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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 09.08.2019

Trumps "Hire and Fire"Die USA haben ein Personalproblem!

Beobachtungen von Henrik Zaborowski

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US Präsident Donald Trump geht alleine eingerahmt von Bäumen über einen Rasen. (picture alliance / ZUMA Press / Joyce N. Boghosian)
Donald Trump ist großartig, wer das nicht anerkennt, muss weg, beschreibt Henrik Zaborowski das Grundproblem. (picture alliance / ZUMA Press / Joyce N. Boghosian)

Donald Trump feuert reihenweise seine Top-Leute, oder sie laufen ihm davon. Die Schuld daran wird der US-Präsident kaum bei sich suchen, meint Recruiting Coach Henrik Zaborowski – ihm sind schon viele beratungsresistente Chefs begegnet.

Hat Donald Trump ein Personalproblem? Ich bin mir nicht sicher. Das ist wie immer alles eine Frage der Perspektive.

Aus Erfahrung und mit einiger Gewissheit lässt sich sagen: Organisationen, in denen die Führungskräfte häufig wechseln, können das operative Geschäft zwar noch halbwegs am Laufen halten - aber strategische Richtungsentscheidungen werden hier in den kurzen Verweilzeiten kaum noch getroffen. Und wenn doch, von den für die Umsetzung verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht umgesetzt. Denn sie rechnen damit, dass bald eine neue Führungskraft kommt und wieder eine andere Richtung einschlägt.

Die Personalabteilung müsste Schlimmeres verhindern

Dazu kommt eine persönliche Unsicherheit über die Frage, wie es in dieser Organisation mit einem selbst weitergeht. Und auch Demotivation, Frust, Ärger, Enttäuschung über den, die "da oben". Die Qualität der Arbeit der amerikanischen Behörden ist von Trumps "Hire and Fire" Mentalität definitiv betroffen. Hier müsste in jeder gesunden Organisation die Personalabteilung eingreifen und Schlimmeres verhindern. Aber: Wie soll das gehen, wenn das Problem ganz oben sitzt?

Bei der Gelegenheit: Viele Menschen glauben, der Erfolg eines Unternehmens weist auch auf eine gute Führungskraft an der Spitze hin. Aus 18 Jahren Erfahrung kann ich sagen: Da gibt es keinen Zusammenhang. Wenn das Produkt gut und der Markt bereit ist, wird das Unternehmen erfolgreich sein. Auch mit schlechter Führungskraft. Und es gibt keine Chance zur Kritik: Der Laden läuft doch!

Führungskräfte rennen sehenden Auges ins Verderben

Die Perspektive auf die betroffenen Führungskräfte wird jetzt spannend. Am Anfang seiner Amtszeit hatte Trump noch den Bonus des Politikers, der als erfolgreicher Unternehmer jetzt das politische Establishment aufmischt. Wer wollte da nicht dabei sein? Es war die Gelegenheit, unter ihm mit ganzer Überzeugung und Kraft für das Vaterland zu arbeiten. Und es endlich besser zu machen als die Etablierten.

Einige lehnten Trumps Ruf in den Dienst zwar ab. Sie hatten wohl schon die Ahnung, dass dieses Abenteuer nicht einfach und eher zum persönlichen Imageverlust führen wird. Interessenten gab es trotzdem genug. Sie hatten vielleicht noch was gut bei ihm, waren Trump-gläubiger, naiver oder einfach selbstbewusster?

"Donald, krieg ich schon von meinen Vorschlägen überzeugt. Wenn ich erstmal im Amt bin und zeige, was ich kann, dann darf ich frei agieren". Ein Denken, dass mir immer wieder begegnet. Da rennen Führungskräfte bei einem Jobwechsel sehenden Auges ins Verderben.

Loyalität als wichtigste Qualifikation

Alles spricht dafür, dass bei diesem Arbeitgeber die versprochene Freiheit zur Veränderung und Gestaltung nicht wirklich vorhanden ist. Und obwohl es immer wieder Hinweise dafür gibt, wurden und werden diese Gefahrenzeichen ignoriert.

Warum? Weil der Posten lockt, die Verantwortung, die Ehre, gefragt worden zu sein. In solchen Momenten schalten viele Menschen ihren gesunden Menschenverstand aus – und wachen erst Monate später wieder auf.

Wer jetzt sich, nach den Erfahrungen der ersten Trump Regierungsjahre, noch in ein Amt berufen lässt, der braucht andere Motive als die Sehnsucht nach einem tollen Posten oder die Idee, Politik gestalten zu können. Entweder will er, sie weiteren Schaden vom Land abwenden und gegen Trump arbeiten. Dass das klappt, ist ein sehr naiver Gedanke.

Wer sich jetzt noch in ein Amt rufen lässt wird scheitern, wenn er, sie sich Trump nicht bedingungslos unterstellen. Das scheint die wichtigste erwartete Qualifikation zu sein. Doch hat, wie sich zeigt, auch hier jeder Mensch eine Grenze.

Korrekturen von außen werden nicht angenommen

Und wie könnte Trumps Sicht auf das Ganze sein? Sehr wahrscheinlich wird er bei sich keine Schuld sehen. Denn leider zeigt die Erfahrung, dass Top-Führungskräfte im Laufe ihrer steilen Karriere hier beratungsresistent werden. Die Vertrauten trauen sich nicht, Kritik zu äußern. Oder sehen die Kritikpunkte schon selber nicht mehr.

Von Außenstehenden wird keine Korrektur angenommen. Denn Trump ist großartig. Wer das nicht anerkennt, muss weg. Hat Trump ein Personalproblem? Objektiv ja, aber das führt nicht dazu, dass er sich und seine Arbeit in Frage stellt. Nein, Trump hat kein Personalproblem. Aber Amerika.

Henrik Zaborowski gestikuliert und spricht mit Mikrofon auf der Bühne. (hzaborowski.de / Oscar Mager)Henrik Zaborowski (hzaborowski.de / Oscar Mager)Henrik Zaborowski ist Recruitingexperte und Redner. Er berät Unternehmen im Recruiting und veröffentlich seine Überlegungen und Thesen auf seinem Blog und via Podcast.



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