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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2006

Über die Vergänglichkeit

Vladimir Jankélévitch: "Der Tod"

Rezensiert von Barbara Dobrick

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Friedhof im Herbst (AP Archiv)
Friedhof im Herbst (AP Archiv)

Es ist das Natürlichste von der Welt, und es ist vollkommen sicher: Irgendwann werden auch wir sterben. Warum ist diese Gewissheit so beängstigend, ja skandalös, und wie werden wir damit fertig? Diese Fragen haben den französischen Moralphilosophen Vladimir Jankélévitch lange beschäftigt. Das Ergebnis ist sein wichtigstes Werk: "Der Tod". In Frankreich bereits 1977 erschienen liegt der Band nun auch auf Deutsch vor.

Der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch, 1903 als Sohn russischer Einwanderer geboren, hat von sich gesagt: "Mein Ausdrucksmittel ist im Kern das Sprechen" und er, selbst ein hervorragender Klavierspieler, hielt die Musik für das Ausdrucksmittel, das zeige, "dass die Sprache allein versage."

Kein Wunder also, dass Jankélévitchs Gedanken über den Tod den Charakter eines großen, eines großartigen Parlandos haben. Der Denker variiert sein Thema, unerschrocken und elegant, selbstbewusst und sich auf andere Philosophen, Schriftsteller und Musiker beziehend und im Angesicht der eigenen Endlichkeit jeder Hybris abgeneigt.

"Über das absolut "Unerzählbare" gibt es nichts zu erzählen. Diese Philosophie hat noch kaum begonnen, während sie schon am Ende ist; es ist als wollte sie uns betäuben. Wenn es um den Tod geht, fallen Alpha und Omega zusammen, und das erste Wort ist ipso facto das letzte. "

Eine schöne Selbstironie, denn Jankélévitch hat rund 550 Seiten geschrieben, natürlich nicht über das "Unerzählbare", sondern darüber, was es bedeutet, dass wir, ohne gefragt zu werden, geboren werden und sterben müssen, wobei uns eigenartigerweise nur beschäftigt, dass es eine Zukunft ohne uns geben wird, aber unberührt lässt, dass wir nicht immer schon da waren. Der Skandal unseres Todes, bewegt uns im doppelten Wortsinne: Er drängt uns zur Tat und schenkt uns die Liebe, und er macht uns Angst. Ohne unsere Sterblichkeit wäre das Leben nicht das Leben, sondern die Ewigkeit.

"Die Vorbereitung auf den Tod ist vielleicht nur ein hintergründiger Scherz. Denn in was sollte sich der Lehrling einüben?"

Vladimir Jankélévitch umkreist das Thema Tod, wohl wissend, dass wir nichts von ihm wissen, dass wir den Tod nicht denken können, aber dennoch beschäftigt sind mit dem unvorstellbaren Nichts.

"Die Angst der Ängste aber, die exponierte Angst, die man Verängstigung nennen könnte, die diffuse letzte Angst also, heißt Tod. Und da diese Angst die am weitesten entfernte ist, liegt sie auch tiefer als alle anderen, denn sie befindet sich auf dem Grund der Tiefe. "

Für Jankélévitch ist die Idee, dass Seele und Körper unabhängig voneinander existieren könnten, abwegig, denn, so argumentiert er, auch unsere Erinnerungen können ja nicht unabhängig vom Gehirn existieren. Ewigkeit ist nur unserem Gelebt-Haben beschieden:

"Wer gelebt hat, fällt niemals mehr in die vorgeburtliche Nichtheit zurück: das Irreversible, das seine Auferstehung verhindert, verhindert auch sein Zunichtewerden. ... Während das Leben vergänglich ist, ist die Tatsache, ein vergängliches Leben gelebt zu haben, ewig."

Jankélévitch beschreibt, ja besingt die Radikalität des Todes. Er paraphrasiert sein Thema so tiefgründig und sprachmächtig, dass Redundanzen nicht wirklich stören und in manchen Momenten das Unmögliche zum Greifen nah scheint, auch wenn uns der große Moralphilosoph nur immer wieder sagt:

"Wenn man bedenkt, wie vertraut uns der Tod, wie vollkommen unser Unwissen und wie unmöglich es ist, dem Tod je zu entkommen, muss man gestehen, dass das Geheimnis gut gehütet wird!"

Das Geheimnis verliert bei Vladimir Jankélévitch nicht seinen Schrecken. Oder doch? Ist es nicht das einzige, was wir vermögen: den Tod mutig und damit zugleich demütig zu bedenken? Jankélévitch tut das mit Würde, Weisheit und sprachlicher Schönheit. Er nähert sich dem Thema kühn und poetisch und schenkt uns so Glück, Leseglück für denkende Menschen.

"Das Denken ist sich der gänzlichen Auslöschung bewusst, doch fällt es selbst der Auslöschung, die es denkt und die es trotzdem vernichtet, anheim."

Vladimir Jankélévitch ist 1985 gestorben, und er würde sofort widersprechen, wenn jemand sagen würde, er habe sich durch sein Werk unsterblich gemacht. Vielleicht würde er auch lachen:

"Solange ich bin, ist der Tod noch zukünftig, und wenn der Tod eintritt, hier und jetzt, ist niemand mehr da. Es ist immer nur eines möglich: Bewusstsein oder Anwesenheit des Todes! Tod und Bewusstsein vertreiben einander und knipsen sich wie durch die Wirkung eines Lichtschalters aus. Dieser Widerspruch ist nicht aufhebbar! In der Tat, die Alternative ist nicht schlecht ausgeklügelt!"

Vladimir Jankélévitch ist nicht mehr da, aber ein Teil seiner Gedanken bleibt uns erhalten, u. a. in seinem wunderbaren Buch "Der Tod". Die liebevolle Sorgfalt, mit der es von Brigitta Restorff übersetzt und von Christoph Lange ediert worden ist, spricht von großem Wissen, Respekt und Würdigung – sie ist diesem Meisterwerk gemäß und macht das Leseglück nahezu vollkommen.

Vladimir Jankélévitch: Der Tod
Aus dem Französischen von Brigitta Restorff
Herausgegeben und mit einer Nachbemerkung von Christoph Lange
Suhrkamp Verlag
574 Seiten, 39,80 Euro

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