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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.08.2016

Türkei "Man hatte wenig Zeit, Luft zu holen"

Tanja Dückers im Gespräch mit Dieter Kassel

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(Anton Landgraf)
Die Publizistin und Schriftstellerin Tanja Dückers findet die Reaktionen deutscher Intellektueller auf die Geschehnisse in der Türkei verhalten. (Anton Landgraf)

Die Schriftstellerin Tanja Dückers wünscht sich mehr Engagement deutscher Intellektueller angesichts der Ereignisse in der Türkei. Sie räumt aber ein, dass sich viele Menschen von der Fülle schlechter Nachrichten womöglich überfordert fühlen.

Die Reaktionen deutscher Intellektueller auf die Geschehnisse in der Türkei sei bisher verhalten, sagt die Schriftstellerin und Publizistin Tanja Dückers im Deutschlandradio Kultur. Sie habe über die Gründe dafür nachgedacht. Nach den Demonstrationen der Erdogan-Anhänger in Deutschland handele es sich inzwischen auch um ein brisantes innenpolitisches Thema. "Es ist die Frage, auf wessen Seite man sich da nun schlägt", sagte die Autorin. Als deutscher Intellektueller scheue man vielleicht auch die Gegendemonstrationen, um sich nicht mit der AFD auf einer Seite wieder zu finden. 

Die Fülle der Ereignisse  

Sie könne sich auch vorstellen, dass viele Bürger, auch Intellektuelle von den Ereignissen der letzten Wochen und Monate "stark gefordert" sind. Der Brexit, Orlando, der Putsch in der Türkei, Nizza und München - das sei alles in fünf Wochen geschehen. "Man hatte wenig Zeit Luft zu holen", sagte Dückers.  


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Als Recep Tayyip Erdogan den TV-Moderator Jan Böhmermann wegen eines Schmähgedichts verklagte, da war der Aufschrei in Deutschland groß. Unzählige Künstler und Journalisten äußerten sich in teils sehr ernsthafter, teils mehr oder weniger mutig-satirischer Weise. Nachdem Erdogan 45 Zeitungen, 16 Fernseh- und 23 Radiosender schließen ließ, nachdem er mehr als 60.000 Menschen aus ihren Ämtern über Nacht entfernte, nachdem er Tausende in Gefängnisse stecken ließ, in denen laut Amnesty International auch gefoltert wird, hört man bis heute allerdings relativ wenig Protest in Deutschland. Warum reagieren Künstler und Intellektuelle auf die jüngsten Entwicklungen in der Türkei relativ verhalten? Darüber wollen wir jetzt Gedanken austauschen mit der Autorin und Publizistin Tanja Dückers. Schönen guten Morgen, Frau Dückers!

Tanja Dückers: Guten Morgen!

Kassel: Also auf eines können wir uns einigen: Es ist doch nicht so, dass die Böhmermann-Affäre wichtiger oder schlimmer war als das, was wir jetzt erleben, oder?

Dückers: Nein, selbstverständlich nicht. Das muss man eindeutig eher andersherum werten. Wobei man schon sagen muss, dass in den großen Zeitungen viele Intellektuelle sich auch zu Wort gemeldet haben. Es ist nicht so, dass es jetzt hier gar keinen Nachhall gäbe. Allerdings, ja, man kann fragen, wo bleiben die großen Demonstrationen. Es stellt sich aber auch wieder die Frage, müssen die Intellektuellen des Landes diejenigen sein, die die Massen mobilisieren? Das ist ja auch die Frage.

Kassel: Sie müssen nicht, aber andererseits kann natürlich jeder sagen, ich muss nicht. Sie könnten ja.

Dückers: Ja. Es ist die Frage, auf wessen Seite man sich dann auch schlägt. Es gab ja nun auch hier die große Pro-Erdogan-Demonstration, und so was ist natürlich auch ein gefundenes Fressen dann für Parteien wie die AfD, und ich glaube, das ist dann sozusagen auch ein innenpolitisches Thema von Brisanz dann mittlerweile in Deutschland, dass man als Intellektueller dann auch jetzt nicht da vielleicht die große Gegendemo starten möchte, weil man sich auch nicht mit solchen Leuten dann auf eine Seite schlagen möchte, mit der AfD, und weil es nun mal hier auch ein Demonstrationsrecht gibt, und dann demonstrieren eben auch welche, die einem nicht passen. Also das ist ja hier auch sozusagen ein Innenpolitikum mittlerweile geworden.

Unterstützung für Merkels Kurs

Kassel: Aber hat das vielleicht auch was damit zu tun, wo Sie gerade den innenpolitischen Aspekt sehen, also einfach die Tatsache, dass halt über drei Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland leben, hat es auch was damit zu tun, dass von denen ja doch ziemlich viele Erdogan unterstützen? Wollen sich die deutschen Intellektuellen mit denen vielleicht nicht anlegen?

Dückers: Ja, das ist auch möglich. Ich habe natürlich auch gedacht, wo bleiben mehr kritische Stimmen von den türkischstämmigen Bürgern hier. Das hat man sich nun auch gefragt. Allerdings kann ich mir auch vorstellen, dass viele, die auch Merkels Kurs in Bezug auf die Türkei unterstützen, was ich jetzt persönlich nicht tue, nämlich die Aushandlung des Deals mit der Türkei in Bezug auf die Flüchtlinge, dass man weiß, ja, Deutschland ist abhängig von der Türkei, besser gesagt, hat sich in eine gefährliche Abhängigkeit begeben.

Da haben zum Beispiel auch viele führende Intellektuelle wie Heribert Prantl in der "SZ" sehr davor gewarnt, sich darauf einzulassen, diesen Deal abzuschließen, auch aus Gründen der Menschenrechte, da es ja keine Einzelfallprüfung mehr gibt, was Asylanträge angeht. Da wurde ja nun eigentlich schon sehr vor gewarnt, aber nun weiß man, Deutschland ist in einer Abhängigkeit von der Türkei, und vielleicht gibt es da auch eine gewisse Zurückhaltung aus dem mehr bürgerlichen Spektrum, da jetzt so auf die Straße zu gehen und vielleicht auch eine Kluft zwischen Deutschland und der Türkei zu erhöhen.

Ich sage nicht, dass ich persönlich das für richtig halte, aber ich könnte mir vorstellen, dass es da auch im Moment eine gewisse Zurückhaltung gibt. Ein ganz anderer Grund, das ist natürlich nicht unbedingt vielleicht richtig oder schön, aber ich kann mir auch vorstellen, dass viele Bürger, auch Intellektuelle mit den Ereignissen der letzten Wochen und Monate ein bisschen – überfordert ist vielleicht zu viel gesagt, aber stark gefordert sind. Man muss sich überlegen, der Mord an Joe Cox, der britischen Labour-Abgeordneten, dann der Brexit, dann Orlando, Anschlag auf den Istanbuler Flughafen, der Putschversuch in der Türkei, Nizza, Würzburg, München, Ansbach – das alles passierte innerhalb von fünf Wochen.

Kassel: Das kann ich verstehen, Frau Dückers.

Dückers: Wenig Zeit, Luft zu holen. Ich sage nicht, dass es deshalb nicht richtig ist, sich einzumischen, aber manchmal muss man auch überlegen, wo involviere ich mich gerade. Gerade habe ich mich noch mit den Rechten der Schwulen und Lesben in den USA beschäftigt, und wie weit sind die jetzt gefährdet nach Orlando – zack, das nächste. Nizza war eine Woche nach dem Putschversuch in der Türkei. Also, man kommt auch gerade wenig zum Atemholen.

Türkische Übersetzungen vorauseilend zensiert

Kassel: Dann hole ich jetzt mal Atem, Frau Dückers, lasse Sie kurz zwischendurch atmen. Ich finde, das ist einerseits sowohl nachvollziehbar als auch gerade nicht, denn ich frage mich auch, bei mir selber, aber auch bei anderen, ob wir alle die Tragweite dessen, was in der Türkei passiert, wirklich begreifen. Wir reden über Erdogan, wir reden über einzelne antidemokratische Maßnahmen, aber kriegen wir alle wirklich in unsere Köpfe rein, dass da gerade der einzige laizistische Staat der muslimischen Welt kaputt geht, dass gerade das Ende einer türkischen Republik, wie es sie jetzt seit 90 Jahren gab, eingeleitet wurde. Begreifen wir das wirklich?

Dückers: Ich muss sagen, Sie rennen da bei mir absolut offene Türen ein. Ich als Schriftstellerin habe schon vor zehn Jahren erlebt, dass meine Bücher, die zum Teil ins Türkische übersetzt wurden, hart zensiert wurden. Ich habe mich sehr gewundert, dass meine Bücher im Türkischen ungefähr halb so dick sind wie im Deutschen. Ich verstehe nicht viel Türkisch, aber ich weiß, dass das nicht eine Sprache wie das Englische ist, wo die Übersetzung sehr viel kürzer ist als im Deutschen. Die Worte sind eher länger.

Und dann habe ich mich danach erkundigt, und die Verlage sind sozusagen im Voraus, im vorauseilenden Gehorsam in eine Art Selbstzensur gegangen, damit die Bücher nicht nachher eingestampft werden. So was habe ich schon vor zehn Jahren erlebt. Und ich bin ja noch als Journalistin tätig, und wir haben Freunde in Istanbul, und ich weiß auch persönlich von sehr unschönen Maßnahmen, wie Journalisten – gegängelt ist wirklich euphemistisch gesagt – schon vor zwei Jahren, wie die dort behandelt wurden.

Also, meine eigene Haltung ist da sehr kritisch, und ich kann eigentlich nur zustimmen. Es wäre zu wünschen, dass die Intellektuellen hier sich auch noch mehr aktivieren würden. Ich kann da nur zustimmen. Ich habe nur überlegt, was die Gründe sein könnten, warum vielleicht im Moment die Reaktionen noch etwas verhalten sind, aber in der Tat wünscht man sich da eine klarere Sprache.

Kassel: Genau das hat übrigens gestern Abend in unserem Programm auch der Präsident der Deutschen Sektion des PEN, Josef Haslinger, gesagt. Dieses Gespräch mit Haslinger können Sie, wenn Sie mögen, nachhören im Internet unter deutschlandradiokultur.de. Und gerade gehört haben Sie unser Gespräch zu diesem Thema, das Verhalten, das Positionieren deutscher Intellektueller zu den Ereignissen in der Türkei, die Autorin und Publizistin Tanja Dückers. Frau Dückers, ich danke Ihnen für das Gespräch und würde mal sagen, dass wir alle zusammen, bevor wir was auch immer tun, auch noch mal ein bisschen nachdenken über das, was wir da erleben und vielleicht nicht in jedem Detail verstehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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