Über Auswege aus dem deutsch-polnischen Medienkrieg

Moderation: Frank Meyer · 18.06.2008
In den deutschen und den polnischen Medien gibt es immer wieder provozierende Darstellungen der anderen Seite, nicht nur während der Fußball-EM. Anlässlich der ersten deutsch-polnischen Medientage äußerten sich Ewa Wanat, Chefredakteurin von Tok FM, und der "FAZ"-Korrespondent Konrad Schuller zu diesem Thema und zum deutsch-polnischen Verhältnis.
Frank Meyer: Polnische Politiker als Kartoffeln, die deutsche Bundeskanzlerin mit nackten Brüsten - in den deutschen und den polnischen Medien gibt es immer wieder provozierende bis beleidigende Darstellungen der jeweils anderen Seite. Darüber spreche ich gleich mit einer polnischen Journalistin und einem deutschen Polen-Korrespondenten.

Dieser Medienkrieg wird sicher auch eine Rolle spielen bei den ersten deutsch-polnischen Medientagen, die heute in Potsdam beginnen. Und wir haben zwei Teilnehmer an diesen Medientagen jetzt hier bei uns im Studio. Das ist einmal Ewa Wanat, sie ist die Chefredakteurin von Tok FM, einem privaten Info-Radio, das seit zehn Jahren aus Warschau sendet, und Konrad Schuller ist bei uns, der Polen-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ewa Wanat, zum Schluss ging es gerade um den EM-Eklat. Die polnische Zeitung Super-Express zeigte da Polens Trainer mit den abgeschlagenen bluttriefenden Häuptern von Michael Ballack und Jogi Löw. Wie haben Sie das in Ihrem Programm kommentiert, oder haben Sie es ignoriert?

Ewa Wanat: Wir haben das gezeigt als einen blöden Joke. Ganz einfach. Wie soll ich sagen, ich bin nicht verantwortlich, ich fühle mich nicht verantwortlich für diese Marketingspiele. Das verkauft sich gut, ich glaube, das ist für Geld gemacht.

Meyer: Das heißt, mit solchen anti-deutschen Klischees können diese Boulevardblätter Auflage machen. Das ist der Grund, den Sie dahinter vermuten.

Wanat: Ja, ich würde sagen, es gibt Publikum dafür in Polen, vielleicht 20 Prozent. Das sind ältere Leute, nicht so gut ausgebildet. Die erinnern sich an den Zweiten Weltkrieg, die haben das nicht vergessen ganz einfach, und man kann sich auch nicht wundern, dass es so ist.

Meyer: Konrad Schuler, wir haben ja auch gerade gehört, dass der Axel-Springer-Verlag, also ein großes, deutsches Medienhaus, da durchaus beteiligt ist, beziehungsweise das ausgelöst hat diese jüngsten Auseinandersetzungen rund um die EM mit der polnischen Zeitung Fakt, die Springer gehört. Würden Sie da auch ähnlich wie Ewa Wanat eine Strategie des Springer-Verlages zur Auflagensteigerung vermuten, wir heizen die deutsch-polnischen Spannungen an, dort über "Fakt", hier bei uns über "Bild"?

Konrad Schuller: Wie ich aus eigener Erfahrung das Entstehen von Tagesausgaben einer Zeitung kenne, würde ich glauben, dass man da eine Verschwörungstheorie aufsetzt, wenn man sagt, da ist eine Strategie im Gang, die haben sich abgesprochen, da sind die Telefone heiß gelaufen zwischen Berlin und Warschau.

Wanat: Nein, das glaube ich auch nicht.

Schuller: Das war vermutlich nicht so, aber es gibt hier tatsächlich auf der einen Seite der Grenze und auf der anderen zwei Blätter, die sich aufs Haar gleichen, die aus der gleichen Redaktionskultur stammen. "Fakt" ist ja mit aktiver Beihilfe von Leuten des Springer-Verlags aufgebaut worden. Also ich glaube, hier gibt es tatsächlich ein Zusammenspiel von zwei Zeitungen des gleichen Verlags, vermutlich unabgesprochen, das - da stimme ich Ihnen zu, Frau Wanat - die Stimmung in Polen nicht wirklich wiedergibt. Polen verändert sich im Augenblick sehr, sehr schnell. Die Angst vor Deutschland, die Angst vor der großen Welt, die nimmt im Augenblick rapide ab. Polen öffnet sich der Welt in einem Tempo, das atemberaubend ist. Etwa zwei Millionen Polen haben seit dem Beitritt zur Europäischen Union das Land verlassen, um anderswo zu arbeiten, haben die Welt kennengelernt. Das ist ein Luftzug, der durch dieses Land geht, den es bisher noch nie gegeben hat.

Meyer: Es gibt auch Umfragen, wonach die Deutschen in Polen lange nicht so unbeliebt sind, wie wir das glauben sollten, wenn wir eben diese Beispiele aus den Medien zur Kenntnis nehmen, ganz im Gegenteil, dass die Deutschen eigentlich gern gesehene Gäste und auch Nachbarn sind in Polen. Gerade deshalb wundert man sich ja so sehr, dass immer wieder diese antideutschen Klischees auftauchen in polnischen Medien. Sie haben schon gesagt, es ist eine Strategie gewisser Boulevardblätter, aber es taucht doch auch in seriösen Zeitungen in Polen auf, oder?

Wanat: Das kommt von der Geschichte, und man kann sich nicht wundern, dass es so ist. In jeder Familie hat jemand etwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, ist gestorben oder hat gekämpft und so weiter. Es ist unsere Geschichte, unsere gemeinsame Geschichte. Und es gibt die konservativen Zeitungen, O.K., Sie sagen die ernsten Zeitungen, aber die sind konservativ. Also was bedeutet konservativ? Das sind die, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen, und die versuchen immer noch das zu unterstreichen, die Deutschen sind unsere ewigen Feinde, und wir müssen aufmerksam sein, weil die nur warten, um etwas schlechtes zu tun.

Meyer: Machen Sie da auch die Erfahrung, dass deutsche Journalisten, um mal auf die andere Seite zu schauen, diese gemeinsame Geschichte und die Geschichte der deutschen Verbrechen viel zu wenig im Bewusstsein haben, wenn sie über Polen berichten, wenn sie Polen befragen? Wie dieses Beispiel aus dem "Spiegel", dass dann von polnischen Konzentrationslagern gesprochen wird.

Wanat: Ich glaube, der Journalist, der das geschrieben hat, war zu jung, ganz einfach, und vielleicht unerfahren und vielleicht nicht so empfindlich und hat nicht so viel Empathie gehabt. Ich glaube, das ist ein Zufall, das ist nicht eine Linie der Redaktion. Das ist passiert, das passiert manchmal in Medien.

Meyer: Konrad Schuller, Sie arbeiten ja nun daran, ein auch anderes Polenbild in Deutschland zu präsentieren. Welche Erfahrungen machen Sie? Wie präsent ist unser großes Nachbarland im Osten, in den polnischen Medien überhaupt, wenn man das mal vergleicht mit unserem anderen großen Nachbarn Frankreich etwa?

Schuller: Polen ist traditionell sehr stark unterrepräsentiert in unseren deutschen Medien. Ich glaube, wir haben in unserem deutschen Bewusstsein tatsächlich noch nicht richtig kapiert, dass Polen wieder existiert und dass Polen tatsächlich eine alte, traditionelle europäische Nation ist. Dieses Nazi-Vorurteil, dass Polen eigentlich nur ein Betriebsunfall der Geschichte ist, das da gar nicht hingehört. Ich selbst habe, als ich 2004 in Polen als Korrespondent zu arbeiten begann, gemerkt, wie unglaublich viel ich nicht weiß über dieses Land, wie wichtig zum Beispiel der polnische Beitrag im Zweiten Weltkrieg gewesen ist, dass die polnische Armee ich glaube die viertgrößte alliierte Armee gewesen ist, Untergrundarmee, polnische Einheiten im Westen, polnische Einheiten im Osten, dass der polnische Widerstand der stärkste Widerstand überhaupt im besetzten Europa gewesen ist, der Warschauer Aufstand etwas noch nie da gewesenes ist. Das sind alles Dinge, die im deutschen Bewusstsein nicht da sind. Und wir haben da einen großen Nachholbedarf. Man merkt das auch an der Publizistik, über Polen wird nicht viel geschrieben. Deutsche fahren nicht nach Polen. Meine Berliner Bekannten, die jetzt seit fast 20 Jahren in weniger als 100 Kilometer von der mittlerweile offenen Grenze leben, waren zum größten Teil noch nie in Polen, leben mit dem Rücken zu diesem Land. Also ich glaube, da gibt es noch eine ganze, ganze Menge zum nachholen.

Meyer: Wenn man nun nachdenkt darüber, wie Medien solche Länder darstellen oder wie Medien überhaupt Wirklichkeit darstellen, kommt man ja immer an den Punkt, dass Medien eigentlich fast immer Zerrbilder herstellen, dass sie sich mehr für Spannung interessieren, für Krisen interessieren als für langfristige, stetige, vielleicht auch positive Entwicklung. Wie sollte man damit nun umgehen bei diesem Problem, wie wird Deutschland dargestellt, wie wird Polen dargestellt. Sollten sich die Medien selbst ermahnen, mehr über Positives aus dem jeweils anderen Land zu berichten?

Wanat: Ich glaube, das fängt irgendwo anders an. Das fängt in der Ausbildung an, wie wir die Geschichte lehren. Das hängt von Politikern ab. Und es braucht Zeit, wie alles im Leben.

Meyer: Teilen Sie diese Zuversicht, Konrad Schuller?

Schuller: Ich komme lieber auf das zurück, was Sie vorhin fragten, ob man sich jetzt vornehmen soll, mehr Positives zu berichten. Solche Vorsätze, lass uns mal mehr Positives oder lass uns mal mehr Negatives berichten, die sind ja immer ein klein bisschen verdächtig. Die wirken so nach Presselenkung und Selbstzensur. So würde ich nicht vorgehen.

Ich würde sagen, lass uns mehr von dem Relevanten berichten, das bisher noch nicht berichtet worden ist. Wir haben in Deutschland tatsächlich enorme Wissenslücken über interessante, relevante Dinge, die in Polen passieren. Also zum Beispiel das Phänomen der Brüder Kaczyński. Die sind ja in Deutschland sehr kritisch aufgenommen worden, zum Teil zurecht auch mit Spott aufgenommen worden. Sie repräsentieren aber etwas Interessantes, nämlich eine Verbindung von politischem Bewusstsein und religiöser Verwurzelung. Das ist etwas ganz Interessantes in der europäischen Landschaft. Eine politische Landschaft, in der es keine Linke gibt, auch etwas ganz Seltenes und ganz Interessantes. Wie funktioniert eine Politik, in der es keine Linke gibt wie in Polen.

Wanat: Es gibt, aber es...

Schuller: Sehr schwach. Die Polarität in Polen ist liberal-konservativ gegen national-konservativ. Das sind die beiden großen Lager. Das sind viele Dinge, die interessant sind, die relevant sind. Darüber sollte man berichten. Nicht unter dem Gesichtspunkt, jetzt mehr Gutes, jetzt mehr Negatives, sondern mehr Relevantes, Wichtiges, Interessantes. Und da gibt dieses Land genug her.

Meyer: Der Medienkrieg zwischen Deutschland und Polen und mögliche Auswege daraus, darüber habe ich gesprochen mit Ewa Wanat vom Warschauer Info-Radio Tok Fm und mit Konrad Schuller von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Ich danke Ihnen beiden herzlich.

Wanat: Danke sehr.

Schuller: Danke auch.