Hörspielmagazin, vom 04.01.2020, 21:35 Uhr

Über die Dlf-Neuproduktion von Mudar Alhaggi und Wael Kadour"Die Toten haben zu tun"

Das Originalhörspiel der syrischen Dramatiker Mudar Alhaggi und Wael Kadour beruht auf einer wahren Begebenheit. Michael Langer sprach mit Regisseur Erik Altorfer, der das Stück für den Deutschlandfunk inszenierte, und mit Martin Schütz, der die Musik dazu komponierte.

Autor Mudar Alhaggi bei den Hörspielaufnahmen zu "Barsach" (Deutschlandradio - Sandro Most)
Autor Mudar Alhaggi bei der Arbeit im Hörspielstudio (Deutschlandradio - Sandro Most)

Hörbeispiel

Taha: "Ich heiße Taha. Ich bin 33 Jahre alt. Ich komme aus Daraa in Syrien."
Mira: "Hallo, ich bin Mira. Mein Hund heißt Arco. Er spielt nur sehr selten mit Fremden."
Taha: "Hallo Mira, Ich bin Taha."
Mira (erzählt) "An diesem besonderen Tag traf ich Taha."

Dieses Hörspiel von Mudar Alhaggi und Wael Kadour handelt von zwei Menschen aus unterschiedlichsten Welten, die dennoch ein ähnliches Schicksal miteinander verbindet. Und wohl kein anderer wäre geeigneter, diese Geschichte fürs Radio zu inszenieren als der Schweizer Regisseur Erik Altorfer.

Erik Altorfer: "Also, das eine ist eine langjährige Freundschaft, die mich mit Mudar Alhaggi verbindet. Wael Kadour habe ich jetzt über Mudar Alhaggi kennengelernt. Und das Interessante ist schon, wir kennen uns jetzt seit Beginn der Revolution in Syrien, Mudar Alhaggi, und sein Leben hat sich da sehr verändert, und auch seine künstlerische Arbeit hat sich sehr verändert. Er ist seit vier Jahren in Deutschland und auch seit er in Deutschland ist, hat sich sein Schreiben verändert, und wir machen jetzt das zweite Hörspiel mit ihm. Und auch da war es ihm sehr wichtig, dass er eine andere Position, die auch noch einmal widerspiegelt, wie sich jetzt seine Inhalte auch als syrischer Autor in Deutschland noch einmal neu zeigen."

Wie sein Co-Autor Wael Kadour, der in Paris lebt, so studierte auch Mudar Alhaggi in Damaskus Theaterwissenschaften. In seiner neuen Heimat arbeitet er als Autor, Regisseur und Dramaturg. Seine letzten Theaterstücke wurden am Theater Krefeld, bei den Ruhrfestspielen und im Theater an der Ruhr aufgeführt. Für Deutschlandfunk Kultur schrieb er das Hörspiel "Barsach". Mudar Alhaggi lebt in Berlin.

Erik Altorfer: "Also, was ihm ganz wichtig ist, dass er jetzt, in den letzten Jahren… Sehr schnell kommt man natürlich in die Falle, glaub ich als syrischer Künstler in Europa, dass man dann zu einem Refugee Artist wird, der auch eigentlich eben nicht vollwertig anerkannt wird, und dass er dann auch inhaltlich und aber auch in Perspektiven limitiert wird, und zwar durch den Blick von außen. Und mir war jetzt, für uns war interessant rauszufinden, was neue Inhalte für ihn sein könnten, die ihn auch ein bisschen aus dieser Falle rausholen."

Hörbeispiel

Taha (erzählt): "Ich musste über den Landweg nach Deutschland kommen Laufen, laufen, laufen, laufen. Am Ende war ich plötzlich in Deutschland, und wie ich im Libanon begonnen hatte, nach einer Methode zu suchen, mein schlechtes Gewissen loszuwerden, weil ich Syrien verlassen hatte, suchte ich in Deutschland nach einer Methode, mein schlechtes Gewissen loszuwerden, weil ich die Kinder im Flüchtlingslager in Beirut zurückgelassen hatte. Bis ich Mira traf."
Mira: "Alles klar, alles gut? Steh auf, lass uns proben. Das Stück muss herrlich sein, wenn ich die Mädchen besuche. Sie sollen lachen und mich wieder lieben. Sie müssen wieder nach Hause kommen. Ich muss wieder normal werden. Alles muss wieder so werden wie vor dem Unfall. Das wird alles passieren, nicht wahr?"
Taha: "Ja. Natürlich wird das passieren, aber nicht jetzt, es ist 6 Uhr morgens."
Taha: "Ich hatte keine andere Wahl, als mich ihren Wünschen zu beugen."

Erik Altorfer: "Die große Herausforderung ist natürlich, das ist based on the true story, wie man so schön sagt. Also, ein Bekannter von Mudar Alhaggi hat in weiten Teilen das erlebt, was in dieser Geschichte erzählt wird. Und es ist eine deutsche Frau und ein syrischer Mann, und für uns künstlerisch war es einfach die Frage, wie zeigen wir diesen Syrer, diese syrische Figur, einem zumeist deutschsprachigen Radio-, Hörspielpublikum? Und wie vermitteln wir ihnen eine solche Figur? Man könnte das naturalistisch machen mit einem syrischen Schauspieler, der gebrochen Deutsch spricht. Und wir haben das jetzt so versucht zu lösen, indem wir einfach eine arabische Stimme und eine deutsche Stimme haben. Für die gleiche Figur. Um dann, ich sage jetzt mal, den arabischsprachigen oder eben auch syrischen Background zu haben. Und aber auch für uns war es auch ganz wichtig, den Zugriff überhaupt zu dieser Perspektive erst einmal auch von Rami Khalaf, dem syrischen Schauspieler zu hören, um überhaupt ein bisschen ein Gefühl dafür zu kriegen, wie das klingen kann und wie man emotional mit diesem Stoff umgehen kann, weil das für uns auch eine sehr große Herausforderung ist. Oft ist man dann zu schnell, zu gefühlig oder sieht Dramatik woanders oder eben entdeckt die Komik gar nicht, die drin liegen kann. Und das war eine große interkulturelle Übersetzungshilfe eigentlich auch durch den syrischen Schauspieler, den wir dabei hatten."

Hörbeispiel

Taha (erzählt): "Die Wohnung von Toni und Mira war wie der Schoß, der mich in dem fremden Land aufgenommen hatte. Ich fühlte mich sicher, verspürte Vertrauen, Zuneigung. Mira war immer für mich da, wenn ich Unterstützung brauchte. Bei offiziellen Papieren, im Jobcenter, in der Stadt. Und sogar beim Deutschlernen. In dieser idealen Atmosphäre fehlte es nur an der Antwort auf eine Frage, die ich mich nicht direkt zu stellen traute. Es gab ein Geheimnis. Tiefe Trauer. Die sie nicht verbergen konnte. Weshalb sie stundenlang in ihrem Zimmer verschwand, manchmal sogar tagelang. Genau wie ich es in den ersten Monaten gemacht hatte, nachdem ich Syrien verlassen hatte. Ich erinnere mich. Dass ich mich in Beirut in meinem Zimmer vergrub und hoffte, dass die Welt mich für immer vergisst. Konnte es sein, dass Mira das Gleiche hofft? Mira. Mira. Was war los mit ihr? Was machte sie so reizbar? Wo waren die Kinder? "

Erik Altorfer: "Bei Hörspielen ist für mich das Casting immer die halbe Miete oder mehr als die halbe Miete. Und ich habe jetzt mit dabei wieder Yvon Jansen und Sebastian Rudolph, mit denen ich schon oft gearbeitet habe. Und das ist schon eine lange Arbeitsbeziehung, also wir sind uns sehr vertraut, und Rami Khalaf kannte ich noch nicht, ich kannte ihn von der Bühne, von einer Produktion, die ich gesehen habe. Und er ist ein guter Freund der beiden Autoren, und wir haben einfach in der Vorbereitung öfters miteinander telefoniert, und er hat das dann wirklich extrem souverän gemacht. Und für mich war das wirklich toll, auch mit ihm zu arbeiten."

Die Musik für dieses Hörspiel, welche die Handlung nicht bloß begleitet, sondern auf ihre Weise nachgerade mitgestaltet, hat der Schweizer Cellist und Komponist Martin Schütz geschrieben. Dazu ließ er sich zunächst von den beteiligten Stimmen inspirieren. Martin Schütz:

Martin Schütz: "Also, es gibt einerseits als gute Starthilfe, gibt es ja eben dieses Arabisch von dem Schauspieler Rami, weil das eine große Musikalität hat als Klang. Und da hört man und hört und hört und wartet im Prinzip, bis was Musikalisches mit einem passiert. Und natürlich hatte ich aber ziemlich klar das Ding, dass ich will keine zu direkten oder großen Bezüge jetzt zu arabischer Musik in dem Sinne, weil das ganze Stück spielt ja hauptsächlich in Deutschland und es ist immer ein seltsamer Vorgang. Also, es sind ja nicht konzeptuelle Überlegungen mit der Musik, sondern es ist wirklich das Warten auf den Moment, wo man plötzlich etwas hört, wo man den richtigen Ton glaubt gefunden zu haben oder die richtige musikalische Geste. Und dann fängt man an, was zu spielen, aufzunehmen und vielleicht auch was aufzuschreiben, eine melodische Sache oder eine rhythmische Sache und daraus ein Stück Musik zu machen. Und es gibt über diese 80 Minuten, die dieses Hörspiel ungefähr dauert, gibt es einige Themen, die immer wieder vorkommen, weil die bestimmte Zustände oder eine bestimmte Repräsentanz haben für bestimmte Zustände, die da verhandelt werden. Und die dann auch machen, dass über das Hörspiel hinweg man eine Kohärenz in der Musik auch spürt. Dass es hier musikalische Stränge gibt, die sich immer wieder treffen und wieder vorkommen."

Hörbeispiel Musik

Martin Schütz: "Was ich nochmal sagen wollte. Ich finde, die Musik in Hörspielen oder im Theaterkontext sollte immer wie eine Figur sein. Ein Dialogpartner mit den Schauspielern, ein Dialogpartner mit dem Text. Und das ist so eine der Maximen. Hintergrundmusik untermalt etwas ein bisschen wie ein Dialogpartner."

Hörbeispiel

Mira: "Ich gebe zu, dass ich mir der Gefahr dessen, was ich tat, bewusst war. Irgendwann wäre ich zumindest mental in der Lage gewesen, zu widerstehen und die Schmerzen auszuhalten und keine neue Spritze zu verlangen. Ich wusste, wie sehr meine Abhängigkeit meine Gesundheit und mein Familienleben bedroht. Aber irgendwie habe ich alles aufs Spiel gesetzt. Irgendwie war ich überheblich. Was wollte ich, wonach hab ich eigentlich gesucht? Ich weiß nicht, in welche Richtung ich ging. Ich weiß nicht, was unter der ruhigen Wasseroberfläche war. Ich weiß nicht, woher all dieser Schmerz kam. Ich weiß nur, dass die Schmerzen nicht aufhören, aber das Morphium zu Ende geht."
Taha: "Dass die Schmerzen nicht aufhören, aber das Morphium zu Ende geht."
Taha (erzählt): "Der Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Keine Ahnung, weshalb. Ich sah den Satz auf einem Schild, das bei einer Demonstration in Daraa zu Beginn der Revolution in Syrien in die Höhe gehalten wurde."

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