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Lange Nacht | Beitrag vom 15.05.2021

Über die Vermessung der WeltAlles auf einer Karte

Von Christian Blees

Asicht einer historischen Karte, mit der Darstellung von runden himmlischen Bahnen, Sphären und ihrer Aufteilung, in einer planaren Ansicht. (imago / imagebroker )
Darstellung des Ptolemäischen Weltsystems – nach dem historischen Sternatlas Harmonia Macrocosmica von Andreas Cellarius, 1660 (imago / imagebroker )

Heute sind Google Maps und Co. fester Bestandteil unseres Alltags. Karten der gesamten Erde scheinen ständig verfügbar. Die Macht, die diese Daten seit jeher verleihen, ist enorm: ob den Seefahrern der Antike oder den Militärs der Gegenwart.

Der erste Mensch, von dem bezeugt ist, die Erde wissenschaftlich vermessen zu haben, hieß Eratosthenes von Kyrene. Der griechische Gelehrte, geboren 240 vor Christus, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Erdumfang zu berechnen.

Als Grundlage seiner Überlegungen diente ihm die Annahme, dass die ägyptischen Städte Alexandria und Syene auf demselben Längengrad liegen würden. Den Abstand zwischen beiden Städten ließ Eratosthenes von königlichen Schrittzählern genau ausmessen.

Er kam zu dem Ergebnis, der Erdumfang müsse das Fünfzigfache der Entfernung von Alexandria nach Syene betragen, also 41.750 Kilometer. Dass er damit um rund 1750 Kilometer am tatsächlichen Erdumfang vorbei schrammte, hatte einen simplen Grund: Syene befand sich keineswegs auf demselben Längengrad wie Alexandria, sondern drei Grad weiter östlich.

Karten des Altertums

Die Landkarte wurde wahrscheinlich vor über 4000 Jahren in Mesopotamien erfunden. 1930 gruben Archäologen in der Ruinenstadt Ga-Sur im Irak eine Tontafel mit eingeritzten Linien aus. Experten stimmen darin überein, dass sie eine Landfläche darstellen, wahrscheinlich den Plan eines Anwesens, dessen Besitzer ebenfalls angegeben ist.

Als älteste erhaltene kartografische Darstellung, die mehr als nur einen Ort und seine Umgebung zeigt, gilt die sogenannte babylonische Weltkarte. Sie stammt aus der Zeit zwischen 700 bis 500 vor Christus. Wie bei antiken Weltkarten üblich, hatte der Schöpfer der Tontafel auch in diesem Fall seine eigene Welt – hier die mesopotamische Hauptstadt Babylon – ins Zentrum gesetzt.

Kupferstich des griechischen Gelehrten und Astronomen Claudius Ptolemäus, der mit seiner linken Hand auf drei Sterne deutet und in seiner rechten Hand ein Messinstrumen hält. (picture-alliance / akg-images)Seine Lehren bildeten lange Zeit die Grundlagen der gesamten Astronomie: der Mathematiker und Philosoph Claudius Ptolemäus. (picture-alliance / akg-images)

Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der geografischen Wissenschaften spielte die ägyptische Hafenstadt Alexandria. Dort lebte der griechische Gelehrte Claudius Ptolemäus, der für seine wissenschaftlichen Arbeiten vor Ort die umfangreiche Bibliothek nutzte.

Grundlage des Ptolemäischen Kartenkonzepts war ein Gitternetz geografischer Koordinaten, das wie ein Fischernetz ausgebreitet werden konnte. Dabei stellten die Nord-Süd-Linien die Längen dar, die Ost-West-Linien die Breiten. Jede der Linien war nummeriert. Das Zählen der Längen begann bei den heutigen Kanaren, das Zählen der Breiten beim Äquator.

Das von Ptolemäus genutzte Register mit seinen rund 8000 Ortsnamen wiederum war zuvor von dem griechischen Geographen Marinos von Tyros zusammengetragen worden. Dieses Register wurde Geographia genannt und war so etwas wie eine kommentierte Weltkarte.

Antike Karten entstanden aber nicht nur in den Hochkulturen von Mesopotamien und Ägypten, sondern zum Beispiel auch im Römischen Reich und in China, wo die ersten maßstabsgetreuen Karten entwickelt wurden.

Mittelalter, Renaissance, Globus und Atlas

In den ersten etwa 400 Jahren nach Christi Geburt schritt die Kartografie in Siebenmeilenstiefeln voran. Umso erstaunlicher, dass in den darauffolgenden rund 1000 Jahren so gut wie gar nichts passierte: Die modernen Kartenhistoriker haben die Karten, die im Hochmittelalter in den Klöstern entstanden, fast durchweg als primitiv bezeichnet. Doch müssen diese Karten vor ihrem geistesgeschichtlichen Hintergrunde gesehen werden: Die typische Karte des Mittelalters war die sogenannte T-O-Karte. Sie wollte nicht reale geografische Gegebenheiten abbilden, sondern gaben stattdessen ein theologisches Weltbild wieder.

Mit der Renaissance tritt die Kartografie in ein neues Stadium. Die Studien der Gelehrten waren nicht länger religiös geprägt. Außerdem wurde der Globus entwickelt: Martin Behaim, geboren 1459 in Nürnberg, war von Beruf ursprünglich Tuchhändler. Mit Mitte 20 kam Behaim in engen Kontakt mit dem portugiesischen Königshof. Später schloss er sich einem portugiesischen Seefahrer an, der die westafrikanische Küste entlang segelte.

Weil er seinen Globus noch vor der Entdeckung Amerikas anfertigen ließ, waren auf diesem nach wie vor lediglich die bis dahin bekannten drei Kontinente zu sehen: Europa, Afrika und Asien. Der sogenannte Behaim-Erdapfel enthielt aber auch ausführliche Beschreibungen zu Handelswegen und begehrten Produkten, die im Orient erhältlich waren – wie etwa Perlen, Pelze und Edelsteine, vor allem aber zu Gewürzen wie Zimt oder Pfeffer.

Die Abbildung von Ostasien und dem nördlichen Pazifik auf einem historischen Globus.  (imago / AFLO)Eine neue, dreidimensionale Darstellung der Welt: nach Karten wurde der Globus entwickelt. (imago / AFLO)
Auch Gerhard Mercator entwickelte einen Globus, bekannt geworden ist der niederländische Kartograph zudem wegen der Kursivschrift, die er erstmalig zum Beschriften von Ländern und Orten verwendete. Damit kann man vor allem Platz sparen. Der Mercator-Globus, der 1541 auf den Markt kam, hatte schließlich einen Durchmesser von 41 Zentimetern und entpuppte sich schnell als Verkaufserfolg. Außerdem fasste Mercator seine Karten in Sammlungen zusammen und prägte dafür den Begriff Atlas.

Das Goldene Zeitalter der Kartografie

Heutzutage werden das späte 16. und frühe 17. Jahrhundert als Goldenes Zeitalter der Kartografie bezeichnet. Vor allem in den Niederlanden gab es in dieser Phase regelrechte Kartenmacher-Dynastien. Kartografen waren in erster Linie Handwerker, die für Wissenschaftler, Verlage oder Staaten arbeiteten. Im 19. Jahrhundert kam es zu einem Professionalisierungsprozess, der von Verlagen wie Justus Perthes in Gotha getragen wurde.

Historische, niederländische Seekarte mit der Darstellung des östlichen Teils des Mittelmeerss und Norditalien.  (imago / Artokoloro)Eine historische, niederländische Seekarte mit der Darstellung des östlichen Teils des Mittelmeers und Norditaliens (1662) (imago / Artokoloro)
Alexander von Humboldt war nur einer von vielen Entdeckern und Wissenschaftlern, die mit dem Gothaer Perthes Verlag einen regen Kontakt unterhielten. Denn das thüringische Unternehmen galt als das Epizentrum der weltweiten Kartografie.

Der Justus-Perthes-Verlag hat sich auch erstmals intensiv der Kartografie des Meeres zugewandt: Eine 1863 bei Perthes veröffentlichte Weltkarte trug die englischsprachige Bezeichnung "Chart of the World". Auf ihr wurden Meere erstmals nicht einfach nur als plane, blaue Flächen präsentiert. Stattdessen verdeutlichten jetzt unterschiedlich abgestufte Blautöne verschiedene Tiefen. Und auch Strömungsverläufe waren auf ihr übersichtlich dargestellt.

Die Vielfalt der Meereskarten aus dem Perthes-Verlagsarchiv dokumentiert, wie sich die Aufgabe der Meeres-Kartografie im Laufe der Zeit veränderte: Den Entdeckern früherer Tage war es vor allem darum gegangen, mithilfe der Karten auf sicherem Kurs über bisweilen unbekannte Ozeane zu segeln. Mit der "Chart of the World" änderte sich nun nicht nur die Bedeutung der Meereskarten, sondern auch deren Blickwinkel: Ihre mittlere Achse verschob sich nach links, Richtung Westen. Hatte zuvor der europäische Kontinent im Zentrum der Karten gestanden, war es nun der Atlantik.

Großmächte wie das Britische Empire, die Vereinigten Staaten von Amerika, Russland, China oder Japan waren zunehmend daran interessiert, so viele Details wie nur möglich über jene Wasserflächen zu erfahren, die an ihr jeweiliges Territorium angrenzten. Die Lehre von der Meereskunde – die Ozeanografie – gewann immer mehr an Bedeutung und floss darum auch in immer mehr Karten ein.

Karten als Spiegel der Gesellschaft

Tagtäglich gehen wir mit Karten um – dabei nehmen wir ihre sachliche Richtigkeit als gegeben. Tatsächlich aber stecken in allen Karten Grundannahmen und gesellschaftliche Konventionen ihrer Hersteller. Karten sind eben nicht objektives, wertefreies Abbild der Welt, sondern immer auch Ausdruck der herrschenden Macht, Ausdruck eines bestimmten Weltbilds.

Wohl nur die wenigsten Nutzer einer Karte dürften sich der Tatsache bewusst sein, dass moderne topografische Karten – also Karten, auf denen Orte, Straßen, Wälder, Höhenlinien und ähnliches verzeichnet sind – ihren Ursprung im frühen 19. Jahrhundert hatten. Denn sie alle basieren letztlich auf der preußischen Landesaufnahme. Weil sich diese Art der Kartierung bis heute als praktisch erwiesen hat, wird ihr militärischer Hintergrund schon längst nicht mehr hinterfragt.

Der Einfluss des Militärs auf die moderne Kartografie zeigt sich aber auch noch in anderer Hinsicht – nämlich bei der Frage, was auf einer Karte überhaupt gezeigt werden soll und was nicht. Ab und zu kommt es in diesem Zusammenhang sogar ganz bewusst zur Fälschung von Karten. Gang und gäbe war dies beispielsweise in der Zeit des Kalten Krieges, also in den Jahren zwischen 1945 und 1990. Aus politischen oder militärischen Gründen manipulierte Karten gibt es überall und oft sind sie als solche zu erkennen. Der Kartograf Wolfgang Crom, Leiter der Kartenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, berichtet aus eigener Erfahrung:

"Sie alle können sich an das große Flugzeugunglück bei der Flugschau 1988 in Ramstein erinnern. Ramstein finden Sie auf keiner topografischen Karte. Man sieht die Flugzeuge starten und landen, aber der Flughafen wird geheim gehalten, gehört ja auch nicht Deutschland, gehört ja den Amis. Ich kenne es aus meiner Kindheit. Ich bin am Niederrhein aufgewachsen. Dort gab es einen Flughafen der Royal Air Force. Wir sind da mit unseren Fahrrädern hingefahren, haben am Zaun gestanden und die Flieger starten und landen sehen. In den Karten war da einfach nur Heide eingetragen – und keine betonierte Asphaltpiste."

Ein Google Street-View-Kamerawagen fährt durch das Gerichtsviertel in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)Weltweit präsent: ein Google-Street-View-Kamerawagen, hier unterwegs in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Und heute? Wenn wir mithilfe digitaler Navigationsdienste wie Google Maps unterwegs sind, freuen wir uns an der Bequemlichkeit. Doch was für uns als Nutzer scheinbar nur Vorteile hat, birgt auch Risiken – zum Beispiel dann, wenn wir die Auswirkung derartiger Karten- und Routendienste nicht als Nutzer, sondern als Anwohner zu spüren bekommen. Der Informatiker Johannes Schöning gibt ein Beispiel:

"Google Maps ist ein großer Egoist, was jetzt im Vorhinein weder schlecht noch gut ist. Aber Google Maps versucht, Sie persönlich auf dem schnellstmöglichen Weg von A nach B zu bringen. Und daher nimmt es sozusagen keine Rücksicht auf die Umgebung. Das heißt irgendwie: Es gibt einen Stau auf der Autobahn. Google Maps findet einen Weg durch eine 30er-Zone, wo es zwar nur mit 30 vorangeht, aber es geht voran. Dann wird Sie Google Maps auf diese Strecke umleiten – ohne Rücksichtnahme zum Beispiel auf die Kinder, die da spielen oder sozusagen auf den Verkehr, der eigentlich aus diesem Wohngebiet abgeleitet werden sollte. Für mich ist das ein großer negativer Effekt, wie Kartendienste dann durchaus Einfluss nehmen können auf unser städtisches Zusammenleben."

Eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur/Deutschlandfunk 2021, das Skript zur Sendung finden Sie hier.

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