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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.09.2009

Türkei in Angst

Orhan Pamuk: "Das stille Haus", Hanser Verlag, München/Wien 2009, 368 Seiten

Der türkische Schriftsteller und Nobelpreisträger Orhan Pamuk. (AP)
Der türkische Schriftsteller und Nobelpreisträger Orhan Pamuk. (AP)

In seinem erstmals 1983 veröffentlichten Roman nahm sich der heutige Nobelpreisträger Orhan Pamuk in politischer Hinsicht bewusst zurück. Den Romanthemen Agonie und Angst in der Türkei ist das bekommen.

Der neue Pamuk ist - ein alter. "Das stille Haus" erschien 1983. Orhan Pamuk, der Nobelpreisträger von 2006, war damals 31 Jahre alt, lebte mit seiner Mutter in einer Wohnung in Istanbul und hoffte, eines Tages ein großer Schriftsteller zu werden. Sein erstes Buch "Cevdet Bey und seine Söhne" war immerhin recht erfolgreich gewesen, den zweiten Roman hatte Pamuk abgebrochen. Das politische Buch erschien ihm undruckbar in einer Situation, in der linke wie rechte Terrorakte das zu einem Drittel unter Kriegsrecht stehende Land erschütterten. Im dritten Roman "Das stille Haus", der dann als zweiter veröffentlicht wurde, nahm sich Pamuk also in politischer Hinsicht bewusst zurück. Dem Roman ist das bekommen: Wie unter einem Brennglas zeigt er eine von Agonie und Angst gezeichnete Türkei.

Faruk, Nilgün und Metin besuchen im Sommer 1980, am Vorabend des Militärputsches, "Das stille Haus" ihrer Großmutter am Meer. Mit ihr, die bettlägerig ihren Erinnerungen nachhängt, verbindet die jungen Istanbuler, deren Eltern tot sind, wenig. Der von seiner Frau verlassene Geschichtsdozent Faruk trinkt und will mit dem endlosen Erzählen von Geschichten, die er im Archiv des Vorortes recherchiert, Moral und Kausalität entkommen. Seine Schwester Nilgün befürwortet als Linke eher die Tat, wenn sie nicht gerade badet und liest. Metin, der Jüngste, will als Einziger das großmütterliche Holzhaus verkaufen, um seine Träume in den USA zu verwirklichen. Voller Minderwertigkeitsgefühle versucht er, bei den rücksichtslosen Vergnügungen der lokalen Jeunesse dorée mitzuhalten.

So einsam wie die Enkel ist auch die Großmutter. Sie denkt fortwährend an ihren toten Mann, der als Arzt, Aufklärer und Ehemann scheiterte, weil er Patienten, Nachbarn und seine Ehefrau wegen ihres Glaubens verachtete. Als er resigniert mit dem Dienstmädchen zwei Söhne zeugte, prügelte die Großmutter die Frau aus dem Haus und die Söhne zu Invaliden. Einer von ihnen, der kleingewachsene Recep, führt nun aufopferungsvoll ihren Haushalt, und wird als "hinterhältiger Zwerg" beschimpft. Receps Bruder hat einen Sohn, der trotz der Armut seiner Eltern einst mit Faruk, Nilgün und Metin spielte und jetzt, obwohl er als Nationalist die örtlichen Geschäftsleute erpresst, Nilgün begehrt. Am Ende erschlägt Hasan, ohne es zu wollen, die widerstrebende Linke.

Orhan Pamuk lässt all diese Personen abwechselnd erzählen. Das weist jedem Ich-Erzähler eine erhebliche epische Last zu und führt zu Umständlichkeiten wie "sagte ich und erzählte dann". Doch der Wechsel der miteinander verwandten Ich-Erzähler lässt die motivische Nähe hervortreten: Alle Figuren wünschen sich Liebe, Verständnis und Anerkennung, alle besitzen eine durch Atatürks radikale Europäisierung erschütterte türkische Identität zwischen Ost und West. Schon Pamuks zweites Buch kreist also um sein zentrales Thema.

In dem spannenden und ungewöhnlichen Familienroman findet sich auch all das, was die späteren Pamuk-Werke "Schnee", "Das schwarze Buch" oder "Rot ist mein Name" weltberühmt gemacht hat: Doppelgänger, zahlreiche seltsame Geschichten, eine zur Allegorie tendierende Fantastik. Noch fehlt jedoch die in den USA erworbene Kenntnis der Postmoderne und der islamischen Mystik, die zu Hause seit Atatürk als reaktionär galt, und es gibt leichte Schwächen in der Figurenzeichnung. Über letztere sieht man gern hinweg. Denn in dem stillen Haus rumort es ganz ordentlich.

Besprochen von Jörg Plath

Orhan Pamuk: "Das stille Haus"
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Hanser Verlag, München/Wien 2009
368 Seiten, 24,90 Euro

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