Sonntag, 20.01.2019
 

Tonart | Beitrag vom 08.01.2019

TV-Doku gibt Frauen eine StimmeWeitere Missbrauchsvorwürfe gegen R. Kelly

Fabian Wolff im Gespräch mit Andreas Müller

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Der Sänger R. Kelly im November 2018 in Tampa, Florida. (imago/ZUMA Press)
Der Sänger R. Kelly im November 2018 in Tampa, Florida. (imago/ZUMA Press)

Seit Jahren gibt es Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen R. Kelly, verurteilt wurde der US-Sänger bisher nicht. In der TV-Dokumentation "Surviving R. Kelly" erheben Frauen nun erneut schwere Anschuldigungen gegen ihn.

Auf dem US-Sender Lifetime wurde jetzt die Dokumentation "Surviving R. Kelly" gezeigt. Darin kommen einige der zahlreichen Frauen zu Wort, die sagen, dass der RnB-Sänger R. Kelly sie missbraucht habe.

Andreas Müller: Musikjournalist Fabian Wolff hat sich die Dokuserie angesehen. Die Dokumentation heißt "Surviving R. Kelly", also: R. Kelly überleben. In sechs Folgen wird nicht nur die Karriere des RnB-Sängers aus Chicago erzählt, sondern vor allem seine zahlreichen – juristisch korrekt gesprochen: mutmaßlichen – Missbrauchsfälle gegen minderjährige Mädchen thematisiert. Wie sehen die Vorwürfe aus?

"Diese Vorwürfe sind belegbar"

Fabian Wolff: Der Vorwurf lautet, dass R. Kelly seit Beginn, seit seinem Durchbruch als RnB-Sänger Anfang der 90er, seinen Einfluss, seine prominente Stellung und sein Geld dafür benutzt hat, um junge Frauen, die oft minderjährig waren, zu missbrauchen. Das fängt mit der später verstorbenen RnB-Ikone Aaliyah an, die er heiratet, als sie 15 und er 27 ist und geht weiter mit Backgroundsängerinnen und -tänzerinnen, jungen Frauen aus seinem Orbit in Chicago, oder auch einfach Schulmädchen, die er vor seiner ehemaligen High School in seiner Limousine einsammelt. Die ersten Geschichten stammen aus den frühen 90ern, aktuell soll er, so heißt es, junge Frauen in seinem Haus wie in einer Art Sekte gefangen halten, deren Leben er komplett kontrolliert. Auch wenn es nie zu einer Verurteilung gekommen ist, sind diese Vorwürfe durch Recherchen, Gerichtsunterlagen und Videoaufnahmen belegbar.

Müller: Wie nähert sich die Dokumentation diesem schwierigen Thema und den Vorwürfen?

Wolff: Die Überlebenden und ihre Erlebnisse werden in den Mittelpunkt gestellt. Viele von ihnen haben zum ersten Mal eine Plattform, um ihre Geschichte zu erzählen, weil der ganze Fall jahrelang nur von wenigen Medien angegangen wurde. Tatsächlich wurde die ganze Sache immer ein bisschen wie ein Witz behandelt. Die Dokumentation läuft auf Lifetime, das ist ein Sender, der sich an Frauen richtet, und dessen Zuschauerinnen auch häufig schwarz sind, der dabei aber sehr auf Emotionalisierung und Reality-TV-Formate setzt, was auch die Serie prägt. Produziert wurde sie von der Kulturkritikerin "dream hampton", eine der ersten feministischen Hip-Hop-Journalistinnen der 90er, die kann größere Verflechtungen aber nur andeuten. Der kulturelle, soziale und politische Kontext, in dem R. Kelly agieren kann, der wird eher unterkomplex behandelt. Die Doku, das ist vielleicht ihre größte Schwachstelle, spricht individuelle Verantwortung an, kritisiert aber selten konkrete Institutionen wie die Labels, die Gospelkirchen, die R. Kelly immer noch willkommen heißen, und auch die Polizei von Chicago, die alle mitschuldig sind.

"Sein Status im RnB ist sehr ambivalent"

Müller: Sie haben gerade gesagt, dass die Vorwürfe gegen R. Kelly oft "wie ein Witz" behandelt werden, was meinen Sie damit?

Wolff: 2002 bekommt Jim DeRogatis, ein Reporter der Chicago Sun-Times, ein Videoband geschickt, auf dem zu sehen ist, wie jemand, der sehr wie R. Kelly aussieht, in den Mund einer 14- oder 15-Jährigen uriniert. Kelly landet vor Gericht, wird aber freigesprochen, weil behauptet wird, das Video sei digital verfremdet worden. Wer sich an Comedy aus dieser Zeit erinnert, der weiß, dass danach "R. Kelly pinkelt gerne Mädchen an" immer ein Riesenbrüller war, mit der Chappelle’s Show angefangen. 

Sein Status im RnB ist ja sehr ambivalent. Einerseits ist er sehr talentiert, andererseits produziert er viel Kitsch. Einerseits hat er diese pornografischen Songs und ignorante Partymusik, andererseits Balladen, die inspirieren und richtig gospelmäßig heilen sollen. Von solchen Widersprüchen, heißt es, lebt Pop ja. Pop heißt auch, Ästhetik über die Realität zu stellen, weil sie zu unbequem ist. In dem Fall ist die Realität eben, dass der Gesellschaft das Wohlergehen schwarzer junger Frauen und Mädchen egal ist.

Mehrere Frauen gehen mit einem Plakat in den Händen, auf dem "#MuteRKelly" in der Mitte steht. (imago/ZUMA Press)Protest vor einem R. Kelly-Konzert: Mehrere Frauen gehen mit einem Plakat in den Händen, auf dem "#MuteRKelly" in der Mitte steht. (imago/ZUMA Press)
Müller: Der Inhalt der Dokumentation ist schockierend, was aber nicht zu sehen ist: Jay-Z, Mary J. Blige, Erykah Badu und Lady Gaga, die alle in der Vergangenheit mit R. Kelly gearbeitet haben, haben alle Interviews abgelehnt. Warum?

Wolff: Wenn viele Fans die Verbrechen immer noch ignorieren, dann vor allem, weil sie die Musik gut finden und Kunst vom Künstler trennen wollen, obwohl im Fall von R. Kelly seine Einnahmen aus der Musik ja seinen Lebensstil finanzieren. Viele Fans reagieren trotzig, die Streamingzahlen sollen nach der Doku in die Höhe geschnellt sein. Die Musikindustrie und die Musiker arbeiten wider besseren Wissens mit ihm zusammen, solange er Geld bringt und kein finanzielles Risiko darstellt. Das reißt die Doku nur an, sie endet auch ambivalent.

Einerseits gibt es ja immer noch Frauen, die in seiner Gewalt stehen sollen, andererseits haben Initiativen #MuteRKelly langsam Erfolg, Künstler wie John Legend und Chance the Rapper sprechen sich gegen ihn aus, nach der Doku haben auch sein Anwalt und sein Assistenzstab gekündigt – sicher auch nicht aus moralischer Überzeugung. Das strukturelle Element dieser Mittäterschaft kriegt die Doku nicht zu fassen, will sie vielleicht auch gar nicht. Sie konzentriert sich auf die individuellen Geschichten und gibt den Überlebenden Gesichter und Stimmen. Das ist ein großer Verdienst. So wird die vermeintliche Farce endlich als die Tragödie gezeigt, die sie schon immer war.

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