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Studio 9 | Beitrag vom 25.07.2016

Türkei – Großdemonstration der OppositionGeeint in der Spaltung

Von Daniel Heinrich

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Ein Demonstrant steht unter einer türkischen Flagge und hält eine Fahne mit dem Konterfei von Staatsgründer Atatürk in der Hand. (picture-allinace/ dpa/ epa/ Sedat Suna)
Zehntausende Anhänger der türkischen Opposition haben am Sonntag in einer Großkundgebung in Istanbul den gescheiterten Putsch gegen die Regierung verurteilt. (picture-allinace/ dpa/ epa/ Sedat Suna)

Seit dem gescheiterten Putsch befindet sich die Türkei in Hysterie: Verschwörungstheorien zirkulieren, das Land ist gespalten. Die führende Oppositionspartei CHP hat sich auf die Seite der Regierung gestellt. Nun rief die CHP zur Großdemonstration nach Istanbul - Zehntausende kamen.

Als der "Istiklal Marsi" erklingt, der Unabhängigkeitsmarsch, die Nationalhymne der Türkei, da scheint mitten in Istanbul für eine Minute die Zeit stehen zu bleiben. Es herrscht Gänsehautstimmung. Die Leute verharren,  Autos halten an. Der zentrale Taksim-Platz versinkt in einem Meer aus tausenden türkischen Flaggen. Es ist ein Feuerwerk des Patriotismus.

Umhüllt von Flaggen steht Fikriye am Rande der Demonstration in einer Seitenstraße. Eigentlich will sie Fahnen verkaufen. Aber das Geschäft läuft nicht, noch keine einzige hat sie verkauft. Die Leute bringen ihre Fahnen selber mit, sagt sie. Aber eigentlich ist das der 45-Jährigen auch egal:

"Heute und hier geht es mir nicht ums Geschäft. Ich bin heute hierhergekommen, um meine Pflicht als Bürgerin der Türkei zu tun. Ich bin so stolz auf dieses Land. Niemals darf es in die Hände von Putschisten fallen. Und wir können das schaffen. Egal ob religiös, oder säkular. Die Hauptsache ist: Wir stehen zusammen. Dann kann uns niemand Schaden zufügen."

Der gescheiterte Putsch ist hier in aller Munde. Die Demonstranten sind von überall gekommen. Im Halbschatten, auf den Steintreppen vor einer Bank, sitzt Mustava Türksev. Müde sieht er aus. Mustava Türksev kommt aus Adana. Adana liegt im Südosten der Türkei. Weit weg von Istanbul. 14 Stunden saß er im Bus. Extra für die Demo ist nach Istanbul gekommen.

"Wir können mit dieser Demonstration eines deutlich machen. Wir können zeigen, dass sich das türkische Volk nicht unterkriegen lässt. Wir können zeigen, dass das türkische Volk mächtig ist. Wir können zeigen, dass wir keine Angst haben. Vor niemandem."

Atatürk statt Erdogan

Gegen die Terroristen. Das ganze Land. Gemeinsam stehen. Alle Parteien. Das hört man hier oft unter den Demonstranten. Allein: Das hier ist keine gemeinsame Demonstration. Konservative Türken? Kopftücher? Erdogan-Anhänger? Fehlanzeige. Man sucht sie vergebens. Im Gegenteil: Statt Erdogan dominiert hier Atatürk. Auch im Gezi-Park, ein paar Meter neben dem Taksim-Platz. Dogan ist mit der ganzen Familie da. Er ist 35, er arbeitet für eine Bank, er trägt ein weißes T-Shirt mit dem Konterfei des Staatsgründers.

"Es ist doch ganz klar. Dieser Coup wurde vom Prediger Fetullah Gülen und seinen Anhängern geplant. Er arbeitet eng mit den Vereinigten Staaten zusammen. Die USA tolerieren und unterstützen seine Vorhaben Das ist ein Akt imperialistischer Mächte. Wir sind heute hier in den Gezi-Park gekommen, weil wir für unser Land, weil wir für die Türkei auf die Straße gehen wollen. Lassen Sie mich eines sagen: Ich bin wirklich kein Fan von Tayyip Erdogan. Aber in diesem Fall müssen wir zusammenhalten. Eine andere Türkei ist nicht vorstellbar."

Wie um sich selber und den Seinen Mut zu machen hebt der Parteiführer der CHP, hebt Kemal Kilicdaroglu oben auf der Bühne noch einmal an. Gibt noch einmal alles, ruft Städtenamen aus, ruft das ganze Land, ruft die Bürger dazu auf, auf die Straße zu gehen. Für die Menschenrechte. Für die Demokratie. Für die Türkei.

 

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