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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 04.03.2007

Traurige Geschichte eines jüdischen Unternehmers

Götz Aly, Michael Sontheimer: "Fromms"

Vorgestellt von Jörg Hafkemeyer

Götz Aly, Michael Sontheimer:  "Fromms" (S. Fischer Verlag)
Götz Aly, Michael Sontheimer: "Fromms" (S. Fischer Verlag)

Julius Fromm, ein Sohn armer jüdischer Wirtschaftsemigranten, arbeitet sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts hoch und bringt das erste Marken-Kondom der Welt auf den Markt. Doch die Nazis enteignen ihn, Fromm geht ins Exil, er stirbt in London. Götz Aly und Michael Sontheimer haben über den jüdischen Fabrikanten ein faktenreiches und gut zu lesendes Geschichtsbuch geschrieben.

Berlin. 1923. Die Inflation in der Weimarer Republik hat ihren höchsten Punkt erreicht. Das Ruhrgebiet wird von Frankreich besetzt. Gustav Stresemann, der Reichskanzler, unternimmt den Versuch, die junge Republik zu konsolidieren. Ein Sohn armer jüdischer Wirtschaftsemigranten, Julius Fromm, beginnt mit der Massenproduktion von Kondomen. Fromms – das begehrte und sehr umstrittene Produkt aus dem Hause Fromm wird in den kommenden zehn Jahren bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten ein Riesenerfolg.

Götz Aly und Michael Sontheimer haben ein Buch geschrieben darüber, wie "der jüdische Kondomfabrikant Julius Fromm unter die deutschen Räuber fiel". Um es gleich zu sagen: Es ist ein sehr interessantes, faktenreiches und gut zu lesendes Geschichtsbuch geworden. Es behandelt Flucht und Erfolg, Sitten und Politik, Anpassung und Exil, Angst, Verfolgung und Überleben. Und es endet nach 191 Seiten ergreifend:

"Am 12. Mai 1945, drei Tage nachdem Hunderttausende auf dem Londoner Trafalgar Square und vor dem Buckingham Palast den Sieg ausgelassen gefeiert hatten, stand Julius Fromm morgens auf. Er wollte die Gardinen zurückziehen, aber er sank nieder. Der eilig herbei gerufene Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Julius Fromms Herz versagte, so heißt es in der Familie, weil er sich über den Untergang der Nazis und auf die Rückkehr nach Deutschland so sehr gefreut hatte."

Konin. 120 km östlich von Posen gelegen. 5147 Einwohner. 2006 davon Juden. 1883. Die Geburtsstadt von Julius Fromm. Nach der Beschneidungsfeier wird er als Israel Fromm in das Synagogenregister eingetragen. Die Fromms sind arm. Eine Schulpflicht besteht nicht. Und: Die Christen in der Stadt – gleich ob Katholiken oder Protestanten sind Antisemiten. 1893, Julius ist zehn Jahre alt, gehen die Fromms weg. Nach Berlin. Erhoffen sich ein besseres Leben Michael Sontheimer, der Autor:

"Die sind gelandet in der Mulackstraße, im Berliner Scheunenviertel - im dreckigsten, ärmsten Berlin und haben sich so einigermaßen durchgeschlagen. Doch dann sind die Eltern von Julius Fromm früh gestorben, erst der Vater, dann die Mutter. Acht Kinder mussten nun sehen, wie sie in Deutschland zurande kommen."

Ostjüdische Flüchtlinge arbeiten in Berlin überwiegend in der florierenden Zigarettenindustrie. Drehen tagein, tagaus die Glimmstängel, die Zigarre für den kleinen Mann. Julius Fromm will das nicht. Sontheimer und Aly erzählen die Geschichte von einem jüdischen Unternehmer, der mit der richtigen Idee, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz war. Wie ist das passiert?

Sontheimer: "Na, ja, es ist ja nichts Neues, dass die Juden als Volk des Wortes und des Buches einen großen Bildungseifer haben, das heißt Fromm ist nicht nur hier in Berlin noch einmal zur Schule gegangen, nachdem er in seinem Städtle in Konin nur seine religiöse Schule besucht hat. Er hat in Berlin in Abendkursen Gummichemie studiert."

Der Sohn von Julius Fromm, Edgar, erinnert sich 1995:

"Kurz vor dem Ersten Weltkrieg versuchte mein Vater, aus einem schier unaussprechlichen, meist mangelhaft gearbeiteten Artikel ein seriöses Markenprodukt zu machen. Es sollte sowohl dem Schutz gegen die virulenten Geschlechtskrankheiten als auch der Familienplanung dienen. Das ist ihm voll und ganz gelungen. Er verfügte über einen enormen Geschäftssinn."

Fromms wurden nicht nur in Deutschland berühmt. Bis heute.
Berlin. 1933. Adolf Hitler ergreift mit seinen Nationalsozialisten für die nächsten zwölf Jahre die Macht. Julius Fromm ist nach zehn Jahren ein wohlhabender, erfolgreicher Mann. Hatten die Fromms Angst vor den Nazis?

Sontheimer: "Julius Fromm versucht, durch Anpassung zu überleben. Er macht dann die Firma zu einer Aktiengesellschaft, ermuntert seine beiden Direktoren auch in die Partei einzutreten. In der Kantine hing dann plötzlich ein Führerbild, es sind auch wohl die Juden entlassen worden. Das ging so lange gut, bis ihm klar wurde, dass die Nazis erstens an der Macht bleiben, und zweitens mit ihren antisemitischen Parolen es furchtbar ernst meinen."

Fromm versucht, seinen Firma zu verkaufen. Findet einen Interessenten. Der will sogar einen recht ordentlichen Preis bezahlen. Doch der Verkauf scheitert an Hermann Göring. Der kommt Julius Fromm in die Quere.

Sontheimer: "Hermann Göring sorgt nun dafür, dass die Fromms AG, diese blühende und florierende Firma, die Niederlassungen in aller Welt hatte von Oakland über Reykjavik, dass diese Firma, die auch erhebliche Gewinne abwirft, an seine Patentante verkauft wird."

Göring erhält von der dafür zwei mittelalterliche Schlösser geschenkt. Das Vermögen der Fromms wird eingezogen. Fließt in Hitlers Kriegskasse. Die meisten der Fromms gehen ins Exil. Julius nach London. Dann ist der Krieg zu Ende. Und noch einmal verliert die Familie Fromm ihre Besitztümer. Dieses Mal an die Kommunisten. Sie verstaatlichen die von den Nazis "arisierten Fabriken". Den Bescheid über die Verstaatlichung unterzeichnet Friedrich Ebert, der Sohn des gleichnamigen ehemaligen Reichspräsidenten.

Es ist ein spannendes Buch. Überhaupt nicht schlüpfrig geschrieben. Und es ist auch eine traurige Geschichte, die 1883 in Konin beginnt und 1949 mit der zweiten Enteignung in Berlin endet.

Götz Aly, Michael Sontheimer: Fromms
Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007

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