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Fazit | Beitrag vom 08.01.2020

TürkeiPolitische "Säuberung" am Staatstheater

Susanne Güsten im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Türkische Theaterschaffende demonstrieren in Istanbul anlässlich des Welttags des Theaters, am 27.3.2019, gegen Zensur. (Erhan Demirtas / Zuma Press / imago-images)
Trotz Demonstrationsverbots gingen am Welttag des Theaters viele türkische Theaterschaffende auf die Straße, um gegen Zensur zu protestieren. Die Lage hat sich mit den Entlassungen zum Jahreswechsel noch verschärft. (Erhan Demirtas / Zuma Press / imago-images)

Die staatlichen türkischen Bühnen haben 150 Mitarbeiter entlassen - ohne Angabe von Gründen und so kurzfristig, dass an einigen Bühnen das Programm geändert oder abgesagt werden musste. Der Schock sei groß, berichtet Susanne Güsten aus Istanbul.

Zum Jahreswechsel wurden mindestens 150 Mitarbeiter an den staatlichen Bühnen der Türkei fristlos entlassen. Einige Bühnen mussten wegen der Kurzfristigkeit der Maßnahme das Programm ändern oder sogar streichen. Die Entlassungen seien aus heiterem Himmel gekommen und der Schock sei groß, sagt unsere Korrespondentin Susanne Güsten.

Entlassung kurz vor der Aufführung

Einige hätten Briefe bekommen, mit denen sie quasi über Nacht entlassen worden seien. An der staatlichen Bühne in Adana sei der Hauptdarsteller sogar wenige Stunden vor der Aufführung entlassen und die Vorstellung daraufhin abgesagt worden.

Die Überraschung sei umso größer gewesen, weil die Regierung noch im Dezember bekannt gegeben habe, dass die Freischaffenden an den Theatern nach jahrelangem Kampf endlich festangestellt werden sollten.

Sie seien offiziell aufgefordert worden, die Festanstellungen zu beantragen. "Statt der erhofften Festanstellungsverträge kam dann bei vielen ein gelber Brief an, in dem ohne Angabe von Gründen und mit wenigen Stunden Frist mitgeteilt wurde, dass sie nun entlassen seien", sagt Güsten.

Späte Vergeltung für Gezi-Proteste?

Auf Nachfrage sei den Betroffenen informell gesagt worden, dass sie eine Sicherheitsüberprüfung nicht bestanden hätten. "Offenbar ging es da um eine politische Sicherheitsüberprüfung, so reimen sich die Mitarbeiter das zusammen. Man vermutet, dass die sozialen Medien der Mitarbeiter geprüft wurden."

Die Geschassten vermuteten eine Abrechnung mit den Leuten, die die Gezi-Proteste gegen die Regierung vor sechseinhalb Jahren unterstützt haben. Da seien auch viele Theaterschaffende dabei gewesen. Einige Wortführer seien damals schon entlassen worden und man vermute, dass jetzt auch diejenigen entlassen werden sollen, die damals lediglich Sympathien für die Proteste geäußert hätten.

Die Gewerkschaften liefen nun Sturm und die Opposition habe eine Parlamentsanfrage gestellt. Unter denen, die die Überprüfungen nicht bestanden hätten, befänden sich Mitarbeiter, die seit über 20 Jahren an den Bühnen gearbeitet hätten.

"Unter den Beschäftigten herrscht Bestürzung. Die Leute, die bisher noch keinen gelben Brief bekommen haben, die hoffen immer noch auf ihre Festanstellung. Die Verunsicherung ist groß, ob es jetzt noch eine Entlassungswelle gibt, ob man sich wehren soll oder ob man stillhält und darauf hofft, dass man zu den Glücklichen gehört, die am Ende doch festangestellt werden."

Großer Zulauf bei den Freien Theatern

Dabei seien die Programme an den staatlichen Bühnen gar nicht besonders frech, so Güsten. Da würden viele Klassiker gespielt und Leute, die offen agiert hätten, seien schon vor Jahren entlassen worden.

"Das politischere Theater spielt sich im freien Theater ab und das ist in der Türkei sehr stark und wird immer stärker. Theater ist offenbar etwas, das in Zeiten der Repression von den Menschen sehr geschätzt wird und aufblüht. Es gibt fast 700 freie Theater in der Türkei und die spielen zum Teil auch sehr politische und sehr freche Stücke. Und die haben in letzter Zeit auch immer wieder mal Ärger bekommen. Es geht also auch dem freien Theater langsam an den Kragen."

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