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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 22.04.2021

Truppenabzug aus AfghanistanDer Westen lässt die afghanischen Frauen im Stich

Ein Kommentar von Martin Gerner

Junge und alte Frauen, aber auch Männer sitzen dicht gedrängt auf Stühlen und schauen nach vorn. (picture alliance / AA / Haroon Sabawoon)
Die ersten Opfer des Truppenabzugs werden die Frauen und ihre Rechte sein, befürchtet der Journalist und Afghanistan-Experte Martin Gerner. (picture alliance / AA / Haroon Sabawoon)

Die USA wollen ihre Truppen aus Afghanistan bis September abziehen. Damit droht ein neuer Bürgerkrieg. Ein Versagen des Westens, meint der Journalist Martin Gerner. Den Preis wird die afghanische Bevölkerung zahlen, vor allem die Frauen.

Das militärische, aber auch das moralische Scheitern des Westens und der NATO in Afghanistan liegen so offen zutage wie nie zuvor: Angetreten als Wertegemeinschaft, die weltweit für Ordnung sorgen will, wenn es sein muss, hat das Bündnis politisch insbesondere Afghanistans Frauen vor-, ja irregeführt, wie sich jetzt herausstellt. Sie wurden im Kampf gegen den Terror, für Menschenrechte und State-Building immer wieder als Begründung für eigenes Tun herausgestellt.

Jetzt gibt man diese Frauen auf.

Selbst wenn es gelingen sollte, die Taliban von der Macht fernzuhalten, nehmen die Rechte der Frauen als erste Schaden – wie schon nach dem Rückzug der meisten ausländischen Truppen seit 2014 geschehen.

Donald Trumps vergifteter Deal mit den Taliban

Letztes Jahr hat Donald Trump dann der Welt mit seinem Deal mit den Taliban ein vergiftetes Geschenk hinterlassen. Sein Nachfolger Biden, aber auch die Welt werden dies in den nächsten Jahren noch zu spüren bekommen. So fehlt bei den Verhandlungen in Doha die afghanische Regierung am Tisch. So wie die Taliban 2001 bei der Bonner Petersberg-Konferenz gefehlt haben. Staat und afghanische Institutionen werden so geschwächt, die man nach 2001 eigentlich stabilisieren wollte.

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Manchen käme eine Interims-Regierung mit den Taliban gelegen. Es würde ihre Privilegien sichern. Hier rächt sich, dass man die sogenannten Warlords 2001 nicht ins zweite Glied zurückverhandelt oder verurteilt hat. Eine denkbare Allianz aus Taliban und ehemaligen Mujaheddin hätte die Sprengkraft für einen neuen Exodus vieler Afghanen.

Afghanistans Nachbarrepubliken Iran, Pakistan, die Kaukasusrepubliken wären die ersten Leidtragenden solcher Fluchtmigration. Aber auch Deutschland und Europa. Griechenland lässt grüßen. Dort sind zurzeit 70 Prozent aller Moria-Flüchtlinge auf Lesbos Afghanen.

Ohne Pakistan keine kämpfenden Taliban

Theoretisch steckt in dem Abzug eine Chance: nämlich alle militärischen Ausgaben in zivile Hilfe für Afghanistan und die Region zu stecken. Das Land in puncto Sonnenkollektoren oder seltene Erden international konkurrenzfähig zu machen. Das setzt allerdings eine Seidenstraße voraus, wie sie China initiiert hat, die Afghanistan unter die Arme greift und nicht zum Ort für Stellvertreterkriege macht.

Unverändert zählt: Ohne Pakistan keine kämpfenden Taliban. USA, Russland und China könnten Druck auf Islamabad machen, das scheitert bisher am manövrierunfähigen UN-Sicherheitsrat. Und weil sich Islamabad als Atommacht stärker regional emanzipiert, als das den Großmächten lieb ist.

Es droht ein blutiger Sommer

Der kommende Sommer könnte blutig werden. Noch finanzieren die USA Afghanistans Streitkräfte. Ohne US-Dollars würden sie nach 2024 kollabieren, dabei ist unwahrscheinlich, dass der US-Kongress Kabuls Truppen ohne Soldaten vor Ort lange finanziert. Europa und die Welt müssen sich also etwas einfallen lassen, wenn ihnen Afghanistan nicht schnell wieder vor die Füße fallen soll.

Die große Unbekannte sind die Taliban. Wie sie, die keine Frauen in ihrem Verhandlungsteam haben, dem anderen Geschlecht künftig seinen Platz einräumen, ist nicht erkennbar.

Der Journalist Martin Gerner. (Privat)Martin Gerner (Privat)Martin Gerner, ist freier Autor, Korrespondent und Dozent. Er berichtet seit Jahren über Flüchtlingsrouten im Mittelmeer und auf dem Balkan sowie aus Konflikt- und Krisengebieten wie Afghanistan und Irak. Am Hindukusch bildet er seit 2001 junge Journalistinnen und Journalisten beim Aufbau der neuen Pressefreiheit aus. Sein Dokumentarfilm "Generation Kunduz" wurde weltweit ausgezeichnet.
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