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Diskurs | Beitrag vom 14.06.2020

Über eine ausufernde DebatteMbembe und kein Ende

Moderation: Susanne Führer

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Menschengruppen stehen sich getrennt auf Zahnrädern gegenüber.  (imago images / Ikon Images / John Holcroft)
Erinnerungsnarrative im Wettstreit oder eine gemeinsame und fruchtbare Debatte: Menschheitsverbrechen und ihre Aufarbeitung (imago images / Ikon Images / John Holcroft)

Seit zwei Monaten läuft eine Debatte, die mit Antisemitismus-Vorwürfen gegen den afrikanischen Philosophen Achilles Mbembe begann und seitdem immer mehr ausufert. Worum geht es? Und was folgt daraus für die deutsche Erinnerungskultur?

Vor zwei Monaten warf Felix Klein, der Antisemitismus-Beauftragte der deutschen Bundesregierung, dem in Südafrika lebenden Philosophen Achille Mbembe vor, sich in seinem Werk mehrfach antisemitisch zu äußern, ja das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen. In der Folge wurde der renommierte Vordenker der Postcolonial Studies von der Ruhr-Triennale ausgeladen.

Deutsche Selbstverständigung

Im Anschluss an die Vorwürfe Kleins hat sich eine Debatte entsponnen, die immer weitere Kreise zieht und inzwischen auch international geführt wird. Dabei geht es längst um mehr als die anfängliche Frage nach Mbembes mutmaßlichem Antisemitismus. Sondern auch etwa um eine Neuaushandlung des bundesdeutschen Selbstverständnisses und die deutsche Erinnerungskultur.

Konkurrieren also verschiedene Erinnerungsnarrative miteinander oder können sie voneinander lernen? Sollte man die Ermordung der Juden mit anderen Menschheitsverbrechen in Beziehung setzen? Oder öffnet das Tür und Tor für eine Relativierung des Holocaust? Über Fragen wie diese debattieren im Deutschlandfunk Kultur die Journalisten Alan Posener und René Aguigah sowie der Historiker Michael Wildt.

Es gibt keine Gedenk-Konkurrenz

Posener, der in der WELT veröffentlicht und Mbembe dort scharf kritisiert hatte, wirft den postkolonialen Bewegungen und Denkern insgesamt vor, im Gedenken an den Holocaust ein Hindernis für die Wahrnehmung anderer, insbesondere kolonialer Verbrechen zu sehen, die auch von Deutschen verübt wurden.

Zwar räumt er ein: "Dass das aufgearbeitet wird, ist unbedingt erforderlich. Aber dass wir das nicht tun, weil wir so beschäftigt sind mit dem Holocaust, ist schlicht und einfach falsch." Gerade die mühsam erlernte Empathie mit den Opfern des Naziregimes habe "die Herzen geöffnet", um auch anderes Leiden wahrzunehmen. Einen Beleg dafür, dass sich beides nicht ausschließt, sieht er nicht zuletzt in den aktuellen antirassistischen Demonstrationen.

Wir müssen zuhören

Auch der Holocaust-Historiker Michael Wildt von der Berliner Humboldt-Universität wendet sich gegen die Vorstellung "kompetitiver Erinnerungen". Stattdessen beharrt er darauf, "dass sie dialogisch aufeinander reagieren, dass sie sich miteinander verflechten, dass sie voneinander lernen. Und ich glaube: Das passiert im Augenblick."

Die wichtigste Voraussetzung dafür sieht er im Zuhören: "Wir müssen all den jüdischen Menschen in Deutschland zuhören, die sich hier zum Beispiel durch Antisemitismus verfolgt fühlen. Und wir müssen schwarzen Menschen zuhören, die sich hier bei den Demonstrationen von der Polizei strukturell verfolgt fühlen."

Zu viel Ressentiment

Auch René Aguigah, Ressortleiter im Deutschlandfunk Kultur, betont die Notwendigkeit des Zuhörens – gerade dieses Zuhören aber vermisst er in vielen deutschen Debattenbeiträgen über Mbembe. Dort beobachtet er stattdessen "sehr viel Ressentiment" – das sich beispielsweise sprachlich niederschlage, etwa wenn Zeitungen formulierten, Mbembe solle mal "von den Bäumen runterkommen", oder wenn "Aburteilungen" gepaart mit frappierender Unkenntnis von Mbembes Werk aufträten.

Zugleich widerspricht Aguigah dem auch von Posener erhobenen Vorwurf, Mbembe relativiere die Singularität des Holocaust: "Der Blick von Mbembe auf die Shoah, auf die Vernichtung der europäischen Juden, selbstverständlich akzeptiert der, dass es sich dabei um ein Menschheitsverbrechen handelt, dass jeden Menschen angeht, in Kopf und in Herz. Und wem das vorher nicht klar war, für den hat er das wiederholt in einem Gespräch für dieses Programm, das man im Internet nachlesen kann."

Ein Streitgespräch nicht ohne "common ground", zur hörbaren Überraschung der Gesprächspartner: Ein "multidirektionales Erinnern", das verschiedene Erinnerungsnarrative miteinander ins Gespräch bringt, sei möglich und wünschenswert.

Es diskutieren:
Alan Posener, Journalist und Autor (u.a. für die WELT)
Michael Wildt, Historiker an der Berliner Humboldt-Universität
René Aguigah, Ressortleiter im Deutschlandfunk Kultur

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