerte. Von dem Schrecken, der dem Steak vorausgegangen war, wollte ich nichts wissen.

Es bedurfte weiterer medialer Erfahrungen, um mein Denken ins Wanken zu bringen, sehr vieler weiterer medialer Erfahrungen. Die eindrücklichste Szene in der an eindrücklichen Szenen reichen Science-Fiction-Roman-Serie "Per Anhalter durch die Galaxis" ist die, wie Arthur Dent und seine Begleiter im Milliways, dem Restaurant am Ende des Universums, zusammensitzen und voll gespannter Erwartung der bevorstehenden Apokalypse beiwohnen. Ihnen kann nichts passieren. Das Restaurant ist in einer Zeitblase eingeschlossen und so weit in die Zukunft projiziert, dass es den Gästen Abend für Abend einen wunderbaren Ausblick auf die letzten Stunden allen Seins gewährt. Sie nehmen "an Tischen Platz und essen kostspielige Menüs, während sie zusehen, wie die ganze Schöpfung um sie herum explodiert". [5]

Was Arthur Dent aber einen Schauer über den Rücken jagt, ist nicht etwa der großartig orchestrierte Zerfall der Welt, sondern das Hauptgericht: "ein riesiger, fetter, fleischiger Vierfüßler vom Typ Rind mit großen, wässrigen Augen, kleinen Hörnern und beinahe so etwas wie einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen". Der erste Eindruck trügt nicht. Denn diese Kuh ist das Ergebnis hunderter Milliarden Jahre langer Züchtung. Anders als ihre Artgenossen ist sie nicht bloß dazu da, gegessen zu werden – sie will gegessen werden und kann diesen Wunsch auch in einer Art und Weise artikulieren, die für alle Anwesenden verständlich und angenehm zugleich ist: "Guten Abend," muht das riesige Milchtier und setzt sich behäbig auf seine Haxen. "Ich bin das Hauptgericht des Tages. Dürfte ich Ihnen ein paar Teile meines Körpers schmackhaft machen?"

Nachdem alle ihre Bestellung aufgegeben haben, lobt es seine Auftragsmörder für die gute Wahl und verspricht, sich sofort zu erschießen. Dann dreht es sich aber doch noch einmal zu Arthur um und zwinkert ihm freundlich zu.
"Keine bange, Sir, ich mach’s sehr human."
Und ein paar Minuten später kommt tatsächlich ein Kellner mit vier saftigen, dampfenden Steaks herein. [6]

Die Kuh erscheint hier als eine ins Extrem gesteigerte Karikatur des gefügigen Opfers. Alles an dieser von Douglas Adams erschaffenen Romanwelt ist satirisch übersteigert – und doch sagt es so viel über unsere real existierende Gegenwart aus, damals wie heute: Die Buchreihe, die zwischen 1979 und 1992 erschien, hat nichts von ihrer die Dekadenz unserer Zivilisation entlarvenden Kraft verloren. Als ich diese Kuh-Szene Anfang der Neunzigerjahre las, wurde mir zum ersten Mal bewusst, was es bedeutete, ein Tier zu essen: sich ein anderes Wesen einzuverleiben, das womöglich eben noch mit einem kommuniziert hatte – und sei es nur durch Blicke und Gesten.

VII Die Grenzen des Wachstums

Ein Jahr lang war ich jedes Wochenende betrunken. Es gab immer und überall etwas zu feiern. Geburtstage, Maimärkte, Stadt- und Schützenfeste. Freitage und Samstage. Als ich 18 wurde, eröffnete bei uns im Industriegebiet das Limit, eine alternative Dorfdisko, in der genau die Musik lief, die meine Freunde und ich damals hörten: Indie, Punk und Metal. Nach nichts hatte ich mich in den Jahren zuvor mehr gesehnt als danach, einen Führerschein zu haben, weil es bedeutete, auf dem Land endlich frei zu sein, und plötzlich war das überflüssig geworden. Aber die neue Freiheit hatte ihren Preis.

Vor nichts hatte mir bei meinen Alkoholexzessen nämlich mehr gegraut als mittags, nach nur vier, fünf Stunden Schlaf, von meiner Mutter geweckt zu werden und unter Aufsicht der Eltern Schnitzel, Gulasch oder Hähnchenschenkel in mich hineinzustopfen. Ich kämpfte ja schon mit den Kartoffeln.

Der Tag, an dem ich aufhörte, Fleisch zu essen, war der 29. Mai 1993. Am Morgen war ich aus dem Limit gekommen. Ich wusste noch, wie ich nach Hause gekommen war, und dass ich vorsichtshalber einen Eimer neben das Bett gestellt hatte. Und als meine Mutter mich mittags wachrüttelte und erklärte, das Essen stehe auf dem Tisch, rebellierte mein Magen.

"Wat is nu denn los?", fragte mein Vater, nachdem er mir die Kumme mit den Kalbsschnitzeln gereicht und ich den Kopf geschüttelt hatte.
"Lecker Schnitzel!", sagte meine Mutter.
"Das ist jetzt genau das Richtige." Vater setzte die Kumme wieder ab. "In deiner Situation."
"Fleisch ist gesund", sagte meine Mutter. Und mein Vater sagte: "Fleisch ist Lebenskraft."

Mit letzter Lebenskraft schob ich mir ein Stück Blumenkohl in den Mund. Ich hatte das Gefühl, jetzt etwas Endgültiges sagen zu müssen. Andernfalls wäre ich nämlich gezwungen, ihnen jedes Wochenende zu erklären, warum ich nach solchen Abenden im Limit nicht mehr in der Lage war, Fleisch zu essen. Und die Begründung, mal wieder zu viel getrunken zu haben, schien mir auf wackeligen Füßen zu stehen. Denn dafür gab es ja eine einfache und schnelle Lösung: weniger trinken. Oder, besser noch, gar nichts mehr trinken. Aber das hatte ich ja schon ausprobiert. Deshalb sagte ich: "Ich bin jetzt Vegetarier."
Meiner Mutter fiel vor Schreck die Gabel aus der Hand.
Und mein Vater sah mich an, als hätte ich ihm gestanden, auf dem Heimweg den Wagen zu Schrott gefahren zu haben. "Wie ist das denn passiert?"
"Keine Ahnung." Ich zuckte mit den Schultern.
"Macht das jemand aus deiner Klasse? Hat dich jemand dazu angestiftet?"
"Nein", sagte ich. "Ich mag einfach kein Fleisch mehr."
"Gestern hat es dir noch geschmeckt", sagte meine Mutter und fügte, nachdem sie die Gabel wieder aufgehoben hatte, hinzu: "Fang bloß nicht an mit so was", und da fiel mir auf, dass sie nicht nur gekränkt war, weil sie meine Haltung als Kritik an ihren Kochkünsten verstand, sondern dass Fleischverzicht für sie auch das Gleiche war wie Drogennehmen: eine gesellschaftliche Verfehlung, wie es sie unserer Familie bisher nicht gegeben hatte. In den Wochen und Monaten darauf versuchten sie, mich immer wieder davon zu überzeugen, wie gut Fleisch für meine Entwicklung sei, wie lecker, nahrhaft und gesund. "Denk an die Proteine!", mahnte mein Vater, sobald wir uns "Guten Appetit" gewünscht hatten.

Und meine Mutter sagte zwischen jedem Bissen: "Du kriegst noch Mangelerscheinungen." – "Wenn du so weitermachst, fällst du noch vom Fleisch ab."

Manchmal schob sie mir Fleisch unter, Speck in den Bohnen, Mortadella im Kartoffelsalat, und jedes Mal tat sie so, als wäre es ein Versehen gewesen und erklärte, dass das bisschen mir sicher nicht schaden werde. "Das darfst du wohl essen."

Als hätte ich eine Krankheit.
Als wäre ich nicht ganz richtig im Kopf.

Kein Fleisch mehr zu essen erwies sich als noch rebellischer, als sich die Haare wachsen zu lassen. Zwar waren die langen Haare ein sichtbareres Zeichen des Nichtmehrdazugehörens, aber Fleischverzicht traf diese Welt, die kleinbürgerlich-konservative Welt meiner Herkunft, in ihrem Kern. Haare konnte man schneiden. Oder sie fielen mit den Jahren aus. Irgendwann würde der Junge schon wieder zur Vernunft kommen. Man hatte die Hippies überlebt und die Ökos, man würde auch die Bombenleger überleben.
Aber kein Fleisch? Das war nicht vermittelbar.

"Wo sollen wir denn jetzt essen gehen?"
"Man kann dich auch zu nichts mehr einladen!"
"Aber Hähnchen isst du doch noch, oder nicht?"

Ich zog von zu Hause weg, zog vom Dorf in die Stadt, von Ostfriesland nach Köln, London und Berlin. Nirgendwo musste ich mich für die Art, wie ich lebte, rechtfertigen – außer, wenn ich in den Semesterferien zu meinen Eltern und Geschwistern zurückkehrte. Aber ich hielt durch. Ich blieb standhaft. Und irgendwann hatten sich alle daran gewöhnt, dass ich anders war – was nicht bedeutete, dass sie es stillschweigend hinnahmen. Sie nutzten jede Gelegenheit, diese Andersartigkeit zu thematisieren. Meine Schwester sagte, wenn ich spontan bei ihr auftauchte und mich zu ihren Kindern an den Küchentisch setzte: "Wir haben leider nichts für dich. Das ist alles mit Fleisch." Weihnachten musste ich mir selbst etwas kochen. Und mein Bruder fasste mein ganzes, von ihnen abgespaltenes Dasein mit zwei Worten zusammen: "du Student", auch dann noch, als ich schon längst nicht mehr studierte. Ich hatte mich vom Fleisch losgesagt.

VIII Schmutziges Fleisch

Obwohl ich Vegetarier geworden war, hatte ich nichts dagegen, dass massenhaft Tiere getötet wurden. Ich trat nicht missionarisch auf, verwickelte niemanden, der weiterhin Fleisch aß, in Diskussionen, schloss mich keiner Organisation an, stellte keine Fragen und schaute weg, wenn Morrissey bei seinen Konzerten "Meat is Murder" anstimmte und drastische Szenen aus Ställen und Schlachthöfen über die Leinwand flimmerten. Aber wenn – wie seit der Jahrtausendwende alle paar Monate – Meldungen über Rinderwahnsinn, Schweinemastskandale, Nitrofen-Hähnchen, Nikotin-Eier, Dioxinfuttermittel, Gammelfleisch, Salmonellenrückrufaktionen oder eine Verseuchung der Puten mit antibiotikaresistenten Keimen durch die Medien gingen, war ich froh, davon nicht betroffen zu sein. Ein Problem weniger, um das ich mich kümmern musste.

Irgendwann jedoch musste ich mir eingestehen, dass Tiere essen doch ein Problem war, das auch mich betraf, ob ich mich nun daran aktiv beteiligte oder nicht. Weil es die ganze Welt zu betreffen begann.

Der US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer, bekannt durch seine Besteller "Alles ist erleuchtet" und "Extrem laut und unglaublich nah", fing an, sich ernsthaft Gedanken über Ernährung zu machen, als er zum ersten Mal Vater wurde. Er begab sich auf eine Reise durch die USA, um herauszufinden, was das ist: Fleisch – das die meisten Eltern ohne schlechtes Gewissen, ohne gesundheitliche oder moralische Bedenken ihren Kindern verabreichen. "Wo kommt es her?", fragte sich Foer. "Wie wird es produziert? Wie werden Tiere behandelt, und inwieweit ist das wichtig? Welche ökonomischen, gesellschaftlichen und umweltrelevanten Auswirkungen hat das Essen von Tieren?" [7]

Foer besuchte gigantische Bauernhöfe, weil 99 Prozent aller in den USA verzehrten Tiere aus Massentierhaltungsbetrieben stammen. Und er besuchte ebenso gigantische Schlachthöfe, in denen die Tiere unter industriellen und doch schockierend unappetitlichen Bedingungen zu Fleisch verarbeitet werden. Er sprach mit Tierrechtsaktivisten und Fleischproduzenten, hörte sich alle Seiten an. Er wertete eine Vielzahl von Studien aus und zeigte sich erstaunt über die Fakten – z. B. über die, dass ein Drittel der Landoberfläche unseres Planeten für die Viehzucht genutzt wird; oder über die, dass landwirtschaftliche Nutztierhaltung um 40 Prozent mehr zum Klimawandel beiträgt als das Transportwesen; oder über die, dass für die lebenslange Ernährung eines Durchschnittsamerikaners 21.000 Tiere sterben müssen. Und er kommt zu dem Schluss, dass wir einen Krieg gegen Tiere führen, gegen die Natur – und damit gegen uns selbst. [8]

In "Tiere essen" gibt es ein eigenes Kapitel über Pandemien. Allen jüngeren Influenza-Pandemien liegt der Verzehr von Tieren zugrunde. Angefangen bei der Spanischen Grippe, der zwischen 1918/1919 bis zu 100 Millionen Menschen zum Opfer fielen, über die Asiatische und die Hongkonger Grippe, an der 1969/70 auch in Deutschland Zehntausende Menschen starben. Allen diesen Grippen gemein ist, dass sie auf eine Geflügelpest zurückgehen. Foer erklärt, wie die moderne Massentierhaltung den Ausbruch und die Verbreitung von Krankheiten begünstigt: "Es liegt auf der Hand, dass es nicht besonders gesund sein kann, deformierte, mit Medikamenten abgefüllte, gestresste Vögel in einem schmutzigen Raum voller Kot zusammenzupferchen." [9] Und er zitiert bereits 2009 aus einem Bericht der WHO, der ganz nüchtern-analytisch formuliert, von heute aus betrachtet, prophetisch wirkt: "Die Welt steht vor einer weiteren Pandemie. Alle Länder werden betroffen sein. Es wird zu Massenerkrankungen kommen. … Es wird viele Tote geben. Die ökomischen und sozialen Schäden werden enorm sein." [10]

Woher das Corona-Virus stammt, ist bisher nicht zweifelsfrei geklärt, ob von Fledermäusen, Schuppentieren oder Vögeln. Einige der ersten Infizierten arbeiteten auf dem südchinesischen Großhandelsmarkt für Fische, Meeresfrüchte und Wildtiere in Wuhan. Ab Ende Dezember mehrten sich in den dortigen Krankenhäusern die Fälle von Menschen mit schweren Lungenentzündungen. Seitdem verbreitet sich das Virus über die ganze Welt, und nichts ist mehr, wie es war. Tausende Tote erst in China, dann Italien, dann in anderen Teilen Europas, Versammlungs- und Reiseverbote, Schul- und Grenzschließungen, Ausgangssperren und Abstandspflicht. Von einem Tag auf den anderen kam das gesellschaftliche Leben zum Erliegen.

Es heißt, die Corona-Pandemie hätte die Strukturen unserer Gesellschaft freigelegt, das, was von unserer permanenten Geschäftigkeit verdeckt war, sei mit einem Mal sichtbar geworden. Für ein paar Wochen waren der Himmel und die Flüsse wieder klar. Die Menschen saßen in ihren Küchen und Wohnzimmern und verließen nur zum Einkaufen das Haus. Supermärkte, Apotheken und Drogerien waren die einzigen Geschäfte, die noch geöffnet hatten. Kaum waren die größten Beschränkungen aufgehoben, brach das Virus an einzelnen Orten jedoch gleich wieder aus – und die ersten großen Hotspots nach dem Lockdown waren Schlachthöfe in Deutschland, erst bei Westfleisch in Coesfeld, dann bei Müller in Birkenfeld, dann bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück.

Viele erfuhren so zum ersten Mal von den Bedingungen in Schlachtbetrieben in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen, von den Leiharbeitern aus Osteuropa, den Werkverträgen, den Subunternehmen und der Massenmenschhaltung in Sammelunterkünften. Dabei waren die Verhältnisse seit Jahren bekannt, den Leuten vor Ort, den regionalen und überregionalen Medien, die, wie "Die Zeit", von "Waldmenschen" und einer "Geisterarmee" schrieben, von einem "System aus Hochtechnologie und Menschenhandel" [11], und den Lokal- und Landespolitikern, die nichts dagegen unternahmen.

"Ganz Deutschland will wissen, was bei Clemens Tönnies, genannt Fleisch-Baron oder Kotelett-Kaiser, hinter den Werktoren wirklich vor sich geht", schrieb im Juni der "Spiegel" [12]. "Keiner hat es wie er verstanden, alles aus Mensch und Tier herauszuholen und die lebende Kreatur in eine Industrieware zu verwandeln." Sein Vater war Metzger, schlachtete in den Sechzigerjahren zehn Tiere pro Woche. Der Sohn schafft in einem einzigen Werk 30.000 pro Tag. Um die Jahrtausendwende reichte die heimische Produktion an Schweinefleisch nicht aus, um den hiesigen Bedarf zu decken. Heute, zwanzig Jahre später, versorgt Deutschland die ganze Welt mit Billigfleisch. Den größten Gewinn machen dabei die Züchter und Manager – auf Kosten der Bauern, Schlachter, Verbraucher und der Tiere selbst.

Und jetzt? Es scheint sich nicht viel am System geändert zu haben. Außer vielleicht, dass es keine Alternativen mehr gibt. Massentierhaltung und Massenschlachtungen, industrielle Landwirtschaft und billiges Fleisch dominieren den Markt. Die Geschichten meiner Eltern und anderer alter Dorfbewohner von Rindern, die den Weg in ihre heimatlichen Ställe von ganz allein fanden, von Schweinen und Hühnern, die Namen trugen, bevor sie im Ofen schmorten – diese Geschichten gehören der Vergangenheit an. Für uns, die Konsumenten, ist es wie bei "Alf": Das Fleisch kommt aus dem Supermarkt. Nicht von der Weide. Oder aus einem Stall. Aus dem Kühlregal. Wohlportioniert. Und hygienisch einwandfrei abgepackt. Vorstellungen wie die, dass es sich gewissermaßen freiwillig aus den Tieren herausschält, wie in Douglas Adams’ Zukunftsvision, helfen uns, den Horror nicht sehen zu müssen, den es bedeutet, Tiere zu töten.

Fleisch aber ist schmutzig. Vor allem im Zeitalter der totalen Herrschaft des Menschen, des Anthropozän. Das zu sehen, dafür braucht es keine Skandale und auch kein Corona, dafür reicht ein Blick auf die Grundvoraussetzungen und die globale Dimension: Um ein Kilo Schweinefleisch zu erhalten, müssen fünf Kilogramm Futter produziert werden. [13] Jahr für Jahr weichen so mehr Wälder, Weiden oder Anbauflächen für Mais und Soja. 77 Prozent des weltweit landwirtschaftlich genutzten Bodens dient der Viehhaltung. [14] Die fünf größten Fleischfirmen sind für mehr Treibhausgasemissionen verantwortlich als die Ölkonzerne. [15] Wer die Welt retten will, muss das System verändern: Nicht nur das Transportwesen oder der Energiesektor, auch die Landwirtschaft ist eine Schlüsselindustrie, wenn es gilt, den Klimawandel abzuschwächen.

Der Durchschnittsdeutsche isst 60 Kilo Fleisch im Jahr. Das ist doppelt so viel wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Vor Kurzem las ich einen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in dem es darum ging, wie sehr sich die Welt im vergangenen Jahrzehnt verändert habe. Inzwischen starren zwar 76 Prozent der Bundesbürger wie besessen tagtäglich stundenlang in ihre Smartphones, aber zehn Prozent ernähren sich laut ProVeg mittlerweile vegetarisch. 1,3 Millionen leben sogar vegan. Vor zehn Jahren seien es noch 60.000 gewesen. [16]

Wenn ich aber meine Eltern in Ostfriesland besuche, ist alles wie immer. Mittags sitzen wir am Küchentisch, es gibt Speckbohnen, und meine Mutter sagt: "Ha! Nee! De Bohnen smecken nich. Da mutt Speck bi!" Dann steht sie auf und gießt die mit reichlich Fett angebratenen Speckstücke über ihre Portion Bohnen und über die meines Vaters.


[1] Hans Konrad Biesalski, Unsere Ernährungsbiographie – Wer sie kennt, lebt gesünder, München 2017.
[2] Ludwig Feuerbach, Das Geheimnis des Opfers oder: Der Mensch ist, was er ißt (1864/66), in: Gesammelte Werke 10, Berlin 1967, S. 358.
[3] Anneliese und Gerhardt Eckert, Kochen, was allen schmeckt – 1700 Koch- und Backrezepte für jede Gelegenheit, Niedernhausen 1981.
[4] Ebenda, S. 139.
[5] Douglas Adams, Das Restaurant am Ende des Universums, aus dem Englischen von Benjamin Schwarz, Berlin 1989, S. 90ff.
[6] Vgl. Florian Werner, Die Kuh – Leben, Werk und Wirkung, München 2009, S. 217
[7] Jonathan Safran Foer, Tiere essen, aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit, Köln 2010, S. 23.
[8] Vgl. ebenda, S. 89f.
[9] Ebenda, S. 153.
[10] Ebenda, S. 148.
[11] Anne Kunze, Die Schlachtordnung, in: Die Zeit Nr. 51/2014, vom 11. Dezember 2014.
[12] Markus Becker u.a., Das Schweinesystem, in: Der Spiegel Nr. 27/2020 vom 27. Juni 2020, S. 10f.
[13] Greenpeace, Was kostet das Stück Lebenskraft?, https://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft/fleischeslust-was-das-stuck-lebenskraft-tatsachlich-kostet abgerufen am 1.10.2020.
[14] Heinrich Böll Stiftung (u.a.), Fleischatlas 2018, S. 10.
[15] Silvia Liebrich, Fleischkonzerne schaden dem Klima mehr als Ölindustrie, in: Süddeutsche Zeitung vom 18. Juli 2018.
[16] Ohne Verfasser, Was sich in zehn Jahren verändert hat, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. August 2020.