Seit 12:30 Uhr Die Reportage
Sonntag, 26.09.2021
 
Seit 12:30 Uhr Die Reportage

Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 25.05.2007

Über die Realität des Irakkriegs

Dietmar Herz: "Die Amerikaner im Krieg"; Joshua Key: "Ich bin ein Deserteur"

Rezensiert von Reinhard Kreissl

US-Soldaten im nordirakischen Mossul (AP)
US-Soldaten im nordirakischen Mossul (AP)

Zwar erreichen uns täglich Bilder und Berichte über Anschläge und Tote aus dem Irak, doch der Kriegsalltag bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Dietmar Herz, deutscher Politikwissenschaftler, und Joshua Key, ehemaliger US-Soldat, waren beide im Irak und berichten in ihren Büchern über die grausige Realität des Alltag.

Der Krieg im Irak ist zum festen Bestandteil der Abendnachrichten geworden, man kennt die Bilder und immer gleichen Texte über neue Anschläge und Tote. All das erreicht die Weltöffentlichkeit zensiert über die so genannten embedded Journalists, jene Berichterstatter also, die unter Aufsicht des amerikanischen Militärs über die Situation im Irak berichten.

Die beiden Bücher von Key und Herz weichen auf je unterschiedliche Art und Weise von diesem Muster ab. Joshua Key, amerikanischer Deserteur aus dem Irakkrieg, ist sozusagen "dis-embedded". Er sitzt in Kanada und wartet dort auf die Anerkennung seines Asylantrags. Dietmar Herz, Politikwissenschaftler an einer deutschen Universität und mit 48 Jahren knapp doppelt so alt wie Key, reiste für das Magazin der Süddeutschen Zeitung für vier Wochen über den Jahreswechsel in den Irak und hat seinen im Magazin der SZ veröffentlichen Beitrag mit allgemeinen Erläuterungen auf Buchformat erweitert. Seine Sicht der Dinge ist nicht journalistisch, sondern eher die eines, wie er es selbst bezeichnet "embedded political scientist", ein interessiert beobachtender Wissenschaftler unter den Fittichen des Militärs.

Dem Deserteur Key, einem Jungen aus der amerikanischen Unterschicht, stand ein Journalist zur Seite, der das Buch auf der Basis von Gesprächen mit ihm verfasste. Herz hat wohl weitgehend selbst getextet und die vielen Zitate eigenhändig zusammengefügt. Schon der Sprachduktus zeigt, wer da schreibt.

Joshua Key: Ich bin ein Deserteur (Hoffmann & Campe)Joshua Key: Ich bin ein Deserteur (Hoffmann & Campe)"Leider beschränkte sich die Gewalt, die amerikanische Soldaten austeilten, nicht auf Fußtritte und Faustschläge. In der ersten Woche in Falludscha war mein gesamter Zug – drei Trupps mit insgesamt zwanzig Mann – eines Tages an einem Verkehrskontrollpunkt postiert. Als ranghöchster Offizier war an diesem Tag Lieutenant Joyce bei uns. Während die anderen beiden Trupps den Verkehr überwachten, waren meine Truppenkameraden und ich mit der Durchsuchung der Fahrzeuge und Fahrer beschäftigt. Als ich unter der Motorhaube gerade nach Bomben und versteckten Waffen suchte, spürte ich plötzlich wie der Boden erbebte. Ich ging auf die Knie, merkte aber bald, dass das Feuer von meinen eigenen Kameraden ausging. Der Kugelhagel kam aus M 16-Sturmgewehren, leichten M 249-Maschinengewehren und schweren MGs. ... Ziel war ein mit zwei Personen besetztes weißes Auto mit gelben Streifen. Ich sah, dass das Auto an den Kontrollpunkt herangefahren war und die Linie, an der es hätte halten müssen, um etwa drei Meter überfahren hatte. Nun wurde es auf mörderische Art zum Halten gebracht … Ein Mann im Auto war tot. Sein Kopf war nur noch über ein paar Fetzen am Hals mit dem Körper verbunden. ... Doch dann sah ich den Jungen in auf dem Beifahrersitz. Er muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein. Ein Sanitäter zog ihn heraus. Ein Arm des Jungen war fast abgetrennt."

Erinnert bei Key die Schilderung des Kriegsalltags über weite Strecken eher an Bildbeschreibungen aus einem Splattermovie, so sieht Herz andere Bilder. Sein Irakkrieg kennt nur den guten Willen, die mangelnden Möglichkeiten und die zum Scheitern verurteilten Versuche, den Frieden zu sichern. Zwar liest man auch bei ihm, dass es passieren kann, dass bei einem Auto, das nicht anhält, Fahrer und andere Insassen von Kugeln durchsiebt werden. Doch ergänzend fügt er hinzu: Das sind die Gesetze der Straße, und unter den gegebenen Umständen werden sie allgemein als fair empfunden. (Herz. Seite 93) So kann man es auch sehen.

Ein Eindruck allerdings, den beide Bücher vermitteln, ist das sinnlose und nervtötende Warten, das sich aus der eigentümlichen Logik der Konflikte im Irak ergibt. Die amerikanischen Soldaten sitzen in ihren gesicherten Camps, umringt von einer unbekannten und undurchsichtigen feindlichen Welt. Sie sitzen und warten auf den Befehl nach draußen zu gehen und Terroristen zu suchen, anderen Soldaten zu Hilfe zu kommen, oder schlichtweg Präsenz auf Patrouille zu zeigen. Das Warten scheint auch bei Herz in den vier Wochen seines Aufenthalts die Haupttätigkeit gewesen zu sein. Warten auf den Transport ins nächste Lager, von Bagdad nach Tikrit, dann wieder zurück und zwischendrin Cafeteria, Feldbett, DVD und Beobachtung der Truppe. Die wenigen Male, die der "embedded political scientists" Feindkontakt außerhalb der sicheren Mauern hatte, waren im Hinblick auf die dabei gewonnen Erkenntnisse und Einsichten nicht sonderlich ergiebig.

Dietmar Herz: Die Amerikaner im Krieg (C.H. Beck)Dietmar Herz: Die Amerikaner im Krieg (C.H. Beck)"Plötzlich höre ich ein trockenes Knallen. Kugeln schlagen in die Hauswände ein. Jemand brüllt einen Befehl. Arabische und englische Stimmen. ... Ich knie mich hin, eng an die Hauswand geduckt, mehr Deckung kann ich nicht finden. Die Schüsse kommen nun von vorn. Ein amerikanischer Soldat wenige Meter von mir entfernt wird getroffen. Ich versuche einige Meter nach vorn zu kommen, dann knie ich mich wieder hin. ... Der kommandierende Offizier fordert Verstärkung an. Der verwundete Soldat und ich werden ins Camp zurückgefahren. Es gibt, wie ich später erfahre, keine Verhaftungen. Das Ganze hat weniger als eine Viertelstunde gedauert."

Das ist ja dann gerade noch mal gut gegangen, möchte man dem Professor zurufen.

Key ist da unverblümter. In manchmal unerträglicher epischer Breite schildert er die alltäglichen Grausamkeiten, die von den Soldaten begangen werden im Stil eines Besinnungsaufsatzes. Key erscheint als der typische amerikanische Soldat. Er geht zur Armee, weil er sonst keine ökonomische Perspektive sieht, lügt sich das Ganze mit dem üblichen patriotischen Credo schön, wird in der Ausbildung für den Einsatz scharf gemacht und wundert sich dann, dass aus scheinbar normalen Kameraden hemmungslos sadistische Monster werden können. Ausführlich wird seine an typischen Klischees reiche Jugend in Oklahoma beschrieben. Der Hauptteil ist der Darstellung der ungerechtfertigten und rechtswidrigen Grausamkeiten des Kriegsalltags gewidmet. Gewalt, Langeweile, Angst, Chaos amalgamieren zum brutalen Mix, der ihn letztlich zum Deserteur werden lässt.

Von Key bleibt ein bisschen das Gefühl, das sich einstellt, wenn man aus einem Film von Michael Moore kommt. Die Botschaft ist klar: America you fucked it up! Am Ende des Buches von Herz hat man eigentlich auch nicht mehr gelernt, als dass es auch aus der Sicht des Politikwissenschaftlers ziemlich unsinnig war, in den Irak einzumarschieren. Aber wussten wir das nicht auch schon? Neue Argumente dafür liefert Herz nicht und die sind auch nicht erforderlich.

Beide Bücher sind das Produkt eines Marktes, der Katastrophen gerne profitabel verwertet. Key geriet als Deserteur, wie er selbst schreibt, in Kanada an eine Literaturagentin, die alles weitere für ihn erledigte, den Ghostwriter besorgte und das Manuskript an die Verlage verkaufte. Ihr dankt er am Ende. Herz hat auf Kosten des Magazins der Süddeutschen Zeitung den Lehnstuhl für ein paar Wochen verlassen und ist in den Irak geflogen. Eine originelle Idee. Der Artikel, den er darüber schrieb, insbesondere in der Kombination mit den Bildern, war im Rauschen des bundesdeutschen Blätterwalds eine Aufmerksamkeit heischende Abwechslung: Universitätsprofessor fährt in den Irak und schreibt uns was darüber. Für ein Buch reicht das allein nicht, dazu bräuchte man eine organisierende Idee, einen Gedanken und man merkt bei der Lektüre ziemlich bald, wo das Füllmaterial angebracht wurde, das aus dem kurzen Beitrag ein Buch machen sollte.

Die Realität des Irakkriegs auf der Basis eigener Anschauung und vor allen Dingen einer eigenen unabhängigen Position zu beschreiben, diese Aufgabe erfüllen beide nicht und am Ende sind die intensivsten Textstellen, die aus den Büchern in Erinnerung bleiben, Zitate aus Online-Blogs, die von irakischen Intellektuellen vor Ort geschrieben werden und die der engen Medienkontrolle der westlichen Militärs entgehen. Bleibt zu hoffen, dass vielleicht aus diesen Quellen irgendwann ein Buch entsteht, das über die bekannten Schablonen hinausweist und die Gräuel dieses Krieges anders verarbeitet als diese beiden Autoren.

Dietmar Herz: Die Amerikaner im Krieg
Berichte aus dem vierten Kriegsjahr
C.H. Beck Verlag, München 2007

Joshua Key: Ich bin ein Deserteur
Mein Leben als Soldat im Irakkrieg
Aus dem Englischen von Anne Emmert und Hans Freundl
Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2007

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur