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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 06.09.2013

Treffsicher auch auf Socken

Vor 100 Jahren wurde die brasilianische Fußball-Legende Leonidas da Silva geboren

Von Victoria Eglau

Leonidas da Silva (picture alliance / dpa)
Leonidas da Silva (picture alliance / dpa)

Er war ein Superstar auf dem Fußballfeld und galt als eine der beliebtesten Persönlichkeiten Brasiliens: Leonidas da Silva, der sich aus einem Vorort von Rio de Janeiro in die größten Stadien der Welt gespielt hatte. Doch als er starb, waren viele dieser Erinnerungen bereits ausgelöscht.

"Leonidas mit neunzig gestorben, der Größte vor Pelé!"

Der Tod der Fußball-Legende Leonidas da Silva am 24. Januar 2004 war allen brasilianischen Zeitungen eine Titelzeile wert. Geboren wurde der "schwarze Diamant" am 6. September 1913 in einem Vorort von Rio de Janeiro. Als Kind verlor Leonidas den Vater und wurde von der Familie adoptiert, bei der seine Mutter Hausangestellte war. Mit vierzehn hatte er bereits einen festen Job – beim Strom- und Straßenbahn-Unternehmen Light. Die Lokalhistorikerin Rossana Libanio:

"Leonidas da Silva arbeitete in einer Elektrowerkstatt des Unternehmens. Sein damaliger Chef hat einmal erzählt, dass Leonidas beim Fußballspielen eine Scheibe zerbrach. Denn in jeder freien Minute trat er mit den Jungs von der Straße gegen das runde Leder."

Bald begann der talentierte Straßenkicker seine Profikarriere. Einer der ersten Vereine, die Leonidas da Silva aufnahmen, war der Clube Sírio Libanes – damals die einzige Mannschaft in Rio, die aus schwarzen Spielern aus den Vororten bestand.

1934 warb ihn Vasco da Gama an, mit diesem Club gewann da Silva im selben Jahr das Campeonato Carioca, die Meisterschaft des Bundesstaates Rio de Janeiro. 1934 nahm der junge Spieler auch gleich an der WM teil, in Italien. Brasiliens Nationalelf schied sofort aus, gegen den Favoriten Spanien. Eduardo Cantaro, Fußballhistoriker:

"Brasilien verlor 1 zu 3. Leonidas da Silva spielte gut, aber es reichte nicht. Das einzige Tor für Brasilien in diesem Spiel schoss er."

Dieser Treffer machte da Silva, der wegen seiner großen Beweglichkeit auch Gummi-Mann genannt wurde, in seinem Land endgültig zu einem höchst begehrten Sportler. Bei der WM 1938 in Frankreich trat Brasilien mit einem stärkeren Team an.

Das erste Spiel gegen Polen gewannen die Südamerikaner mit 6 zu 5, und Leonidas da Silva schoss auf dem vom Regen völlig aufgeweichten Platz sein legendäres Tor in Strümpfen. Mehr als dreißig Jahre später erzählte er im Fernsehen, wie es dazu kam:

"In der zweiten Halbzeit löste sich die Sohle meines Fußballschuhs. Ich bat unseren Trainer, mir andere Schuhe zu besorgen, doch war das ein Problem, denn ich habe sehr kleine Füße: Größe 36. Schließlich bekam ich Schuhe in Größe 38. Bei einem Freistoß gegen Polen blieb einer dieser Schuhe im Schlamm stecken. Es regnete, der Schiedsrichter hat nichts gesehen. Der Ball kam zu mir, und ich schoss ohne Schuh das Tor."

Zwar wurde Brasilien 1938 nicht Weltmeister, sondern Dritter, doch Leonidas da Silva war mit sieben Treffern Torschützenkönig des Turniers. Fußballhistoriker Eduardo Cantaro:

"Er war ein Superstar des brasilianischen, südamerikanischen und internationalen Fußballs. Leonidas da Silva ging als einer der legendären Spieler in die Geschichte der Weltmeisterschaften ein."

Ende der dreißiger Jahre gehörte Leonidas da Silva zu den beliebtesten Persönlichkeiten seines Landes. Doch wegen des Zweiten Weltkriegs trat er nicht mehr auf großer internationaler Bühne auf – zwei Weltmeisterschaften fielen aus. Seine Karriere beendete da Silva 1951 beim FC Sao Paulo. Danach arbeitete er als einer der ersten Ex-Spieler Brasiliens als Fußballkommentator beim Radio. Luiz Mendes, mittlerweile verstorbener Sportjournalist:

"Da Silva war erfolgreich in seinem neuen Job. Viele Jahre lang hatte er in Sao Paulo die höchsten Einschaltquoten, und wurde als einer der besten Kommentatoren Brasiliens betrachtet."

Da Silvas Lebensende war von Alzheimer geprägt. Seine letzten zehn Jahre verbrachte er in einer Klinik. An die Worte seines Landsmanns, des Schriftstellers Nelson Rodrigues, konnte er sich nicht mehr erinnern:

"Er war ein eindeutig brasilianischer Spieler. Er hatte die Phantasie, die Kindlichkeit, die Improvisationsfähigkeit und Sinnlichkeit unserer typischen Cracks."

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