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Kompressor | Beitrag vom 29.11.2016

Trends bei GrabsteinenGlobalisierung auf deutschen Friedhöfen

Von Marietta Schwarz

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Grabsteine bei einem Steinmetz (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)
Grabsteine bei einem Steinmetz in Berlin (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)

Die Zeiten, als bevorzugt mit einem hochglanzpolierten Grabstein an einen Verstorbenen gedacht wurde, sind langsam vorbei. Durch die Globalisierung und einen veränderten Zeitgeist werden aber nicht nur unterschiedliche Steinfarben und Formen immer beliebter.

Ist er Ihnen auch schon mal aufgefallen, der Bestseller unter den Grabsteinen auf deutschen Friedhöfen?  Hochglanzpoliert, zwölf Zentimeter dick, und stets mit einem Schwung am oberen Ende.

"Hier – ein, zwei, drei, vier, fünf…"

Frank Rüdiger hat ihn gleich in fünf Varianten da: größer, kleiner, alle erdenklichen Farben.

"Das ist dieser Schwung, den man überall findet. Ist ne gefällige Form, wird seit ewig und drei Tagen gemacht. Die Leute kommen immer wieder und finden den schön."

"Seelenrutscher" heißt das Ding im Fachjargon. Auch wenn Frank Rüdiger, der letzte Steinmetz von Berlin-Kreuzberg, das nicht öffentlich sagen würde. In den 1980er-Jahren eroberte der "Seelenrutscher" die deutschen Friedhöfe – Billigimporte aus Indien machten es möglich. Vor allem indische Migmatite, deren wolkige Maserung erst auf großen polierten Oberflächen so richtig zur Geltung kommen. So setzte sich das scheibenförmige Grabmal durch.

Inzwischen ist das Formenspektrum wieder größer, sagt Frank Rüdiger. Und Indien als Exportland hat viele Konkurrenten bekommen. Man reibt sich die Augen...

"Es gibt Rohblocklager in Rotterdam, da finden Sie alle Materialien der Welt. Oder man bestellt die fix und fertig bei den anderen Händlern in Indien, Brasilien oder China."
Autorin: "Und das hier? Komisches Ding!"
"Cappuccino nennt der sich, ist ne Art Sandstein. Hab ich auch schon mal verkauft. Havanna nennt der sich, der kommt aus Brasilien, hier wieder Indien, USA, Deutschland, Afghanistan..."

Frank Rüdiger, Steinmetz in Berlin (Deutschlandradio / Marietta Schwarz)Frank Rüdiger, der letzte Steinmetz von Berlin-Kreuzberg (Deutschlandradio / Marietta Schwarz)
Natürlich ist die Globalisierung an unseren Friedhöfen nicht vorbeigezogen. Aber die Vorstellung, dass Milliarden Tonnen Naturstein über die Weltmeere schippern, um hier preisgünstig verkauft zu werden, ist besonders wahnwitzig. Frachtkosten: zu vernachlässigen. Das wiederum liegt an der Statik der immer größer werdenden Containerschiffe, erklärt mir Gerold Eppler am Telefon, Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Ohne die schwere Stein-Ladung im Inneren würden die Frachter nämlich umkippen:

"Weil die Containerschiffe eben dieses Gewicht in ihren Bäuchen brauchen zur Stabilisierung des Schiffes, sind die Frachtraten für Naturstein ungeheuer billig."

Ein Handwerk stirbt langsam aus

Wie hoch der Anteil der Importe ist, kann Gerold Eppler nicht sagen. Nur so viel: von den hunderten Natursteinbetrieben in Deutschland habe sich nur noch eine Handvoll gehalten. Ist an allem der Seelenrutscher schuld? Nein.

"Im 19. Jahrhundert wird das schwarze Hartgesteinsmaterial aus Skandinavien sehr attraktiv. Und gleichzeitig importiert man Grabskulpturen aus Italien, die in Carrara gefertigt werden, und beides wird kombiniert, von daher ist die Globalisierung des Grabsteinmarktes ein Phänomen das schon im 19. Jahrhundert beginnt."

Auch eine Erkenntnis: Unsere Friedhöfe waren früher schwarz-weiß.

"Ja, über die Jahre ist das bei mir wirklich sehr bunt geworden..."

Aber auch sehr individuell. Das ist die Kehrseite der industriellen Produktion. Wo der Tod plötzlich einsetzt und die Trauer besonders hoch ist, beschäftigen die Hinterbliebenen sich viel intensiver mit dem Grabmal.

"Wir sind Trauerarbeiter", sagt Frank Rüdiger beim Gang über den Friedhof und zeigt mir Steine, die Geschichten erzählen: Ein Mann hat unterirdisch ein kleines Lampenölreservoir einbauen lasse.

"Er möchte hier immer ein Licht brennen haben."

Eine geteilte Basaltsäule wartet noch auf den Tod des Lebenspartners. Fotos in Porzellan gebrannt sind wieder stark im Kommen. Und Findlinge.

"Sie können auch ganze alte Gräber als Pate übernehmen, ist auch grad ne Mode."

Übrigens: Hochglanz ist out. Vielleicht ist das Ende des Seelenrutschers damit eingeläutet? Aber da droht schon das nächste Übel:

"Auch ne schöne Modeerscheinung: Solarlampen."

Solarlampen aus dem Baumarkt, die man in die Erde piekst.

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