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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.04.2015

TrauerarbeitDie Seelsorger der Politiker

Von Katharina Hamberger

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Innehalten für die Opfer: Die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, während der Trauerfeier für die Germanwings-Opfer im Kölner Dom am 17. April 2015. (picture alliance / dpa - Oliver Berg)
Die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, während der Trauerfeier für die Germanwings-Opfer im Kölner Dom am 17. April 2015. (picture alliance / dpa - Oliver Berg)

Politiker müssen bei Unglücken zur Stelle sein oder in Kriegs- und Krisensituationen Entscheidungen treffen. Das kann sehr belastend sein. Zwei Seelsorger sind daher im Bundestag beschäftigt, ein katholischer und ein evangelischer.

"Das Flugzeug ist auf der Strecke von Barcelona nach Düsseldorf kurz nach 11 Uhr vom Radar der Flugsicherung in Marseille verschwunden."

24. März 2015. Am Morgen dachte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wohl noch, die PKW-Maut würde das bestimmende Thema des Tages sein. Um 14 Uhr muss er dann verkünden, dass er mit dem Außenminister in ein Flugzeug nach Frankreich steigen wird. Zur Unglücksstelle der Germanwings-Maschine.

"Meine Gedanken und Gefühle sind bei denjenigen, die befürchten müssen, dass ihre Angehörigen an Board dieser Unglücksmaschine waren."

Der Politiker sieht die Trümmer, das ganze Ausmaß der Katastrophe.

Drei Tage später.

Dobrindt: "Mobilität finanziert Infrastruktur. Das ist das Prinzip der Infrastrukturabgabe."

Das Alltagsgeschäft geht weiter. Spitzenpolitikerinnen und –Politiker stehen unter Dauerbeobachtung, müssen immer hundert Prozent zeigen.

Wie verarbeiten sie solch furchtbaren Eindrücke? Karl Jüsten ist katholischer Priester und seit vielen Jahren auch Seelsorger für die Abgeordneten seines Glaubens:

"So wie ich die Politikerinnen und Politiker hier kennen gelernt habe, weiß ich zum Beispiel von den letzten Außenministern, dass denen diese Kriegs- und Krisensituationen allen sehr unter die Haut gegangen sind. Und das geht quer durch die Parteibücher."

Martin Dutzmann ist der evangelische Seelsorger im deutschen Bundestag:

"Man muss ja verschiedene Situationen unterscheiden: Also wenn ein Politiker unmittelbar und selbst einen Trauerfall erlebt, dann ist die Zeit, natürlich muss sie auch sehr viel länger sein und intensiver sein, als wenn es zum Beispiel ein Kollege ist oder als wenn ein Unglück passiert, wo Menschen zu Tode kommen, die der Politiker, die Politikerin nicht gekannt hat."

Dezember 2014 im Bundestag.

"Wir trauern um unseren Kollegen Dr. Andreas Schockenhoff, der am vergangenen Wochenende mitten aus dem Leben gerissen worden ist."

Zeit zum Innehalten scheint es kaum zu geben.

"Ich rufe nun den Tagesordnungspunkt 3 auf."

Nun beginnt die Arbeit der Seelsorger - fernab der Öffentlichkeit:

"Wir hatten im vergangenen Jahr den plötzlichen Tod des Abgeordneten Schockenhoff alle miteinander zu verkraften. Das hat die Abgeordneten schon sehr mitgenommen. Und da haben wir hier bei unseren Treffen, die wir ohnehin hier im Hause haben, also Frühstückstreffen, hab' ich das dann auch zum Thema gemacht, also die Frage: Gehen wir jetzt einfach wieder zur Tagesordnung über oder inwieweit ist so ein Tod, was auch immer die Ursache gewesen sein mag, dann am Ende doch noch einmal eine Frage an unsere Arbeits- und Lebensweise als Abgeordnete? Denn ich sehe da wirklich einige, die in einer Weise arbeiten, die nicht mehr gesund sein kann."

Die Seelsorger sind aber zurückhaltend, wenn es um Details ihrer Arbeit geht. Vor allem bei persönlichen Fällen, zum Beispiel wenn Verwandte sterben. Als Geistliche unterliegen sie der Schweigepflicht. Sichtbar wird ihre Arbeit dann, wenn sie im Gottesdienst die Möglichkeit zur gemeinsamen Trauer bieten.

Jüsten: "Früher mussten Politiker dann in der Öffentlichkeit besonders stark sein und durften Regungen eher nicht zeigen. Wir machen aber zunehmend die Erfahrung, dass Politiker auch eher Regungen zeigen und dass die Menschen das eher gut finden. Es stärkt eigentlich die Persönlichkeit im öffentlichen Leben, wenn diese Persönlichkeit auch Trauer zulässt. Ich glaube es ist nicht ein Zeichen von Schwäche, wenn man öffentlich Trauer zeigt, sondern von Stärke."

Das kann eine Ministerpräsidentin sein, die fast in Tränen ausbricht, wenn sie über den Absturz der Germanwings-Maschine spricht oder ein Verkehrsminister, der deutlich mitgenommen eine Pressekonferenz gibt. Dann zeigt die Trauer, dass Politiker auch nur Menschen sind und bekommt kurz Raum im politischen Geschehen, das ansonsten eben kaum Platz zum Innehalten gewährt. 

Mehr zum Thema:

Wie das Trauern zur Privatsache wurde
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 24.01.2013)

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