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Echtzeit | Beitrag vom 01.07.2017

TürkeiVom einstigen Boom in Istanbul ist wenig übrig

Von Luise Sammann

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Blick über Istanbul vom Galataturm aus (imago/BE&W)
Stadt im Wandel - Blick über Istanbul vom Galataturm aus. (imago/BE&W)

Einst war Istanbul eine vibrierende Kulturmetropole. Nach Terroranschlägen, dem Putschversuch und den anhaltenden politischen Erfolgen Erdoğans ist davon nur noch wenig zu spüren. Luise Sammann stellt eine unfreiwillige Aussteigerin aus dem Istanbuler Kulturleben vor.

Duygu Izdes, 30 Jahre, balanciert ein Tablett mit Latte-Machiato-Gläsern über die Terrasse ihres kleinen Istanbuler Cafés, verzieht den Mund zu einem Lächeln. Es ist ein ironisches, vielleicht auch trauriges Lächeln.

"Manche Leute hier kennen mich einfach nur als Kellnerin. Die können sich nicht vorstellen, dass ich eigentlich mal ein ganz anderes Leben hatte… Wahrscheinlich bin ich eine der höchsqualifizierten Kellnerinen überhaupt. Zwei Uniabschlüsse, Jahrelange Berufserfahrung… Und jetzt das hier."

Früher boomte die Stadt

Duygu studierte Eventmanagement an der renommierten Istanbuler Bilgi-Universität, schloss mit Auszeichnung ab. Im Jahr 2008, als Istanbul gerade zu einer der hippsten Kultur- und Eventmetropolen Europas aufstieg, leitete sie ihren ersten Club. Mitten in Taksim, Mitten im Herzen der Stadt. Ein paar Jahre später organisierte sie Auftritte für die ganz Großen am Bosporus – Metallica, Lady Gaga, leitete dann mit gerade mal Mitte Zwanzig das Istanbuler Independent Film Festival "!F".

"Richtig große Künstler in diese Stadt zu locken, zu merken, dass du das schaffen kannst – das war das Größte für mich. Und dann eine Plattform zu schaffen, wo sich solche Leute treffen und austauschen können… Wir hatten eine Wahnsinns-Energie für immer neue Projekte damals."

Istanbul, die viel besungene Schnittstelle zwischen Ost und West, boomte. Der Hunger nach Kultur, nach Festivals, Partys und Konzerten war riesig. Kreative aus aller Welt strömten herbei, pumpten Selbstvertrauen, Zuversicht und auch Geld in die türkische Kulturszene. Duygu Izdes war mittendrin.

Heute – ein Dutzend Terroranschläge, einen Putschversuch und mehrere Erdoğan-Wahlsiege später – ist von alldem nicht mehr viel übrig. Die Partymetropole und die Eventmanagerin – beide wirken ideenlos dieser Tage. Frustriert.

"Sogar, wenn du es schaffst irgendwo das Geld aufzutreiben, um noch ein Festival hier zu organisieren, kriegst du kaum noch einen Künstler her. Wer will heute schon noch in die Türkei kommen?"

Das kulturelle Leben verkümmert

Kulturschaffende, aber auch Geldgeber und Organisatoren haben dem einst so hippen Istanbul in Scharen den Rücken gekehrt. Große Festivals finden am Bosporus praktisch nicht mehr statt, zahlreiche Konzerte wurden in den letzten Monaten abgesagt.

"Eins meiner letzten großen Festivals war das 'Garden Sale'. An dem Tag, an dem es stattfinden sollte, explodierte in Ankara eine Bombe in einer Menschenmenge. Wir hatten drei Monate lang gearbeitet, viel Geld investiert. Und dann: Bumm... Das gleiche passierte mit dem One-Love-Festival letzten Sommer: Es hätte einen Tag nach dem Putschversuch vom Juli stattfinden sollen. Früher hatten wir hier Sorgen wie: Wie viele Leute werden wohl kommen? Was, wenn es regnet? Heute fragen wir uns: Was, wenn wieder eine Bombe hochgeht?"

Rückzug und Umorientierung

Duygu, einst Lady Gagas persönliche Sight-Managerin bei Türkei-Auftritten, einst voller Ambitionen und Energie, stieg mit gerade mal Ende Zwanzig aus. Statt Festivals und Partys zu organisieren, serviert sie jetzt Cay.

Ihr Café, vesteckt hinter einem Feigenbaum im Istanbuler Stadtviertel Kadiköy, dient nicht nur ihren Gästen als Rückzugsort vom Wahnsinn des türkischen Ausnahmezustands, sondern auch ihr selbst. 10 Stunden arbeitet sie dort täglich. Freundlich, professionell, ohne große Show – aber auch ohne große Hoffnung. Weder für sich selbst, noch für ihr Land.

"Auch, wenn ich Ideen hätte, würde ich sie in der Türkei nicht mehr umsetzen wollen. Denn nichts deutet darauf hin, dass es hier bald wieder bergauf geht. Schon gar nicht in meinem Sektor. Zur Zeit wird nur alles immer schlimmer."

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