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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 21.06.2018

Trendsport und Umweltschutz"Wo gekitet wird, sind keine Vögel mehr"

Von Johannes Kulms

Kite-Surfer an der Nordseeküste in St.-Peter-Ording (dpa / picture alliance / Daniel Bockwoldt)
Kitesurfer in St.-Peter-Ording: Beim Kitesurfen lassen sich die Surfen von einem Drachen ziehen (dpa / picture alliance / Daniel Bockwoldt)

Kitesurfen ist Trendsport – besonders im schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Naturschützer kritisieren die "Scheuchwirkung" der Wassersportler auf den Rastplätzen der Vögelpopulationen. Die Kitesurfer behaupten, ihre Aktivität schade der Natur nicht.

Kurze Schnitte, laute Musik und viele Werbebanner: Ein anderthalbminütiger Clip bei Youtube zeigt Eindrücke vom "Kitesurf World Cups" 2015 in St. Peter-Ording. Eingestellt hat ihn ein Mode-Label.

Immerhin: Ab und zu tauchen zwischen den vielen Bildern von Ständen und jungen Leuten in Liegestühlen auch mal die Kite-Surfer auf. Mit hoher Geschwindigkeit rauschen sie über die Wasseroberfläche der Nordsee, gezogen von ihrem "Drachen". Immer wieder setzen sie zu beeindruckenden Sprüngen an. Das Video zeigt den Aufstieg eines erst vor wenigen Jahren aufgekommenen Trendsports, der sich bestens vermarkten lässt.

Partytourismus und die Folgen

Doch inzwischen ist der Kitesurf World Cup Geschichte. Zumindest in St. Peter-Ording. Eine gute Entscheidung, findet Jannek Kiekbusch:

"Es hatte gar nicht mehr so viel mit Kiten zu tun. Das war dann wirklich sehr viel Partytourismus in dem Moment. Und da wurde dann wirklich auch viel Müll am Strand liegen gelassen. Und die ganzen Kite-Veranstaltungen, die es jetzt so gibt an der Nordsee, da ist wirklich das Augenmerk auf Kitesurfen…" 

Jannek Kiekbusch ist 32 Jahre alt und leitet das Wassersportcenter "XH2O" am Strand von St. Peter-Ording. Der braungebrannte gebürtige Hamburger mit dem Käppi, weißen T-Shirt und grauen Shorts hat gerade viel Zeit. Denn an diesem Mittag herrscht Flaute. Erst nächste Woche rechnet er wieder mit Westwind:

"… und dann sieht die Nordsee auch wieder anders aus: 'n bisschen unruhiger und nicht so flach, wie sie jetzt gerade ist."

Neue Regelungen – aus Tierschutzgründen

Auch im übertragenen Sinn scheint sich der Wind etwas beruhigt zu haben. Seit Jahren ist der Kitesurfsport an der schleswig-holsteinischen Westküste umstritten. Naturschützer warnen immer wieder davor, dass die Kitesurfer die Vögel im Wattenmeer stören, aber auch eine Bedrohung für Säugetiere sind – wie zum Beispiel die Schweinswale.

Und so legte im vergangenen September die frisch gebildete Jamaika-Landesregierung in Kiel eine neue Regelung für die Kiter vor. Die zeige, dass touristische Attraktivität und ökologische Verantwortung auch in einem so sensiblen Naturraum wie dem Nationalpark Wattenmeer vereinbar seien, beteuerten der grüne Umweltminister Robert Habeck und FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz.

In insgesamt 22 Gebieten entlang der Westküste ist das Kitesurfen damit erlaubt. Darunter sind auch mehrere Spots rund um St. Peter-Ording herum. Mit der Regelung, seinen Sport nur in bestimmten Bereichen zu erlauben, ist Jannek Kiekbusch zufrieden. In St. Peter-Ording laufe der Austausch zwischen Kitesportlern, Gemeindevertretern und Naturschützern schon länger gut:

"Die Kitesurfer, gerade jetzt hier im Norden kann ich es jetzt nur sagen, halten sich an die Regeln, halten sich an die Zonen. Und wenn da irgendwelche Leute Mist bauen, werden die natürlich auch gleich sofort angesprochen. Also, hier habe ich bisher mit niemandem diskutieren müssen."

Die "Scheuchwirkung" unterbinden

Lutz Kretschmer, stellvertretender Landesvorsitzender der Naturtschutzorganisation Nabu, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Kitesurfern. Sein Fazit: Eigentlich müsste im Nationalpark Wattenmeer jegliche Nutzung durch den Menschen unterbunden werden:

"Alle Nutzung, die irgendwie Eingriff ins Wattenmeer hat und in den Nationalpark hat. Und da beziehen wir die touristische Nutzung mit ein, da beziehen wir die Fischerei mit ein und andere wirtschaftliche Nutzung."

Doch Kretschmer weiß, dass das nicht realistisch ist. Als Erfolg sieht er deswegen, wenn es gelingt, bestimmte Zonen in der Nordsee zu schützen. Zum Beispiel beim Muschelfischen. Hier sei eine Einigung mit den Fischern gefunden worden, die nun bestimmte Gebiete bei ihrem Muschelfang schonen. Dort, "wo sie wirklich den Nationalpark Nationalpark und Natur Natur sein lassen."

Doch mit der Einigung, die mit den Kitesurfern erreicht wurde, kann sich Naturschützer Kretschmer noch nicht so richtig anfreunden. Denn es bleibe der Effekt der sogenannten Scheuchwirkung, den Kitesurfer mit ihrem Sport verursachten:

"An der Stelle, wo gekitet wird, sind keine Vögel mehr. Und das ist unser Problem: Wir haben eben große Rastplätze auf dem Wasser. Und das sagen bestimmte Studien, aus Niedersachsen sieht man da auch die Wirkung, dass die Vögel weg sind und aufgescheucht werden."

Begehrlichkeiten bei anderen Trendsportarten?

Nach der neu getroffenen Kite-Surf-Regelung hat die schleswig-holsteinische Landesregierung gemeinsam mit den Wattenmeer-Anrainern Niedersachsen und Hamburg – auch der Stadtstaat besitzt ein paar Quadratkilometer Nationalpark-Anteil – einen Antrag an das zuständige Bundesverkehrsministerium gestellt. Die sogenannte Befahrensverordnung für die Nordsee soll geändert werden, um damit den Schutz von Meeressäugern und Vögeln zu garantieren.

Dass damit auch vor St-Peter Ording und Sylt drei Kilometer zur Wasserseite für die Kitesurfer freigegeben würden, ärgert Naturschützer Kretschmer. Er befürchtet, dass das Begehrlichkeiten bei weiteren Trendsportarten in der Zukunft erwecken könnte.

Jannes Ahlers sieht das Thema ganz anders. Er ist erster Vorsitzender Boardsportvereins, der versucht, die Interessen von Kite- und Windsurfern in St. Peter-Ording und bundesweit zu vertreten. Dass Wassersport in bestimmten Schutzzonen tabu ist, sei ja klar, sagt der 28-Jährige, der im Hauptberuf Sonderpädagoge ist:

"Allerdings sind wir dagegen, dass es ein generelles Verbot unserer Sportart gibt. Einfach, weil es dann eine Beweisumkehrlast gibt. Das heißt, dass wir dann zukünftig beweisen müssen, dass wir an bestimmten Orten die Vögel nicht stören. Während aktuell noch bewiesen werden muss – beispielsweise von dem Nabu – dass wir dort die Vögel stören. Und wenn das dort bewiesen wurde, dann Schutzzonen dort eingerichtet werden, womit wir so gesehen auch einverstanden sind."

Auswirkungen müssen besser erforscht werden

Kitesurfen sei ein naturfreundlicher Sport, wer ihn im Wattenmeer ausübe, habe denselben Einfluss auf Vögel wie etwa Spaziergänger – ob mit und oder Hund – oder aber auch Reiter und Kajakfahrer. Zu diesem Ergebnis sei eine Studie gekommen, die der Verein in Auftrag gegeben habe. Vom NABU wurden die Ergebnisse jedoch angezweifelt.

Doch einig ist sich Kitesurfer Ahlers mit Naturschützer Kretschmer: Es braucht mehr wissenschaftliche Untersuchungen und Antworten auf wichtige Fragen. Zum Beispiel, wie stark Kitesurfen im Wattenmeer die Flora und Fauna belastet. Aber auch, wo und in welchen Jahreszeiten Schutzzonen nötig sind.

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