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Reportage / Archiv | Beitrag vom 22.05.2014

Trauma-TherapieDie lange Rückkehr

Ein Kriegsveteran aus Afghanistan erzählt

Von Nathalie Nad-Abonji

Bundeswehrsoldaten in Kundus (dpa / picture-alliance / Michael Kappeler)
Die Verarbeitung ihres Einsatzes in Afghanistan ist für Bundeswehrsoldaten eine große Herausforderung. (dpa / picture-alliance / Michael Kappeler)

Eine Feuerwehrsirene oder ein Mofa mit Fehlzündung lassen Thomas in Deckung gehen: Schon wähnt sich der Soldat wieder in Afghanistan. Wie viele andere Veteranen wird er seine Kriegserinnerungen nicht mehr los. Südlich von Berlin versucht er es nun mit einer Pferdetherapie.

Claudia Swierczek: "Haben wir sie jetzt alle acht. Jessie! Anatol ... eins, zwei drei. Hopp, Hopp, Hopp. Komm jetzt!"

Der grau bewölkte Himmel hängt tief an diesem Frühlingstag. Acht Pferde galoppieren auf eine Koppel, die eingeklemmt zwischen Spargelfeldern und surrenden Silos liegt.

Claudia Swierczek: "Was würdest du jetzt am liebsten tun? Striegeln?"

Claudia Swierczek, die Pferdetherapeutin, geht zum Stall, um einen Eimer voller Bürsten zu holen. Der kräftige junge Mann bleibt mit vor der Brust verschränkten Armen, etwas verloren auf der Koppel zurück.

Seit Oktober 2013 fährt Thomas - der seinen Nachnamen nicht nennen möchte - mindestens ein Mal im Monat zu Claudia und ihren Pferden. Zum Striegeln, Hufe auskratzen, Füttern und Streicheln.

Thomas: "Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist, dass es mir gut tut mich mit diesen Pferden zu beschäftigen oder mit ihnen zu arbeiten. Und dass es mir durch diese Arbeit mit den Pferden schon so weit gelungen ist, den Kontakt zur Gesellschaft wieder aufzunehmen."

Vier Jahre lang war ihm das unmöglich, erzählt Thomas zwei Stunden später, sein Lieblingspferd ist da längst gestriegelt. Der Soldat sitzt in Claudias Bauwagen am Rande der Koppel.

Den Fluchtweg immer im Blick

Vor sich eine Tasse Tee und eine offene Keksdose. Er hat sich so hingesetzt, dass er durch das Fenster gut beobachten kann, was draußen passiert. Dabei hat Thomas die Tür - seinen Fluchtweg - immer im Blick. Scannen, sichern, sondieren, nennt er das. Reflexe, die er verinnerlicht hat, aus seiner Zeit in Afghanistan:

"Wenn man dann aber hierher zurückkommt, dann wird von einem erwartet, dass man die ganzen - ich sage mal, die Ausbildung -, dass man die vergisst, dass man die antrainierten Verhaltensweisen quasi ablegen soll. Und das geht einfach nicht."

Seit Thomas 2010 nach Deutschland zurückgekehrt ist, schläft er schlecht, ermüdet schnell, hat Konzentrationsschwierigkeiten und Schweißausbrüche. Typische Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Bei einer PTBS leiden die Betroffenen unter immer wiederkehrenden Erinnerungen ihrer schrecklichen Erlebnisse. Über das, was der Soldat alles im Einsatz erlebt hat, will er nicht sprechen. Sagt nur soviel, dass er weit davon entfernt ist, der junge, dynamische Mann zu sein, der er einst war:

"Wenn dann plötzlich zum Beispiel die normale Feuerwehrsirene losgeht und man dann überlegt, springe ich jetzt in Deckung, gehe ich nicht. Wieso, weshalb, warum, ist Raketenangriff? Ist keiner? Was passiert jetzt gerade? Das Motorrad fährt vorbei, hat eine Fehlzündung, so ein älteres Modell. Man schaut sich um. Sucht die Dachkanten ab oder beobachtet die Bevölkerung, die an einem vorbeiläuft. Meidet große Ansammlungen. Fährt einkaufen. Sieht, dass da zu viele Autos parken, zu viele Menschen sind. Also fährt man die ganze Zeit im Kreis. Schaut sich vorher die Lage an, sondiert, sichert. Und ist trotzdem die ganze Zeit unter Strom."

Nachdem er Anfang 2010 aus Afghanistan zurückkehrt, wirkt Thomas auf seine damalige Verlobte apathisch und verschlossen. Als sie ihn mitten in der Nacht vor dem flimmernden Testbild des Fernsehers sitzen sieht, schickt sie Thomas ins Bundeswehrkrankenhaus.

Thomas: "Ich tat ihr quasi nur den Gefallen, mich dort noch mal untersuchen zu lassen. Aber für mich stand es eigentlich außer Frage, dass ich halt gesund bin und dass ich nichts dergleichen hätte. Und dass es mir gut geht."

Diagnose PTBS

Nach einigen Tests, sind die Ärzte anderer Meinung.

Thomas: "Die Behandlung startet jetzt. Haben sie ihre Sachen zum Übernachten hier? Fertig. Dann beginnen die Therapien. Dann beginnen Einzelsitzungen, Gruppengespräche."

Knappe sechs Monate verbringt der Veteran stationär in der Psychiatrie. Es folgen anderthalb Jahre in einer Tagesklinik. Seitdem darf der Soldat nicht mehr mit Munition oder Waffen umgehen. Bei der Bundeswehr macht er nur noch Handlangerarbeiten.

Seine Verlobte hat ihn inzwischen verlassen. Thomas nippt nachdenklich an seinem Tee:

"Alleine. Das Gefühl kommt sehr häufig auf, dass man sich alleine gelassen fühlt. Dass man sich nicht beachtet fühlt oder wie auch immer. Oder nicht verstanden fühlt von der Bevölkerung auch. Weil, manchmal möchte man nichts erzählen, die anderen wollen gar nichts hören. Es ist schwierig, weil man als Soldat auch das Gefühl hat, außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Obwohl wir ja eigentlich für die Gesellschaft, also sprich für Deutschland dort unten tätig sind."

Keine optimale Betreuung der Soldaten

Viele seiner Kameraden sehen das ähnlich. Und viele von ihnen, glaubt Thomas, kommen mit dem Leben in Deutschland nach dem Auslandseinsatz einfach nicht mehr klar:

"Viele sagen, hey ich bin hier bei der Bundeswehr. Ich kann nicht zulassen, dass ich krank bin, oder ich kann nicht zugeben, dass ich krank bin, weil ich Soldat bin. Viele versuchen das auch selbst zu händeln, weil es leider immer noch Tatsache ist, dass die Versorgung der Soldaten nicht so optimal gewährleistet wird wie sie sein könnte."

Als Thomas 2013 an einem Tiefpunkt ist, hilft ihm nicht die Bundeswehr - sondern der "Bund deutscher Veteranen" - eine unabhängige Organisation, die sich über Spendengelder finanziert.

So lernt er auch die Pferdetherapeutin Claudia Swierczek kennen. Zeit wieder zu ihr und den Pferden auf die Koppel zu gehen. Bevor es mit der nächsten Übung weitergeht, bekommen die Tiere noch Futter.

Claudia: "Wobei haben dir denn die Pferde geholfen?"

Thomas: "Ich denke, ich stehe noch am Anfang. Aber alles in allem würde ich sagen, Vertrauen. Ne große Ecke, nicht gänzlich. Aber doch ein großes Stück. Zuversicht. Neugier."

Zum ersten Mal seit seiner Rückkehr aus Afghanistan schöpft der Soldat wieder Lebensmut. Er möchte sich versetzen lassen, umziehen, einen Neuanfang wagen. Zu Claudia und ihren Pferden wird er weiterhin regelmäßig kommen.

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