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Kompressor | Beitrag vom 16.11.2015

TV-Formate für FlüchtlingeVon "Marhaba" bis "Shababtalk"

Tabea Grzeszyk

Auf refugees.ard.de sammeln die ARD-Anstalten Beiträge für Flüchtlinge und bieten einzelne Sendungen und Erklärstücke mit mehrsprachigen Untertiteln an. (Screenshot der ARD-Webseite refugees.ard.de)
Auf refugees.ard.de sammeln die ARD-Anstalten Beiträge für Flüchtlinge und bieten einzelne Sendungen und Erklärstücke mit mehrsprachigen Untertiteln an. (Screenshot der ARD-Webseite refugees.ard.de)

Sie heißen "Marhaba", "Refugee Guide" oder "Shababtalk": Arabischsprachige Sendungen, die im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden. Flüchtlinge werden als neue Zielgruppe entdeckt – doch was halten sie von den Shows?

Hekmat hat einen Bettbezug auf dem Boden ausgebreitet, für einen gemütlichen Fernsehabend fehlt im Flüchtlingsheim die Couch. Zu acht sitzen wir vor meinem aufgeklappten Laptop, um ein paar Folgen "Marhaba" anzuschauen – die rund fünfminütigen Clips sind die erste arabischsprachige Sendung des deutschen Fernsehens, die sich speziell an Flüchtlinge richtet.

Zitator: "Herzlich Willkommen in Deutschland, das sage ich an dieser Stelle gerichtet an die syrischen und arabischen Flüchtlinge, die zu uns kommen auf der Suche nach Freiheit, Sicherheit und einem besseren Leben."

"Marhaba" des Nachrichtensenders n-tv kommt bei der syrischen Kritikerrunde gut an.

Seit September läuft jede Woche eine neue Folge – im Fernsehen, auf der Website des Nachrichtensenders und auf YouTube. Es geht um Themen wie "Das Grundgesetz und die Scharia", "Frauen in Deutschland", "Liebe und Sex" oder "Die Rolle der Religion":

"Die Trennung von Staat und Kirche ist eines der wichtigsten Prinzipien des deutschen Staates. Seit dem Zeitalter der Aufklärung wurde Religion als persönliche Entscheidung jedes Einzelnen definiert."

"Ich finde es wichtig, Leuten solche Dinge zu zeigen. Aber ich weiß auch nicht ... Vielleicht braucht dieses Thema etwas länger als vier oder drei Minuten?

"Ja, ich habe mehr erwartet."

"Es war einfach so schnell. Sie sprechen über all diese Dinge so schnell. Wir müssen mehr darüber sprechen, gründlicher und mehr."

Wunsch, Hintergründe zu verstehen

So sehr Anas, Muhammad, Hekmat und Bazz die freundliche, lockere Machart von "Marhaba" loben – sie wollen mehr Infos mit Tiefgang, um Hintergründe zu verstehen. Wir klicken weiter, nehmen das Angebot der Öffentlich-Rechtlichen unter die Lupe.

"There’s a website, refugees.ard.de, have you ever heard of it?"

Ende Oktober haben die ARD-Anstalten eine Website gestartet, auf der sie alle Beiträge für Flüchtlinge gemeinsam anbieten. Auf refugees.ard.de sind die "Sendung mit der Maus" mit mehrsprachigen Untertiteln, ein englischsprachiger "Wegweiser für Flüchtlinge" und jede Menge Erklärfilme versammelt – zum Beispiel "Staat Klar. Die Bundesregierung".

Zum ersten Mal ist die syrische Kritikerrunde einhellig begeistert.

"Das hat viel mehr Details, mehr Informationen als 'Marhaba'. Die Sendung gefällt mir besser. Und die Animationen, das ist cool."

"Es ist sehr interaktiv, das ist wirklich gut. Das Video ist nicht langsam oder langweilig, es gibt immer wechselnde Szenen, Nachrichtenbilder, Animationen, Erklärungen, der Sprecher ist gut. Er erklärt wichtige Sachen, die Infos, die man wissen muss. Es ist spannend, wenn sie die Kanzler nach dem Dritten Reich bis heute vorstellen."

Millionen Fans im arabischen Raum

Die Erklärvideos laufen auch im arabischsprachigen Programm der Deutschen Welle. Wesentlich bekannter ist jedoch die Talkshow "Shababtalk", "Stimme der Jugend". Millionen Fans im arabischen Raum schauen zu, wenn der Berliner Moderator Jafaar Abdul Karim zur Diskussion einlädt. Seine Sendung vom 25. August aus einem Berliner Flüchtlingsheim machte ihn auch in Deutschland schlagartig bekannt.

Zitator: "Herzlich willkommen zu 'Shababtalk' aus der deutschen Hauptstadt Berlin, diesmal nicht aus dem Studio, sondern aus einem Flüchtlingsheim. Normalerweise spricht man über Flüchtlinge, aber heute wollen wir mit ihnen sprechen."

Doch ausgerechnet diese Sendung fällt bei den jungen Syrern durch. Ihnen missfallen die Fragen des Moderators: "Hatten Sie keine Angst?" "Was fehlt Ihnen am meisten?" Das will Hekmat nicht hören.

"Natürlich haben sie verdammte Angst vor dem Krieg. Was ist deine eigene Geschichte? Das ist das, was ich hören möchte. Was erwartest du, wohin gehst du, was sind deine Pläne? Es hat mir keinen Spaß gemacht, das Video anzuschauen, weil es nur allgemeine Fragen waren, die jeder Syrer beantworten könnte – selbst wenn er das nicht durchgemacht hätte."

Und so fällt das Urteil der jungen Syrer einhellig aus: Ihnen gefällt das Angebot der Website refugees.ard.de am besten – schade nur, sagt Anas, dass sie von dieser Website noch nie gehört haben.

"Für mich persönlich ist es das erste Mal, dass ich sowas anschaue. Nicht, weil ich in einer Höhle lebe, sondern weil wir kein Internet haben. Und Fernsehen, das ist nicht gerade das Mainstream-Medium zur Zeit. Da gibt es eine Kluft zwischen uns und den Medienleuten, die versuchen, uns alles zu erklären, die versuchen, Menschen in die Gesellschaft zu integrieren."

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