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Länderreport | Beitrag vom 04.10.2019

Tropische Krustentiere aus KielGarnelenzucht dank Klärwerkabwärme

Von Johannes Kulms

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Nahaufnahme einer lebenden Garnele der Sorte White Tiger. (picture alliance / dpa / Stephan Jansen)
Nun auch in Kiel "heimisch": eine lebende Garnele der Sorte White Tiger. (picture alliance / dpa / Stephan Jansen)

Die White-Tiger-Garnele ist eigentlich in tropischen Gewässern beheimatet. Jetzt schwimmt sie im norddeutsch-kühlen Kiel. Dort wird sie gezüchtet. Ist das nachhaltiger, als die Tiere aus anderen Ländern zu importieren?

Der erste Eindruck: Bert Wecker arbeitet in einer Start-up-Welt. Das beginnt bei Wecker selbst, der mit seinen kurzen Haaren und dem T-Shirt ziemlich jung wirkt. Und dann sind da die Büroräume, die in einer Baracke untergebracht sind und reichlich improvisiert wirken. In einer Ecke steht ein Kasten mit Bio-Limonaden.

Doch der promovierte Meeresbiologe ist bereits 44 Jahre alt. Und die Garnelenzucht besteht inzwischen auch schon seit fast 15 Jahren. Seit 2015 gehören die "Förde Garnelen" zu einem großen Aquarien- und Anlagenbauer. "Wir bezeichnen dieses Thema Garnelenproduktion hier schon als Start-up und empfinden das auch so, aber natürlich haben wir die Ressourcen einer größeren Unternehmung im Hintergrund", sagt Wecker.

Aquakulturen im ehemaligen Meeresforschungsinstitut

Trotzdem erscheint die Geschichte bis heute exotisch: tropische Garnelen in Norddeutschland zu züchten – und das auf einem Klärwerksgelände in Strande, etwa 20 Kilometer nördlich von Kiel. Das Areal ist weitläufig und die Luft durchzogen von einem latent beißenden Geruch. In der Höhe kreischen die Möwen.

Bert Wecker läuft jetzt auf eine lange Halle zu, die früher mal ein Gewächshaus war. Ursprünglich gehörten die Anlagen zum Geomar, einem großen Meeresforschungsinstitut in Kiel, erzählt Wecker. "Wir haben dann nach und nach angefangen, es wiederzubeleben, die ganze Geschichte." Heute beherbergen die Hallen eine Aquakultur.

Der Meeresbiologe Bert Wecker steht vor einigen Hallen (Johannes Kulms / Deutschlandradio)Möchte seine Garnelenzucht vergrößern: Der Meeresbiologe Bert Wecker unterwegs auf dem Bülker Klärwerksgelände. (Johannes Kulms / Deutschlandradio) 
In Kürze soll hier ein neues, viel größeres Gebäude entstehen. Damit sollen auch die Produktionskapazitäten deutlich hochgefahren werden. Derzeit werden pro Jahr in Strande fünf Tonnen der Garnelenart White Tiger gezüchtet. In Zukunft soll es mit 50 Tonnen pro Jahr zehn Mal so viel sein.

Die Garnelen müssen sich wohlfühlen

Doch viel wichtiger als das Gebäude sei die Technologie zur Garnelenzucht. Um sie zu erklären, öffnet Wecker jetzt eine Tür und taucht ein in die nur spärlich beleuchtete Halle. Die ist rund zehn Meter breit und an die Dreißig Meter lang. Es ist leicht schwül. Fast die gesamte Halle wird von einem langen und knapp ein Meter hohen Becken eingenommen. Innerhalb des Beckens sind mehrere Trennwände eingezogen. Darin ruhen, schwimmen und springen die Garnelen.

"Die Temperaturen im Wasser müssen so 28 bis 30 Grad sein, damit die Garnelen sich wohlfühlen", sagt Wecker. "Das sind tropische Garnelen, die eigentlich in Südamerika zu Hause sind. Und die Garnelen wachsen und brauchen auch immer mehr Platz. Wir wollen sie dann nicht anfassen und in andere Becken pumpen. Deswegen haben wir eine Pumpe und schieben diese Garnelen sozusagen von Becken zu Becken. Und mit jedem Becken wird es sozusagen ein bisschen größer, damit wir diese Biomasse auch aufnehmen können." 

Von der Körperform her erinnern die Garnelen auf den ersten Blick fast an Fische. Ein ausgewachsenes Tier ist etwa so lang wie ein Kugelschreiber. Vorne treten klar sichtbar die Augen hervor, auch die beiden Fühler sind unübersehbar.

"Bei uns gibt es die Größe dieser Tiere nicht, weil einfach die Temperaturen fehlen", erklärt Wecker. "Im Mittelmeerraum gibt es ein paar Garnelen, die relativ nah drankommen. Aber wenn man sich zum Beispiel die Nordseekrabbe, diese Norseegarnele ansieht, die wir ja sehr gerne essen - das gleiche gibt es auch in der Ostsee - wenn man diese Garnelen einfach großziehen würde auf einem Bild, dann würden sie wirklich aussehen wie unsere auch. Also, von daher, soweit ist das gar nicht weg."

Gefiltertes Ostseewasser für die Zuchtanlage

Doch ziemlich weit weg sei man hier in Strande von den Bedingungen, unter denen die White-Tiger-Garnele normalerweise in Asien gezüchtet werde. Dort würden die Tiere oft in Teichen gehalten, das Wasser sei dunkel und werde leider nur selten gereinigt. Da für die Teiche häufig Mangrovenwälder vor Ort abgeholzt würden, ziehe das auch Umweltprobleme nach sich. Zumal die Garnelen häufig auch Antibiotika bekämen. All dies gebe es hier nicht.

Weckers Unternehmen hat sich nicht zufällig auf dem Klärwerksgelände angesiedelt. Einerseits, weil es hier die alten Anlagen der Forschungsanstalt Geomar nutzen kann. Andererseits ist die Ostsee nur wenige hundert Meter von dem Areal entfernt.

Bert Wecker steht jetzt vor einer großen durchsichtigen Säule, die ein wenig an eine gigantische Softeisanlage erinnert. Jeden Tag werden darin an die 15.000 Liter Ostseewasser gefiltert und für die Garnelenzucht genutzt. "Wir haben einen sogenannten Wasserkreislauf", sagt er. "Alles, was die Tiere abgeben, muss ich irgendwie umwandeln, rausholen. Weil die Ausscheidungen der Tiere für sie giftig sind, für sie selber. Das machen wir, indem wir erstmal Trübstoffe herausholen. Das funktioniert mit Trommelfiltern, die muss man sich vorstellen wie große Waschmaschinen, wo das Wasser reinfließt."

Fördermittel für die Garnelenzucht in Kiel

Doch noch wichtiger als das Ostseewasser ist für die Garnelenzucht die unmittelbare Nähe zum Klärwerk und den Belegschlammbecken. Zur Reinigung der Abwässer werden in den Becken biologische Filter genutzt, um Nitrate und Ammoniak herauszuziehen. Dabei entstehe viel Schlamm, sagt Wecker:

"Aus dem Klärschlamm wird ein Klärgas erzeugt, was aber sehr ähnlich zu Biogas ist. Und das wird verbrannt, um Strom zu erzeugen. Das treibt dann Turbinen an, erzeugt Strom. Und bei diesem Verbrennungsprozess fällt sehr viel Abwärme an. Und diese Abwärme nutzt das Klärwerk selber für die Verwaltung, für das Aufheizen von Nachklärbecken. Aber es bleibt noch sehr viel Überschusswärme übrig – und die benutzen wir für unseren Prozess. Das heißt, es ist dann eine Win-win-Situation für beide Seiten." 

Blick in eine Halle mit Wasserbecken, in denen Garnelen schwimmen (Johannes Kulms / Deutschlandradio)In den alten Hallen des Meeresforschungsinstituts Geomar schwimmen nun tropischen Garnelen. (Johannes Kulms / Deutschlandradio) 
Erst vor wenigen Wochen hat Schleswig-Holsteins Fischereiminister Jan Philipp Albrecht Wecker und seinem Unternehmen einen Förderbescheid von 1,88 Millionen Euro zur Erweiterung der Produktionskapazitäten übergeben. Ein Viertel der Summe stammt vom Land Schleswig-Holstein, die anderen 75 Prozent sind aus dem Europäischen Meeres- und Fischereifonds.

Larven werden aus den USA eingeflogen

Dabei ist auch hier bei der Garnelenzucht nicht alles nachhaltig. Die Larven werden bis heute aus den USA importiert. Einmal im Monat geht eine Frachtsendung mit den noch winzigen Tierchen per Flieger aus Florida oder Texas nach Deutschland. Leider seien die USA bis heute das einzige Land, das zertifizierte Exporte ermögliche. In Europa und auch in Deutschland dauere es leider noch, bis man in der Lage sei, eigene Larven der Garnelenart White Tiger zu züchten.

Zudem wird der Großteil der ausgewachsenen Tiere wiederum per Kurier innerhalb von Deutschland verschickt. Binnen 24 Stunden müsse das geschehen, damit die gekühlte Ware auch frisch bleibe, sagt Wecker. All das hat seinen Preis. Im Handel kostet ein Kilo der Strander Garnelen 50 Euro.

Kieler Garnele ist teurer als Importware

Rainer Froese ist Wissenschaftler am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Der Spezialist für Marineökologie hält fest: Aquakultur könne schnell problematisch werden. Vor allem dann, wenn Raubfische gezüchtet werden, die viel Futter brauchen und durch ihre Ausscheidungen die Umwelt schädigen. Das zeigten die Erfahrungen mit Lachsfarmen in Norwegen.

"Massentierhaltung im Meer stößt sehr schnell an ihre Grenzen", sagt Froese. Bei Muscheln und Algen sehe es schon anders aus. Und auch eine Garnelenzucht, wie sie Bert Wecker in Strande betreibt, hält er für vertretbar. 

Garnelen im Zuchtbecken (Johannes Kulms / Deutschlandradio)Sehen beim Blick ins Becken fast wie Fische aus: die Garnelen der Sorte White Tiger. (Johannes Kulms / Deutschlandradio) 
"Die Anlaufanlagen sind relativ oft Kreislaufanlagen, das heißt, es wird wenig die Umwelt belastet", erklärt Rainer Froese. "Und ja, die müssen auch zufüttern, und ja, das Futter wird sehr wahrscheinlich auch Fischmehl und Fischöl enthalten oder Soja und andere Sachen, die andere Menschen direkt essen könnten. Aber in diesem Fall ist es eine Veredelung für einen Nischenmarkt, an der ich nichts Ungewöhnliches oder Schlimmes erkennen kann. Das ist ähnlich, wie wenn wir Angus-Beef essen. Also, ein sehr hochwertiges Rindfleisch, wo die Rinder auch mit sehr hochwertigen Getreiden gefüttert werden, die wir auch direkt essen könnten." 

Auch Bert Wecker weiß: Er produziert nicht für die Massen. Zumal der Energieverbrauch hoch ist. Auch wenn der Strom zu 100 Prozent erneuerbar erzeugt würde.

"Derzeit ist es eine Nische", räumt Wecker ein, "weil natürlich gerade bei Garnelen die Produktionskosten im Vergleich zur Importware deutlich höher sind und wir die Garnelen für einen Preis verkaufen müssen - also, im Handel werden unsere Garnelen für 50 Euro das Kilogramm verkauft. Da ist uns natürlich klar, dass das ein sehr teures Produkt ist, was sich nicht jeder leisten kann." 

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