Über das Lesen der Chinesen

Eine Kundin in einem Pekinger Buchladen. © AP
Marcus Hernig im Gespräch mit Stephan Karkowsky · 19.08.2008
China wird 2009 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein. Auf dem dortigen Buchmarkt findet derzeit eine Liberalisierung statt. Mehr als die Hälfte der Buchhandlungen ist privat und bietet zunehmend auch westliche Literatur an. Einen besonderen Boom erleben Lesecafés, berichtet Marcus Hernig, der als Professor an einer chinesischen Universität lehrt.
Er ist Germanist und Sinologe und unterrichtet als Professor für German Studies an der Universität Hangzhou, einer Millionenstadt im chinesischen Osten. Hernig ist Autor des Buches "China mittendrin. Geschichte, Kultur, Alltag", das in diesem Jahr erschienen ist. Deutschlandradio Kultur sprach mit ihm über die Veränderungen auf dem chinesischen Buchmarkt. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Gespräch:

Stephan Karkowsky: Sie selbst haben ein Buch geschrieben darüber, wie es ist, als »Laowai«, als Ausländer in China zu leben. Dürfte ihr Buch in China verkauft werden?

Marcus Hernig: So, wie es auf dem deutschen Buchmarkt erschienen ist, müsste es wahrscheinlich etwas geändert werden, weil natürlich so einige Themen, die in dem Buch vorkommen so ein bisschen tabu sind. Das sind die üblichen drei T: Tibet, Taiwan und das, was auf dem Tiananmen-Platz passiert ist. (…) Man müsste sie durch Dinge ersetzen, die politisch ein bisschen weniger kritisch sind, als das, was momentan drinsteht wie Fragen nach Dissidenten oder wenn Leute einfordern, wir wollen, dass der Dalai Lama nach Tibet kommt etc. Aber das meiste könnte so veröffentlicht werden.

Karkowsky: Wer verändert denn diese Texte – sind es die Autoren selber, die die Schere schon im Kopf haben, sind es erst die Lektoren, sind es die Verlage oder sind es am Ende erst die Zensoren?

Hernig: Das fängt bei den Autoren an, die sich schon überlegen, was geht und was geht nicht, und versuchen, nicht so direkt und mehr durch die Blume zu schreiben, weil viele sind es ja in China gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen. Das ist eine Technik, die man schon seit Jahrhunderten kennt. Zensur ist in diesem Land nichts Neues, sie war schon in der Kaiserzeit vorhanden. Die Verlage sind ebenso an diesem Prozess beteiligt. (…)

Karkowsky: Wem bieten junge Autoren ihre Manuskripte an?

Hernig: Es gibt etwa 570 Verlage, und die sind alle staatlich. Man kann allerdings jetzt immer mehr über Agenturen veröffentlichen. Das ist etwas Neues. (…) Da kommt man allerdings nur rein, wenn man Leute kennt. Beziehungen sind in China das A und O, wenn man in die Öffentlichkeit kommen will. Möglichkeit zwei ist das vielfach schon angesprochene Internet. Da veröffentlichen junge Autoren viel. (…) Außerdem ist der chinesische Buchhandel wesentlich vielfältiger geworden. Es gibt mittlerweile um die 80.000 Buchhandlungen in China, von denen sind mindestens 60 Prozent schon privat, die übrigen 40 sind staatlich. (…) Ganz in sind zurzeit Lesecafés. Sehr häufig sind das Privatunternehmungen zum Teil von Chinesen, zum Teil von Ausländern gegründet. Dort gibt es immer ein interessantes Angebot chinesischsprachiger, aber zunehmend auch englisch- oder fremdsprachiger Bücher, die man dort bekommen kann. Und man hat die Möglichkeit, sich dort länger aufzuhalten, einen Kaffee zu trinken oder sogar etwas zu essen. (...)

Sie können das vollständige Gespräch mindestens bis zum 19.1.09 als MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Player nachhören.
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