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Zeitfragen | Beitrag vom 23.03.2021

TrennungenWarum manche Paare Freunde bleiben, andere Feinde werden

Von Catalina Schröder

Illustration: Ein Paar - deren Schatten hält sich an den Händen, sie selbst gehen getrennt (imago / fStop Images / Malte Mueller )
Eigene Wege gehen und Freunde bleiben: Nach einer Trennung ist das nicht einfach. (imago / fStop Images / Malte Mueller )

Eine Trennung ist meist schmerzhaft, löst Wut und Trauer aus. Nicht selten stehen die ehemals liebenden Partner sich unversöhnlich gegenüber. Wie kann es gelingen, Freunde zu bleiben?

Jeden Tag trennen sich in Deutschland Hunderte, wenn nicht gar Tausende Menschen von ihren Partnern. Manche beenden Romanzen, die ein paar Wochen gedauert haben. Andere jahrelange Ehen, aus denen Kinder hervorgegangen sind. Manche packen bloß Zahnbürste und Socken zusammen, andere müssen entscheiden, wer künftig im gemeinsamen Haus lebt. Die einen bleiben befreundet. Andere duellieren sich in jahrelangen Gerichtsprozessen.

Zwei bis vier Beziehungen haben die Deutschen laut einer Umfrage der Plattform ElitePartner aus dem Jahr 2019 in ihrem Leben im Durchschnitt. Das bedeutet auch: Jede und jeder trennt sich zwei bis drei Mal oder wird von einem Partner verlassen.

Mehr Frauen sind in der Ehe unglücklich

Meist verbinden wir schlechte Gefühle mit einer solchen Trennung: Wut und Trauer, Einsamkeit und Verzweiflung – und die Bespiele für jahrelange Rosenkriege zählen Legion. Dabei kann man durchaus etwas tun, damit eine Trennung weniger weh tut. Es gibt Hilfe – und es gibt Bespiele, wie man sich erfolgreich oder zumindest schadensarm trennt.

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Kai: "Soll ich kurz machen?"

Franziska: "Ich mach."

Kai: "Mach du."

Franziska: "Also, zusammen sind wir seit 1997 und 1999 haben wir geheiratet. 2007 kam das erste Kind, 2009 das zweite Kind. Ich war mehrere Jahre zu Hause, strenggenommen waren das fünf Jahre, bis die Kinder jeweils drei Jahre alt waren und dann im Kindergarten. Ich würde mich als zufrieden bezeichnet haben zu der Zeit, doch auf jeden Fall."

Kai: "Na ja, ich sag mal so: Im Rückblick sieht immer alles positiver aus. Und ich fand das eigentlich gut und schön, hier sehr viel unterwegs zu sein. Aber natürlich geht das auch auf Kosten des Privatlebens. Man hat keine Wochenenden in dem Sinn. Das war eigentlich der Nachteil. Ansonsten waren wir damals eigentlich ganz zufrieden zunächst."

Der US-amerikanische Soziologe Michael Rosenfeld hat herausgefunden, dass mehr Frauen als Männer in einer Ehe unglücklich sind, so wie bei Franziska und Kai. Bei unverheirateten Paaren sind Frauen und Männer hingegen zu gleichen Teilen unglücklich mit ihrer Beziehung.

Rosenfeld führt das darauf zurück, dass die Ehe als Institution sich nicht schnell genug verändert hat – und Männer von ihren Ehefrauen noch immer erwarten, dass diese den Löwenanteil der Kindererziehung und Hausarbeit übernehmen. Aus Sicht des Forschers ist die Ehe damit eher zum Nachteil der Frauen, während Männer eher profitieren.

Kai: "Das ist ja wie viele Krisen oft schleichend. Ich kann es nicht so richtig festmachen. Da kam so über die Zeit so ein Unwohlsein auf, so eine Unzufriedenheit mit dem gegenseitigen Zusammensein."

Franziska: "Der Zeitpunkt mit den ersten richtig krassen Zweifeln: mit dem zweiten Kind. Ich denke, dass das wahrscheinlich auch Überforderung war von mir in dem Augenblick. Dass er da relativ viel weg war, auch unter der Woche, und dass ich da alleine mit zwei relativ kleinen Kindern beziehungsweise einem Neugeborenen und einem Kleinkind zu Hause war."

Sich auseinanderleben – ein typischer Trennungsgrund

Franziska und Kai tappten in eine Falle, die gerade für Langzeitpaare typisch ist: Sie lebten sich auseinander. Auch eine Paartherapie half ihnen nicht.

Studien belegen, dass Paartherapien nur oder immerhin in etwa 40 bis 50 Prozent aller Fälle die Beziehung der Paare verbessern. Waren es früher hauptsächlich die Frauen, die einen Besuch beim Therapeuten anregten, kommt der Vorschlag heute auch von Männern. Drei, vier Jahre dachte Franziska damals darüber nach, sich zu trennen.

Franziska: "Also ich kam abends nach Hause, ich glaube relativ spät, ich meine so gegen 22 Uhr oder so etwas um den Dreh. Ich bin da echt mit der Tür ins Haus gefallen, buchstäblich. So im Nachhinein, wenn ich das heute betrachte, echt so ein bisschen überfallkommandomäßig, aber ja, gut, so war es halt. Ich glaube, alles, was mit anbrüllen war, das haben wir vorher abgefrühstückt, und wenn ich mich recht erinnere, lief das relativ sachlich ab. Also natürlich schwingt da ja unglaublich viel Verletzung mit, auch auf beiden Seiten letztlich, was es dann natürlich immer wieder phasenweise auch so ein bisschen unsachlicher macht, aber das ist ja auch vollkommen normal."

Kai: "Ich sag mal so, ich hab da einen anderen Blickwinkel drauf. Mit der Sachlichkeit, da will ich gar nicht widersprechen. Wir haben uns da nicht riesig gezofft vorher oder dabei. Ich hab mich so ein bisschen hilflos gefühlt, weil: In der Zeit hat die Franzi ein paar Tage Coaching-Seminare gemacht – und der Verdacht lag natürlich nah, dass sie sich jetzt auf Grund von irgendwelchen neuen Erkenntnissen, Algorithmen, sonst was, eben zu dieser Entscheidung da, dass die eben gereift ist. Das war natürlich dann meine Idee: Da bist du eh hilflos, kannst nichts machen."

"Jede Beziehung wird im Laufe der Zeit schlechter"

Eva-Maria und Wolfram Zurhorst haben täglich mit Paaren zu tun, die Probleme in ihrer Beziehung haben. Seit mehr als 20 Jahren arbeiten sie gemeinsam als Paar-Coaches in München und Wachtberg südlich von Bonn, und haben darüber hinaus diverse Beziehungsratgeber geschrieben. Ihr Blick auf Beziehungen ist ein nüchterner und ernüchternder.

"Wir haben den Satz des Pythagoras gelernt. Aber wir haben keine Ahnung, wie wir mit den in absolut jeder Beziehung auftauchenden Schwierigkeiten und Mauern umgehen können", sagt Eva-Maria Zurhorst. "Jede Beziehung wird garantiert eins: im Laufe der Zeit schlechter." Auch wenn es erst einmal unromantisch und deprimierend klingt, sieht die Paar-Beraterin darin etwas Positives.
 
"Die Beziehung ist wie so eine Lupe. Die hält es einfach darauf und sagt: Guck dir das hier an. Du hast Angst. Die große Angst, noch einmal irgendetwas zu erleben, was wehtut. Das steht in allen Beziehungen. Und dann wird sich verdrückt. Dann wird fremdgegangen. Dann wird gestritten. Und das zu lernen, Selbstwert zu finden, sich ausdrücken zu können, sich zeigen zu können, für die eigenen Bedürfnisse sorgen zu können: Darum geht es. Nicht um eine rosa Schleife."

Missverstanden und überfordert

Aus ihrer Arbeit mit Hunderten Paaren wissen die Zurhorsts, dass es immer wieder dieselben Probleme sind, die in Beziehungen auftreten. Eva-Maria Zurhorst: "Dass ich mich missverstanden fühle, dass ich das Gefühl habe: Es geht nicht um mich. Ich kann nicht so sein, wie ich bin."

"Überforderung ist ein Riesenthema", ergänzt Wolfram Zurhorst. "Gerade bei Paaren, wenn die Kinder auf die Welt kommen, dann fühlt sich einer häufig überfordert. Der andere hat häufig das Gefühl, es geht überhaupt nicht mehr um ihn, sondern er ist nur noch ein fünftes Rad am Wagen. Das ist ein ganz großes Thema von Leuten, die zu uns kommen. Wie geht ein Paar miteinander um? Wie kann sich ein Paar das Paar-Sein erhalten und retten, obwohl es die Kinder gibt."

Statistisch gesehen geht heute etwa jede dritte Ehe auseinander, die meisten davon nach sechs Jahren. Anfang der 60er-Jahre ließ sich nur jedes zehnte Ehepaar scheiden. Das liegt natürlich auch daran, dass Frauen früher viel stärker wirtschaftlich von ihren Ehemännern abhängig waren als heute. Die Ehe war auch auf gegenseitige Versorgung ausgelegt. Heute reicht in mehr als 50 Prozent aller Fälle die Frau die Scheidung ein.

Die Erwartungen an Beziehungen steigen

Mit der größeren Unabhängigkeit sind, so die Hamburger Paartherapeutin Nina Zucker, auch die Erwartungen an eine Beziehung gestiegen.

"Ich glaube nicht, dass man alles haben kann von einer Beziehung. Also alles mit einem für immer. Das ist irgendwie nicht möglich. Eng befreundet zu sein und leidenschaftlich zu sein. Und gute Partner zu sein, wo es auch um Gerechtigkeit geht und Pflichten so, das passt so gar nicht zu so einer leidenschaftlichen Liebe. Und weil man nicht alles haben kann, ist es dann manchmal auch gar nicht so verkehrt, man schaut irgendwann mal: Was ist überhaupt die Erwartung an die Beziehung, die ich haben will?"

Franziska entschied nach langem Zögern, ihre Liebesbeziehung zu Kai zu beenden. Was sie auf keinen Fall ändern wollte, war die Art und Weise, wie sie sich gemeinsam um ihre Kinder kümmerten.

"Und ich tatsächlich auch die Fantasie hatte: Würden wir in zwei getrennten Wohnungen wohnen, hätten wir deutlich weniger Stress."

Tatsächlich machten sie sich nach dem Ende ihrer Beziehung gemeinsam auf Wohnungssuche und leben heute in zwei getrennten Wohnungen, aber in derselben Wohnanlage. Die Kinder haben bei beiden Eltern Zimmer und pendeln, wann immer sie möchten, hin und her. Und nicht nur das: Nahezu täglich treffen sich alle vier zu den Mahlzeiten. Sie verbringen die Wochenenden gemeinsam, fahren sogar zusammen in den Urlaub und feiern gemeinsam Weihnachten.

Ein fairer Umgang beider Partner miteinander

Für viele Ex-Paare dürfte das Modell, das Franziska und Kai heute leben, nur schwer vorstellbar sein. Und es wirft auch die Frage auf, was ein Paar eigentlich zum Paar macht. Ist es der Sex, der eine Partnerschaft von einer platonischen Beziehung unterscheidet? Nach dieser Definition wären vermutlich viele Langzeitpaare schon längst kein Paar mehr.

Ist es eine tiefe Verbundenheit, die eine Beziehung auf die Paarebene hebt? Aber was unterscheidet eine Partnerschaft dann von einer innigen Freundschaft?

Dafür, dass ihre Trennung vergleichsweise gut ablief, sehen Franziska und Kai einen wichtigen Grund:

Kai: "Für mich jetzt gesprochen: Die Kinder sind eigentlich das Entscheidende. Ansonsten hätten wir uns Jahre vorher schon abgeschossen, natürlich. Dieses Ego dann zurückzufahren, das ist vielschichtig. Das fängt mit finanziellen Dingen an, geht über den Umzug weiter, dass man nicht sagt: Hier komm, pack deinen Krempel und richte dich selber ein. Sondern das war eigentlich alles eine gemeinschaftliche Aktion. Meine Kumpels haben sich da auch sehr eingebracht – bei Franzi genauso wie bei mir. Und da war einfach entscheidend, dass man das gemeinsam wuppen muss und will. Wie gesagt: Hätte es keine Kinder gegeben – man kann sich das Leben auch einfacher machen."

Franziska: "Als mit der Ex an der Backe!"

Kai: "Genau!"

"In den vier langjährigen Beziehungen, bevor ich mit meinem Mann zusammenkam, hab ich mich zwei Mal getrennt und zwei Mal gab es so einen langen, quälenden Prozess, in dem sich mal mein Partner von mir und mal ich mich von ihm getrennt habe", erzählt die Paartherapeutin Miriam Fritz. "Also so ein ewiges Hin und Her, ganz schön aufreibend. Immer wieder Hoffnung, als wir wieder zusammenkamen, und dann wieder der tiefe Fall, wenn es mal wieder vorbei war, bis es schlussendlich eine gemeinsame Entscheidung war: Wir trennen uns."

Eva: "Ich hab mich seit 27 Jahren schon nicht mehr getrennt"

Wolfram: "Da kann ich mich nur anschließen: Die letzten 27 Jahre waren ohne Trennung."

Eva: "Ich kann sagen, davor hab ich mich sehr oft getrennt, bin auch verlassen worden einige Male. Fand es ehrlich gesagt immer schmerzlicher, wenn ich mich trennen musste, weil ich dann immer wahnsinnige Schuldgefühle hatte und unglaublich lange, viel zu lange, aus meiner heutigen Sicht, rumgeeiert hab."

Wolfram: "Ich würde sagen: Aus damaliger Sicht war es für mich schmerzhafter, wenn ich verlassen wurde, oder, ja, wenn die Beziehung von der anderen Seite aus irgendwie an Fahrt verloren hat, als dass ich mich getrennt habe."

Eva: "Dann passen wir doch gut zusammen. Gut, dass wir drüber gesprochen haben."

Für die Hamburger Paartherapeutin Miriam Fritz gehört zu einer "gelungenen" Trennung nicht nur ein fairer Umgang der beiden Partner miteinander und mit den eventuell vorhandenen Kindern.  

"Also kann ich auch sehen: Was habe ich dazu beigetragen, dass die Beziehung nicht so gut war, dass, ja dass wir sie weiterleben können, und kann aus diesen Fehlern oder destruktiven Verhaltensweisen dann auch lernen, dann für die Zukunft? Das würde ich als reif betiteln. Unreif, das sind dann vielleicht diese Verdränger, die ja, einfach dann weiter zur Nächsten oder zum Nächsten und nicht gucken: Was war jetzt mein Beitrag dazu? Und einfach so weitermachen und dann natürlich auch Destruktives oder alte Muster, die nicht hilfreich sind, wiederholen."

Mit den Kindern sprechen

"Als ich das rausgefunden habe, war es so, dass ich ihn um ein Gespräch gebeten habe", erzählt Petra. "Und er hat das dann anderthalb Stunden im Gespräch noch geleugnet. Er hat es erst zugegeben, als ich zu der Frau fahren wollte. Als ich gesagt habe: Okay, gut, wenn das tatsächlich nicht so ist und es gibt andere Menschen, die solche Gerüchte über dich verbreiten, dann will ich Klarheit haben. Und dann hat er gemeint, den Weg könnte ich mir sparen. Es war ein Riesenschock für mich. Ich habe auch mit Schock reagiert. Ich konnte von einem auf die andere Minute praktisch nicht mehr laufen und war mehr oder weniger nur noch mit Atmen und Geradeausglotzen beschäftigt. Also, ich konnte gar nichts mehr, und dieser Zustand hat ungefähr vier Wochen angehalten. Danach ging es dann langsam aufwärts. Aber ich war insgesamt fünf Wochen krankgeschrieben."

21 Jahre war Petra mit ihrem Mann verheiratet, als sie herausfand, dass er fremdging. Trotzdem wollte sie zunächst unbedingt an der Beziehung festhalten. Es war ihr wichtig, eine verheiratete Frau zu bleiben. Eine Trennung empfand sie als gesellschaftlichen Makel. Mehrere Monate versuchte das Paar mit Unterstützung eines Therapeuten, an seiner Beziehung zu arbeiten.  

"Bis ich dann gemerkt habe, dass er die Dinge, die er bei dem Therapeuten verspricht und sagt und macht, im Prinzip vergessen hat, sobald wir dort aus der Tür draußen sind."

Schließlich war es Petra, die sich damals gerade selbstständig gemacht hatte, die die Trennung aussprach.

"Und der Punkt, an dem ich gesagt habe, dass er gehen muss, war ein sehr, sehr stiller Moment. Ich habe Fotos bekommen für meine neue Webseite und habe sie gesehen, wusste, dass ich mit dem Fotografen über meinen beruflichen Erfolg gesprochen hatte und hatte beim Anblick von mir und diesen Fotos das Gefühl: Es geht nimmer, und ich habe ihn sehr leise gebeten zu gehen. Und er ist dann auch tatsächlich, nachdem ich ihn darum gebeten habe, eine Woche später ausgezogen."

Auf jede Trennung gibt es auch immer zwei Sichtweisen. Petra hat damals besonders darunter gelitten, wie ihr Mann sich den gemeinsamen Kindern gegenüber verhielt, die damals 16 und 18 Jahre alt waren. Am Tag seines Auszugs fragten sie abends ihre Mutter:

"Wo ist eigentlich der Papa? Und ich gesagt habe: Hat er euch nichts gesagt? Nein! Also die Kinder wussten nicht, dass er an diesem Tag geht. Und das einzige, was er gemacht hat, war, dass er dann vier Wochen später eine Email geschrieben hat mit dem Betreff: mein Auszug. Er hat sie mir in Kopie geschickt, und da hatte ich das Gefühl, ich hätte mir gewünscht, wir hätten das zusammen den Kindern gesagt."

Wenn Kinder im Spiel sind, bekommen Trennungen oft eine ganz besondere Schwere, weil nicht nur eine Partnerschaft, sondern gleich eine Familie zerbricht. Besonders häufig sind es deshalb auch Eltern, die mithilfe von Paartherapeuten und Coaches um ihre Beziehung kämpfen – oder zumindest darum, auch nach der Trennung weiterhin gut als Eltern zu funktionieren.

Den Kindern die Schuldgefühle nehmen

Christina Rinkl kommt erst ins Spiel, wenn eine Beziehung schon nicht mehr zu retten ist oder eine ernste Trennungsabsicht besteht. Als Kind erlebte sie selbst wie ihre Eltern sich trennten. Vor einigen Jahren endete ihre eigene Ehe. Mit ihrem Ex-Mann hat sie einen gemeinsamen Sohn. Heute unterstützt Rinkl als sogenannter Trennungscoach in erster Linie Mütter dabei, möglichst gut durch die Zeit der Trennung und die ersten Monate danach zu kommen. Zusätzlich betreibt sie den Blog getrenntmitkind.de.

"Ich finde, eine Trennung ist gut gelungen, wenn alle Beteiligten danach zufrieden sind. Damit meine ich nicht nach zwei Wochen, sondern in langfristiger Perspektive, und wenn Kinder da sind, vor allem, dass es den Kindern gut geht.

Trennungscoaches wie Rinkl verzeichnen seit Jahren einen großen Zulauf. Das gleiche gilt für Beratungsstellen, die Trennungsberatung und -begleitung anbieten.

Laut einer Studie von Pro Familia findet jedoch nur bei 20 Prozent der Trennungen, bei denen Kinder im Spiel sind, auch ein ausführliches Gespräch über das Beziehungsende der Eltern statt. Etwa die Hälfte der Kinder wird vor vollendete Tatsachen gestellt und die restlichen 30 Prozent werden mit wenigen Sätzen von einem oder beiden Elternteilen informiert.

"Mein Tipp ist es hier, das möglichst gemeinsam zu sagen mit dem Partner, dem Kind. Dem Kind das in kindgerechten Worten zu erzählen, keine Vorwürfe zu machen, ja nicht nach dem Motto: dein Vater hat oder deine Mutter tut. Und dabei auch zu betonen, was gleich bleibt für das Kind. Aus meiner Sicht auch ganz wichtig: dem Kind die Schuld zu nehmen. Gerade viele kleine Kinder ziehen das auf sich und denken, sie hätten Schuld an der Trennung. Und da gilt es dann für die Eltern, den Kindern die Schuld zu nehmen und gleichzeitig dem Kind klarzumachen: Du kannst nichts tun, dass es wieder gut wird. Das entlastet die Kinder auch. Denn natürlich wünschen sich alle Kinder, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen oder die meisten."

Beziehungsmuster: über Generationen weitergegeben

Wie wir unsere Partner auswählen, ob wir uns häufig trennen oder jahrzehntelang mit ein- und derselben Person zusammenbleiben - all das liegt dem Psychologen Peter Kaiser von der Uni Vechta zufolge nicht ausschließlich in unserer Hand:

"Es gibt Muster in den einzelnen Familien, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und das kann zum Beispiel sein, wie man streitet oder wie man über Gefühle redet oder nicht redet oder auch was für Kriterien man bei der Partnerwahl anlegt: Ob es eher um Schönheit geht oder um Geld oder um Status oder Bildung."

Aus diesen Mustern auszubrechen, ist Kaiser zufolge extrem schwierig.

"Leute, die einen sicheren Bindungsstil haben, die verlässliche, warmherzige Beziehungen zu ihren Eltern erlebt haben, und auch entsprechende Paarbeziehungen vorgelebt bekommen, die haben eine bessere Prognose, was ihre eigenen Partnerschaften angeht, sowohl was die Partnerschaftsqualität, als auch was das Trennungsrisiko betrifft." Und diese Prägung ist tief in uns verankert.

"Und das Interessante ist eben, dass Primärbeziehungen, also langfristig dauernde Beziehungen – und dazu zählen ja auch Paarbeziehungen –, dass die mit dem Bindungsbedürfnis, was in den Hirnstrukturen verankert ist, eine Verbindung eingehen, sodass für die Partnerschaft ein eigenes Bindungsmuster im Gehirn gebahnt wird. Insofern wird die Partnerschaft und wird der Partner ein Teil der eigenen Hirnstruktur."

Für die Zeit nach der Trennung hat das gravierende Folgen: "Und deswegen stellt sich ja dann auch schmerzliche Sehnsucht ein, wenn der geliebte Partner nicht mehr verfügbar ist und diese schmerzliche Sehnsucht, die stellt sich auch ein, wenn eine Trennung stattfindet. Weil dieses Bindungsmuster ja auch durch eine Scheidung nicht außer Kraft gesetzt wird. Und dann versuchen die Beteiligten teilweise durch Streitereien wieder mit dem Partner in Kontakt zu kommen."

Die Trauerphase nach der Trennung

Etwa die Hälfte der Zeit, die eine Beziehung gedauert hat, brauchen wir Trennungscoach Christina Rinkl zufolge nach einer Trennung, um diese zu verarbeiten. Partner, die fünf Jahre zusammen waren, benötigen im Schnitt also zweieinhalb Jahre, um darüber hinwegzukommen.

Über den Einzelfall dürften solche Mittelwerte ohnehin kaum was sagen. Manchen gelingt es ihr ganzes restliches Leben nicht, vollständig über den Ex hinwegzukommen, andere sind gleich nach der Trennung froh und erleichtert.

Die meisten erleben allerdings doch eine Trauerphase nach dem Ende der Beziehung, die häufig in Wellenbewegungen mit Fort- und Rückschritten verläuft: von Wut und Enttäuschung über Verzweiflung bis zur Akzeptanz.

Miriam Fritz: "Am schmerzhaftesten war immer der Moment: Es ist vorbei. Das riss mir erst einmal den Boden weg. Das war so unvorbereitet. Wie ein Schlag in die Magengrube fühlte sich das an. Dagegen war der eigene Entschluss, mich zu trennen, ja, lange Zeit durchdacht und auch nächtelang durchweint. Also es fühlte sich irgendwie selbstbestimmter an, als diese Ohnmacht: Der andere macht etwas mit mir, was ich gar nicht will."

Wolfram Zurhorst: "Es gab beides in der Vergangenheit, aber ja, ich glaube für mich war damals doch schmerzhafter, verlassen zu werden."

Franziska: "Vom Schmerz her würde ich sagen, nimmt sich das nicht viel, ob man getrennt wird oder sich selber getrennt hat. Weil ja auch immer, auch wenn man sich selber trennt, auch ein Stück von einem geht."

Wenn der Ex-Partner den Kontakt verweigert

Wie schmerzlich es sein kann, wenn der Ex-Partner nach einer Trennung zunächst vollständig den Kontakt verweigert, hat Ruby erlebt. Vor einigen Jahren zog sie für einen Mann mit Sack und Pack von Berlin nach Paris. Fünf Jahre hatten sie zuvor bereits eine Fernbeziehung geführt, waren regelmäßig zwischen beiden Städten hin und hergependelt. Drei Monate, nachdem Ruby nach Paris gezogen war, beendete ihr damaliger Freund die Beziehung. Für sie kam das völlig unvorbereitet.

"Er meinte, er hatte sich in eine andere Frau verliebt, auf einer Tournee. Das war eine Musikerin. Er ist Schauspieler gewesen, und ja, er meinte, er hätte sich in die verliebt und er möchte mit der zusammen sein. Und ich hatte das erst nicht so richtig ernst genommen, weil zwischendurch in den fünf Jahren, wo er in Paris war und ich in Berlin, da war das immer schon mal zwei, drei Mal passiert, wo er sich so ein bisschen in eine andere Frau verguckt hat. Und ich war das schon fast ein bisschen gewöhnt und dachte aber immer nur, das liegt daran, weil ich so weit weg bin und er eigentlich jemanden bräuchte oder sucht, der näher an ihm dran ist, mit dem er mehr in Kontakt ist. Und als ich dann in Paris richtig ankam und er mir das gesagt hat, da habe ich das auch nur so, na so halb ernst eigentlich genommen, weil ich dachte: Ja, das ist jetzt nur so eine kurze Episode. Aber jetzt bin ich ja da, jetzt können wir richtig starten. Das war dann aber nicht so. Er wollte dann wirklich mit der anderen Frau zusammen sein."

Rubys Freund beendete nicht nur die Beziehung, sondern brach auch den Kontakt ab, ohne je ein richtiges Trennungsgespräch mit ihr zu führen.

"Ich konnte das überhaupt nicht verstehen, weil unsere Beziehungen zu dem Zeitpunkt eigentlich total normal war und schön."

Immer wieder versuchte sie, mit ihm in Kontakt zu treten, übersetzte ihm, der wenig Deutsch sprach, beispielsweise einige Kapitel eines deutschen Beziehungsratgebers ins Französische, um darüber wieder ins Gespräch zu kommen.

"Aber da kam eigentlich nie eine Antwort und so um Weihnachten herum hat er dann noch mal richtig deutlich gesagt, dass er das wirklich, wirklich ernst meint und dass er wirklich mit der anderen Frau zusammen sein möchte und dass er auch mit ihr Weihnachten feiert und mit ihr wegfährt und so. Also nichts so richtig, wo man noch mal darüber reden konnte. Ich denke, das kann deutlich idealer laufen. Vor allen Dingen mit mehr Kommunikation."

Wann also ist eine Trennung wirklich gut gelungen?

Eva-Maria Zurhorst: "Eine Trennung, die gut gelaufen ist, ist dass zwei das, was war, irgendwann – wie soll ich sagen – einsortieren können, als etwas, was sie Wichtiges in ihrem Leben erlebt haben."

Petra: "Und was ich wichtig finde, ist, dass man fair da miteinander umgeht. Also dass man irgendwann mal aus diesem verletzten Modus rauskommt und dann wirklich wieder erwachsen agiert und sagt: Okay, gut, was ist jetzt zu tun? Wie können wir das am besten handeln? "

Wolfram Zurhorst: "Ich würde sagen, sie ist dann gut gelaufen, wenn es keinen Krieg gab bei der finalen Trennung. Wenn Mann und Frau, das Paar, sich danach immer noch mal in die Augen gucken können oder miteinander gewisse Dinge klären können, ob das beruflicher Natur ist, ob es Kinder sind."

Auch wenn Trennungen heute viel selbstverständlicher sind als früher, haftet ihnen in den Augen vieler noch immer ein gesellschaftlicher Makel an. Dabei – auch dieser Gedanke sei erlaubt – ist es vielleicht gar nicht das oberste Ziel einer Beziehung, für immer zu halten:

"Weil, so eine Beziehung braucht auch einen gewissen Sinn, und der Sinn kann sein: Wir kriegen Kinder und wuppen unseren Alltag", sagt die Paartherapeutin Nina Zucker. "Aber dieser Sinn ist irgendwie nach 20, 30 Jahren auch mal vorbei. Und von daher glaube ich, dass es gut ist, mal so ins Bewusstsein reinzukriegen, dass nicht eine Beziehung an ihrer Länge unbedingt gemessen werden muss, sondern an der Qualität und vielleicht auch an so etwas wie Sinnhaftigkeit."

Redakteur: Martin Hartwig                    
Regie: Klaus Michael Klingsporn
Ton:  Christiane Neumann
Sprecher: Toni Arango

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